Sententia
Arbeit und Subjekt
von Joachim Zischke
Aus den alltäglichen Notizen
Er versuchte seine alte Sprache wieder, sie wollte ihm nicht recht gelingen. Lauter bessere Worte fielen ihm ein, und da sie besser waren, sagte er sich: »Auch gut!« und war mit ihnen zufrieden.
— Elias Canetti, Die Blendung
Aristotelische Arbeitsmethode — Nur eine Idee und einen Satz zur gleichen Zeit.
Bewusstsein — Die Entwicklungspsychologin sagt: »Es gibt Halbbewusstsein, Viertelbewusstsein, Fast-Ganz-Bewusstsein.« Ich sage nur: »Selbstbewusstsein: darauf kommt es an.«
BGE — Das Bedingungslose Grundeinkommen könnte man auch als eine Art Stilllegungspräme à la agriculture verstehen, die Staat und Wirtschaft für aufgegebene Arbeitsplätze zahlen.
Bürger, konsumistisch — Der konsumistische Bürger bewegt sich in einem simulierten, von Ökonomie und Politik ausstaffierten Spielraum. Das Spiel heißt: »Kaufe um dein Leben«.
Bürgerwahl — 74 Prozent der Deutschen sind unzufrieden mit der Arbeit der Regierung. 82 Prozent glauben, dass die Politik keine Rücksicht auf die Interessen der Bevölkerung nimmt. 51 Prozent sind der Meinung, dass Demokratie nicht das beste politische System für Deutschland ist. Aber der Bürger wählt doch immer wieder – die similären Politiker.
BWL — Das 1928 erschienene Lehrbuch Privatwirtschaftslehre – damals auch als Profitlehre tituliert – beschreibt das, was wir heute als Betriebswirtschaftslehre kennen: Nicht der Gemeinnützigkeit dient das betriebliche Handeln, sondern allein der Eigenkapitalrentabilität.
Credo — Ich gehöre künstlerisch keiner Schule oder Stilrichtung an. Meine Arbeit ist völlig subjektiv. Ich bin nur der künstlerischen Freiheit verpflichtet.
Debatte — »Wir müssen von unserer ökonomistischen Denkweise wegkommen und zu einer ethisch fundierten politischen Debatte zurückfinden.« — »Gerne, bitte nach Ihnen.«
Demokratie — »Demokratie ist nicht bloße Volksherrschaft, sondern eine Ordnung, die Repräsentanten und Repräsentierte zu einem permanenten Austausch rationaler Argumente zwingt.« — »Und wer, bitteschön, sollte den Zwang anordnen?«
Denkschweifen — Das Umherschweifen in Notizen, Lesefrüchten, Bonmots, Essays en miniature, Einzelsätzen, Fragmenten, Kritiken, Skizzen und Aphorismen sowie das nicht endende Suchen nach neuen Richtungen und Wendungen, kann das Veröffentlichen eigener Gedanken verhindern. Vielleicht bedeutete Letzteres keinen Verlust für die Welt.
Sie müssen nicht meiner Meinung sein. Es genügt, wenn Sie sie unbeschädigt stehen lassen.
Entdeckerlust — Die Frage, wie finde ich den Ausgang aus einem Irrgarten, kann ich vielleicht mithilfe von App und GPS beantworten. Die Frage, ob der Reiz eines Labyrinths im Finden des Ausgangs liegt, bleibt dabei unberücksichtigt.
Freie Welt — Es gibt keine freie Welt; es hat sie noch nie gegeben. Auch gibt es keine Grundwerte in dieser Welt; sie sind reines Wunschdenken.
Gegenseitigkeit — »Wir haben vergessen, dass der Verachtung der Bürger für die Politiker die Verachtung der Politiker für die Bürger vorangegangen ist.« — »Wer hat das gesagt?«
Gesetze — Gesetze lösen Probleme genau so wenig, wie ein Schirm den Regen davon abhält, zu regnen.
Illitteratus — Wenn Papst Gregorius’ klassische Diktion zutrifft, nach der Bilder die Bücher der Laien sind, dann zeigen jene für Millionen gekauften Bilder, dass die Käufer ihre Bücher nicht verstanden haben.
Ist eine Information nicht zu finden, sollte man sie erfinden.
Interviewerlogik — Wie heißt Ihr Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand etwas gehört hat?
Jahresende — Ich fasse zusammen: Das Jahr ist um. Tipps fürs kommende: Zahlen Sie bar. Essen Sie Nüsse. Leben Sie analog. Wählen Sie dystopisch. Erwarten Sie nicht allzu viel, am besten gar nichts.
Jahrhundert — Nicht nur in diesem Jahrhundert werden mehr Fragen gestellt, als Antworten möglich sind.
Jahrhundertlügen, politische — Zu unserem Leben gehören allerlei Heils- und Glücksversprechungen von Politikern, Weisen, Experten und selbsternannten Wissenden. Wir haben erfahren, dass all die Genannten selten ihre Versprechen einlösen. So haben wir gelernt, diese Versprechen schlicht als Lügen einzuordnen. Manche von uns halten sich jetzt für aufgeklärte Bürger, durch viele erfahrungsreiche Jahre bestens geübt. Geübt sind diese auch darin, die ihen aufgetischten Lügen schnell wieder zu vergessen. Wo kämen wir hin, würden wir als ausgewiesene Wutbürger die Last der entlarvten Lügen mit uns herumtragen wollen? Wir tragen doch schon genug überflüssige Lasten durch unser Leben. Und dennoch: Drei immer wieder ritualhaft vorgetragene Aussagen wollen mir nicht aus dem Kopf gehen. Es sind dies Versprechen, die längst widerlegt und partout nicht einzuhalten sind, wohl aber, wie alte Puppenspielerfiguren, für jede bürgernahe Veranstaltung, vor allem kurz vor Wahlen, erneut aus der Rhetorikkiste geholt werden. Und immer wieder komme ich zu dem Schluss, dass es sich dabei um Lügen handelt, die schon Jahrhunderte überdauerten und noch überdauern werden: Sozial ist, was Arbeit schafft. Demokratie garantiert soziale Gerechtigkeit. Technik befreit von Arbeit. Wachstum schafft Wohlstand. Nichts davon ist wahr, Jahrhundertlügen eben.
Landschaft — Der Begriff »Landschaft« ist unscharf und vieldeutig. Wer ihn durch den Ausdruck »Landschaftsraum« oder »Ökosystem« ersetzt, wirkt kompetent und wissenschaftlich, verliert aber den Bezug zur Qualität und zu den Werten der Landschaft.
Logik, amtliche — Vom Finanzamt erhaltene Zinsen sind steuerpflichtig, doch die an das Finanzamt gezahlten Zinsen können steuerlich nicht abgesetzt werden.
Marktanpassung — Ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir dabei sind, alle menschlichen Beziehungen zu monetisieren, dass wir die kommerzgesteuerte Marktanpassung bereits verinnerlicht haben?
Das Schleifen einer Mauer bedeutet nicht, dass keine Mauer mehr gebaut würde. Die Steine lassen sich wiederverwenden.
Mitleserie — Wenn Sie ein Buch elektronisch lesen, schaut Ihnen der Lizenzgeber über die Schulter und beobachtet: die Reihenfolge in der Sie lesen, die Geschwindigkeit mit der Sie lesen, die Tageszeit zu der Sie lesen, die Art wie Sie lesen, auch die Kommentare, die Sie schreiben … Stört Sie das nicht?
Neoliberalismus, sprachlich — Lob für den freien, uneingeschränkten Markt, Verachtung für die öffentliche Verwaltung, die Illusion unaufhörlichen Wachstums.
Neues_Kennwort — 8stein=7stein+1stein.
Nonpairs — Herr Zeitgeist und Frau Technologie, Frau Natur und Herr Markt, Herr Zukunft und Frau Industrie, Frau Technologie und Frau Natur. Wie ich es auch drehe und wende: Kein Paar will richtig passen.
Philosophen — Philosophen spielen in Gedanken wirkliche und unwirkliche Situationen durch, machen Gedankenexperimente, zerrupfen die Bedeutungen fundamentaler Begriffe, stürzen mit Vorliebe Theorien vom vermeintlichen Sockel oder legen – wenn sie der Zufall unterstützt – die Grundsteine für neue Gedankengebäude. Summa summarum: Philosophen sind luftikulare Ludaisten.
Politik und Pyramide — Die Politik hat an der Spitze der Exekutive ein Intelligenzproblem.
Postfaktizität — Was mir vor allem fehle, sagte man mir jüngst, sei jene basale Bullshit-Erkennungs- und Differenzierungskompetenz, welche es mir ermöglichen würde, zu erkennen, wann man – d. h. Politik, Wirtschaft, Religion et cetera – mich für dumm verkaufen will.
Projekt oder Firma — Zu sagen, »Ich habe ein Projekt in Arbeit«, zeigt die Initiative von innen heraus. Der Satz, »Ich arbeite für eine Firma«, klingt zwar nach Karriere, gleichwohl auch nach Fremdausbeutung.
Radikale Autarkie des Geistes — Soziale Medien haben das Zeug dazu, die allgemeine Angst zu multiplizieren, Panik und Chaos erst zu erzeugen. Niemand fragt, wie viele false positives sich in dem ganzen Wust von Information verbirgt. So wird die mentale Widerstandskraft zur psychischen Überlebensfrage.
Realität, virtuelle — Ich brauche keine virtuelle Realität. Mir wäre schon gedient, wenn die wirkliche so funktionierte, wie sie in ihrer buchstäblichen Funktionalität stets dargestellt wird.
Reisen — Ein Reisender muss zugleich ein Typologe sein: aus Gründen der Orientierung und des Überlebens.
Sand — Der Vergleich »wie Sand am Meer« wird zunehmend unzeitgemäß. Der Sand wird knapp, weil der Mensch zu viel baut. »Aber wir haben doch den Wüstensand?« Der ist untauglich: die Körner sind zu fein und rund geschliffen.
Schlaf — Menschen, die eine App zum Überwachen ihrer Körperfunktionen benutzen, glauben, nicht gut zu schlafen. Nicht, weil sie nicht wirklich gut schlafen, sondern weil der Computer sagt, sie würden nicht gut schlafen.
Smartphone — Und abends, entlang der Bahnsteige, die bläulich-weißen Gesichter, die stille Versammlung der Zombies, deren Seelen auf Erlösung warten.
Wahl, politische — Wenn in einem Wahlkampf die einen »X« und die anderen »Y« wählen, gilt das bereits als soziale Spaltung. Doch aufgepasst: Im X ist möglicherweise das Y enthalten.
Wissen und Zugang — Die Aussage, dass uns im Internet das Wissen der Welt zur Verfügung stünde, entspricht eher einer Euphorie als einer Tatsache. Der Zugang zum Wissen der Menschheit existiert seit Jahrtausenden, nicht erst heute. Er wird nur nicht jedem gewährt – auch heute nicht.
Wunder der Demokratie — Das Wunderbare an der Demokratie ist, dass sie alles bedeuten kann, was einer meint, dass sie bedeutet.
Zensur — »Ich darf Ihnen keine Details nennen. Das Wissen würde Sie verunsichern«, sagte der Innenminister. Eine Information nicht zu veröffentlichen kann auch eine Form von Zensur sein.
Zielprozesse — Je mehr die Psychologie das Wesen des Menschen offenlegt, umso mehr unterliegt der Mensch dem Zwang zum Selbstregulieren, Selbstinstruieren und Selbstoptimieren. Frage: Macht das Selbstwerkeln des Einzelnen die Welt konstruktiver oder eher destruktiver?
Otium
Philip Glass
Metamorphosis One · Moderate
Lavinia Meijer
Monothema