№ 3
Niemandsland
von Joachim Zischke


Er habe die un­er­bitt­li­che Trau­rig­keit der Blei­stif­te ge­kannt, schreibt Theodo­re Ro­eth­ke, und Undine Gruenter erklärt, sie habe an­ge­fan­gen zu schrei­ben, um ein be­stimm­tes Zie­gel­rot an einer Mauer fest­zu­hal­ten. »Ich be­gin­ne nie mit Fi­gu­ren. Ich be­gin­ne mit einer Si­tua­ti­on, einem mo­ra­li­schen Feh­ler, und dann ver­su­che ich her­aus­zu­fin­den, mit wem was ge­schieht.«, schreibt uns F., eine höchst at­trak­ti­ve Schrift­stel­lerin, ein qui­cker Geist, eine agile Feder, eine prä­zi­se und wit­zi­ge For­mu­leurin, ge­bil­det, wohl­wol­lend und welt­ge­wandt. Und dennoch keine Bestsellerin. »Wer will das heute noch sein? Bestsellerin!«, fragt sie. »Die Zeiten der hunderttausender Auflagen sind doch längst vorbei.« ¶ In un­se­rer psy­cho­lo­gi­schen Ver­an­la­gung gibt es nichts, was ro­bust genug wäre, die Ent­wick­lun­gen un­se­rer tech­no­lo­gi­schen Fä­hig­kei­ten zu kom­pen­sie­ren, sagt Alain de Bot­ton. ¶ Man sei es sei­ner Ge­sund­heit schul­dig – so redet man, wenn man auf einer Land­par­tie er­tappt wird. Ja, es könn­te bald so­weit kom­men, dass man einem Hange zur vita con­tem­pla­ti­va (das heißt zum Spa­zie­ren­ge­hen mit Ge­dan­ken unter Freun­den) nicht ohne Selbst­ver­ach­tung und schlech­tes Ge­wis­sen nach­gä­be. – Nun! Ja, was nun, Fried­rich Nietz­sche? ¶ Da schaut John Rawls um die Ecke und behauptet: »Jeder Mensch be­sitzt eine auf der Ge­rech­tig­keit ba­sie­ren­de Un­ver­letz­lich­keit, die auch im Namen des Wohls der gan­zen Ge­sell­schaft nicht auf­ge­ho­ben wer­den kann«. Hat er recht? ¶ Es ist müszig über den größten Raub der Neuzeit zu schreiben. Die­ser Raub ist mög­lich ge­wor­den, weil fünf Un­ter­neh­men die Nut­zer­da­ten im Niemandsland des In­ter­nets man­gels Wi­der­spruch der Eigentümer und/oder ihrer gesetzlichen Vertreter, den Staatsregierungen, als ihre ei­ge­nen de­kla­rie­ren konn­ten. Die neo­li­be­ra­len Eu­phe­mis­men wie »krea­ti­ve Zer­stö­rung« und »dis­rup­ti­ve Tech­no­lo­gi­en« (Joseph Schumpeter) haben bei der Tar­nung die­ser Un­ter­neh­men wirklich ganze Ar­beit ge­leis­tet. ¶ Der Datenraub ba­siert auf der so­zio­lo­gi­schen Theo­rie, dass je we­ni­ger eine In­sti­tu­ti­on die Pro­ble­me löst, die ihr an­heim­ge­ge­ben sind, umso län­ger existiert sie. Das gilt mitnichten für den Autor. Da er gemeinhin nicht als Problemlöser gilt, wird ihm folglich höchst selten eine dauerhaft respektable Existenz gewährt. ¶ Die Er­zie­hung als Kul­ti­vie­rung des Spiels im Sinne eines zweck­frei­en, rein theo­re­ti­schen Zu­gangs zur Welt in­sze­nie­ren. —Fried­rich Frö­bel ¶ Ran­kings er­mög­li­chen den un­mit­tel­ba­ren Ver­gleich von mehr oder we­ni­ger Un­ver­gleich­ba­rem, indem sie ihre Ob­jek­te vom kon­kre­ten Kon­text iso­lie­ren und in Zah­len­wer­te trans­for­mie­ren. Zah­len sind ver­füh­re­risch, weil sie Dinge ver­ein­fa­chen, und prak­tisch, weil man sie nicht über­set­zen muss. ¶ Ned g’schimpft is g’lobt gnua. ♦