Fragen zu Literatur und Sprache
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706 Kann man Literatur ausstellen? Was passiert, wenn man Literatur nicht liest, sondern ausstellt? Was sieht man? Sieht man nur ein Buch, ein Buch mit Buchstaben, die Gedanken ausdrücken? Oder sieht man ein literarisches Werk? Ist Literatur nicht ein Konzept, das unabhängig von seinem materiellen Träger existiert? Warum also Literatur mit einem Buch assoziieren? Werden in Zukunft alle Texte autoren- und namenlos sein? Von Maschinen für Menschen oder von Maschinen für Maschinen geschrieben? Wird Literatur zum bloßen Code? Kann eine Maschine Poesie erzeugen? Wie verhält sich das gesprochene Wort zum geschriebenen? In welchem Verhältnis stehen das Ich und die Worte eines Textes? Lässt sich in einem literarischen Text ein Ethos ausmachen, das auf den Autor zurückgeführt werden kann, ohne in eine romantische Ausdrucksästhetik zurückzufallen? Lautet die Kernfrage nicht: Wie kann man ein Werk schaffen und bewahren, damit es, kaum dass es entstanden ist, nicht schon wieder vom gleichmachenden Strom der Zeit weggespült wird? Warum schreibt ein Mann über vierzig einen Roman über sehr dekorative Feministinnen? Was haben Sleater-Kinney und Judith Butler mit BASF und Heidelberg zu tun? Ist das noch eine literarische Frage? Würden Sie einen Roman mit dem Titel Ananasstraße lesen? Oder Das erstickte Lachen? Warum gibt es keine Post-it-Bücher? Oder Abreiß-Krimis? Oder Zettelpoesie? Was spricht dagegen, Literatur in Stichworten zu verfassen? Würde es nicht genügen, »Gesslerhut« auf eine Karte zu schreiben, und jeder wüsste, dass damit das Symbol der Tyrannei gemeint ist? Wer will schon Hunderte oder Tausende ein- und ausgehende Briefe, Gesprächsprotokolle, Studien, Eindrücke von Theaterbesuchen und Reisen, langatmige Tagebücher etc. lesen? Besteht unsere (moderne) Welt nicht eher aus kryptischen Buchstabenfolgen als aus wohlgeformten Sätzen? Sind Niklas Luhmanns »verzettelte«, nach Themen nummerierte Notizen nicht das beste Beispiel für eine kontextuelle Zettelliteratur? Da die Zettel, auf die verwiesen wird, oft in anderen gedanklichen Zusammenhängen stehen als die Zettel, von denen verwiesen wird, ergeben sich da nicht oft fast automatisch überraschende Vergleiche, Verknüpfungen und Anregungen zu neuen Überlegungen? Könnte man einen so aufgebauten Zettelroman nicht nach Belieben lesen, weil es keine vorgegebene Seitenfolge gibt? Wäre es nicht wohltuend auf nur fünf Zetteln zu lesen, dass nicht der Gärtner, auch nicht der Butler der Mörder ist, sondern ein Fuchs, der das Strychninpäckchen in die Gießkanne fallen ließ, wo es sich auflöste? Ach, Sie wollen die vorgestellte Methode für ein Sachbuch verwenden? Was halten Sie von den beschrifteten Zetteln »mündige Menschen«, »Standpunkte zu öffentlichen Fragen« und »deliberative Demokratie«? Würden diese drei Zettel für eine erste Annäherung an das Thema »Schutz der Meinungsfreiheit« ausreichen?

Üben Worte, gesprochen oder geschrieben, immer Macht aus?

707 Warum publizieren Menschen Bücher? Wissen sie nicht, dass sie nicht mehr in Ruhe gelassen werden, wenn das Buch von Kritikern und Journalisten zu einem bedeutenden Werk erklärt wird? Achthundertundsiebenundvierzig eng beschriebene und getippte Seiten, abgeheftet in Leitz-Ordnern, Tüten und Ringbüchern – darf man so ein Manuskript einem Lektor übergeben? Was sagt es über den Zustand eines Landes, einer Kultur, der Meinungsfreiheit aus, wenn aus Angst vor einstweiligen Verfügungen kein Vorabexemplar eines Romans veröffentlicht wird? Könnte eine Biographie auch aus leeren Zeilen bestehen? Wäre dann nicht alles andere erfunden? Muss Pippi Langstrumpf sterben? Was bedeutet »Cancel Culture« für die Literatur? Ist das ein Trick, um Menschen zu diskreditieren, um Ansätze, Meinungen und Überzeugungen zu lenken? Steckt dahinter eine Moralisierung des Denkens? Ist »Cancel Culture« offene oder versteckte Kritik? Was geschieht mit Werken und Personen, die abgesetzt werden? Ist es grundsätzlich falsch, Literatur zu canceln, vielleicht sogar notwendig? Immer richtig, wenn es dem »richtigen« Zweck dient? Was könnte der richtige Zweck sein? Würden Sie ein Buch noch lesen wollen, wenn gegen den Autor schwere moralische, aber unbewiesene Vorwürfe erhoben würden? Müsste ein solches Buch von der Bildfläche verschwinden? Wäre ein »verfemtes« Buch dann nicht ein Märtyrerbuch? Könnten Sie ad hoc ein Buch nennen, das frei von allen inquisitorischen Vorwürfen wäre? Was bedeutet das Verbot eines Buches in einer pluralistischen Gesellschaft? Haben Sie das Buch der verbotenen Bücher gelesen? Warum nicht? Kennen Sie es nicht oder halten Sie es für gewagt, es zu lesen? Ist es ein schwerwiegender Eingriff, wenn Texte nachträglich korrigiert werden, weil sich die Ausdrucksweise in fünfzig und mehr Jahren verändert hat? Wird die Welt moralisch besser, nur weil ein Wort aus Büchern gestrichen wird? Könnte es sein, dass es den literarischen Hochdruckreinigern gar nicht um das Wort an sich geht, sondern um die Auslöschung jener Denkweisen, von denen das Wort Zeugnis ablegen könnte und sollte? Müssen Wörter in kontaminierte und nicht kontaminierte Vokabulare sortiert werden? Wer legt die Regeln der Sortierung fest? Dürfen diese Vokabulare dann öffentlich zugänglich sein? Hand aufs Herz: Ist die erzeugte Worthysterie nicht auch Ausdruck einer Überempfindlichkeit, die aus einem Mangel an historischem und literarischem Wissen resultiert?

Welcher Autor möchte sich schon von der Presse nachsagen lassen, er sei zwar ein kommunikativer, aber kein besonders kluger Zeitgenosse?

708 Was ist der Buchstabe A? Ist es ein Abdruck auf Papier, eine bildliche Darstellung oder ein gehörter Laut? Wofür steht das A? Können Sie das erklären? Können Sie als Benutzer des Buchstabens A versichern, dass Sie sich immer an die Regeln der Grammatik für das A halten? Könnten Sie nicht einmal das A in einer neuen und unvorhergesehenen Weise verwenden? Kann man fragen: Was haben alle wahren Sätze gemeinsam, außer dass sie wahr sind? Wenn in einem Zeichen keine Absicht steckt, wie weiß man dann, dass es ein Zeichen ist? Wenn wir zum Beispiel eine alte Schrift finden, wie kommen wir zu der Annahme, dass es sich um Zeichen handelt? Haben wir eine bestimmte Vorstellung, wenn wir an die Worte »und«, »alle«, »oder«, »vier« etc. denken? Worin besteht das Denken oder Verstehen eines Satzes? Wie vollzieht sich das Verstehen vom Satzzeichen zum Bewusstseinsprozess? Verhält sich das Vorstellen der Bedeutungen einzelner Zeichen wie das Singen einzelner Töne? Ist das Verstehen eines Satzes also ein zeitlich strukturierter Prozess? Und ist das »volle Verstehen« eine Summierung der einzelnen Wortbedeutungen? Entstehen Bilder im selben Rhythmus, in dem die einzelnen Wörter eines Satzes ausgesprochen werden? Muss man, wenn man vom Verstehen spricht, nicht auch vom Erleben des Verstehens sprechen? Worin besteht zum Beispiel der Unterschied zwischen dem Verstehen eines Menschen, der die Regeln der Mathematik »papageienartig« anwendet, und einem Menschen, der sie »denkend« anwendet? Ist es wesentlich, was man denkt, wenn man denkt? Wie verhält es sich, wenn man etwas nicht denken kann? Wenn jemand sagt: »der Ton C ist grün«, kann man dann die Unzulässigkeit dieses Satzes mit einer inneren Unlogik begründen oder muss man sich auf eine normative Rechtfertigung berufen? Ist diese Wortkombination »der Ton C ist grün« – ein offensichtlicher Unsinn – verboten? Weil sie Unsinn ist, oder ist sie Unsinn, weil sie verboten ist?

709 Gibt es ein »ökologisches Denken«? Stellt es sich beim Lesen ein? Wenn ja, wie kann dieses Denken sowohl die Theorie als auch den Prozess des Lesens beschreiben und nachhaltig verändern? Ist es besser, von einer Leseökologie oder von einer Lesemilieu zu sprechen? Und was genau ist aus ökologischer Sicht das Verhältnis von Lesen und Leben? Was ist die Welt und was ist der Text? Lesen Tiere die Landschaft? Lesen Pflanzen das Chlorophyll? Wie weit reichen die Begriffe Lesen und Text, ohne dass sie nichts mehr bedeuten, gerade weil sie alles bedeuten (können)? Wo liest man? Wie liest man? Wann lesen Sie? Was lesen Sie? Macht es einen Unterschied, ob man im Bus, in der U-Bahn, auf einem Baum oder in einem Lesesessel sitzt? Haben wir alle eine Lesegeschichte und damit so etwas wie ein »Lesekarma«? Gibt es logische oder psychologische Inkonsistenzen im Text? Welche emotionalen Skalen und Parameter gibt es, um Leseökologien und Lesesituationen zu messen? Kennen Sie die Begriffe distant reading und close reading? Welche institutionellen und psychoanalytischen Implikationen haben diese Verfahren? Wenn Sie von »gelebter Rezeptionsästhetik« lesen, was bedeutet das für Sie? Wollen Sie als Leser ständig in eine Art Rückspiegel schauen, um herauszufinden, was der Autor mit dem Text, den Sie gerade lesen, sagen oder ausdrücken wollte? Würden Sie mitspielen, wenn der Autor Ihnen indirekt sagen würde: »Mein Text hat viele Bedeutungen, was bedeutet er Ihnen?« Ist Lesen ein Spiel für Amateure oder ist Lesen ein Spiel für Profis?

710 Soll man in Kaffeehäusern schreiben? Sind die Unpolitischen Erinnerungen, ganz oder in Teilen, des eminent politischen Kaffeehausliteraten Erich Mühsam auch als Beitrag zur (Um-)Gestaltung einer Gegenwart zu verstehen, die aus den Fugen zu geraten droht? Sind die Kaffeehäuser als »Brutstätten einer katechisierten«, aber gänzlich unkreativen »Radikalität« bereits von Kopisten und »Epigonen« abgelöst worden? Was ist aus legendären Kulturzentren wie dem »Café des Westens«, dem »Café Monopol«, dem »Café Savoy« oder dem »Café Sezession« in Berlin oder Wien geworden?

Haben Sie Erfahrung mit Texten? Was bedeutet der Genderstern? Nichts? Ist er eine Auszeichnung, ein Prädikat für besonders zeitgeistnahe Texte? Oder so etwas wie ein Parteiabzeichen? Oder ein sprachfremdes Symbol ohne Inhalt? Oder ein »neoliberales Distinktionsinstrument von Kulturlinken« (Robert Pfaller)? Oder Grundlage für sprachliche Diskriminierung? Oder ein Symbol einer heraufziehenden Unfreiheit, einer illiberalen Gesellschaft? Sollen wir nur noch Ausdrücke verwenden, die kein grammatisches Geschlecht haben und damit auch nicht an ein bestimmtes natürliches Geschlecht gebunden sind, um allen Aversionen aus dem Weg zu gehen? Macht der Genderstern allein die Sprache einfacher, lebendiger und menschlicher? Oder verkompliziert er sie? Oder »zersägt« er die Morphologie (Anna Prizkau)? Hat er nicht eine besondere Bedeutung, zum Beispiel im Militär oder im Nationalsozialismus? Trennt der Genderstern mehr als er verbindet? Wenn ein ansonsten breit Dialekt sprechender Oberpfälzer, der Berthold Bayer heißt und sich nicht als Franke ausgibt, plötzlich Hochdeutsch spricht, begeht er damit eine kulturelle Aneignung, auch wenn die benachbarten Franken ihn Moosbüffel nennen?

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