№ 3
Kunst
von Joachim Zischke
Was ist Kunst? Zum Beantworten der hingeworfenen Frage könnten wir Duchamps Lektion, dass alles Kunst sein könne, die Beuyssche Lehre, dass alle Künstler sein können, die Warholsche Demonstration des Nichtantagonistischen en detail abhandeln. Wir könnten auch nach Kriterien suchen, welche die operative Differenz zwischen Kunst und Nichtkunst aufzeigen. All dies und noch mehr, um dann erkennen zu müssen, dass nicht nur eine andere Begrifflichkeit, sondern auch eine andere Wahrnehmung in der Rede über Kunst und die Reflexion über sie unvermeidlich ist, dass die gebräuchlichen Kategorien nicht mehr greifen, dass sich Kunst als ein durchaus spekulativer, selbst kunstfähiger Gedanke erweist. Stattdessen bieten wir fünf konzise Lektionen an, die dem Gebot der Kunst folgen, den Status quo stets aufs Neue zu verrücken. 1. Lektion — Die drei Ks der Kunst: Kennen, Können, Klittern. Dieser Trias liegen ingenium (als göttliche Inspiration), ars (als handwerkliche Beherrschung von Kunstregeln) und doctrina (als gelehrtes Wissen) zugrunde.B 2. Lektion — Das Kunstwerk: »Kunstwerke unterscheiden sich, auch im ›Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit‹, von anderen Artefakten dadurch, keinen weiteren Belastungstests ausgesetzt zu sein. Sie können daher ihre eigene Originalität, Innovativität oder gar Dissidenz vorbehaltlos ausspielen und riskieren allenfalls, nicht mehr verstanden zu werden.«L 3. Lektion — Der Kitsch: »›Kitsch‹ ist ein Begriff mit beeindruckender Karriere, dem eine gleichermaßen beeindruckende Karriere des von ihm Bezeichneten entspricht.«H 4. Lektion — Der Fortschritt: »In der Kunst gibt es keinen Fortschritt und keinen Verfall. Es gibt aber verschiedene Stilformen. Jede Stilform ist in sich vollkommen und gehorcht ihren eigenen Gesetzen«.F Dakapo von Man Ray: »In der Kunst gibt es keinen Fortschritt, genauso wie es beim Sex keinen Fortschritt gibt. Es gibt einfach nur unterschiedliche Weisen, es zu tun.« 5. Lektion — Der Kommerz: »Kunst will aus dem Alltag einen ewigen Sonntag machen, was natürlich nicht funktionieren kann, weil das dem alltäglichen Menschen nicht zugemutet werden kann«, sagt der aus Rom stammende Künstler Alberto Passini. »Die Kunstwelt steht Kopf: Wer ein Kunstwerk nicht kauft, muss begründen, warum er es nicht kauft; derjenige, der es kaufte, muss nichts begründen, weil er allein durch den Kauf das existenzialistische Begründen hinreichend erfüllte.«P

Kunst in den Händen der Falschen führt dazu, dass wir das moralisch Richtige nicht mehr erkennen. Platon hatte recht: Kunst wird immer missbraucht, es gibt niemals nur gute, emanzipatorische Kunst. Daraus folgt kein Kunstverbot, sondern ein Gebot des guten Geschmacks. ¶ »Bei der kommerziellen Vermarktung von Kunst geht es um Bildbesitz, um Vervollständigung von Sammlungen, um Anhäufung materieller Werte. Oft sind Eitelkeit und Selbstdarstellung im Spiel und gegenseitiges Übertrumpfen. Es gelten Maßstäbe, die dem einzelnen Kunstwerk sehr oft nicht gerecht werden. Berichte von Kunstauktionen dokumentieren den Kampf um vordere Plätze. Wo bleibt die Kunst?«, fragt Angelika Tübke, Malerin der Leipziger Schule. ¶ Recht anschaulich beschreibt der Literaturwissenschaftler George Steiner das, was die wahre Kunst ausmacht: »Man kann sich spezialisieren auf Nachttöpfe der Ming-Dynastie, dann ist man glücklich. Man lernt, man arbeitet daran, man sammelt.« ¶ Hillerich Saffan merkt an, dass sich ein einzelner Gedanke im Material des Kunstwerks selbst wiederfinden muss, was – im glücklichen Zufall – etwas entstehen lässt, das man eben als Kunstwerk erkennen kann. Die Literaturwissenschaft ermahnt er: »Wir sollten endlich jene 99,5 Prozent der literarischen Texte lesen und interpretieren, die ungelesen in Bibliotheken und Archiven modern, und nicht das zum Kanon erhobene halbe Prozent wieder und wieder bearbeiten.«S ¶ Dekonstruktion ist hip. Ganz gleich, ob Dinge, Bilder, Ideen, Modelle, Texte oder Verhaltensweisen – nahezu alles wandert auf das Zerlegungsband, um die Paradoxien, das Nichtgesagte, die Thesen und Antithesen herauszulösen, das Tragende unserer Begriffswelt zu entbeinen. »Eine Spur ist weder eine Anwesenheit noch eine Abwesenheit«, sagt Jacques Derrida und legt damit die Inkonsistenz unseres »postmodern-dialektischen brain-fucks« (Hagen Rether) offen. Klarheit finden wir in der Dekonstruktion selten, eher ein Dickicht von Diskursen, Sprechakten, Parolen und Lingualdifferenzen. Da hilft nur eines: Das Subjekt selbst ist gefordert, sich zu dekonstruieren, am besten mithilfe einer ordentlichen Portion Selbstironie. »Was das Dekonstruieren im Endeffekt nützt?«, fragen Sie. »Fragen Sie mich doch morgen wieder.« ¶ Auch das ist Kunst: »How about you just shout out ideas and I’ll keep writing them down until this Post-it is all filled up?« — »Nein«, stellt Pablo Picasso ein für alle Mal klar, »die Malerei dient nicht der Dekoration von Wohnungen. Sie ist ein Instrument des Krieges, des Angriffs und der Verteidigung gegenüber dem Feind.« Das ist Kunst. ♦
B Günter Blamberger zitiert in Thomas Strässle und Simon Zumsteg (Hrsg.): Trunkenheit. Kulturen des Rausches. Amsterdam, New York, 2008.
F Paul Feyerabend: Wissenschaft als Kunst. Frankfurt am Main, 2003.
H Jochen Hörisch: Kitsch als Kunst der Selbstunterbietung. SWR2 Essay, 10.03.2014.
L Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt am Main, 1997.
P Alberto Passini: Im Atelier, die Windstille. Il Maestro. 2018.
S Hillerich Saffan: Abseits des Absoluten. Mannheim, 2016.
Monothema