№ 6
Schach
von Joachim Zischke
Wer Schach spielt, muss Matt erwarten!«, doziert der Grootmeester Jan Hein Donner, der für Harry Mulischs Roman Die Entdeckung des Himmels die Vorbildsfigur des »Onno Quist« abgab, und er ergänzt in einem heideggerianischen Wortstil: »Entsetzt durch die Grundlosigkeit seiner Geworfenheit, verärgert durch die Uneinsichtigkeit der Wirklichkeit, bestürzt durch den hohen Zufall des Todes, sucht der Schachspieler eine Welt, in der er selbst der Grund seines Handelns ist, ein Spiel, das einsichtig ist und keinen Zufall kennt.« Ist ein Matt das Resultat von Gewalt? Schwierige Frage. Doch Schach soll ein Spiel sein, keine Realität, wenngleich wir uns eingestehen müssen, dass in jedem Spiel ein Stück weit die Realität abgebildet wird und wir beim Spielen nicht selten vergessen, dass es sich nur um ein Spiel handelt. ¶ Parker Adams’ Ironie des Punktums mögen wir da schon eher folgen, wenn er feststellt: »Der Mensch ist ein Wesen, das sich nicht ändert. Evolution hin oder her. Seine Geschichte ist der ewige Versuch, das Verhältnis zwischen Ordnung (Schach) und Gewalt (Matt) auszupendeln, sofern das überhaupt möglich sein kann.« ¶ Der Historiker Josef Maria Stachelmann resümiert hierzu dialektisch: »Schach ist Kunst und Psychologie«, was uns zu Geoffrey Chaucers Warnung auf seinem Weg nach Canterbury führt: »Wer durch Gewalt sich rächt, der tut nicht minder übel, als jener, der Gewalt zuerst verübt. Darum sollt Ihr Euch nach des Rechtes Ordnung rächen, das heißt durch das Gesetz und nicht durch Ausschreitung und durch Gewalt.« ¶ Leichter gesagt, als getan. Jedenfalls liefert uns Nils Hesse in Spielend gewinnen die Arbeitsanleitung für eine spannende Schachsituation: »Wenn Sie im Endspiel mit einer Dame und einem König gegen einen König spielen, müssen Sie mit Bedacht vorgehen und dem gegnerischen König immer noch Ausweichpositionen lassen, um kein Patt zu riskieren. Für ein schnelles Matt müssen Sie den gegnerischen König an den Brettrand drängen und ihn dort in eine Nahoppositionsstellung zum eigenen König bringen (die Könige stehen sich mit einem Feld Abstand frontal gegenüber).« Haben Sie es bemerkt? Man soll seinem Gegner immer Ausweichpositionen lassen. Natürlich nicht aus Gründen der Fairness. Soll ein Schachspieler freundlich, gar altruistisch sein? Überhaupt nicht, es geht um die optimale Strategie zum sicheren Untergang des Gegners, um nichts anderes. Wie in der alltäglichen Wirklichkeit auch. ¶ Die Abstiegsgesellschaft funktioniert ähnlich, konstatiert Oliver Nachtwey in seinem gleichnamigem Buch, dort »entzündet sich der Konflikt an der Spannung zwischen Kapitalismus und Demokratie, zwischen Freiheit und Gleichheit«. Allerdings beobachtet Ralf Ptak in der Kritik des Neoliberalismus, dass die Gewalt der Marktwirtschaft nicht personell identifizierbar sei, »weil sie durch die unpersönlichen Kräfte des Marktes ausgeübt wird, denn es sind die ›anonymen Märkte‹, die soziale Einschnitte einfordern oder Massenentlassungen erzwingen«, worauf Klaus Trofob in Der Irrwitz unseres Jahrhunderts an einen längst vergessenen Versuch erinnert: »Occupy sagte: ›Wir sind die 99 Prozent‹, was für die Polizei im Zuccotti-Park einfach zu viele waren. Numerisch betrachtet. Die Episode endete mit einem Schachmatt. Die Okkupanten hatten einfach keine Idee von einer gelingenden Zukunft«. Dumm gelaufen. Ob ein Gedanke angenehm ist oder unangenehm, sagt nichts darüber aus, ob er wahr ist oder falsch. ¶ Apropos Demokratie: Vielleicht sollten wir uns öfter an die alles umfassende Grundlage unseres Zusammenlebens erinnern, worauf Volker Epping in Grundrechte hinweist: »So lässt sich die freiheitliche demokratische Grundordnung als eine Ordnung bestimmen, die unter Ausschluss jeglicher Gewalt- und Willkürherrschaft eine rechtsstaatliche Herrschaftsordnung auf der Grundlage der Selbstbestimmung des Volkes nach dem Willen der jeweiligen Mehrheit und der Freiheit und Gleichheit darstellt.« Und sogleich hören wir einen Ruf aus dem Off: »Wie jetzt: Schach ohne Matt?« ♦
Monothema