Fragen zur Wissenschaft
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901 Was ist Wissenschaft? Wie entsteht eine wissenschaftliche Tatsache? Kann man dem geschriebenen Wort noch trauen? Kann man heute noch einem Autor, einem Buch vertrauen? Gilt das, was schwarz auf weiß gedruckt vor uns liegt, als verbindlich? Sind Bücher wie Yuval Hararis Sapiens oder die Anfänge von David Graeber und David Wengrow noch seriöse Wissenschaft? Stimmt ihre Quellenbasis? Berufen sich die Autoren – es sind auffallend viele Männer – auf den neuesten Stand der Forschung? Sind solche Bücher nicht Grenzphänomene, die das wilde Denken von Bestsellerautoren bedienen? Wie sind diese Bücher einzuordnen? Könnte es sein, dass nicht das historische Buch das Geschäftsmodell ist, sondern die Geschichte selbst?

902 Warum ist ein Tennisball flauschig? Könnte es angesichts der enormen Fortschritte, die im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) zu verzeichnen sind, sein, dass »die Wirklichkeit die zu ihrer Beschreibung verfügbare Sprache überholt« (Benjamin Bratton) hat? Wissen wir genau, was menschliche und künstliche Intelligenz unterscheidet? Wo finden wir ein Vokabular, das die neuen Realitäten präzise beschreiben kann? Wie verhält sich die handwerkliche Arbeit eines Forschers zu dem, was im veröffentlichten wissenschaftlichen Text steht? Wie viele Wörter braucht man Ihrer Meinung nach, um eine große Idee zu beschreiben? 600 Wörter? 1000 Wörter? Oder mehr? Ist künstliche Intelligenz nicht eher maschinelle Intelligenz? Könnte es nicht sein, dass die gesamte Intelligenz, die alle KIs in sich vereinen, nicht einmal die Intelligenz einer Honigbiene erreicht? Neigen wir nicht dazu, die kurzfristigen Auswirkungen einer Technologie zu überschätzen und die langfristigen zu unterschätzen? Wissen wir überhaupt, was Denken ist? Wenn wir annehmen, dass wir in einer Welt leben, in der es nur noch künstliche Intelligenz gibt, wie kann es dann eine Illusion geben, wenn es niemanden gibt, der sie wahrnehmen und durch sie getäuscht werden kann? Muss es nicht Bereiche der Welt geben, die KI nicht abdecken kann oder darf? Nicht einmal prinzipiell?

903 Wohin steuert unser Sein? Wohin führt die Zukunft des (historischen) Menschen? An welchen Eigenschaften des Menschen sollen wir festhalten? Welche Entwicklungen zeichnen sich für die Zukunft des Menschen ab? Wie werden wir morgen leben? Werden wir durch künstliche Intelligenzen ersetzt? Wohin soll die Zukunft des Menschen führen? Ist ewiges Leben erstrebenswert? Ist das heutige Menschenbild auf reine Physik oder reine Chemie reduziert? Wie konnte es dazu kommen, dass sich die moderne Wissenschaft weitgehend von der Aufklärung zu einer dogmatischen Erstarrung entwickelt hat, wie einst der Absolutheitsanspruch der Kirche?

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Wenn sich das Signifikat dem Zugriff des Signifikanten immer wieder entzieht, wenn es das Signifikat nie in diesem oder jenem punktuellen Sinn gibt, wenn hier wie dort nichts die Bewegung oder das In-Bewegung-Sein eines stets sich selbst entrissenen, auf sich selbst verwiesenen Sinns aufhält: Wie kann man dann über die Wirkung von Sinn oder Bedeutung Rechenschaft ablegen? Wie kann ein objektiver Standpunkt der Wissenschaft eingenommen werden, wenn es überhaupt keinen Standpunkt gibt?

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904 Warum fiel Newtons Apfel zu Boden? Warum sagen wir, dass Gott nicht würfelt? Wer hat all die Schönheit der Naturgesetze geschaffen, die wir für selbstverständlich halten? Für welches Auge sind sie schön? Wenn wir glauben, dass Schönheit ein absoluter, vom Menschen unabhängiger Begriff ist, drängt sich dann nicht die verlockende und unausweichliche Schlussfolgerung auf, dass sich irgendwo ein Schöpfer verbergen muss, der einen ähnlichen Geschmack hat wie wir und einen Verstand, der nicht viel größer ist als der unsere? Ist es eine Binsenweisheit, dass das Leben umso kleinlicher und erbärmlicher wird, je höher es entwickelt ist? Oder ist der Mensch eine Anomalie? Warum versuchen wir, Pläne narrensicher zu machen? Sollten sie nicht genialsicher sein? Wann wurde die Liebe privatisiert? Wann wird das Tierreich eine Tierrepublik? Ist die Menschheit unter allen möglichen intelligenten Zivilisationen eine, die ihr evolutionäres Schicksal überwinden kann? Welche Folgen hätte es für die Gesellschaft, wenn Gesundheit als öffentliches Gut oder gar als Menschenrecht betrachtet würde? Was sagen Sie zu einem 200-seitigen Sachbuch, das »eine Mischung aus Standardformeln der westlichen moralischen Oberschicht, reihenweise logischen Fehlschlüssen, bewussten Irreführungen und einem kräftigen Schuss cremig gerührter Gesinnung« (Alexander Wendt) ist? Und was sagen Sie, wenn Sie erfahren, dass die Autorin, eine Professorin, deren Name auf dem Buchdeckel steht, gar nicht die alleinige Autorin ist, sondern heimlich einen journalistisch tätigen Zweitautor beschäftigt hat? Ist das noch Wissenschaft?

905 Wie soll man mit den Fehlern der Wissenschaft umgehen? Als Amnestie für gemachte Fehler oder als Aufruf zur Amnesie? Was ist wichtiger: Konformismus oder Kritikfähigkeit? Wie rechtfertigt man eine Wissenschaft, deren Grundlagen man zerstört? Wie kann man eine Wissenschaft zerstören, deren Konzepte man in ihrer Gesamtheit erhalten will? Kann man eine bereits konstituierte Wissenschaft neu begründen oder umgestalten, indem man mit ihren eigenen Begriffen das angreift, was sie als Wissenschaft konstituiert? Wie können medizinische Behandlungen das Leben verlängern, wenn die meisten Krankheitsursachen ungeklärt sind und viele Diagnosen auf den Totenscheinen gar nicht zutreffen? Wie viele Menschen sterben an Krankheiten, die nicht erkannt oder erkannt, aber nicht behandelt werden? Und wie viele Menschen sterben an den Folgen verordneter Medikamente oder an den Folgen von Operationen? Ist den Menschen bewusst, dass sie, wenn sie sich für eine Therapie entscheiden, ihr Recht auf das Schicksal verlieren? Warum gehören Zahnärzte zu den Heilberufen und nicht zu den Handwerkern? Könnte es sein, dass mächtige Strippenzieher hinter den Kulissen – sagen wir die Pharmaindustrie – wertvolle Therapien absichtlich schlecht machen oder Informationen darüber unterdrücken, weil Gesundheit ihren wirtschaftlichen und politischen Interessen zuwiderläuft? Wundert es Sie, dass eine solche Behauptung nicht widerlegt werden kann? Gibt es vielleicht doch mehr zwischen Himmel und Erde, als sich die Schulmedizin träumen lässt? Was kommt am Ende heraus, wenn Studien mit großen Fallzahlen statistisch ausgewertet werden? Wird nicht der Durchschnittspatient ermittelt, den in der Arztpraxis nie jemand zu Gesicht bekommt? Wo bleibt das intensive persönliche Gespräch mit dem einzigartigen Patienten? Was halten Sie eigentlich von der Homöopathie? Ist das Hokuspokus? Sind das nur komische Globuli und Pülverchen? Würden Sie jemandem glauben, der behauptet, die wiederholte Einnahme einer einzigen Tablette im Abstand von fünf Minuten könne eine Lungenentzündung innerhalb von sechs Stunden heilen? Würden Sie sagen, dass das Motto Follow the science eine naive und zugleich militante Wissenschaftsgläubigkeit verkörpert? Oder ist es eine Mischung aus Chaos und Inkompetenz? Wollen Sie die schönste Frage zur die Psychoanalyse hören? Ist die Psychoanalyse die Wissenschaft von dem, was wir nicht wissen wollen – und was uns doch beschäftigt?

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