№ 1
Politiknotwehr
von Joachim Zischke


Mon­tes­quieu hat vor der Mo­ra­li­sie­rung der Po­li­tik ge­warnt: »Es ist nutz­los, der Staats­kunst etwa vor­zu­wer­fen, daß sie in Wi­der­spruch zur Moral, Ver­nunft und Ge­rech­tig­keit steht. Sol­che Pre­dig­ten rufen al­len­falls all­ge­mei­nes Kopf­ni­cken her­vor, än­dern aber nie­man­den.« Zur Erinnerung: Baron de La Brède de Montesquieu lebte von 1689 bis 1755. Manche Aussagen werden zu unwiderlegbaren Wahrheiten. ¶ »In der Po­li­tik geht es nicht um Wahr­heits-, son­dern um Macht­fra­gen. An­ders in der Wis­sen­schaft. Für sie ist Wahr­heits­fin­dung die re­gu­la­ti­ve Leit­idee«, kon­sta­tiert der Philosoph Kon­rad Paul Liess­mann. Dient Wahr­heits­fin­dung nicht eher einer alten idea­lis­ti­schen Phi­lo­so­phen­beschäftigung? Hände ringend suchen die Philosophen nach der Wahrheit und finden sie dennoch nicht. Was ist Wahr­heit? Das frag­te schon Pon­ti­us Pi­la­tus, und auch er bekam keine Ant­wort. War es eine rhetorische Frage, die er stellte? Wir wissen es nicht. ¶ Eine andere Frage: Was ist ein Ele­fant? – »Ist das etwa eine politische Frage?« — Die Elefanten-Frage wurde in einem eng­li­schen Sa­ti­re-Magazin einigen in­ter­na­tio­na­len Au­to­ren als Thema ge­stellt. Die folgenden Ant­wor­ten kamen ins Blatt: Der Engländer titelte Der Ele­fant und wie man ihn er­legt; der Deutsche formulierte Der Ele­fant und Kants ka­te­go­ri­scher Im­pe­ra­tiv; der Pole schrieb Der Ele­fant und die pol­ni­sche Frage und der Franzose folgte mit Der Ele­fant und sein Bei­trag zur Ver­voll­komm­nung der fran­zö­si­schen Spra­che. ¶ Hier kommen drei politische Aussagen, gedacht zum Überprüfen und Ergänzen der eigenen politischen Position: 1 Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger sagt in einem Interview1, die Po­li­tik sei nicht das Wich­tigs­te. Sie sei nur Not­wehr. Es gäbe immer eine Macht, die das Sagen hat, und wer nicht selbst Po­li­tik mache, sei das Ob­jekt der Po­li­tik und werde her­um­ge­schubst. Was rät er uns? Man müsse sich entsprechend ver­hal­ten, und dafür gäbe es ver­schie­de­ne Me­tho­den. Man könne der Po­li­tik aus­wei­chen, sie kon­fron­tie­ren oder sie kri­ti­sie­ren. Oder kapitulieren, wie Bob Dylan: »Ich komme nicht mehr mit, ich bleibe hier stehen.« 2 Her­mann L. Grem­liza wird in seiner politischen Beobachtung personal konkret: Es sei ein­fach blöde, der Kanzlerin Mer­kel vor­zu­wer­fen, sie habe mal wie­der ihre Über­zeu­gung ver­ra­ten. Das habe sie nicht: Sie könne es nicht, denn sie habe keine. Volltreffer! 3 Botho Strauß sagt, das höchste Privileg des ohnmächtigen Souveräns in der De­mo­kra­tie sei das Ur­tei­len. Wer un­ent­wegt ur­teilt, von dem sei keine boh­ren­de Nach­fra­ge zu be­fürch­ten. Haben wir nicht gelernt, dass die Politik nichts so sehr hasst wie das Nachfragen? Warum löchern wir die Politik dann nicht hartnäckig mit Fragen? ¶ Politik sei auch immer Interessenspolitik und damit Verteilungspolitik, schreibt der für Europa brennende Autor Robert Menasse. Je mehr Menschen es gibt, die in relativer Misere leben und das Gefühl haben, um ihr Glück betrogen worden zu sein und die sich gleichzeitig politisch im Stich gelassen fühlen, desto größer sei die Gefahr, dass sie rechtspopulistisch wählen. ¶ Fried­rich von Hayek, der wirklich kein Freund des Sozialen war, präsentierte seine »Wahrheiten« derart: »Wahr ist, dass eine so­zia­le Markt­wirt­schaft, keine Markt­wirt­schaft, ein so­zia­ler Rechts­staat, kein Rechts­staat, ein so­zia­les Ge­wis­sen, kein Ge­wis­sen, so­zia­le Ge­rech­tig­keit, keine Ge­rech­tig­keit – und ich fürch­te auch, so­zia­le De­mo­kra­tie keine De­mo­kra­tie ist«. ¶ Nun zu etwas gänzlich Unpolitischen. Der Lebenspädagoge Alain de Botton erinnert uns an Tschechow. Es sei nicht wei­ter schwie­rig, sich bei Ker­zen­schein auf dessen Kurz­ge­schich­ten zu kon­zen­trie­ren, wenn die ein­zig mög­li­che Al­ter­na­ti­ve ein Ge­spräch mit einem Nach­barn ist, der einen strammen Spa­zier­gang weit ent­fernt wohn­t. Mit dieser Beobachtung wollen wir uns zu dreierlei ermuntern: Wieder einmal Tschechow zu lesen, einen zeitlich angemessenen Spaziergang zu machen und das Gespräch mit unserem Nachbarn zu suchen. Womit wir doch wieder beim Politischen gelandet sind. ♦

1 Neue Zürcher Zeitung. Vom Ausschlagen der Wünschelrute. 28.9.2014.


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