Fragen zu Literatur und Sprache
3

711 Ist Denken Sprache? Oder ist die Sprache der Stoff, aus dem das Denken stammt? Ist das spezifisch Menschliche der Sprache Kognition oder Kommunikation? Sollten wir mehr als eine Sprache lernen? Kann eine andere Sprache unsere Art zu denken und die Welt zu sehen verändern? Denken wie ein Philosoph und reden wie ein Bauer: Ist das vielleicht das Optimum an Kommunikation? Was ist, wenn das »anonyme, zwingende Gedankensystems, das einer Zeit und einer Sprache angehört« (Chantal Mouffe), unser Denken und Handeln umzäunt? Sollten wir wie die Hopi denken und sprechen? Ohne Zeitwörter, die sich auf die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft beziehen? Würde ein kontextuelles Denken, das nicht durch abstrakte Verengung auf einzelne Elemente, auf einen Teil des Ganzen reduziert wird, unser Verstehen verbessern? Wenn eine Sprache verschwindet, verschwindet dann nur die Möglichkeit, alles über die Welt alles zu sagen? Oder verschwindet auch die Möglichkeit, sie auf diese sprachlich spezifische Weise zu denken und zu sagen? Ist, weiter gedacht, Mehrsprachigkeit eine notwendige Bedingung für wissenschaftliche Erkenntnis und Innovation in einer globalisierten Welt? Sollten wir dem Rat von Ewald Gerhard Seeliger in seinem Handbuch des Schwindels folgen, in dem er erklärt, was es heißt, richtig zu denken: »die Sprache unabhängig und kreativ gebrauchen, Wörter und Sätze und damit Gedanken selber schaffen, statt in Fertigformeln zu sprechen«?

Wasser fließt langsam oder schnell, aber wie nennt man die Verwandlung von Holz in einen Baum? Was wäre, wenn man Wörter als Material betrachtet? Wie Holz oder Steine? Würde die Essenz des Materials, über das man schreibt und mit dem man arbeitet, bewirken, dass man das Werk hinterher mit anderen Augen sieht? Und nicht nur das Werk, sondern auch die philosophische Idee von der Materie an sich? Wenn Shakespeare in As you like it schreibt: »Diese Bäume sollen meine Bücher sein, und in ihren Rinden werde ich meine Gedanken niederschreiben«, wie schreibt man Gedanken in die Rinde eines Baumes? Geht nicht immer etwas von der Einfachheit der Gedanken in den Benennungen verloren?

Wussten Sie, dass es nach den Statuten der Londoner Sherlock-Holmes-Gesellschaft streng verboten ist, im letzten Kapitel eines Romans einen fremden Chinesen oder ein unbekanntes Gift einzuführen?

712 Was unterscheidet das Werk vom Text? Wollen wir zunächst festhalten, dass Text wie Werk immaterielle Typenartefakte sind? Dass es Werke und Nicht-Werke sowie Texte und Zeichen gibt? Und dass bei der literarischen Avantgarde der Begriff »Werk« verpönt war? Und jetzt die Superfrage: Superveniert das Frühwerk eines späteren Nobelpreisträgers, das als minimalistisches Gedicht zu völlig anderen Interpretationen einlädt als der ihm zugrundeliegende Text in seiner außerliterarischen Funktion, über dem appropriierten Text und zugleich, wie jener, über den immateriellen Typenartefakten der Buchstaben und Ziffern und zuletzt über den materiellen Artefakten der Druckexemplare, auf denen der Text jeweils abgedruckt ist? Echt jetzt? Wer soll das verstehen? Das ist doch nur der Ausfluss eines literaturtheoretischen Forschungsidealisten, der seine (pseduo-relevante) begriffliche Distinktion gerne selbst liest, oder? Wie soll hier der Unterschied zwischen Werk und Text erkennbar werden? Ist das Werk nicht mehr mit dem bloßen Text gleichzusetzen, sondern erhält der Text die Funktion eines Impulsgebers für eine Imaginationsbildung, die nicht a priori festgelegt werden kann?

Verzeihung, wie heißt der Schriftsteller? Warum erinnere ich mich nicht an ein Buch oder einen Text von ihm? Hat er dieses Haus mit dem prächtigen Arbeitszimmer entworfen? Haben Sie die Perfektion der Einrichtung bemerkt, die – ja, zählen Sie ruhig nach – achtzehntausend in Leder gebundene Bücher enthalten soll, die er alle nicht nur gelesen, sondern auch verstanden und im Gedächtnis behalten haben will? Haben Sie die verschiedenen Schreibtische bemerkt, die geschickt im Raum verteilt sind: einer zum Schreiben im Liegen, einer zum Schreiben im Sitzen, ein dritter zum Denken im Stehen? Und dann die prächtigen Schreibutensilien, die Batterie von Federhaltern, Bleistiften, Radiergummis, Linealen, Zirkeln, die erlesene Qualität der Notizbücher, Hefte und Papierstapel, haben Sie sie gesehen? Was hat der weiße Fleck auf der Landkarte an der Wand mit dem leeren Blatt auf dem Schreibtisch zu tun? Was verbindet die Route einer Reise mit der Spur eines Schreibens? Bietet eine Landkarte dem Autor Ideen für einen neuen Stoff? Oder ist die Landkarte ein Symbol für Erinnerungen an Wege, Orte und Gebiete? Und was sagen Sie zu der raffinierten kleinen Nische, in der Kaffee und andere Genussmittel immer griffbereit und doch diskret platziert sind? Und schließlich der Blick in das dichte Grün des wuchernden Gartens, der Duft der exotischen Flora, der durch die Fenster hereinweht, einfach die ganze Szenerie – sehen wir eine Illusion oder die Wirklichkeit? Wozu dient die Arbeitsumgebung eines solchen hochadeligen Schriftstellers: zur Bekräftigung von Idealen, zur Bestätigung des reinen Schriftstellerdaseins, vielleicht ein subtiles Signal an den Besucher, in heiligen Hallen zugelassen zu sein? Müsste man diesen Raum nicht als heilige Werkstatt des Denkens bezeichnen?

Ist ein Silent Spring empörend?

713 Was ist guter Stil? Und was hat guter Stil mit großer Literatur zu tun? Alles oder fast alles? Werden nur gut geschriebene Bücher älter als fünfzig Jahre? Wann ist Literatur gut geschrieben? Was ist das Geheimnis guten Schreibens, guten Stils? Macht es Sinn, Regeln über die Schönheit aufzustellen, seien sie physisch oder stilistisch? Ist es relativ einfach, schlechten Stil zu beschreiben? Wie kann man guten Stil beschreiben? Hat nicht jeder Stil seine eigene Definition? Ist es daher unmöglich, eine allgemeine Regel aufzustellen? Hat Kafka Recht, wenn er schreibt, dass der Stil, die Individualität eines Schriftstellers darin besteht, dass jeder sein Schlechtes auf seine ganz eigene Weise verbirgt? Kann es Stil nur geben, wenn es keine Regelpoetik mehr gibt? Könnte man daraus schließen, dass es nichts zu messen, also auch nichts zu beweisen gibt, weil alles Geschmackssache ist: Der eine mag die Gurke, der andere die Gärtnerstochter, wie man in Polen sagt? Könnte die zweite Inschrift des Tempels von Delphi dennoch eine Regel sein: »Alles in Maßen«? Ist die Tugend das rechte Maß? Muss, wie jede Tugend, auch der Stil ausbalanciert sein, im labilen Gleichgewicht zwischen den Extremen? Bedeutet das, über Tragisches nicht leichtfertig zu reden, über Triviales nicht pathetisch? Gilt vielleicht die Regel: »Entweder man ist Stilist oder nicht«? Oder gilt eher: »Es gibt keine Regeln, jedenfalls keine, die man befolgen müsste«? Wer wollte bestreiten, dass die Vielfalt der Wortbildungsmöglichkeiten, die Endstellung des finiten Verbs im Nebensatz oder die geringe Zahl der Reimwörter das Besondere der deutschen Literatur ausmachen? Darf oder muss Literatur unbequeme Wahrheiten aussprechen? Wie real ist das Mögliche? Soll ich als Leser in eine Figur investieren, die der Autor nicht ernst nimmt?

714 Notizbücher oder lose Blätter? Wer erinnert sich noch an Siemenswerners Vom Nutzen ungestümer Notizen und Anmerkungen oder Helmholtzenshermanns Glut der Glossen, die ihm, Siemenswerners, im Funkenflug und Energiefluss seines Lebens in mehr als fünfzig Notizbüchern erhalten und dienstbar geblieben sind (»Davon zehre ich heute noch!«), während Helmholtzenshermanns freie Blätter in Kanzleikästen, Schubladen und Eichenregalen noch immer einer wohltuenden Ordnung harren (»Kann das nicht Hertzheinrich machen?«), und heute, da die »reine« Wissenschaft sich in der Not ihrer geernteten Freiheit aus dem Altpapier überkommener Ideologien ernähren muss – wer weiß, ob nicht jemand eine metaphysische Philosophie plausibel macht und sagt, dass es die Freiheit des Denkens so gar nicht geben kann und wohl auch in Zukunft nicht geben wird –, steht die ewig zweifelhafte und offene Frage an der Wand: Fiat logica et pereat mundus?

Muss man sich wohl oder übel damit abfinden, dass wir in einer Epoche leben, die einer literarischen Trockenlandschaft gleicht? — Na, na, na: Werden nicht über sechzigtausend Bücher jedes Jahr auf den Markt …? — Warum halten Sie inne? Warum sprechen Sie das unschöne Wort denn nicht aus? Werden die Bücher sorgsam und ordentlich in Greifhöhe auf den Präsentationstisch gelegt? Oder doch eher lieblos auf ihn gestapelt oder geworfen, auf dass sich das Lesevolk etwas Passendes davon nehme?

Können Sie mir sagen, was inventarisierte Texturen von Aitmatow, Albers, Augustin, Benn, Bertram, Beuys, Blake, Böhme, Bosloungh, Brecht, Briggs, Burckhardt, Caproni, Colli, Descartes, Dostojewskij, Eccles, Flaubert, von Foerster, Franck, von Glasfeld, Goethe, Gogol, Gombrowicz, Hawking, Heidegger, Heine, Hofmannsthal, Hofstadter, Hölderlin, Hoyle, lbsen, Jaynes, Jünger, Kant, Kassner, Keidel, Kierkegaard, Kleist, La Violette, Mandelbrot, Mann, Martin, Marturana, Minsky, Mombert, Mörike, Musil, Newton, Nietzsche, Pascal, Pavese, Peat, Picard, Platen, Platon, Popper, Pound, Prigogine, Proust, Rauschenberg, Rosselini, Ruskin, Schlegel, Schmidt, Schwenk, Shakespeare, Skrjabin, Spielhagen, Stanislawski, Steiner, Swift, Thales, Tizian, Tschechow, Varela, Valery, Weiß, Wheeler, Young und Ziegler mit dieser Fragerey zu tun haben?

715 Glauben Sie an ein Sprachdiktat? Würden Sie mir widersprechen, wenn ich Ihnen sage, dass das Gendern ein Sprachdiktat von links-grünen Extremisten ist? Wenn die Franzosen, wie man liest, ein Gesetz erlassen wollen, das unter anderem das Gendern verbietet, was denken Sie: Wollen die Franzosen das Richtige mit dem falschen Werkzeug tun? Wenn etwas in ein Gesetz gegossen werden soll, wäre es dann nicht angebracht, Gehirnwäsche zu verbieten? Beruht das Gendern auf einer sprachwissenschaftlichen Erkenntnis oder auf einer Ideologie? Sind Begriffe wie Gender, Wokeness und kulturelle Aneignung einfach geistige Ergüsse totalitärer Art? Was bedeutet es, wenn 85 % der Bevölkerung das »Tschändern« ablehnen, aber nur einige »Leut*innen« es wollen? Kann man sagen, dass diese »sprachlichen Veränderungen« ausnahmslos in den Köpfen gewisser politisch orientierter Journalisten in ihren Redaktionsstuben und der Intellektuellen auf den vom unterbelichteten Steuerzahler gemästeten Universitätslehrstühlen stattfinden? Wird Sprache von einer sich als Elite verstehenden Minderheit gegen den Willen einer großen Mehrheit als Kampfmittel eingesetzt, um die Gesellschaft zu spalten und einen von ihr als fortschrittsfeindlich definierten Teil zu erreichen? Missbraucht diese Minderheit ihre beruflichen und gesellschaftlichen Funktionen zur unlegitimierten Verunstaltung der deutschen Sprache, um sich dieser selbsternannten Elite anzuschließen und sich von dem vermeintlich rückständigen Teil der Bevölkerung abzugrenzen?

War nicht schon immer klar, dass der Bürger weder Mann, Mensch, noch Person ist, sondern eine Rolle, die Personen gelegentlich spielen? Bezeichnet man deshalb den grammtikalischen Typ des Wortes »Bürger« als Nomen agentis, das heißt als rollenanzeigendes Hauptwort? Und kann man davon das Nomen personalis »Bürgerin« ableiten, dieses aber nicht mit »und« dem »Bürger« konjunktieren?

 3