№ 2
Ratioquest
von Joachim Zischke
Herr B. aus M. fragt: »Welche Kleidungsstücke und Accessoires gehören unbedingt in den Kleiderschrank eines Gentlemans?« Vielen Dank für Ihre Frage, Herr B., hier ist unsere Antwort: In den Kleiderschrank behören ein dunkelblauer Anzug, eine Tweedjacke, ein blauer Blazer, graue Flanellhosen, nussbraune Kordhosen, Khaki-Chinos, ein Smoking, hellblau-weiß gestreifte Vollzwirnhemden, ein Lambswool-Pullover, ein Regenmantel aus Baumwollgabardine, ein Paar schwarze Oxfords, ein Paar braune Brogues, ein Paar Rauleder Chukka Boots. ¶ Ja, das will alles gekauft und bezahlt sein. Und Qualität hat ihren Preis, nicht erst seit heute: »Nichts kostet mehr als das, was es umsonst gibt«, sagt ein japanisches Sprichwort. Daran dachte wohl auch der Feuerwehrmann in Michael Endes Geschichte Die Bahnhofskathedrale, als ihm ein Kerl mit fischigen Augen Aktien für eine wunderbare Geldvermehrung anbot. »Es kostet Sie nichts. Es ist alles umsonst. Greifen Sie zu!« Umsonst? Das konnte der Feuerwehrmann nicht glauben, weshalb er dem Typen die einzig richtige Antwort gab: »Hören Sie, ich fürchte, ich bin nicht reich genug, um mir etwas leisten zu können, das nichts kostet.« ¶ Schon in antiken Zeiten redeten die Leute über Geld und Kosten, die das Leben verursacht. Von Epiktet, dem berühmten Stoiker, ist eine Art vegetarischer Dialog überliefert. »Wie viel kostet ein Salatkopf?« — »Etwa einen Obolos.« — »Wenn also jemand den Obolos zahlt und den Salat erhält, du ihn aber nicht zahlst und ihn nicht erhältst, dann denke doch nicht, dass du weniger hast als der, der den Salat erhält. Denn wie jener den Salat hat, so hast du den Obolos, den du nicht hergabst.« Alles klar? Die Prinzipien der Ökonomie waren schon seit Urzeiten fragwürdig. ¶ »Die Herren Rationalisten«, ereifert sich der Philosoph Otto-Peter Obermeier im Blauen Reiter, »wollen immer ein zwingendes Verfahren, sie müssen immer entlang eines verdammten Systems philosophieren.«1 Richtig! Wir brauchen kein System, wir brauchen die richtigen Fragen, denn sie enthalten häufig schon die richtigen Antworten. Wir bieten Ihnen beispielsweise die folgende Frage an, deren Antwort Sie vielleicht mehr als einen Obolos kosten kann: Wem vertrauen Sie mehr: Ihrem Bauch oder einem Experten? Und wenn wir schon bei den Fragen sind: Wie lang ist eigentlich eine Fotostrecke? Wir antworten: Die Aufnahmezeit a pro Foto in Sekunden multipliziert mit der Gehstrecke g des Fotografen in Metern vom ersten Sichten des Zielobjekts bis zum finalen Aufnahmepunkt, folglich: Fs = a*g. ¶ Da wir gerade beim Hinsehen sind, könnten wir auch über das Wegsehen sprechen. Henning Ritter weist uns auf Folgendes hin: »Das Neue ist längst nicht mehr, was es zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war – ein Schock, der einen Zuwachs an Erkenntnis versprach. Der Gedanke, daß das Neue per se authentisch sei, hat an Glanz verloren. Die einstmals produktive Provokation der Sehgewohnheiten hat das Wegsehen zur Gewohnheit werden lassen, wo immer Neues verheißen wird. Das Neue wurde in dem Augenblick zur Wiederholung, als es eine künstlerische Konvention geworden war.«2 ¶ Bevor der Rezensent das Buch Genuß und Glück des Lebens von Michael North zur Hand nahm, sinnierte er über die zahlreichen Fragen des Klappentextes, die er dort fand: »Besitzen Menschen, die silberne Teekannen benutzen, auch Gemälde? Gehen wohlhabende Witwen, die mehrere Nussbaumkommoden ihr eigen nennen, ins Theater? Findet man den Kunsttheoretiker und Connaisseur nachmittags im Kaffeehaus und ist seine Gattin Abonnentin des Journal des Luxus und der Moden? Würde das Mitglied einer Lesegesellschaft sich ein Landhaus mit Garten vor der Stadt zulegen? Sind adelige Damen eher geneigt, sich dem Sammeln von Kunst zuzuwenden, wenn ihre Reputation leicht beschädigt ist? Und tragen sie bei der Auswahl von Gemälden Kleider nach der französischen oder der englischen Mode? Sind Reiseandenken Kulturkonsumgüter?« Alles äußerst bedenkenswerte Fragen, meinen Sie nicht auch? Doch dazu ein anderes Mal mehr. ♦
1 der blaue reiter – Journal für Philosophie. Philosophie im Gespräch II. 2. Sonderausgabe.
2 Henning Ritter, Notizhefte. Berlin, 2010.
Monothema