Sententia
Schreiben und Wahnwitz
von Joachim Zischke
Aus alltäglichen Fundstücken
Misserfolg aufgeklärt — Ich weiß jetzt, woher meine Bucherfolgslosigkeit stammt. Ich schreibe die falschen Bücher und ich trage die falsche Brille. Zuerst zum Letztgenannten: In der Erfolgsautorenwelt trägt man Schwarz, schwarze Brillen aus italienischem Acetat. Überhaupt Schwarz, denn das wirkt intellektuell, dynamisch, setzt starke Kontraste zum weißen Papier und dem alltäglichen billigen Jedermannbunt. Ich hingegen trage eine halbrandlose Lesebrille aus champagnerfarbenem Metall auf der Nase, das wirkt streng und schulmeisterlich. So etwas mögen die Leute nicht. ¶ Und dann schreibe ich Sachbücher. Sachbücher zu lesen erfordert Anstrengung und Arbeit. Gefragt sind jedoch herzergreifende Romane, Geschichten von enttäuschter Liebe und wehmütigem Schmerz, von bösen Erfahrungen, über harte Zeiten in Israel und aus den kalten kriegerischen Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts und natürlich Krimis. Erfolgreiche Schreiber stehen auf der literarischen Shortlist, zumindest auf der Longlist. Für alle anderen sind die Aussichten auf Erfolg wirklich wahnwitzig gering. Es sei denn, meine Bücher kosteten nur 99 Cent.
Man schreibe über ungewöhnliche Dinge, jedoch nicht ungewöhnlich, vielmehr so, dass Einiges ungewöhnlich anklingt.
Außer Kontrolle — Ich lese in einem von Peter Sloterdijks Büchern. In einer Signierstunde sieht der Philosoph, dass ihm die Leute bereits die sechste Auflage seines Buches Du musst dein Leben ändern vorlegen. Suhrkamp, sein Verlag, hat ihn darüber gar nicht erst informiert. Der Perlentaucher veröffentlicht ungefragt seine Texte. Ein Symposion-Veranstalter in Italien streicht ihn rücksprachelos aus der Teilnehmerliste. Und in einem distinguierten Hotel in Interlaken will er den Code für den Internetzugang erfahren, wird jedoch vom Concierge gefragt, ob er, da er als einziger inmitten gut hundert festlich Gekleideten informelle Kleidung trägt, der Busfahrer sei. Es amüsiert und beruhigt mich zugleich, dass die Welt da draußen auch mit prominenten Persönlickeiten nicht anders umzugehen pflegt als mit unsereiner. Tempora mutantur.
Ein lapidarer Stil sei so geschliffen und gekürzt, dass er völlig transparent wirkt und keinerlei Aufmerksamkeit fordert.
Wörterjonglage — Hier kommt eine kleine Übung, um den Kopf für neue Gedanken frei zu bekommen oder Assoziationen zu wecken. Aus einer Laune heraus hatte ich mir ein Spiel ausgedacht. Es geht so: Denken Sie sich alternative ungewöhnliche Bezeichnungen für Objekte, Personen oder Tätigkeiten aus, wie in meinem folgenden Beispiel der Berufsbezeichnungen. Ein Komponist wird für mich zum Tonschneider, aus einem Parfumeur mache ich einen Duftschmied. Ein Wellenverformer ist was? Ganz klar: ein Segler. Und jetzt ein paar Jonglagewörter für Sie: Wolkenerzähler, Regelprüfer, Schweineschreck, Kohlkopfkaufmann, Honigdieb, Buchstabenakrobat, Stahlschnitzer, Süßbodentürmer, Rebenbieger, Leuteaushorcher.
Nun, haben Sie die Berufe erkannt? Hier die Auflösung: Meteorologe, Richter, Metzger, Gemüsehändler, Imker, Autor, Messerhersteller, Konditor, Winzer, Coach/Interviewer.
Fremde Ideen — Ideen, die uns auf Anhieb begeistern. Das sind die erfreulichsten. Nichts ist angenehmer, als der Einklang von Gedanken und Empfinden. ¶ Ideen, die wir erst durch längeres Nachdenken verstehen. Das sind die fruchtbarsten. Denn was wir bisher noch nicht durchdachten, steigert unsere Erkenntnisfähigkeit. ¶ Ideen, die wir nicht unterstützen wollen, weil wir anderer Meinung sind. Das sind die wertvollsten. Sie helfen uns, unsere Gedanken zu präzisieren.
In einer guten Geschichte darf das Wetter nicht zu kurz kommen. Wetter ist stimmungsbestimmend.
Tweetologie — Der Tweet erlaubt einen Blick von der Abbruchkante des menschlichen Geistes zu wagen, hinabzublicken in die Schlucht der hypertrophierten Illusionen, der martialischen Düsternis und des Daseins ohne perspektivische Sinnhaftigkeit.
Epub — Aus dem elektronischen Buchformat »Epub« entsteht kein Buch zum Lesen, allenfalls eine Kaskade gleichgearteter, gleichgerichteter Zeilen: banal, flach, dysfunktional und monoton. Epub hat den Charme einer nackten Glühbirne. Man kann zwar damit lesen, doch Ästhetik, Typographie, Genuss und mnemonische Fähigkeit bleiben auf der Strecke. Konsumentenware, zum baldigen Verbrauch bestimmt, sonst nichts. Für 99 Cent feilgeboten und schon nach zwanzig Flips elektronisch erledigt. Wegwerflesen eben. Epub, das ist der Minimalkonsens einer an Masse statt an Klasse orientierten mechanistischen Industrie. Hauptsache raus in den Markt, und billig muss es sein: optisch, gestalterisch und nicht zuletzt auch inhaltlich. Das digitale schöne Buch: eine Utopie für kommende Generationen, die nur noch Files, jedoch keine Bücher mehr kennen werden.
Sei im Schreiben experimentierfreudig: Lasse den Leser ein Teil des Experiments sein.
Bücherliche Apokalypse — Vor Tagen, die Leipziger Buchtage — Börsenverein, Verleger, Verlage, Buchhändler, die Branche sinnreich vereint. Und dann die Verkündung: Der Untergang des Buchlands steht kurz bevor – wirtschaftlich, sozial, humanistisch. Schlagwörter: Streaming, Sharing, Booksaugen, Piraterie. Aber auch: Mediatheken, Online-Archive, Open Access, Google Books, Flatrates. »Ein Werte-Transfer, weg vom individuellem Schöpfer, hin zu den Masseverteilern.« Ausgemachter Grund: der »teutonische Geilheitsfaktor Geiz. — Nina George, Wa(h)re Worte. Vortrag. Börsenblatt. 2016-07-03.
Übertreibung ist Material für Komödien.
Tweetologische Fragen
Wer schreibt?
Muss ich das lesen?
Muss ich handeln?
Warum bin ich hier?
Globales Dorf — Das globale Dorf existiert nicht. In einem Dorf kennt jeder jeden, mit dem letzten Haus endet das Dorf. Die digitale Welt erstreckt sich unbegrenzt, strassenlos und hauslos. In ihr agiert der Mensch als Anonymus, ein Digitalisat seines Selbst. Er ist die Summe von Bits, mehr nicht. ¶ Ein Wort, das im realen Dorf kursiert, mag ein Bericht, ein Gerücht, eine Geschichte, eine Beobachtung sein – deren Hintergrund ist wirklich, menschlich, lebensnah. Der Anonymus kennt nur sich, meint das zu kennen, was ihm avatorisch, virtuell vorgesetzt erscheint. Und so repräsentiert jedes seiner verlautbarten Worte die gemachte Beute, nicht selten geplünderte fremde Geistesarbeit. »Alles kommt aus Information, alles wird zur Information, alles ist Information«1, die Weltformel schlechthin. Nur Information hat einen Wert: als Aggregation, als Cloud. Das Wort ist wertlos. 1 Florian Felix Weyh, DigiKant oder Vier Fragen, frisch gestellt. Deutschlandfunk/Essay und Diskurs. 2016-07-03.
Die Schublade ist der sicherste Ort für unerledigte, der Papierkorb für schlechte Texte.
Tweetologischer Prozess
Selektieren
Kommunizieren
Archivieren
Ignorieren.
Wortproduktion — Die moderne Wortproduktion ist ein Opfer ihrer eigenen Bestrebungen: das kostenreduzierende Vereinfachen von Produktionsprozessen, das hippe Aufmerksamkeitsheischen im digitalen Raum, das beschleunigte Umsatzgenerieren. Und das alles mit Hilfe der digitalen und elektronischen Techniken. Werkzeuge, wie Hammer und Meißel, nichts weiter sonst. Dass die Digitalisierung zugleich einen Hobel der Kultur abgibt, ist bitter, liegt dennoch in der Technik der Sache. Bits sind flüchtig, nicht greifbar, nicht handelbar. Sie brauchen keinen Datenschutz, kein Urheberrecht. Wie einst die Musiknote, so nun auch der Buchstabe. Die Kultur, die Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung, steht vor dem Aus. Sorry: Das ist der Lauf, den sich diese Welt erdachte. Kein Naturereignis, kein Meteoriteneinschlag, alles Ursache des freien menschlichen Denkens und Handelns. Es sind die Geister, die wir riefen.
Es ist nicht abwegig, aus Fragmenten einen Roman zu bauen, solange er ein proustsches Jahrhundertformat aufweist.
Geld verdienen — Zum Lyriker Simonides von Keos, der Grabsprüche gegen Geld verfasste, kam ein Jemand, der ihn um ein Epigramm bat. »Was zahlst du dafür?«, fragte ihn Simonides unverhohlen. Der Jemand antwortete: »Ich bin dir zu ewigem Dank verpflichtet.« Das war jedoch – das verstehen wir sofort – nicht das, was sich Simonides wünschte. Er klärte seinen Besucher auf: »Ich besitze zwei Truhen, mein Lieber. Die eine ist für Danksagungen, die andere für Geld. Wenn ich etwas einkaufen will, muss ich stets in die Geldtruhe greifen – in der anderen ist nämlich nichts.« Auftragsdichtung gegen Vorkasse: das ist wie Verlagsvertrag mit Garantiehonorar. Daher: Auf das Verfassen von gratis Epigrammen sollte man tunlichst verzichten. — Stobaios, Anthalagium. In: Humor in der Antike. Übersetzt und herausgegeben von Karl-Wilhelm Weeber. Stuttgart, 2006.
Der größte Feind einer klaren Sprache ist die Unaufrichtigkeit.
Schreiben heißt: Über das bisher Unentdeckte und Unerkannte berichten.
Twitttraumatelle Störung
{No Tweet}
{Reset corrupted}
{Rethinking booted}
{Thinking collapsed}
{Giving up}
{Game over}
Tyrannis — Die Digitalisierung tritt auf als eine tyrannische Vernunft, welche versucht, tabula rasa zu machen mit den Überlieferungen, dem Handwerklichen und den Gewohnheiten, mit allem, was wir Geschichte nennen, um so ein Menschenbild in einer Menschenwelt zu entwerfen, in der das implizite wie auch das explizite Wissen als Relikt einer alten, vergangenen Zeit erscheint, die nicht mehr im allgemeinen Interesse liegen und dem Wohlstand nur hinderlich sein kann.
Widmung /ex post — For [name], who gave up ambition to concentrate on life.
Otium
RIOPY
La Vie
Monothema