Sententia
Leben und Widerspruch
von Joachim Zischke


Aus alltäglichen Fundstücken

Jahrestage — Das Jahr hat 365 Tage, 104 davon sind Sonn- und Samstage. Abzuziehen sind 30 Urlaubstage, 11 Feiertage, 14 Krankheits- und/oder Weiterbildungstage, verbleibend 206 Arbeitstage = (bei 8 Stunden täglich) 1648 Arbeitsstunden.

Ich wundere mich, warum sich sonst niemand wundert. — Elizabeth Anderson

A: Als Arbeitsweise, die ihn inspirierte, entdeckte er das assoziative Denken, das nicht-systematische Zusammenfügen von Ideen.
B: Ich nenne das einfach Chaos.

Worte — Die Miene des Analytikers zeugt von unverkennbarer Erleichterung und Entspannung, verrät aber auch deutlich eine gewisse Geringschätzung. Es ist, als ob er denken würde: Weiter nichts als das? Worte, Worte und wiederum Worte, wie Prinz Hamlet sagt.

Adressbuch — Für ihr Werk Address Book (1983) nutzte sie das gefundene Adressbuch eines Fremden, um jeden Aspekt seines Lebens zu untersuchen. Sie befragte darin notierte Personen nach dessen Besitzer und konstruierte auf diese Weise ein entblößendes Porträt. Ihren Impuls, anderen Menschen zu folgen, beschreibt Sophie Calle so: »Regeln zu schaffen und ihnen zu folgen, ist erholsam. Wenn Sie jemanden beschatten, müssen Sie sich nicht fragen, wo Sie essen werden. Sie nehmen einen mit in ihr Restaurant. Die Auswahl wird für Sie getroffen.«

Wall o’ Death is not built on any old ruins;
it is built on the ruins of the city of tomorrow.

— Thomas Pynchon, Against the Day

Ideogramm — das; -s, -e zu … gramm: Schriftzeichen, das einen ganzen Begriff darstellt; vgl. Logogramm; Piktogramm.

Abgang — Vor dem Eingang ein Briefkasten: letzte Gelegenheit, der Welt, die man verläßt, ein Zeichen zu geben. — Walter Benjamin, Das Passagen-Werk [C 2 a, 6].

Musik — Leidenschaften können Musik machen. Aber nur wortlose Musik. Darum ist die Oper ein Unsinn. Sie setzt die reale Welt voraus und bevölkert sie mit Menschen, die bei einer Eifersucht, bei Kopfschmerz, bei einer Kriegserklärung singen, ja sterbend selbst auf die Koloratur nicht verzichten. Sie führt durch die Inkongruenz eines menschenmöglichen Ernstes mit der wunderlichen Gewohnheit des Singens sich selbst ad absurdum. — [Voltaire –?]

Sich unnötiger Besitztümer und größtenteils anderer Menschen zu entledigen – das war es, worauf es im Leben ankommt.
— Terence Hanbury (T.H.) White, The Goshawk. 1951.

Life must be something more than dilettante speculation.

Problemlösen — Probleme in Aufgaben verwandeln: das ist das primäre Kriterium von Rationalität (John Kekes). Wenn Karl Popper sagt, »Alles Leben ist Problemlösen«, so versteht er darin nicht Aufgaben, die sich durch Algorithmen oder Beobachtungen durchführen lassen. Für ihn gilt allein das universelle Lernprinzip von Versuch und Irrtum. Sein Falsifikationsprinzip hält Hypothesen grundsätzlich für eine Widerlegung offen.

Menschengott — Am Ende soll auch die Condition humaine nicht nur verbessert, sondern verändert, nach dem Vorbild seiner Werkzeuge fit gemacht sein, um den alten Gottesmenschen zum Menschengott zu mutieren. — Adolf Muschg

Neoliberalism strengthens the idea that societies should put a price on everything (while knowing the value of nothing).

Krise — The crisis consists precisely in the fact that the old is dying and the new cannot be born; in this interregnum [Zwischenherrschaft] a great variety of morbid symptoms appear. — Antonio Gramsci, Selections from the Prison Notebooks, New York, 1971, p. 275.

Zukunft — Es lohnt sich immer, Werke zu lesen, die in einer Zukunft spielen, die heute in der Vergangenheit liegt. Sie lassen einen erkennen, dass Geschichte gewöhnlich einen anderen Lauf nimmt, als ihre Zeitgenossen befürchtet hatten.

Vom Verschwinden der Kunst des Entdeckens.

Rezension — »Der Text stellt eine Streitschrift dar. Sie ist im Ton weitgehend polemisch gehalten, d.h. der Autor übertreibt, polarisiert und baut Gegenpositionen zu seinem Standpunkt auf, die mit Logik und gesundem Menschenverstand leicht zu widerlegen sind.«

You Can’t Send a Duck to Eagle School. — Mac Anderson, You Can’t Send a Duck to Eagle School. And Other Simple Truths of Leadership (2015)

Wer Bücher vernichtet, tötet die Vernunft selbst. — [John Milton –?]

Selbstbestimmung — Der Begriff [informationelle Selbstbestimmung] enthält eine contradictio in adiecto, denn eine Selbstbestimmung gerade im Hinblick auf Informationen kann es schon aus kategorialen Gründen nicht geben. Information ist ein Beobachtungskorrelat. Ob etwas als Information taugt oder registriert wird, liegt im Auge des Rezipienten, nicht in dem Beobachteten. Wenn man es so formulieren will: Informationen über die Umwelt werden im System gebildet. Oder so: Das Beobachtete wird durch den Beobachter erzeugt. — Armin Nassehi, Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München, 2019.

Das Funktionieren ist der Feind der Reflexion.

Debatte — Die Debatte ist einseitig, und die mächtigere Seite verdreht ständig die Teilnahmebedingungen.

X-Wort — Man dürfe das F-Wort und das N-Wort nicht mehr gebrauchen, las ich. Meine Fragen: Wie viele X-Wörter gibt es überhaupt? Und wo finde ich ein Wörterverzeichnis, in dem die aktuell korrekten Sprach- und Schreibwörter aufgelistet sind? Ich will mich ja nicht von den Zensoren kujonieren lassen.

Paginierung — Aufgrund des eindeutigen Schemas der Seitennummerierung dieses Buches, passt die Paginierung des E-Books und die Paginierung der gedruckten Version nicht zusammen. Benutzen Sie bitte, um im Text zu navigieren, das gedruckte Buch.  

Musze — »Leisure, we tend to think, belongs to wealth. Its ease is a result or symptom of success, a sign of an excess of riches. It’s what you get when you’ve clawed your way-or your father or grandfather did-to the top. Didn’t the Romans with their otium cum dignitate require a slave class to do the heavy lifting to assure their life under the grape arbors? Hasn’t history always relied on the toil of designated classes or castes to let it be a civilization? The shame of it-the cost of leisure being someone else’s hard labor and broken body.«  

Gespräch — Es gibt keine bessere Möglichkeit des wissenschaftlichen Austausches als das persönliche Gespräch mit Kreide und Tafel oder mit Bleistift und Papier.

Müssen wir heute wieder machen, was wir wollen?

Act IV and Act V of Life.

The Silence between two Thoughts.

Zuhören — In Japan, I never forget that a great conversationalist is one who listens. — Pico Iyer

Smart City — [Toronto. SideWalk. Urbanisierungsprojekt. Datenschutz] … ist die Rede von »städtischen Daten«. Darunter versteht SideWalk »persönliche, nichtpersönliche, aggregierte oder anonymisierte Daten«, gesammelt und genutzt im öffentlichen Raum, im öffentlich zugänglichen Raum und »sogar in manchen Privatgebäuden«. Daten sollen auch an Orten erhoben werden, »wo eine effektive Zustimmung vor Sammlung und Nutzung schwierig, wenn nicht unmöglich zu bekommen ist«. Ann Cavoukian fasst das so zusammen: »Es wird alles einschliessen.« SideWalk will solchen Bedenken mit einem neuen Kontrollorgan begegnen, einem »urban data trust«.

Routine — »Es geht nicht mehr um die Entscheidungsunfähigkeit eines Hamlet, um die zur pathologischen Handlungsverweigerung zugespitzte Trägheit eines Cosini, eines Oblomow oder um das strategische Verzögern eines Fabius Maximus, der sich im zweiten punischen Krieg den feiernden Beinamen Cunctator verdiente. Es geht um ein radikales, elementares Zau­dern als Synkope innerhalb des Erwartbaren, welche die Bewegung selbst in den Hori­zont ihrer virtuellen Fortführungen stellt. Das Gewohnte zeigt sich in seiner Zufälligkeit als lediglich eine unter vielen und also keineswegs notwendige Folge. Die Kontingenz der Routine wird sichtbar.« 

Der Autor ist anwesend.

Charakterstudie — Er/Sie war immer sehr schlagfertig und sprachgewandt und fügte sich mühelos in ein Umfeld, in dem es ausschliesslich ums Gewinnen geht. Unmoralisch, vollkommen ohne inneres Zentrum, oberflächlich.

We will not be told what to do by acronyms.
We are not having an acronymocracy.
— Jacob Rees-Mogg

Words — But words are things, and a small drop of ink, // Falling, like dew, upon a thought produces // That which makes thousands, perhaps millions think. — Lord Byron, Don Juan

Business Plan Questions — 1. The engineering question, 2. The timing question, 3. The monopoly question, 4. The people question, 5. The distribution question, 6. The durability question, 7. The secret question.

Missverständnisse — Wir haben keine Ahnung, was das Universum ist. Kluge Leute haben uns schon immer gesagt, das sei der Beweis, dass man nicht denken sollte, weil Denken nirgendwohin führt. Man überbaut nur das Riesenkonstrukt aus Missverständnissen, das die Kultur darstellt. Die Geschichte der Kultur ist die Geschichte der Missverständnisse großer Denker. Wir müssen also immer wieder bei null anfangen und anders ansetzen. Und vielleicht hat man so die Möglichkeit, zwar nicht zu verstehen, aber zumindest weitere Missverständnisse zu vermeiden. — László Krasznahorkai im Gespräch mit Adam Thirlwell. Neue Rundschau 2019/4.

Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei.

Berufe — ABUL: O wüsstest du, Verehrter, was ich für ein Gelehrter, […] bin Akademiker Doktor und Chemiker, bin Mathematiker und Arithmetiker, bin auch Grammatiker, sowie Ästhetiker, ferner Rhetoriker, großer Historiker, Astrolog, Philolog, Physiker, Geolog, Geograph, Korograph, Topograph, Kosmograph, Linguist und Jurist und Tourist und Purist. Maler und Plastiker, Fechter, Gymnastiker. — Gioacchino Rossini, Der Barbier von Sevilla, Erster Aufzug, Fünfter Auftritt

Mensch — Das Mass aller Dinge ist daher der Mensch, nicht die Menschheit, die Gesellschaft, die Nation oder der Staat. Da der Mensch klein ist, müssen auch seine Institutionen … relativ klein bleiben, wenn sie ihn nicht zerquetschen sollen. Aus demselben Grund ist die beste Regierung nicht die stärkste, sondern die schwächste, die gerade ausreicht, dem Bürger sein … gutes Leben zu sichern. Die beste Regierung ist die, die nicht am meisten für den Bürger tut, sondern sich am wenigsten in dessen Privatsphäre einmischt und ihn in Ruhe lässt.« — Leopold Kohr, Das Ende der Großen. Zurück zum menschlichen Maß. Salzburg, 2002.

Alles wird zu einem religiösen Gefühl erklärt und damit dem Diskurs entzogen. Die Rationalität dankt ab.

Dilettanten erhebt euch, seid die Dadaisten der 20er Jahre!

Lieblingsschlafanzugsoberteil.

Bürger — Citizens cannot choose to view what they are not aware of or to protest about the absence of content which they cannot discover.« — Mansell, Robin. 2015. Platforms of Power. Intermedia 43 (1): 20–24.

Regulierung — A growing amount of self-regulation, particularly in the European Union, is implemented as an alternative to traditional regulatory action. Some governments actively encourage or even place pressure on private business to self-regulate as an alternative to formal legislation or regulation which is inherently less flexible and usually more blunt than private arrangements.« — MacKinnon et al. Fostering Freedom Online: The Roles, Challenges and Obstacles of Internet Intermediaries. 2014, 56.

Buchreihenfolge — Arranging my books by those I sadly did not read last year. Those I’ll happily not read this year. And those I will happily anguish about sadly not having read by next year or the year after.« — Nein. @NeinQuarterly

Resistenz, Anarchie und Sabotage.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Amt
— Peter Plener

Otium
Ernest Chausson
Poème de l'amour et de la mer, Op. 19