Fragen zur Wissenschaft
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911 Ist Serotonin eine Droge? Stimmt es, dass man mit Statistik keine einzige medizinisch relevante Erkenntnis begründen kann? Kann man zehn Wochen lang bestimmte positive Charaktereigenschaften trainieren, um herauszufinden, ob und wie sich das Wohlbefinden dadurch verändert? Wussten Sie, dass für Chirurgen Psychiater keine richtigen Ärzte sind, weil sie nicht operieren, sondern lieber reden, und dass für Psychiater Chirurgen Handwerker sind, die erst operieren und dann fragen? Muss man zwischen der Medizin als Wissenssystem und der medizinischen Praxis unterscheiden? Ist die Medizin ein hochgradiges System, in dem vor allem die Wissenschaft ihre Möglichkeiten nutzt und ihre Zwänge errichtet? Steht das System für das Böse? Gehört es zur polemischen Idiotie, dieses System als solches anzuprangern, um die eigenen Gesinnungsgenossen und sich selbst als Exponenten der individuellen Freiheit im Kampf gegen irgendein System darzustellen? Ist ein System eine Kombination von differenzierten Einzelkomponenten, die zusammen eine beabsichtigte Wirkung erzielen sollen, es aber nicht immer können? Wenn es Komplexität von Systemen gibt, gibt es dann auch Über- und Unterkomplexität? Was passiert, wenn verschiedene Systeme aufeinander treffen – beispielsweise ein überkomplexes auf ein unterkomplexes? Kracht es dann? Oder bleibt es bei einer unfreundlichen Interaktion? Ist ein gegenseitige Systemzerstörung mangels Kompatibilität denkbar? Wer sich von einem Staat, der in Gesundheitsfragen so gut wie keine eigene Kompetenz hat – wäre der Arzt sonst ein Freiberufler, der weisungsfrei handelt? – Ausgangssperren diktieren lässt, fürchtet er eine totale Überwachung? Zeigen die letzten Krisenjahre das Ende der ärztlichen Freiberuflichkeit an, die dem Zeitgeist widerspricht? Wer berät dann den Staat, wer führt den Patienten? Der digitalisierte Arzt in Gestalt der künstlichen Intelligenz? Wie kann es sein, dass im Fach »Angewandte Naturwissenschaften« nach fünf Jahren Studium kaum einer der Doktoranden die Bäume vor dem Universitätsgebäude bestimmen kann? Woran liegt es, dass Studenten desselben Studienganges Studenten eines anderen Studienganges belächeln, als diese die Stimmen heimischer Vögel lernten?
912 Kommt das Ende der Wissenschaft? Und mit ihr das Ende der Geschichte, von dem Francis Fukuyama phantasierte? Was kommt danach? Das ersehnte himmlische Jerusalem? Kommt dann auch das Ende des endgültigen und universellen Kapitalismus? Oder kommt das Nichts? Löst die Wissenschaft die Religion als Glaubenssystem und Wahrheitslieferant ab? Müssen die Wissenschaften endgültige Gewissheiten schaffen, verlässliche Prophezeiungen liefern, alle Zweifel beseitigen und eindeutige Handlungsanweisungen geben? Und wenn sie das nicht können? Sind sie dann nichts wert? Sind solche Einstellungen nicht im Grunde vergleichbar mit dem Realitätsverlust, besser: dem Realitätsverlust von Psychotikern? Wie abhängig machen sich Universitäten durch die Einwerbung von Drittmitteln von den Interessen der Geldgeber? Wie unabhängig kann Forschung noch sein? Welche Rolle spielen ethische Richtlinien und was ist von ihnen zu erwarten?
Wer ist der Autor von maschinell generierten Texten – der Nutzer, der Programmierer des Algorithmus oder vielleicht sogar der Algorithmus selbst? Ist die Technologie als Allheilmittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme anzusehen? Wie soll mit der riesigen Datenmenge der überwachten Bevölkerung umgegangen werden? Können Datensätze immer anders interpretiert werden, wenn eine andere Darstellungsform gewählt wird? Gilt das für alle Statistiken und Studien? Werden die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien durch vorgefasste Meinungen und Erwartungen beeinflusst? Hat sich die Verantwortung von der Zivilgesellschaft zu den Überwachern verschoben? Kann überhaupt noch jemand zur Verantwortung gezogen werden, wenn alles der Technik überlassen wird? Ist unsere heutige Expertenwissenschaft, die sich in immer engeren Nischen des Wissens bewegt, eine Fehlentwicklung? Ist das Peer-Review-System, in dem neue Entwicklungen von Fachkollegen begutachtet werden, wegen seiner Blickverengung und Einseitigkeit noch mit einer freien Wissenschaft vereinbar? Wäre es nicht sinnvoller, ein Wissenschaftsgericht aus Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen als Entscheidungsinstanz vorzusehen?
913 Was wissen Sie über Euklid? Wenn Punkte in einer Reihe ununterbrochen aneinandergereiht sind, bilden sie dann eine Linie? Wie nennt man diese Linie? Nennt man eine Linie »gerade«, weil sie von einem Punkt zum anderen in gerader Linie verläuft? Nennt man eine andere Linie »gebogen«, weil sie von einem Punkt zum anderen nicht gerade, sondern gebogen verläuft? Was ist das Kennzeichen der Moderne? Ist es das lineare Gerüst, eine berechenbare Ordnung, die vom privaten Raum bis zur idealen Stadt reicht? Wie kommt es, dass die gerade Linie die erlebten Räume der Innen- und Außenarchitektur prägend durchzieht? Macht der abstrakt ausgerichtete Raum, in dem wir leben, jedes Individuum, wie Wissenschaftler sagen, zum »Zentralorgan aller Phänomene dieser Erde«? Ein abstruser Gedanke? Selbst wenn ein zentralperspektivischer Blick auf die Dinge, der von ihm, dem Menschen, ausgeht, ihn zum einzig sinnvollen Bezugspunkt macht, in dem die uneinheitliche, zum Disparaten tendierende Welt zusammenläuft, ist seine herausgehobene Stellung nicht dennoch eine illusorische, eine angemaßte, weil die analytische Linie nur eine invasive und aggressive Linie sein kann, die den Lebensraum wie mit Messern durchschneidet? Warum gelten Tullas Begradigung des Rheins oder die der Donau bei Wien als glorreiche Projekte? Weil die imperialistische Methode, auf dem Papier eine gerade Linie zu ziehen, in Wirklichkeit eine sehr reale, sehr brutale Grenze zieht, die Mensch und Natur in eine andere Ordnung zwingt, die auch grausam und todbringend sein kann? Warum ist der Blick der westlichen Welt immer nach vorne gerichtet, meist entlang einer geraden Linie, ohne sich der Illusion bewusst zu sein, auf der er beruht? Welcher Geist steckt hinter dieser kalkulierten Nüchternheit und formalen Beherrschung? Wirkt diese linear kalkulierte und optimierte Welt nicht zunehmend eintönig und leblos? Was bleibt vom Umgang mit der Zeit, in der sich die Geometrie der linearen Abfolge spiegelt? Ist es nicht mehr als der banale Modus einer Timeline, der millionenfachen Lebenszeitschemata des digitalen Mediensubjekts?
Untergräbt die digitale Technologie unsere kulturellen Institutionen, indem sie ihre zentralen Grundlagen zerstört: das geistige Eigentum und die moralische Autorität, die mit der individuellen Autorenschaft verbunden sind? Aber ist das tragisch? Wird die Zukunft der Wissensproduktion nicht eher kollektiv und kollaborativ sein, eine Rückkehr zur mündlichen Tradition der Welt vor Gutenbergs Erfindung? Warum sollte die Druckkultur, die auf linearer Erzählung und sequentieller Anordnung von Inhalten beruht, nicht einer chaotischeren, aber umso spannenderen Lebens- und Lesewelt weichen?
914 Wo sind »Werte« in einer verwirrenden und chaotischen Gegenwart zu finden? Was geschieht, wenn Wissenschaft von Werten getrennt gedacht wird, bis sie sich in spezifischer Weise in ihnen manifestiert, sie überprüft, philosophisch und historisch einordnet oder anderweitig versteht? Sind Werte eine Folge von Wissen, in Wissen eingebettet oder nur von Wissen beeinflusst oder geleitet? Gibt es noch die Vorstellung, dass derjenige, der die Welt kennt, etwa der Gelehrte oder Wissenschaftler, auch weiß, was an ihr wertvoll ist? Gibt es noch die aufklärerische Annahme, dass es einen Unterschied zwischen Wahrheit und Wert gibt und dass Wahrheit Werte beeinflussen kann? Wie sind die Folgen der Moderne einzuordnen, in der die Wissenschaft zusammen mit Gott und der Tradition zuerst die Fundamente der Werte zerstörte, dann den rettenden Wert der Werte zunichte machte, indem sie ihre ökonomische Bedeutung über alles stellte, schließlich die aufklärerischen Vorstellungen vom Zusammenhang zwischen Wissen und Emanzipation, Wissen und Fortschritt, Wissen und Gemeinwohl, Wissen und der Auswahl dessen, was wertvoll ist, oder dem Schutz dessen, was wir für wertvoll halten, zum Einsturz brachte und schließlich selbst in die Krise geriet?
Ist der »Experimentator-Effekt« in der medizinischen Forschung so weit verbreitet, dass klinische Studien oft doppelblind durchgeführt werden? Wissen während einer Studie die Versuchsleiter oder die Patienten, wer welche Behandlung erhält? Warum wird der Experimentator-Effekt in der naturwissenschaftlichen Forschung nicht berücksichtigt?
Würde man es einem Lungenfacharzt, der bei einem Patienten Lungenkrebs diagnostiziert hat, als diagnostische Verfälschung vorwerfen, wenn er nicht im gleichen Atemzug auf die hervorragenden Prostatawerte, die geschmeidigen Kniegelenke und das erstaunlich gute Hörvermögen des Patienten hinweist?
Schädigt die unkritische Übernahme politisch favorisierter »grüner« Positionen die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft? Stimmt es, dass einige, aber nicht alle Extremereignisse durch den Klimawandel verstärkt werden? Ist die Wahrscheinlichkeit, in naher Zukunft signifikante Kipppunkte erleben zu müssen, nur eine interessante wissenschaftliche Hypothese, die in den gängigen Klimamodellsimulationen nicht vorkommt und für die es auch keine belastbare aktuelle Evidenz gibt? Oder spiegeln die Modelle, die immer eine Vereinfachung der Realität darstellen, sowohl viele Eigenschaften der realen Welt wider (»positive Analoga«) als auch andere, die als nicht wesentlich angesehen werden (»negative Analoga«)?
915 Warum spricht jeder vom Mars, aber niemand von der Venus? Was wissen wir wirklich über das Universum? Zum Beispiel über den Ursprung des Lebens? Sind wir allein? Was ist eine Weltformel und warum suchen Physiker so verzweifelt danach? Was wäre, wenn wir die alte Freundschaft zwischen Wissenschaft, Religion und Philosophie wiederherstellen würden? Woran würde die Menschheit »glauben«, wenn Zweifel erlaubt wären? Hat die Wissenschaft der Natur wirklich gut zugehört oder gibt es Phänomene und Situationen, in denen ihre Gesetze versagen? Was kann man aus Beobachtungen lernen? Wäre es nicht klüger, Theorien immer wieder an Einzelfällen zu testen, statt mit unseren »sicheren« Überzeugungen durchs Leben zu treiben? Wie sieht sie aus, die Formel des Lebens? Warum löst die Erkenntnis, dass der Mensch aus nichts anderem als Milliarden von Atomen besteht, bei vielen ein Gefühl der Leere aus? Statt dahinter eine Abwertung der eigenen Person zu vermuten, könnte man darin auch eine Aufwertung der Materie sehen? Was ist beeindruckender: Der Gedanke, dass der Mensch aus der gleichen Materie besteht wie alles, was ihn umgibt, oder der Gedanke, dass all die Materie, die ihn umgibt, in einer bestimmten, von ihm selbst zusammengesetzten Kombination ebenfalls lebendig sein und sogar ein Bewusstsein haben kann? Wenn durch irgendeine Katastrophe alles wissenschaftliche Wissen vernichtet würde und nur ein Satz oder ein Begriff an die nächste Generation weitergegeben würde, welche Aussage würde mit den wenigsten Worten die meisten Informationen enthalten? Ist es, wie Richard Feyman sagte, die »Atomhypothese«?
Schien es einst, dass der Kosmos trotz seiner Unermesslichkeit durch die Anwendung einiger weniger starrer physikalischer Gesetze verstanden werden könnte? Hat Newton diese Idee auf den Punkt gebracht, als er zeigte, wie Äpfel von den Bäumen fallen und die Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne durch dieselbe Kraft, die Gravitation, bestimmt werden? Welche radikale Vereinheitlichung irdischer und himmlischer Phänomene hat in der modernen Wissenschaft überlebt? Ist es die Annahme, dass all die unzähligen Moleküle, Atome und subatomaren Teilchen im Universum denselben Gesetzen gehorchen? Wie viele Beweise sprechen dafür, dass diese Annahme richtig ist, so dass man daraus schließen kann, dass die Vervollkommnung unseres Verständnisses dieser Gesetze alle noch offenen Fragen der kosmischen Geschichte lösen wird? Liegt hier nicht ein logischer Trugschluss vor? Selbst wenn wir uns vorstellen, dass die Menschheit eines Tages eine »Theorie von allem« entdecken wird, die alle einzelnen Teilchen und Kräfte erklärt, wird dann der Erklärungswert dieser Theorie für das Universum als Ganzes überragend oder eher marginal sein?
Ist der immer noch gängige Satz »Folgt der Wissenschaft« realistisch? Ist Wissenschaft nicht ein Prozess, der einer Methode folgt? Technisch gesehen ist es ein Substantiv, aber ist es nicht eigentlich ein Verb? Kann man der Wissenschaft folgen, wie man einem Auto folgt, das man selbst fährt?