Fragen zu Wirtschaft und Technik
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811 Erinnern Sie sich noch an den »Cronut«? An das frankensteinsche Gebäck - halb Croissant, halb Donut - das bei seiner Einführung 2013 so beliebt war, dass die New Yorker stundenlang Schlange standen, um einen zu probieren? Oder dass sie Cronut-Käufer anheuerten, die auf sie warteten und bis zu hundert Dollar für ein einziges Stück glasierten Teig bezahlten? Wie nennen Sie das: Begeisterung, Wahnsinn, Extravaganz oder Dekadenz? Befürwortet die School of Longtermism wirklich, dass so viele Menschen wie möglich auf der Erde leben sollen? Sollen sie notfalls auswandern oder auf einen anderen Planeten umgesiedelt werden, wenn zu viele Menschen mehr Leid auf der Welt verursachen?

Gibt es Hunger in der Welt, weil der Getreidepreis der Börsenspekulation unterliegt? Warum verbieten die Regierungen nicht den Börsenhandel mit Nahrungsmitteln? Ist es Ministern bei Strafe des Amtsverlusts oder gar des Lebens verboten, dies zu tun, weil nicht die politische Macht zählt, sondern die Macht der Geldelite? Wer heute von Wohlstand spricht, meint er die gesamte Gesellschaft? Oder nur die kleine Oberschicht mit stetig wachsendem Vermögen? Gibt es die viel beschworene Mitte überhaupt noch? Ist Wohlstand für die meisten Menschen kaum mehr als eine Illusion, die mit Gewalt aufrechterhalten wird? Wann lernen die Menschen endlich, dass der monetäre Wohlstand an sich nicht glücklich macht, sondern oft Angst und Zwang erzeugt, über welche die Menschen sehr gut steuer- und regierbar sind?

Sagten die Neocons nicht, »Teilen ist gut« und schufen damit die größten Vermögenskonzentrationen in der Geschichte der Menschheit? Was sind die kostenlose Dinge, die süchtig machen? Wurden diese Dinge nur geschaffen, um die eigene Macht an jemand anderen abzugeben, das eigene Leben allmählich auf grausame Weise zu degradieren?

Goldenes Zeitalter, Silbernes Zeitalter, Bronzezeit, Modernes Zeitalter: Was kommt danach? Ist schon ein neues Zeitalter angebrochen? Vielleicht das Konsumzeitalter? Klingt das nach paradiesischen Zuständen?

812 Do you live in the EU? Warum muss ein Autor, der Inhalte auf oder über die Dienste einer Internetplattform einreicht, veröffentlicht oder anzeigen lässt, dieser eine weltweite, nicht ausschließliche, gebührenfreie Lizenz zur Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Anpassung, Änderung, Veröffentlichung, Übertragung, Anzeige und Verbreitung solcher Inhalte in allen derzeit bekannten oder später entwickelten Medien oder Verbreitungsarten erteilen, einschließlich, zur Klarstellung, der Kuratierung, Transformation und Übersetzung solcher Inhalte? Warum erlaubt diese Lizenz der Internetplattform, die Inhalte dem Rest der Welt zur Verfügung zu stellen und anderen zu erlauben, dasselbe zu tun? Warum muss er zustimmen, dass diese Lizenz der Internetplattform das Recht einräumt, bestimmte Dienste bereitzustellen, zu bewerben und zu verbessern und Inhalte, die an oder über die Dienste übermittelt wurden, anderen Unternehmen, Organisationen oder Einzelpersonen zur Syndikation, Verbreitung, Verteilung, Wiederveröffentlichung, Werbung oder Veröffentlichung solcher Inhalte in anderen Medien und Diensten zur Verfügung zu stellen? Warum erfolgt eine solche Nutzung durch die Internetplattform oder andere Unternehmen, Organisationen oder Einzelpersonen ohne Vergütung für die vom Urheber übermittelten, veröffentlichten, übertragenen oder anderweitig über die Dienste zugänglich gemachten Inhalte, so dass die Nutzung der Dienste durch den Urheber als ausreichende Vergütung für die Inhalte und die Einräumung der darin enthaltenen Rechte vereinbart wird?

Wenn ein Unternehmen, das sich »Open AI« nennt und sich gleichzeitig hermetisch gegen die Offenlegung des algorithmischen Kerns seiner KI-Software abschottet, fragt: »Sollte KI standardmäßig die Persönlichkeit eines durchschnittlichen Individuums in der Welt, das Land des Nutzers, die demografische Herkunft des Nutzers oder etwas ganz anderes widerspiegeln?«, dann müssten wir sofort fragen: Was ist ein durchschnittliches Individuum? Das arithmetische Mittel der Summe aller auf der Welt lebenden Individuen? Oder die gemeinsame Schnittmenge all dieser Individuen? Und wie verhält sich das Durchschnittsindividuum zum Kosmopoliten, der sich je nach Konzept des Kosmopolitismus als mehr oder weniger unabhängig von seiner Herkunftskultur versteht? Warum fragt denn keiner?

Wie nennt man einen Milliardär, der sich als leidender Schöngeist inszeniert, noch dazu in der Rolle eines Normalbürgers, indem er sagt, er habe nur einen Anzug und fahre ein altes, verbeultes Auto, und der gleichzeitig bedauert, dass die Armen das Leben nicht genießen können, weil ihnen das Geld fehlt, und der auch die Reichen nicht davon ausnimmt, weil ihnen – angeblich – Maß und Mitte fehlen? Und wenn dieser Milliardär zufällig Nasemann hieße? Müsste man ihm dann nicht eine lange Nase zeigen, ob seiner kruden Identitätseinstellung, seiner ausufernden Proletariatsdramaturgie, seines verlorenen Sinns für Verhältnismäßigkeiten?

813 Macht die künstliche Intelligenz viele Jobs überflüssig? Wird es dann für alle Betroffenen ein universelles Grundeinkommen (für manche ein Großeinkommen) geben? Wer wollte Menschen bezahlen, die nichts zu tun haben, und schon gar nicht weltweite acht Milliarden Menschen? Ist in einigen Jahrhunderten eine Gesellschaft mit einem völlig anderen Konzept der Produktivität denkbar? Ist die Vorstellung realistisch, dass all die Menschen in diese neue Gesellschaftsform transferiert werden? Oder werden es erneut Gesellschaftsklassen gebildet, mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben können? Was tun mit einer Wirtschaft, die nicht mit ideologisch bedingter Ressourcenknappheit umgehen kann? Haben Wirtschaftssanktionen immer wirtschaftliche Auswirkungen? Und wenn nichts oder das Gegenteil dessen passiert, was erwartet wurde? Weil die Logik von Demokratien in Autokratien nicht funktioniert? Ist das nicht eine absurde Argumentation? Sollten wissenschaftlich erwiesene Fakten oder hohe Wahrscheinlichkeiten gleichgewichtet werden mit Annahmen, Vermutungen, Mutmaßungen und Meinungen?

Hat die Dominanz der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft, die vom egoistischen Menschen ausgeht, in den letzten Jahrzehnten egoistisches Verhalten normalisiert? Werden Menschen, die altruistisch handeln, nicht als »Dummköpfe« belächelt oder (egoistischen) Hintergedanken verdächtigt? Was sagen uns verhaltensorientierte oder institutionalistische Wirtschaftstheorien? Müssen wir nicht davon ausgehen, dass Menschen komplexe Motive haben, von denen der Egoismus nur eines ist? Könnten nicht unterschiedliche Gesellschaftsformen unterschiedliche Motivationen hervorbringen und sogar die Motivationen der Menschen unterschiedlich prägen? Und schließlich: Beeinflusst die Ökonomie, was Menschen für normal halten, wie sie sich selbst sehen und welches Verhalten sie an den Tag legen, um sich anzupassen?

814 Ist das ethisch oder eher scheinheilig: Mitmachen in der Erfolgsmaschinerie, um dann, wenn man richtig reich ist, den Teil des Geldes, der einem nicht weh tut, für Gutes zu spenden? Was ist mit all denen, die sich dann doch nicht so erfolgreich wähnen, während sie auf dem Weg zum Erfolg unethisch unterwegs waren und deshalb nicht mehr bereit sind zu geben? Oder mit denen, die sich unterwegs korrumpieren und der Machtgier erliegen, während sie unethisch unterwegs sind? Ist es unethisch, ethisches Handeln aufzuschieben? Basieren die Formen des Utilitarismus, des »effektiven Altruismus« und des longtermism auf nichts anderem als dem Machiavellismus? Ist das Prinzip »Der Zweck heiligt die Mittel« nicht die Grundlage oder ein wesentlicher Bestandteil totalitärer Ideologien wie dem Kommunismus oder dem Faschismus? Die Tatsache, dass man sich nur mit der Überlegenheit der eigenen Argumentation beschäftigt, ist das ethisch? Kann oder muss man die Anhänger des pseudoreligiösen effektiven Altruismus als illiberale Ideologen bezeichnen? Was, wenn der Geist der Technologie (und auch der künstlichen Intelligenz), der aus dem Silicon Valley kommt, weniger eine Philosophie oder Denkschule ist als vielmehr menschliche Neugier, Ehrgeiz, Wissen zu nutzen, zu erforschen, zu entwickeln, zu transferieren, zu kombinieren und in neue Technologien zu investieren und mit dem kommerziellen Erfolg zu Geld, Macht, Ruhm (oder Misserfolg oder Schande) sowie mehr oder weniger Einfluss oder Größe zu kommen?

Kommen ethische Fragen oder Formen des Altruismus – wenn überhaupt – immer erst später? Und die Kontrolle? Muss nicht immer wieder daran erinnert werden, dass jede neue Technologie zum Guten wie zum Schlechten genutzt werden kann? Gilt nicht, was beim Schießpulver, beim Dynamit, bei der Kernspaltung, jetzt auch bei der künstlichen Intelligenz gilt: Macht und Einfluss hat derjenige, der das Wissen über die Anwendung verfügt? Während man beim Schießpulver wusste, was drin war, wer weiß bei Algorithmen, wie sie programmiert sind? Liegt im Unwissen der Anwendung und der Kombination der Daten die eigentliche Brisanz, das Risiko?

815 Arena statt Agora? Feiert die digitale Welt ihre Freiheit, obwohl die digitalen Großkonzerne die mächtigsten Kartelle der Geschichte geschaffen haben? Wird den Nutzern oberflächlich fast alles erlaubt, um sie davon abzulenken, wie sehr sie an deren Fäden hängen? Was wäre die angemessene Antwort auf diese Situation, die sich in den Augen vieler Beobachter immer weiter zuspitzt? Würde ein Verbot der Abschöpfung sensibler Nutzerdaten durch kapitalistische Plattformunternehmen ausreichen? Oder wären dem Gemeinwohl verpflichtete öffentlich-rechtliche »soziale« Plattformen eine Lösung? Oder sollte sich jeder Einzelne einfach weniger und weniger sorglos im Internet bewegen?

Ist das die Zukunft des Automobils: Autohersteller verkaufen Autos – ohne Händler? Ist die Preistransparenz ein großer Vorteil, weil der preisbewusste Kunde nicht mehr von Händler zu Händler gehen muss, um das für ihn günstigste Angebot zu finden? Wenn es keine Preisverhandlungen mehr gibt, weil der Preis vom Hersteller unverrückbar festgelegt ist, macht dann der Autokauf noch Spaß?

Welches Leitbild hat der Kapitalismus heute? Ist es der smarte Finanzjongleur, der frühere Leitbilder wie den ehrbaren Kaufmann oder den fleißigen Mittelständler verdrängt hat? Beherrschen statt Ingenieuren und Organisatoren Windbeutel und Dampfplauderer das Feld, skrupellose Geschäftemacher, die auch in der Politik mitmischen? Was bleibt vom guten alten Leistungsprinzip, wenn mit heißer Luft gehandelt und mit Luftschlössern große Vermögen gemacht werden?

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