№ 4
Pessimisma
von Joachim Zischke


Es ist doch so«, sagt Alberto Passini, »wir haben längst ak­zep­tiert, dass Ge­sell­schaf­ten Märk­te sind, Ar­bei­ten­de Lauf­zeit­ob­jek­te und das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt der wich­tigs­te Wert­in­di­ka­tor eines Lan­des. Was nichts darüber aussagt, ob unsere Akzeptanz nützlich oder sinnvoll ist.« Charles Bau­de­lai­re pflichtet ihm bei: »Die schöns­te List des Teu­fels ist, daß er uns über­zeugt, er exis­tie­re nicht.« — »Das ist exakt das, was wir derzeit erleben« rollt Passini den Faden weiter ab. »Denken Sie an Talcot Parsons’ Lösung seines Problem of Controlled Institutional Change. Man ändere die Art der Kommunikation, und schon ändern sich die Leute wie von selbst. Die Sphäre, wo das von den Menschen gar nicht bemerkt werden kann, war für ihn die Kommunikation.« ¶ »Meinungen! Es geht nur noch um Meinungen!«, ruft der Zeitkritiker Parker Adams, der, durch die Tür kommend, noch den letzten Halbsatz hörte. »Mei­nun­gen sind hei­lig, Kri­tik ist ver­pönt. Man darf nicht, man muss eine Meinung haben, zu allem und jedem. Der Kult der Mei­nung ist wie der Kult der Mode. Kom­bi­nie­ren Sie, wie es Ihnen be­liebt: linke Meinungen mit rechten Parolen, neoliberales Gewäsch mit klassischer Philosophie. Igno­rie­ren Sie Fak­ten – sie sind oh­ne­hin frag­wür­dig. Ver­las­sen Sie sich nur auf eines, auf Ihr Bauch­ge­fühl, denn das ver­lässt Sie nie.« ¶ Nun möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen, eine wahre Geschichte. Ein Pa­ri­ser Buch­händ­ler war von einem noch jun­gen Autor hell­auf be­geis­tert. Er woll­te ihm 3000 Francs für sei­nen nächs­ten Roman bie­ten, eine wahrlich hübsche Summe Geld. Als er die Adres­se des Au­tors in einem Scher­ben­vier­tel er­fuhr, re­du­zier­te er sein An­ge­bot auf 2000 Francs. Nach­dem er das Haus ge­se­hen hatte, woll­te er nur noch 1500 Francs bie­ten. Als er die Trep­pen er­klomm und schließ­lich die schä­bi­ge Dach­kam­mer sah, in der der Autor ge­ra­de ein altes Bröt­chen in ein Glas Was­ser tunk­te, gab er schließ­lich sein An­ge­bot ab: 300 Francs. Über welchen Autor habe ich hier berichtet? Es war Honoré de Balz­ac. Merke: Die Illusion steht der Rea­li­tät immer ent­ge­gen. ¶ Was Klaus Tro­fob nüchtern konstatiert: »Der mo­der­ne Mensch will keine Zu­kunft, er will nur Ge­gen­wart. Alles - Jetzt - Sofort! Gut, viel­leicht wünscht er sich noch einen vol­len Kühl­schrank dazu und ein 24-stündiges TV-Programm inklusive sämtlicher Sportarten auf 36 Kanälen. Ansonsten nichts weiter.« ¶ Nun aber mal halblang, meldet sich das Finanzamt ungewohnt laut aus dem Gründerbau. Das »we­sent­li­che Merk­mal der frei­be­ruf­li­chen Tä­tig­keit zur Ab­gren­zung ge­gen­über der ge­werb­li­chen Tä­tig­keit ist die un­mit­tel­ba­re, per­sön­li­che und in­di­vi­du­el­le Ar­beits­leis­tung des Frei­be­ruf­lers.« Was das sein kann, weiß niemand so recht; darüber hat das Fi­nanz­amt das letzte, nur ihm bekannte Wort. ¶ So­eben erhielt ich eine E-Mail mit diesem Wortlaut: »Vie­len Dank für Ihre Frage. Ich glau­be, wir brau­chen keine Fra­gen.« Ich hatte gar nicht ge­fragt. ¶ In ab­seh­ba­rer Zu­kunft wird ein Groß­teil der Men­schen keine Aus­sicht auf Ar­beit haben. Prü­fen Sie schon heute, ob Sie viel­leicht bald zum mensch­li­chen Über­schuss ge­hö­ren wer­den. Und lesen Sie dann un­se­re nütz­li­chen Tipps zu Ihrer persönlichen Ent­sor­gung. No Fu­ture. ♦