Sententia
Entdecken des Versteckten
von Joachim Zischke
Aus alltäglichen Fundstücken
Wissensgesellschaft — In einer solchen Gesellschaft leben wir angeblich. Ich frage: Über welches Wissen reden wir überhaupt in dieser Gesellschaft? Reden wir über das Wie-Wissen, wie wir von A über C nach B kommen? Oder über das Warum-Wissen, warum wir von A nach B gelangen wollen? Brauchen wir nicht eher ein Suchwissen, um herauszufinden, wo A, B und C liegen?
Suchmaschinen — Richtig, so nennen wir sie. Doch diese Maschinen sind Versteckmaschinen. Sie suchen nicht, sie verstecken das Wahre und Wirkliche vor uns. Stattdessen zeigen sie uns eine andere Welt, eine Welt, die vorgibt, die Welt zu sein, in der und nach der wir suchen. Nur eine einzige Welt rückt ins fahle Licht des Monitors: die Welt des Kommerz. Ich gebe im Suchfeld das banale Wort »Bleistift« ein. Sogleich sehe ich viele, zu viele Angebote für den angeblich perfekten Bleistift. Ein paar Ergebnisseiten weiter schreibt eine technische Krankenkasse über die Geschichte des Bleistifts. Eine Krankenkasse! Versteckte Werbung, was denn sonst. Und dann wundere ich mich, dass plötzlich Begriffe wie »Apple Pencil« und »Zigaretten-Bleistift« vor mir auftauchen. Obwohl ich durchaus ein Freund des Assoziierens bin – beim Nachdenken und Niederschreiben –, von einer Suchmaschine erwarte ich eine wortgetreue Suchdisziplin. Dass eine Maschine meine Suchdefinition eigenmächtig abstrahiert, interpretiert oder gar umdeutet, das verbitte ich mir, ein für alle Mal!
H4 — Ich suche immer noch nach einem »Bleistift H4 grün«. Und ich erhalte kommerziell konservierte Angebote, beispielsweise für eine »Fahrzeuglampe H4, grün« und einen »Neodynmagnet D12 x H4 grün Extra Stark«. Das sollen Suchmaschinen sein? Dass ich nicht lache!
Wortmühle — Halt! Da steht noch etwas: »Werke und Briefe: historische Gesamtausgabe (in H4 von fremder Hand mit Bleistift nachgetragen)«. Und mir dämmert nach wenigen Minuten: Das Internet ist mitnichten ein moderner Nürnberger Trichter, der uns das Wissen der Welt feilbietet. Nein, dieses virtuelle Gerät ist eine Wortmühle, welche unsere Eingaben zerhackt und uns, im Ergebnis, zur Wahrnehmung manipulierter Ergebnisse zwingt.
Tagesfrage — Bin ich mehr mit meinem Leben oder mehr mit den Werkzeugen beschäftigt, die mir ein Leben ermöglichen sollen?
Suchen — Suchen bedeutet, etwas Verlorenes oder Verstecktes zu finden. Doch würden wir im Internet nach dem verlorenen Schlüsselbund suchen? Oder nach der verlegten Brille? Oder nach dem linken Handschuh? Wohl kaum. Im Internet suchen wir das Versteckte. Und hierbei nähern wir uns dem Absurden. Wir glauben, im Internet läge alles offen, für jedermann jederzeit sichtbar und erreichbar: Informationen, Meinungen, Texte, Bilder, Produkte, Preise, Schnäppchen, Hits und Flops. Doch unsere Erwartung wird getäuscht. Nichts liegt offen, alles ist versteckt. Im Innern seines Netzes verbirgt das virtuelle Ungesicht unendliche Geheimnisse. Nur Adepten, Arkanisten und Auguren scheinen um die besten Findeplätze zu wissen. Warum sonst benötigt man twittrige Nachrichtendienste, um das Gefundene, das Entdeckte einander mitzuteilen? Das kostenlos erreichbare Internetwissen ist das versteckte Wissen schlechthin. Das richtige Wissen kostet.
Künstler und Programmierer — Künstler haben es gut: Sie können für ihre Freundin, Liebste oder Angebeteten ergreifende Gedichte schreiben, wunderschöne Bilder malen oder herzallerliebste Lieder komponieren. ¶ Der Komponist Richard Strauss schrieb viele Lieder für die junge Sängerin Pauline de Ahna, die erst seine Schülerin war und später seine Frau wurde. So auch die 1894 veröffentlichten Vier Lieder Op. 27, darin auch Heimliche Aufforderung und Morgen, welche seinen Ruhm als Liedkomponist begründeten. Marc Chagall, der russische Maler in Frankreich, malte unermüdlich seine Frau Bella Rosenfeld. Ohnegleichen in der literarischen Welt ist das Verhältnis von Johann Wolfgang von Goethe zu Charlotte von Stein. Der sieben Jahre älteren verheirateten Frau schrieb er über eintausendsiebenhundert Briefe, darin eingestreut viele Gedichte, Naturbeschreibungen, Zeichnungen und Tagebucheintragungen. Und das, obwohl sich die beiden täglich sahen: Goethe hatte von seinem Gartenhaus aus einen unmittelbaren Blickkontakt zu Charlottes Gemächern. ¶ Was aber macht ein Programmierer? Schreibt er seiner Angebeteten einen lustigen Trojaner, ein freches Virus, vielleicht gleich mit passendem Anti-Virus oder ein Progrämmchen, das auf einer Bildschirmseite immer wieder hundert Zeilen lang und bunt blinkend »Ich liebe Dich« aufführt? Ich fürchte, die Berufe der digitalen Schreiber taugen nicht fürs Romantische. Man wird sich ihrer in der Zukunft nicht mehr erinnern. Schade um ihre viele mühevolle Arbeit.
Rückblicke — »Schau’ nach vorne!«, wiederholte meine Mutter immer wieder, als ich meine ersten Fahrrad-Fahrstunden nahm. Nur zu gerne blickte ich zurück, um zu sehen, wer denn da käme, der mich kurz darauf überholen sollte. Heute schaue ich nur noch aus zwei Gründen nach hinten: aus protokollarischen und aus nostalgischen Gründen. Protokollarisch bedeutet, dass ich mich vergewissere, was gewesen ist. Ich versuche, das Geschehene in den Strom meiner Erinnerungen einzuordnen. In Nostalgia tauche ich ein, wenn ich bewusst in alten Erinnerungen und Erlebnissen schwelgen möchte. Jedoch nicht, um meine alten Fehler mit meinen neuen Fehlern zu vergleichen oder zu überprüfen, wie fehlerhaft ich mich heute verhalte. Das habe ich mir abgewöhnt.
Zwei Punkt Null, drei Punkt Null, vier Punkt Null. Grenzkosten nahe Null. Hauptsache irgendwas mit Null. Darum geht’s heute: um die Nullen.
Nachrichtenkonsum — Vor ein paar Tagen, irgendwo eingestreut zwischen Artikeln, Texten und Kommentaren, dies: »Schon heute konsumieren viele Menschen einen großen Teil der Nachrichten über das Smartphone.« Nachrichten sind Konsumware? Konsum ist ein anderes Wort für Verbrauch. Wir verzehren Erdnüsse, Bananen und Wurstbrote, wodurch wir Energie und Kraft gewinnen, was (hoffentlich) zu unserem Lebenserhalt beiträgt. Wir reden vom Alkohol- und Drogenkonsum, der uns (vielleicht) ein paar schöne oder schlechte Stunden bereitet. Aber Nachrichten? Wir verbrauchen Nachrichten? Da begegnet mir ein Wort von Erhard H. Bellermann: »Klagt nicht über die Informationsflut! Es gibt immer nur zwei Nachrichten – eine gute und eine schlechte.« Das Leben kann so einfach sein.
»Neue Ideen sind gefragt!« — »Das höre ich schon seit mehr als fünfzig Jahren. Neue, wie überhaupt Ideen, sind grundsätzlich unerwünscht: sie stören, immer und überall. Punktum.«
Wissenstransfer — Der Diplomat und Schriftsteller Nicolò Machiavelli (1469–1527) wusste um die Bedeutung des Wissenstransfers, wenn er schreibt: »Wer will, dass ihm die anderen sagen, was sie wissen, der muss ihnen sagen, was er selbst weiß. Das beste Mittel Informationen zu erhalten, ist, Informationen zu geben.« Machiavelli beschreibt damit exakt das tragende Prinzip des Wissenstransfers: Wissen steckt in den Köpfen von Menschen, und es wird durch die direkte Kommunikation zwischen Menschen weitergegeben. Allerdings funktioniert der Wissenstransfer nur dann, wenn die eine Seite bereit ist, zu geben, die andere bereit ist, zu nehmen, sprich: zu lernen. Freiwilligkeit auf beiden Seiten ist also gefragt. Da Wissen eine subjektive Konstruktion ist – »ein permanenter Prozess des Erkennens und Interpretierens« (Gabriele Vollmar) –, kann der Austausch von Information und Wissen nicht ausschliesslich über technische Systeme erfolgen. Datenbanken oder Wikis erklären nicht, sie können auch nicht auf individuelle Fragen eingehen. Es bedarf einer Kompetenz des Wissenstransfers, welche die Motivation und Vertrauensbasis von Wissensgeber und Wissensnehmer ermöglicht.
»Open«, das das Propagandistische nährt, wurde zum Synonym für kostenlos. Open hat meist keine Relevanz für die Verwertung – deswegen.
Schlafbeobachtung — Ich wollte mich beim Einschlafen beobachten. Doch das funktioniert nicht. Mein Gehirn war entweder im Augenblick des noch spürbaren Hinübergleitens vom Wach- in den Schlafzustand zu präsent oder ich hatte diesen entscheidenden Punkt bereits buchstäblich verschlafen. Das Einschlafen vollzieht sich bekanntlich in Etappen. Da ist zunächst diese angenehme Müdigkeit, die sich irgendwann am Abend einstellt. Also bewege ich mich ins Bett, strecke mich aus und entspanne mich. Eine Phase des leichten Schlummers tritt ein. Noch bin ich wach. Meine letzten Gedanken ziehen, wolkengleich, wie an einem Sommerabend, über den Horizont der Erinnerung. Ich sehe ihnen zu. Dann senkt sich langsam die Nacht, der Schlaf auf mich herab. Die Atemzüge werden gleichmässiger, tiefer. Der leichte Strom der Gedanken ebbt ab, das Bewusste scheint zu versiegen. Ich sehe, wie ich einschlafe. Genau diesen Millisekunden-Moment hoffte ich einmal zu erleben. Vergebens. Es funktioniert nicht.
»Er [Joseph Joubert] schrieb nie ein Buch, er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben.« Eine Art berühmt zu werden, wenn auch als Nicht-Autor.
Ein Problem sollte über mehrere Ausgänge verfügen: einen Ausgang zur Lösung, auch und vor allem aber Ausgänge zu seiner Fortsetzung.
Otium
Jóhann Jóhannsson
A Memorial Garden on Enghavevej
Monothema