Fragen zur Wissenschaft
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921 Inszenieren einer Theorie? Verführt das Inszenieren nicht immer wieder dazu, die Materie zu überhöhen, sie immer noch ein wenig mächtiger, wichtiger, umfassender darzustellen? Warum werden die materiellen Dinge (die der Kunst etwa) ganz selbstverständlich als Objekte der Gestaltung gewürdigt, die des Denkens aber oft nicht einmal als solche thematisiert? Wäre es nicht gerade Aufgabe der Kunstwissenschaft, einen geschärften Blick für die Konstruktion von Deutungen zu schulen, zu untersuchen, wie der Blick auf die Dinge durch die Formen ihrer Deutung vorgeprägt wird? Dass also der Blick auf die Objektformen auch eine Folge jener Gedankenformen ist, die die Dinge umgeben? Und die ihnen überhaupt erst eine Rezeptionsgeschichte, eine Überlieferung sichern?

Inwiefern trägt die Form einer Idee zu ihrer Substanz, Relevanz, Wirkung und späteren Rezeption bei? Schwingt da nicht immer der Verdacht mit, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben? Wie waghalsig ist die Gestaltung eines Gedankens tatsächlich? Wie kann man im Modus distanzierter Gelassenheit über visuelle Schrecken nachdenken, ohne sie zu Ikonen des Grauens zu erheben?

Warum nicht Bücher untereinander sampeln und mischen und sie so in die eigene Leseökonomie einschreiben? Sich also gewissermaßen aus fremden Büchern ein eigenes Buch zusammenstellen, ein Theoriekonstrukt aus der Fülle der Theorieangebote bauen? Kann es einen Sieg des Sachregisters über das Personenregister geben? Kann man die Frage ignorieren, ab wann Zuspitzungen auf das vermeintlich Entscheidende in bloße Gesten der Selbstvergewisserung kippen? Bedarf es nicht immer auch der bewussten Einbeziehung möglicher Alternativen? Wie kann man sich einem Thema nähern, wenn bereits als Prämisse gesetzt ist, dass auch die Entfaltung eines Themas nicht das Eigentliche darstellen kann? Wofür steht dann noch die Metapher des Blindflugs, die dafür sensibilisieren soll, dass unser Zugang zur Welt nur durch die Filter ihrer Medien und Theorien möglich ist? Wie muss eine Theorie beschaffen sein, die nicht durch das Wissen um ihren blinden Fleck blockiert wird? Wo aber ist der Ort, von dem aus alles ›besser‹ beobachtet werden kann? Und was genau heißt in diesem Zusammenhang ›besser‹? Ist nicht schon die Vorstellung, man könne einen prinzipiell ›besseren‹ Beobachtungspunkt finden als andere, ein Wunsch nach Belehrung? Würde dieses Suchspiel nicht die Spreu vom Weizen trennen? Hätte nicht das, was unbedingt gesagt werden muss, wieder eine Chance, verstanden zu werden?

Was bedeutet es, die Theorie mit einem Methodenmantel zu umhüllen, der Bewegungsfreiheit garantiert und zugleich Schutz vor Entführung in das Reich des Als-ob, der Vorspiegelungen und fatalen Faszinationen verspricht? Ein effektvoll drapiertes Stück Stoff: Erregt es nicht Misstrauen, wenn es mehr suggeriert, als sich darunter verbirgt? Hält der Schein wirklich, was der Faltenwurf verspricht? Anders gefragt: Wie ist es den Theoretikern der Simulation überhaupt möglich, über die Simulation analytisch zu arbeiten? Wo doch das Wesen der Simulation in ihrer prinzipiellen Unentschlüsselbarkeit liegt, in ihrer totalen, bildmedialen Verdoppelung von Welt und Wirklichkeit? Läuft das nicht auf eine intellektuell durchaus verführerische, aber mit vielen gestalterischen Finessen ausgestattete Megainszenierung hinaus? Was tun, damit ein Text nicht in inszenatorischer Monotonie versandet? Wie hält man den Leser bei der Stange? Verfällt, wer mit rhetorischen Exzessen unter Dauerfeuer genommen wird, nicht umso schneller und unerbittlicher in gähnende Langeweile?

Warum sagen die Mediziner, Alkohol sei ein langsam wirkendes Gift? Haben die denn gar keine Zeit?

922 Was halten Sie von der Kybernetik? Besteht die Logik der Kybernetik darin, zentralisierte Institutionen und sesshafte Formen der Kontrolle durch Dispositive der Rückverfolgbarkeit und nomadische Formen der Kontrolle zu ersetzen? Gilt die zirkuläre Kausalität als kybernetisches Grundprinzip, das auf die Zirkularität aller Erkenntnis verweist und eine Kybernetik der Kybernetik skizziert? Geht es darum, die Idee der Zirkularität mit all ihren Konsequenzen zu durchdenken? Bedeutet Zirkularität, dass ein Ende kein Ende ist, sondern wieder ein Anfang, der nicht zu einem endgültigen Ende führt, sondern wieder ein Anfang sein kann?

Kann man in einer Zirkularität gefangen sein, aus der es kein Entkommen gibt? Wenn das Fortschreiten der Zeit als Zirkularität begriffen wird, aus der es kein Entrinnen gibt, ist dann das Looping auf einer metaphorischen Ebene eine Bewältigungsstrategie, um mit der Unausweichlichkeit der Gegenwart umzugehen? Könnte ein Pen-and-Paper-Rollenspiel bei der Lösung von Zirkularitätsproblemen hilfreich sein? Müsste ein Interpret der Finalität nicht zugeben, dass Zirkularität statt linearer Bewegung, Zirkularität statt Direktionalität symbolisiert?

Ist es wirklich eine große zivilisatorische Errungenschaft, dass wir andere Menschen im Alltag eben nicht als ganze Menschen wahrnehmen müssen, sondern sie gewissermaßen kybernetisch auf ein paar Rollen innerhalb von Informationsströmen reduzieren und damit als gleichgültig betrachten können? Haben wir es hier mit einem Gebilde zu tun, das tatsächlich nicht aus prallen, analogen Beziehungen zwischen Menschen besteht, sondern aus einem System sich wechselseitig verstärkender Informations- und Kommunikationsströme? Trifft Martin Heideggers Wort zu, dass in der kybernetisch imaginierten Welt der Unterschied zwischen automatischen Maschinen und Lebewesen verschwindet, dass er im unterschiedslosen Prozess der Information neutralisiert wird?

Wenn die Wissenschaft ihre Glaubwürdigkeit als Wissenschaft bewahren will, kann dann der erste Schritt nur darin bestehen, das wissenschaftliche Wissen auf sich selbst anzuwenden und eine Gesellschaft zu bilden, die nicht so sehr für die Kybernetik da ist, sondern vielmehr kybernetisch funktioniert?

Ist der Kern des Essens nicht als ein absolutes, eindimensionales Axiom zu verstehen, aus dem sich dann alles Weitere in Praxis und Denken gewissermaßen konsequent monologisch ableiten ließe? Ist nicht der formtheoretische Kern selbst eine nicht-ausschließliche, mehrwertige Unterscheidung: Das Essbare ist, ganz tautologisch, das Essbare, und dieses bestimmt sich durch die Bestimmung des Nicht-Essbaren – und umgekehrt? Ist es nicht so, dass das, was früher als genießbar galt, heute als nicht essbar gelten kann und morgen schon wieder eine Delikatesse ist? Wird das Kalkül psychedelisch-kybernetisch inspiriert, indem es Ergebnisse produziert, auf die wiederum selbstreferentiell nach eigenen Kriterien reagiert wird? Ist das Kalkül in sich geschlossen, aber autark? Befindet es sich in einer Umwelt, von der es sich zwar abgrenzt, auf deren Irritationen es aber nach eigenen Maßstäben fremdreferentiell reagieren muss?

Ist es wirklich eine große zivilisatorische Errungenschaft, dass wir andere Menschen im Alltag eben nicht als ganze Menschen wahrnehmen müssen, sondern sie gewissermaßen kybernetisch auf ein paar Rollen innerhalb von Informationsströmen reduzieren und damit als gleichgültig betrachten können? Haben wir es hier mit einem Gebilde zu tun, das tatsächlich nicht aus prallen, analogen Beziehungen zwischen Menschen besteht, sondern aus einem System sich wechselseitig verstärkender Informations- und Kommunikationsströme? Trifft Martin Heideggers Wort zu, dass in der kybernetisch imaginierten Welt der Unterschied zwischen automatischen Maschinen und Lebewesen verschwindet, dass er im unterschiedslosen Prozess der Information neutralisiert wird?

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