Sententia
Encounter der Gesellschaft
von Joachim Zischke
Aus alltäglichen Fundstücken
»Nietzsche sagt, dass die antiken Griechen die Hoffnung nicht zu den Tugenden, sondern zu den menschlichen Lastern zählten. Das klingt vernünftig.« — »Marc Aurel sagt: ›Lass die leeren Hoffnungen und hilf dir selbst, wenn dir etwas an dir liegt, solange es noch möglich ist‹. Klingt das nicht auch vernünftig?«
Gebet — Lieber Gott, mach bitte, dass der Markt bald alles wieder regelt.
— @metabene, 2020-12-29
Für den Bürger im Sinne des Grundgesetzes sind eigentlich alle Parteien unwählbar.
Wahrheit — Bazon Brocks stärkste These war aber die zur Wahrheit. Kurz gesagt: Das menschliche Verlangen nach Wahrheit sei zwar eine Denknotwendigkeit, aber es sei ebenso gefährlich. Aufgabe unserer Zeit sei es, »die Kritik der Wahrheit durchzusetzen«. Nur so könne der »Profibürger« entstehen, wie Brock den Menschen nennt, der sich nicht von Ärzten, Religionen, der Industrie mit fragwürdigen Wahrheiten füttern lasse. »Niemand«, so Brock, »kann aus der Wahrheit leben.«
Bargeld — Das kontaktlose Bezahlen bedeutet nicht kontaktloses Einkaufen. Können Sie ohne Einkaufswagen oder Einkaufskorb einkaufen und dabei ausschließen – auch zu Hause –, Waren anzufassen, die vorher von vielen anderen Menschen angefasst wurden? Zu behaupten, das Verbreiten von Corona sei vor allem auch eine Frage der Bezahlart, und Einkaufen mit Karte und PIN sei gesundheitlich sicher, ist grob irreführend. — Norbert Häring
The idea of market efficiency has a deeper and a more sobering implication: namely, that however clever you might be, and however hard you might work, you can never beat the market.
Satzbau — Wollen Sie die aktuelle politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation beschreiben? Bauen Sie einfach einen Satz, in dem die folgenden drei Wörter verbunden sind: Leitkultur, Leithammel und Leitkuh. — Bodo Wortsinn
Parlamentssitz — Ein Sitz im Parlament ist ein geldwertes Geschenk; viele, die es anderswo nicht geschafft haben, strömen zu einer Partei in der Erwartung, auf ihrem Terrain das zu finden, was sie anderswo vergeblich gesucht hatten: ein gut bezahltes Mandat. Eine Partei zieht Leute an, die, um mit Max Weber zu sprechen, nicht für die Politik, sondern von der Politik leben wollen. Und diese Leute prägen das Klima der Parteienlandschaft heute.
Wohlstandsgesellschaft — Der Wendepunkt zur Wohlstandsgesellschaft ist erreicht, wenn mehr Leute darüber nachdenken, warum sie Gewicht verlieren, als darüber, warum sie Gewicht zulegen. — Suketu Mehta
Zeitbeseitigungsbedarf
Devise — Wir leben in einer Gesellschaft, deren oberste Devise lautet: »Wenn jeder sich nur um sich selbst kümmert, ist allen geholfen.«
Erkenntnis — Auf einen Begriff zu verzichten, von dem man glaubt, dass er intakt ist, scheint sogar eine irrationale Selbstbeschränkung des eigenen Denkens und der eigenen Erkenntnismöglichkeiten zu sein.
Begrifflichkeit — Es ist fragwürdige Taktik, unbequeme Betrachtungen durch Einführen eines neuen Begriffs und sein sofortiges Infragestellen entwerten zu wollen. — Cord von Rettmer
Masks — Marx, Nietzsche, and Freud are comparing masks.
Marx: Mine used to be a religion.
Nietzsche: Mine used to be an ethics.
Freud: Mine used to be a cigar.
— @neinquarterly
Verwertungslogik — Trends zum neoliberalen Marktkapitalismus pur; Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich; neue bioethische Akzeptanz von Formen der Mitleidstötung von hoffnungslosen »Unheilbaren«; Reinstitutionalisierung (Umhospitalisierung in Heime); aber auch (psychotherapeutische) Expansion des Psychomarkts analog zum Medizinmarkt sowie neue Formen der Profi-Aneignung der psychisch Kranken auch auf der Haltungsebene – bis hin zur besitzergreifenden Subjekt-Objekt-Beziehung des »Ich verstehe dich«, ohne den Kern der Andersartigkeit und Fremdheit des Anderen und damit seine unverfügbare Würde zu achten. — Klaus Dörner, Irren ist menschlich. Köln, 2017. S. 15
Der Versuch, in einer irrsinnigen Welt vernünftig zu sein, ist selbst schon wieder ein Irrsinn. — Voltaire
Normen und Werte — Es geht darum, wie wir mit den Verletzungen der fundamentalen Rechtsnormen in unserer Gesellschaft umgehen und in welchem Maße wir für solche Verletzungen mitverantwortlich sind. Da wir die Normen und Werte, die im Kern unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses stehen, nicht aufgeben wollen und zugleich ihre Verletzungen nicht gänzlich verleugnen können, neigen wir dazu, die auftretende Spannung durch die Ausbildung von Doppelstandards zu bewältigen.
Irrsinn — Was unsere aufgeklärten Gesellschaften in den kollektiven Irrsinn getrieben hat, ist weniger das Virus selbst als unser gekränkter Kontroll- und Machbarkeitsglaube. Nie hätten wir das, was jetzt geschieht, für möglich gehalten. Und wenn doch, dann waren wir überzeugt, dass Wissenschaft und Technik sofort eine Lösung dafür bereit hätten. Dieser fast religiöse Glaube, dass es für jedes Problem eine technisch-wissenschaftliche Lösung gibt, und zwar subito, unterscheidet uns auch von früheren Gesellschaften, die weit tödlichere Seuchen erlebten und diese scheinbar weniger »wehleidig« ertragen haben. Dass auch in unserer durchrationalisierten und fortschrittsgläubigen Welt Finanzkrisen oder eben Pandemien auftreten und sich nicht so schnell kontrollieren lassen, sollte uns nicht kränken, sondern zu denken geben.
Deutsches Volk I — Dann gab’s diesen berühmten Tweet der Münchner Polizei: »Nein, ein Buch auf einer Bank lesen ist nicht erlaubt.« Dieses Detail, eben das Buch, das auch noch extra erwähnt wurde, und zwar in Deutschland mit seiner düsteren Geschichte verbotener Bücher – ganz und gar skandalös!
Deutsches Volk II — In Deutschland überrascht mich vor allem die Dummheit des Volkes. Die Deutschen sind unendlich dumm, sie sind unfassbar dumm. Wir dagegen haben eine Nation gebildet, Asien für immer gestoppt, unendlich viele Qualen erlitten, wir wussten sie zu erleiden, wir haben den russischen Gedanken nicht verloren, der die Welt erneuern wird, wir haben ihn gestärkt, wir haben schließlich die Deutschen ertragen, und trotzdem ist unser Volk unendlich viel höher, edler, ehrlicher, naiver, fähiger und beseelt von einem anderen, höchsten christlichen Gedanken, den Europa mit seinem verfaulten Katholizismus und seinem dummen, widersprüchlichen Lutheranertum nicht versteht. — Fjodor Dostojewski
Menschenleben I — Man hat kein Maß mehr, für nichts, seit das Menschenleben nicht mehr das Maß ist. — Elias Canetti, Aufzeichnungen
Menschenleben II— Zunächst ist festzuhalten, dass niemals Menschenleben, sondern stets Lebensjahre gerettet werden.
Cancel — Cancel bedeutet heute den »Entzug der Unterstützung für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Reaktion auf ihr anstößiges Verhalten oder ihre anstößigen Meinungen. Dazu können Boykotte oder die Weigerung, ihre Arbeit zu fördern, gehören.« — Merriam Webster
Culture — A handful of Silicon Valley executives have exerted an almost inconceivable degree of influence over our culture, our identities and our psychology. They have little concern for us – by which, I mean, the average user. And still we dutifully spend great chunks of our limited time on Earth scrolling and clicking and offering up our digital lives to be repackaged and sold, without ever fully understanding how or why we got here. — Sophie MacBain, How Instagram transformed our personal lives. In: newstatesmen.com 2020-07-08
Cancel culture ist der Ausdruck autoritären Denkens.
Grundrechte — Grundrechte sind keine Privilegien, die man sich erst durch ein bestimmtes Handeln oder durch ein bestimmtes Verhalten verdienen kann oder verdienen muss. Grundrechte sind keine Belohnung, keine Gratifikation, kein Bonus, kein 13. Monatsgehalt. Sie sind einfach da. — Heribert Prantl, Muss man sich die Grundrechte durch Impfen verdienen? In: sueddeutschezeitung.de 2021-01-03
Ideologie — Es scheint, als wären auch diese Einflussreichen geblendet von einer Ideologie, die sich immer mehr verselbstständigt. Es ist, als ob der Prozess des Nachdenkens selbst, das individuelle Abwägen, Zweifeln und Hinterfragen, zunehmend verlöscht und einem Vertrauen in automatisierte Effizienz Platz macht. — Paul Schreyer, Falsche Leitsterne. In: multipolar-magazin.de. 2020-09-15
Tod I — Dem Tod gegenüber gelassen zu sein, ist eine entscheidende Voraussetzung, um überhaupt zu leben. — Robert Pfaller, Wofür es sich zu leben lohnt
Tod II — Der polnische Filmemacher Andrzej Wajda orientierte sich in puncto Tod am Vorbild gewisser Rabbiner, die die phantastische Idee hatten, man solle sich ständig mit irgend etwas beschäftigen, damit der Tod, wenn er kommt, denkt: »Er ist zu beschäftigt, ich komme lieber morgen noch mal wieder.« Wajda drehte also einen Film nach dem anderen, und der Tod hat ihm dann auch eine ganze Weile Aufschub gewährt: Er starb 2016 im Alter von 90 Jahren.
Regeln sind dazu da, in Frage gestellt zu werden. Erst wenn sie sich nach genauer Prüfung immer noch als regelhaft erweisen, sollte man ihrem Gebot folgen – und selbst dann mit Vorbehalten.
Normative Logik — Man führt eine neue Logik ein, die am Anfang zwar noch niemand versteht, aber regelbildend (normativ) wirkt. Irgendwann wirkt die faktische Kraft des Normativen (beispielsweise durch Verordnung) und die Leute akzeptieren das Unlogische als logisch. Bis dahin ist die neue Logik natürlich eine Fake-Logik. Wenn sich diese durchgesetzt hat, wird die Sache irgendwann logisch im Sinne der Alltagslogik. »Mere-Exposure-Effekt« (oder »Effekt des bloßen Kontakts«) nennt man das. Das erste Mal löst Skepsis aus, beim zweiten Mal wirkt das Gleiche schon seriös und wird nicht mehr hinterfragt. Danach kann man alle Tatsachen erschaffen, die man will – gegen alle Logik! Man muss, und das ist wichtig, nur für eine relativ kurze Zeit die kritische Diskussion unterbinden. Bald kommt niemand mehr auf die Idee, über die »Tatsachen« zu diskutieren oder sie in Frage zu stellen.
Staatliche Macht ist immer auf Zwang aufgebaut.
Frage I — »Sehr geehrte Damen und Herren der Bundesregierung: Wann erklären Sie uns, welche Werte Sie eigentlich schützen und welche Werte Sie dafür opfern wollen?«
Frage II — »Und ich frage Euch: Wollt Ihr den totalen Lockdown?« – Stille.
Gemeinwohl — Im Interview mit der Süddeutsche Zeitung warnt der amerikanische Moralphilosoph Michael Sandel denn auch davor, Einkommen immer als Ergebnis eigener Leistung anzusehen und deshalb auf die, die weniger haben, herabzublicken: Er kritisiert die Erfolgreichen, die »ihre Verdienste mit einer enormen meritokratischen Überheblichkeit zelebrieren und darüber vergessen, welche Rollen Glück und Schicksal dabei spielen. Sie vergessen außerdem, was sie der Gesellschaft schulden, der sie angehören und die die Voraussetzungen für ihren Aufstieg geschaffen hat. Aus diesem Grund haben wir den Bezug zum Gemeinwohl verloren. Weil wir glauben, dass wir alles alleine geschafft haben, dass wir vollkommen selbständig handeln. Je stärker wir die Welt so sehen, desto weniger können wir uns in andere hineinversetzen.«
Die Kunst des aktiven Wartens.
Otium
George Frideric Handel – Arminio, HWV 36.
Act I: Sento il cor per ogni lato (Ramise)
Nathalie Stutzmann, Orfeo 55
Monothema