Fragen zu Literatur und Sprache
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716 Novalis? Wer hat gesagt, dass Sprechen und Schreiben eine närrische Sache, dass ein schönes Gespräch nichts als ein Wortspiel sei? Bewundern wir nicht den lächerlichen Irrtum, zu glauben, wir sprächen um der Dinge willen? Ist es nicht das wunderbare und fruchtbare Geheimnis, dass, wenn jemand nur um des Redens willen spricht, er gerade die schönsten und originellsten Wahrheiten ausspricht? Und wenn er etwas Bestimmtes sagen will, bringt ihn dann nicht die Launenhaftigkeit der Sprache dazu, das Lächerlichste und Verkehrteste zu sagen? Kommt daher der Haß mancher ernsten Menschen gegen die Sprache? Merken sie in ihrem Mutwillen nicht, dass das verächtliche Geschwätz die unendlich ernste Seite der Sprache ist?

War es nur ein Gedankenspiel, geboren aus einer vagen Erinnerung? Muss man, um Gustave Flaubert übersetzen und verstehen zu können, wirklich alles gelesen haben, was er gelesen hat, wie eine Übersetzerin einmal bemerkte? Ist das verständlich? Können wir wissen, was ein anderer Mensch gelesen hat? Und dann seinen Gedankengängen folgen? Erinnern Sie sich an alle Titel, mit denen Sie in Ihrem Leben in Berührung gekommen sind? Was würden Sie tun, wenn Sie einundfünfzig kurze Essays, knapp neunzig Seiten, zu übersetzen hätten, von denen der Autor schreibt, dass diese Texte eine elementare Wirkung auf ihn gehabt hätten, und Sie beiläufig erfahren würden, dass die zu übersetzenden Texte Kommentare zu anderen Texten sind? Wäre es nicht faszinierend und spannend, einmal all den Verästelungen zu folgen, die sich beim Lesen ergeben, auch wenn das streng genommen Tausende von Seiten bedeuten könnte? Wäre das ein sinnvolles Unterfangen? Oder nur eine Schnapsidee?

Sollte man sich wie der politische Philosoph und Harvard-Professor John Rawls angewöhnen, die Füße barfuß auf die Sofakante zu stellen, den Notizblock auf die Knie zu legen und alle Argumente seiner Besucher, seien es Kollegen oder Studenten, zu notieren, um sie kurz darauf als Synthese an die Gesprächspartner zu schicken? Das Ziel? Die Gedanken weiterspinnen?

Was zeigen Wörterbücher? Verraten sie nur etwas über ihre Epoche? Oder vor allem das, was nicht in ihnen steht?

717 Was werden Bücher in fünfzig oder hundert Jahren sein? Werden sie nur noch als Alt- und Restbestände in Archiven und Bibliotheken für ein paar Bücherwürmer verwaltet? Wird es Bücherliebhaber geben, die sie wie Oldtimer pflegen? Wird es Volkshochschulkurse geben, die speziell in den Umgang mit gedruckten Büchern einführen? Wird das Lesen am Bildschirm zum Paradigma einer neuen Lesekultur? Werden sich neue Formen populärer und wissenschaftlicher Lektüre herausbilden? Wird man sich fragen: Was war so eindringlich am Buch? Was ist ein Buch mit 783 Seiten und einem Gewicht von 1,2 Kilogramm? Ein Elefant? Ein Ungetüm? Etwas, das man nur mit Mühe nach Hause tragen, lesen und dann beiseite legen kann? Was sagen Umfang und Gewicht über den Inhalt eines solchen Werkes aus?

In welcher Welt leben wir eigentlich, wenn Bücher nicht mehr klingen dürfen, wie es in ihrer Entstehungszeit oder in der Zeit, in der sie spielen, üblich war? Macht die political correctness nicht die Gesellschaft zu einer großen Gruppe von Heuchlern, Duckmäusern und Feiglingen? Wie deuten Sie den Satz von Jacques Lancan: »Dass man sagt, bleibt vergessen hinter dem, was gesagt wird in dem, was gehört wird«? Wenn Sie als Autor einen Brief erhalten, in dem es heißt: »Ich habe Ihren Artikel gelesen und war erstaunt über mich selbst. Und zwar wegen der mangelnden Überraschung über das, was berichtet wurde«, wie fühlen Sie sich nach dieser Lektüre?

718 Lust auf eine neue Wortwelt? Zum Beispiel ein Buch, indem die Sätze in zwei Spalten angeordnet und in einer phonetisierten Schrift geschrieben sind, die sich der Rechtschreibung entzieht und sich mehr auf das Wort-, Buchstaben- und Zeichenmaterial konzentriert? Wie inszeniert man eine Schriftlichkeit, die die Leser nicht zum Zeuge eines Zwanges macht? Womit kann man verhindern, dass auch Rezipienten nicht nur rasch zum Ende des Textes, des Themas, des Buches eilen wollen? Was löst es in Ihnen aus, wenn Sie feststellen, dass die Texte in einem Buch nicht im Präsens, sondern im Präteritum geschrieben sind? Zeigt das Präteritum die Trennung des Bewusstseins, das immer gegenwärtig ist, von seinem Inhalt, der durch die Darstellung zur Vergangenheit wird? Ist das wirklich so? Mögen Sie paradoxe Erzählkonstruktionen, die gleichzeitig von unmittelbarer Präsenz und zeitlicher Distanz, von Gegenwart und Vergangenheit geprägt sind? Handelt es sich um eine künstliche, am Schreibtisch konstruierte Wahrnehmung des Autors? Was, wenn der Text zeitparallel und zeitübergreifend aus der Erlebnisperspektive eines Ich-Erzählers geschrieben ist, dessen gesamte Stilmittel zwischen erlebter Rede und innerem Monolog oszillieren und so die Fiktion erzeugen, dass die Notatio unmittelbar aus der Präsenz der jeweils erlebten Szene erwächst? Haben Sie schon einmal in einer sich selbst fortschreibenden Literatur- und Zitatenmaschine gelesen? Was halten Sie von Anspielungen und Verweisen, die das ganze Spektrum der Schreibweisen zwischen Zitieren, Umarbeiten, Abschreiben, Inkorporieren und Plagiieren abdecken? Können Sie sich mit referenziell gestalteten Texten anfreunden, die durch Quellenangaben, Stilbrüche, Fremdsprachigkeit, Anführungszeichen und Klammern gekennzeichnet sind? Wie wirkt die Zitationswut eines Autors aus, der pauschal alles und jeden integriert, weil er davon ausgeht, dass derjenige gewinnt, der die meisten Attribute um sich scharen kann? Finden Sie es sinnvoll, jedes Wort und jede Formulierung im Internet suchen und entschlüsseln zu können und sie in Variationen und in einem Textkosmos wiederzufinden? Lenkt das nicht den Blick mehr auf das Wie der Texte und weniger auf das Was? Macht der Anspielungsreichtum das Material zum Spielmaterial? Verweist seine assoziative und polyphone Qualität auf den Zeichencharakter und die differenzielle Verweisungslogik des Textes, in dem sich Bedeutung bisweilen durch Überdeterminierung auflöst? Kann man ein Buch dieser Art überhaupt noch ein Buch nennen?

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