Sententia
Paradoxie eines Infekts
von Joachim Zischke
Aus alltäglichen Fundstücken
Im übrigen muß ich es dem Leser überlassen, welchen Gebrauch er von den hier abgedruckten Texten macht: ob er sie als Aesthetica nutzt, als Merkhilfen, oder als Schlummermittel, als Anaesthetica.
— Odo Marquard, Aesthetica und Anaesthetica. Philsophische Überlegungen. München, 2003.
Dienstweg — Der Dienstweg ist die kürzeste Verbindung von Einbahngasse und Holzweg. — Johannes Schneider, @pasquillo7777
Querulantentum — Man muss offen sagen können, was man anders machen möchte, warum man – wohlüberlegt – eine alte Regel gegen eine neue ersetzen möchte. Alles andere ist schlichtes Querulantentum, das zu nichts führt und mit dem man einfach an den Rand gedrängt wird. Dadurch zeigt man auch, dass man beim Regelbruch Verantwortung trägt – und zwar eine ganze Menge. Ich mache das nicht hintenrum.
Leben — Das Leben verlieren ist keine große Sache; aber zusehen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich. — Albert Camus
Eigenlogik von Systemen — Das Ganze ist, wie es heißt: Verfahren.
Der Staat ist um des Menschen willen da,
nicht der Mensch um des Staates willen.
Entwurf des deutschen Grundgesetzes, Herrenchiemsee
Blicke — Auf der Gehsteigebene kann der Träumer über andere Blicke auf andere Tableaus sinnieren. So etwa über die Blicke der spazierenden Armen, die plötzlich vor der neuen Zauberwelt des Boulevard-Cafés haltmachen, das seine Spiegel, sein Gold und seine mythologischen Kulissen vor den Blicken der Passanten ausbreitet. Der dort am Tisch sitzende Caféhausbesucher kann das, wenn er Dichter ist, um Anlass nehmen, darüber nachzusinnen, was von dem, was die Augen auf jeder Seite des Fensters sehen, was geteilt wird, und was nicht geteilt wird. Das ist nämlich der neue Schatz, der sich der Poesie darbietet, wenn die Fenster sich öffnen, hinter denen die gequälten Seelen der Elite sich zu schützen versuchten, und wenn die Straße den Reichen ebenso wie den Armen das Schauspiel der Genüsse der anderen liefert. — Jaques Rancière, Die Augen der Armen
§ 28b IfSG ≠ Art. 19 Abs. 4 GG
Sarkasmus — Ironie ist die Fähigkeit, die Wahrheit zu sagen, indem man lügt. Zynismus und Sarkasmus sind Steigerungsformen der Ironie – die Wahrheit bleibt, aber die Lüge wandert über die Provokation zur Beleidigung. In dieser kleinen Kaskade ist der Zynismus ein junger, verspielter Hund, der zwar spitze Zähne hat, aber nicht beisst. Der Sarkasmus hingegen ist der alte, bissige Hund, der nach allem schnappt, obschon er keine Zähne mehr hat. — Andreas Thiel, Die Regierung will die Menschen schützen, indem sie sie in den Konkurs treibt. NZZ, 2020-03-20.
Wohnhaft — Das Wort wohnhaft enthüllt in der C-Krise* seine eigentliche Bedeutung, nämlich in seiner eigenen Wohnung in Haft zu sein. Infizierte werden zu Internierten und zu Inhaftierten in Isolationshaft. — Peter Weibel, Virus, Viralität, Virtualität: Der Globalisierung geht die Luft aus. Der Standard, 2020-04-15.
* aus zensorischen Gründen gekürzt
Vier stoische Tugenden:
Mut, Mässigung, Gerechtigkeit und Weisheit.
Angst — In einem Drama Sartres, Die Fliegen (Les Mouches, 1943), beendet Oreste das Schreckensregime des Mörders Egisthe, der mit dem Mittel der Angsterzeugung herrschte, die durch die Fliegenplage symbolisiert wird. Oreste beseitigt die Fliegenplage und befreit somit die Menschen von der Angst, denn Macht basiert darauf, dass die Menschen nicht wissen, dass sie eigentlich frei sind. Daher sind Phobokratie und Plagen seit ägyptischen Tagen ein wirksames Herrschaftsinstrument. — Peter Weibel, Virus, Viralität, Virtualität: Wie gerade die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte entsteht. NZZ, 2020-03-20.
Infektion — Alte Menschen sind nicht häufiger infiziert und somit als Risiko zu meiden, sondern alte Menschen sterben nach einer Infektion häufiger.
Disce quasi semper victurus; vive quasi cras moriturus. – Lerne, als würdest du ewig leben; lebe, als würdest du morgen sterben. — St. Edmund von Abingdon
Reizstopp — Um auch nur eine davon vertieft zu erfassen, sind indessen zusammenhängende Informationen vonnöten, es braucht Texte, die nicht immer neue Reize setzen, sondern den Fluss einmal stoppen und an einem bestimmten Punkt in die Tiefe tauchen. Also würde ich in diesem Moment nun gerne zu einigen Büchern greifen und in der Bücherthek zum Beispiel einen vielversprechenden Band zum Wert des Analogen konsultieren. — Claudia Mäder, Lang lebe die Bücherthek! NZZ, 2020-04-06.
Eingeständnis — Vorausgeschickt sei, dass ich gemessen an den heutigen Technologien in einer Art Steinzeit sozialisiert worden bin, aufgewachsen mit Tafel, Kreide, Füllfeder und Papier. — Konrad Paul Liessmann
Logik — Literarische Dilettanten sind daran kenntlich, daß sie alles miteinander verbinden wollen. Ihre Produkte haken die Sätze durch logische Partikeln ineinander, ohne daß die von jenen Partikeln behauptete logische Beziehung waltete. — Theodor W. Adorno, Akzente (1956, 6. Heft); Noten zur Literatur.
Zweck und Preis — Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat Würde. — Immanuel Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitte. Hrsg. von Bernd Kraft und Dieter Schönecker. Hamburg, 1999 [1796], 61
Ideal — Wie auch in Rousseaus Gesellschaftsvertrag werden die Menschen betrachtet, wie sie sind. Die Gesetze und die Staatseinrichtungen werden hingegen betrachtet, wie sie sein könnten bzw. sollten. — vgl. Bernard Bolzano, Selected Writings on Ethics and Politics. Amsterdam, New York, 2007.
Höflichkeit — Distanz wird man wieder eher als etwas Höfliches bewerten, als soziales Verhalten. Das kann man gut mit Asien vergleichen, wo Distanz schon jetzt zur Höflichkeit gehört. Man will das Gegenüber nicht überschütten, man verbeugt sich aus Entfernung, zeigt eine gewisse Demut. — Judith von Sternberg. Zitiert in: Kleine Vollstrecker. Perlentaucher, 9Punkt – Die Debattenrundschau. 2020-05-02.
Es gibt eine Kluft zwischen Theorie und Praxis,
zwischen dem Bewusstsein und der Realität.
Eigeninteresse — Wie bringt man den Menschen dazu zu handeln, er hat schließlich viele Eigeninteressen, an die er auch denken muss? Es gibt ein Paradox, das Rousseau betont hat: Es gibt die Regeln eines Sozialvertrags zwischen den Menschen. Aber wie kann das eigene Interesse des Menschen, wie kann das Individuum in das allgemeine Interesse integriert werden? Wie kann er einen Sinn für die Pflicht gewinnen? Denn die Demokratie beruht auf Zustimmung und nicht auf Zwang. Sie können die anderen nicht zwingen, ihre Meinungen zu ändern. Das war der Grund, warum Rousseau eine Tugendethik ausgearbeitet hat, damit sie Lust haben, ihren Lebensstil zu ändern. Die Tugendethik hilft uns dabei, eine Moralpredigt zu vermeiden. Es ist nicht nur wichtig, eine Diagnose zu stellen, wie die großen Philosophen es getan haben, sondern auch die Zukunft zu gestalten. — Corine Pelluchon, Die radikalen Veränderungen, die nötig sind, brauchen Freiheit und nicht Zwang. Interview von Michael Hesse. Frankfurter Rundschau. 2020-05-04.
Mass mobilization for the sake of biological survival can generate a radical solidarity.
Ultra-vires-Akt — Entscheidung, die außerhalb der Kompetenzen der Stelle liegt, die entscheidet.
Korrektheit — Wirksamer als Befehle wirken in konkreten Fällen der vorauseilende Gehorsam und die politische Korrektheit, die mehr mit Politik als mit Korrektheit zu tun hat.
Comeoutin — adjective, come·out·in (of makeup), soft and shiny, »look in the comeoutin mirror«.
Punkte — »… eine Summierung ebenfalls von Punkten, zwischen denen es zahllose Beziehungen gibt. Landkarten des Geistes. Ein Punkt ist zusammengesetzt aus einer unendlichen Zahl von einzelnen Punkten. Infinitesimal. Bis hin zum Nichts? Es gibt kein Nichts im Punkt. Unzählbar?» — »Unzählig.«
Konversation — 139 - Einer der Gründe, warum man in der Konversation so selten verständige und angenehme Partner findet, ist, daß es kaum Jemanden gibt, der nicht lieber an das dächte, was er sagen will, als genau auf das zu antworten, was man zu ihm sagt. Die Feinsten und Gefälligsten begnügen sich damit, die Miene der Aufmerksamkeit anzunehmen, während man es ihrem Auge und Ausdruck ansehen kann, daß ihre Gedanken nicht bei unserer Rede sind, sondern sich eifrig mit dem beschäftigen, was sie sagen wollen. Sie sollten bedenken, daß es ein schlechtes Mittel ist, andern zu gefallen oder sie zu gewinnen, wenn man sich selbst so sehr zu gefallen sucht, und daß die Kunst, gut zuzuhören und treffend zu antworten, die allerhöchste ist, die man im Gespräch zeigen kann. — La Rochefoucauld, Maximen und Reflexionen.
Stell dir vor, es ist Wissenszeit und keiner weiß etwas. Nichtwissen ist Wissen, wenn auch am schwierigsten zu erlangen.
Complexity — Length of the shortest description. — Andrey Kolmogorov
Alice in Wonderland — What Ms. Artemis had experienced is what we call a metamorphopsia. This term comes from the Greek words metamorphoun (to change the form) and opsis (seeing). It translates as ›visual distortion‹. This type of misperception is conceptually different from illusion and hallucination and is considered one of the hallmark signs of Alice in Wonderland syndrome. In the literature, over 40 different types of metamorphopsia have been described. Thus, people may see things as smaller than they are (micropsia) or as larger (macropsia); they may perceive stationary objects as if continually receding into the distance (porropsia); they may perceive everything as slanted (plagiopsia); they may be unable to properly perceive any movement (akinetopsia); they may see multiple images trailing behind a moving object (trailing phenomenon); and so on. Ms. Artemis’ type of metamorphopsia is called gyropsia (i.e. ›seeing circular movement‹). Thus, what she experienced during those spells of hers was gyropsia, which is a type of metamorphopsia which, in turn, is considered a symptom of Alice in Wonderland syndrome. — Jan Dirk Blom, Alice in Wonderland Syndrome. Cham, 2020.
Buchausgaben — Dieses Online-Buch erscheint in Deutsch und in weiteren vierzig Sprachen. Außerdem in klassischem Chinesisch, in Orakelknochen-Symbolen, in Siegelschrift, in den Zeichen der Westlichen Xia-Dynastie, in Blindenschrift, auf Kantonesisch, im Sichuan-Dialekt, in Gras-Schrift, in allen möglichen Kalligrafie-Varianten, in der Kalligrafie von Mao Zedong, mittels Bar-Codes, Emojis und allen möglichen und unmöglichen Symbolen.

Natürliche Landschaften — Das Malerische · Das Exzentrische · Das Erlesene · Das Schmucklose · Das Stattliche · Das Ätherische · Das Idyllische · Das Reizende · Das Heitere.
Totenklage — Umberto Eco fehlt uns. Es fehlt sein Mut, diese Verschwörung von Hohlköpfen, die sich gerne als Populisten bezeichnen lassen, mit der Macht der Intelligenz zu demontieren. Es fehlt sein Mut, sich über das Internet lustig zu machen – nicht mit der Arroganz des weisen Alten, der das Neue verlacht, weil er es nicht versteht, sondern mit dem Scharfsinn eines Menschen, der das Fehlen von Regeln ebenso verachtet wie das Unvermögen der Plattformen, in Kultur zu investieren, anstatt immer nur in Zahlen, und der es nicht ertragen kann, wenn weit und breit jede Art von Ethik fehlt. — Roberto Saviano, Vorwort zu Umberto Eco. Der ewige Faschismus. München, 2020.
Erinnerung — Aus dem Griechischen hat die deutsche Sprache ein stimmiges Wort entwickelt: Die Kryptomnesie beschreibt eine verborgene Erinnerung. Diese geistert dann durch unsere Gehirnwindungen, und aufs Mal halten wir sie für eine eigene, originelle Idee. — Sabine von Fischer
… die überbiederbünzligen Schwaben …
Forst — Der Durchschnitt des Waldes sind keine Bäume, sondern Sägemehl. — Martin Schürz, Pirmin Fessler, Ökonomen.
Wirkung — Ein Begriff hat entweder eine Relevanz für das menschliche Handeln, was man daran erkennt, ob es einen Unterschied im Leben der Menschen macht, wenn sie über diesen Begriff verfügen oder nicht, oder er hat keine Relevanz und ist dann Teil der »verbalen Musik«, die zum Leben veranstaltet wird, die man aber auch weglassen kann, ohne dass sich am Leben etwas Wesentliches änderte. — Michael Hampe, Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück. München, 2003.
Rollenzuweisung — Es ist die Kastenzugehörigkeit oder vielmehr die Einhaltung des Kastensystems. Es ist die autonome, unbewusste, reflexhafte Reaktion auf die Erwartungen von tausend bildgebenden Eingaben und neurologischen gesellschaftlichen Downloads, die Menschen auf der Grundlage ihres Aussehens, ihrer historischen Zuordnung oder der Merkmale und Stereotype, nach denen sie kategorisiert wurden, bestimmte Rollen zuweisen. Keine ethnische oder rassische Kategorie ist immun gegen die Botschaften, die wir alle über die Hierarchie erhalten, und so entkommt auch niemand ihren Folgen. — vgl. Isabel Wilkinson, America’s Enduring Caste System. New York Times, 2020-07-01.
Denken — Das Denken ist das, was sich zwischen den Wörtern und Sätzen abspielt, eine Bewegung, die sich nicht dingfest machen lässt. Insofern bildet das Denken die Welt auch nicht ab – es erzeugt sie. — Richard David Precht, Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens. Ein Essay. München, 2020.
Absurdität — Letztendlich glaube ich, dass Menschen mit hoher Intelligenz sich eher der Absurdität des Lebens bewusst sind. — Tatjana Schnell
Otium
Maroussia
Tarkovsky Quartet
Monothema