№ 3
Imperativ
von Joachim Zischke
Der Imperativ gehört zu den finiten Verbformen« – falsch oder richtig? Der kategorische, existenzielle, moralische, kreative, gesetzliche, institutionelle, phänomenologische, sittliche, gesellschaftliche, ethische, fundamentale, infinitivische – da haben wir ihn! Gehen Sie weiter! Das Herumstehen in der öffentlichen Belanglosigkeit untergräbt Ihre Reputation. Tun Sie sich den Gefallen: Leben Sie nach innen, denken Sie nach innen. So sind Sie individuell regressiv und kollektiv reaktionär. Sie verschenken nur Ihre Zeit und vergeuden Ihre Chancen, wenn Sie nur nach außen und in Ablehnung leben. Sagen Sie öfter mal öffentlich wie Franco Moretti in Distant Reading: »Leider muß ich jedoch an diesem Punkt aufhören, weil meine Kompetenz aufhört.« ¶ Bloß nicht schüchtern sein. Bescheinigen Sie sich selbst Ihre Inkompetenz, bevor es andere tun. Das klingt charmant, spöttisch und zeitgeistig. Münchhausens Jägerlatein, Morus’ Utopien und andere Phantasien, Sophistikationen und Luftschlössern zum Trotz. »Selbst der abstrakteste Utopist hatte nichts Unmögliches, sondern lauter Möglichkeiten im Sinn«, schreibt Ernst Bloch im Prinzip Hoffnung. Eben. ¶ Bei Jo Palisot, Handstand der Motive, klingt der Imperativ hedonistisch: »Nehmen Sie sich die Freiheit, das Leben jetzt und heute und nicht erst in ferner Zukunft zu genießen. Entwickeln Sie bewusst eine ›Kultur des Genusses‹ und pflegen Sie sie, wann immer sich Ihnen die Gelegenheit dazu bietet. Und nehmen Sie sich bitte auch die Freiheit, eigene Bedürfnisse in Recht umzuwandeln und sich notfalls gegen institutionelle Vorgaben und Verpflichtungen zu wenden.« ¶ Klaus Trofob legt Ihnen seine Anleitung Der Irrwitz unseres Jahrhunderts frei Hand oben drauf: »Machen Sie sich Fichtes ›Windbeutelei‹ (von Schopenhauer) und Hegels ›Scharlatanerie‹ (von Popper) zu eigen. Und dann ab auf die opportunistische Karriereleiter«, was nichts anderes bedeutet, als die Vision einer scheinobjektiven Karriere, durch die Vision der mündigen, durch individuelle Lebenserforschung geformten Selbstbestimmung zu ersetzen (Robert Jelinek in Offshore Census). ¶ Ihr Ziel haben Sie erreicht, wenn man über Sie, wie über Sylvia Beachs Protagonisten André Chamson, Shakespeare and Company, sagen wird: »[Er hatte] eine so blendende Karriere hinter sich, dass er es nicht bedauern musste, Irrlichtern nicht gefolgt zu sein.« ¶ Doch der arbeitsethische Imperativ folgt uns auf Schritt und Tritt. Heißt Projekt gebundene zugleich »prekär-gebundene« Arbeit? Aus sozial-psychologischer Sicht wissen wir heute, dass Arbeit nicht alles bedeutet. André Gorz im Gespräch mit Thomas Schaffroth: »Ein bedeutender Anteil der jüngeren Menschen entzieht seine Lebensführung dem Diktat der kapitalistischen Werte – Geld, Macht, Karriere, Wettbewerb. Wir müssen uns geistig von der fixen Idee befreien, dass es jenseits der Arbeit keine Gesellschaft geben würde.« ¶ Noch immer sind wir alt hergebrachten Ideen verhaftet: »Der Mond ist unabhängig von der Erde entstanden und wurde erst später von ihr eingefangen. Der Mond ist durch eine Kollision der Erde mit einem anderen Planeten entstanden«. Das will uns die Astrophysik weismachen. Wir fragen: Welcher andere Planet war es und wo ist er heute? Wie kann die Erde Fangen spielen? Keine Antwort. ¶ Apropos Kollision. Interessant ist, dass »die elektrischen Abstoßungskräfte im Uran so stark [sind], daß sie die wirkenden Kernkräfte fast genau aufheben. Ein kleiner Stoß von außen, etwa durch die Kollision eines Teilchens mit dem Kern, und schon fliegt der Urankern auseinander […]« erklärt uns Harald Fritsch in Die verbogene Raum-Zeit. Zerstören Sie also Ihren Urkern, denn, nach ↑Alois Schumpeter, »das Zerstören vermag gleichermaßen destruktiv wie konstruktiv, damit auch kreativ zu wirken«. Wahrhaftig, da hilft nur eines: Listen Sie die Bereiche Ihres Lebens auf – schriftlich! –, in denen Sie brav und angepasst sein müssten, und dann: »Kollision voraus!«. Zu einer energischen Lebensgestaltung gehört eben auch das Bewusstsein über das Durchsetzen, um ein Ziel zu erreichen. ¶ Epilog: »in der freiesten gesellschaft kann es knechte geben, dann, wenn menschen freiheit als habitus verstehen, nicht als konkretisierung, als entfaltung, als entwurf.« otl aicher, die welt als entwurf. ♦
Monothema