Fragen zu Literatur und Sprache
1

701 Was ist Literatur? Hat Literatur etwas mit Kunst zu tun? Was ist Kreativität? Kann Kreativität auch Literatur sein? Ist heute alle Literatur digital? Woran erkennt man jede literarische décadence? Lieben Sie Literatur? Wie viele Bücher besitzen Sie? Haben Sie eine Bibliothek? Wussten Sie, dass die Bibliothek von James Lee Byars aus nur vier Büchern bestand, die er erst austauschte, wenn er ein Buch gelesen hatte? Fragen Sie sich selbst, während Sie lesen: Worum geht es? Was wird erzählt? Worauf bezieht sich der Text? Wer spricht? Aus welcher Sicht wird erzählt? Wie nah oder fern ist der Erzähler seinen Figuren? Wann wird erzählt und in welcher Reihenfolge? Gibt es sprachliche Besonderheiten? Gibt es Bezüge zu anderen Texten oder Medien? Welche übergeordnete Erzählstruktur ist erkennbar? Ist das, was einem beim Lesen begegnet, in irgendeiner Weise neu, anregend, einzigartig oder originell? Was würde passieren, wenn Menschen zu den Figuren in den Büchern würden? Wem dient der Buchstabe? Was bedeutet »Zitateraten mit Schlafmaske«? Gibt es etwas Nervigeres als Meinungen? Wie schreibt man ein Buch für das Lesepublikum, das vor der Literaturwissenschaft bestehen kann, ohne sich mit den nicht immer unterhaltsamen Finessen der Philologie zu belasten? Sind Kulturzeitschriften Zeitgeistprodukte, die intellektuelle Moden und Mentalitäten bedienen und aus ihnen hervorgehen? Muss der mündige Leser abgeholt werden? Will er abgeholt werden oder will er sich selbst auf den Weg machen?

702 Wie politisch darf oder soll Literatur sein? Würden Sie sagen: Na ja, jeder Künstler denkt anders, warum soll er mit seiner Meinung hinter dem Berg halten? Aber warum muss er dem Leser seine Meinung aufzwingen? Das ist doch schlechter Stil, oder? Lässt nicht große Kunst den Leser selbst denken und fühlen, wie bei Brecht? Warum haben so viele Künstler, die sich gerne als Intellektuelle verstehen, eine heimliche Liebe zur großen Katastrophe? Ist die Beschäftigung mit der Apokalypse zum Teil auch eine Art Ersatzreligion in einer säkularen Welt? Gibt es für diese Art von psychischer Anomalie bereits einen ICD-10-Code?

Wie soll ein Autor damit umgehen, dass die Leute erst reagieren, wenn er mit dem Schreiben aufgehört hat? Zitieren manche Autoren so viel, weil sie keine eigene Sprache für die Dinge haben? Was passiert, wenn ein Autor eine Erzählung aus der Er-Perspektive in die Ich-Form bringt oder umgekehrt? Was passiert, wenn er in einem Text die Verben nicht in der Vergangenheit stehen lässt, sondern sie in die Gegenwart oder in die Zukunft verlegt? Was passiert, wenn er alle Adjektive aus einem Text entfernt? Was passiert, wenn er die indirekte Rede vermeidet und stattdessen die direkte Rede verwendet? Und was passiert, wenn er alle Sätze auf maximal zehn Wörter kürzt? Ist das zu kurz zum Denken? Oder verrückt?

Kann ein Bot ein Autor sein, wenn er immer nur Bekanntes wiedergibt, weil seine Fähigkeit darin besteht, Sätze auszuspucken, die uns sinnvoll erscheinen? Ist das Kreative das Unwahrscheinliche? Oder ist das Kreative der Fehler schlechthin? Woher kommen die Worte eines Bots? Was bedeutet »schön schreiben«? Ist es schön, so zu schreiben, wie wir sprechen, weil es authentisch ist? Sollen wir uns an die gesprochene Sprache halten, nicht zu gekünstelt klingen, wenn wir schreiben? Ist es der Satzbau, der Klang, die Atmosphäre, all die Dinge, die uns im Gespräch so leicht von der Hand gehen, die uns im Text plötzlich Kopfzerbrechen bereiten?

Wissen wir, welcher Text welche Distanz und welchen Maßstab beim Lesen verlangt?

703 Was ist der Trend in der aktuellen Literatur? Schlagzeilen machen, um aufzufallen? Also dasselbe wie im Journalismus? Oder Unterhaltung zur Entspannung? Oder Sommerlektüre zum reinen Vergnügen? Oder knisternde Geschichten fürs Kaminfeuer? Würde sich das in der Literaturkritik niederschlagen? Was kann eigentlich der Leser tun? Sollte es für ihn nur einen Appell geben: »Leser, wähle nach Verkaufszahlen, kaufe nicht nach Schlagzeilen«? Oder wäre das falsch und dem Autor gegenüber unfair? Wenn der normale Buchmarkt und die Antiquariate nicht die Bücher liefern, die ein Autor für seine Arbeit braucht, muss er sie dann selbst schreiben? Ein altes Sprichwort sagt, dass Bücher ihre eigene Geschichte haben: Wie erfährt man diese Geschichte, wenn man ein neues oder ein gebrauchtes Buch kauft?

Ist Literatur nicht immer ein Ping-Pong-Spiel zwischen Büchern? Väter im Türspalt – kann das ein Buchtitel sein? Wer sind diese Väter? Was machen sie dort? Wie weit öffnet der Türspalt die Tür? Stehen die Väter tagsüber da oder auch oder nur nachts? Und warum in der Mehrzahl? Wie viele Väter sind es? Zwei, drei oder mehr? Warum sagt der Titel nichts dazu? Worum geht es eigentlich in diesem Buch? Ist das Rätselhafte Programm? Ist es ein Comic? Eine Sammlung von Gutenachtgeschichten? Wer oder was steckt hinter dem Titel? Und wer ist der Buchtitel-Experte, der diesem Titel einen glänzenden Erfolg voraussagt? Hat er sich selbst zum Experten ernannt? Oder gibt es ein Gutachtergremium? Was ist davon zu halten, wenn ein deutsches Gericht in einem Urteil schreibt, dass die Anforderungen an die »persönliche geistige Schöpfung« nicht zu hoch angesetzt werden dürfen? Müssen sie wenigstens über Null liegen?

704 Warum lesen? Was bedeutet Lesen für unsere Gefühlswelt? Wie beeinflusst Lesen unser Verhalten, unsere Entscheidungen, unseren Blick auf die Welt? Führt Lesen zu Realitätsverlust, fördert es Illusionen? Ist Lesen als Mittel der Manipulation zu verdammen und als Medium der Weltflucht zu fürchten? Ist Lesen eine anachronistische Kulturtechnik oder im Gegenteil eine unverzichtbare Grundlage für Bildung, soziale Orientierung und gesellschaftlichen Erfolg, auch im Zeitalter des digitalen Lesens? Was genau passiert, wenn wir lesen: Was denken wir, was fühlen wir, und wie verändert sich unser Verhältnis zu uns selbst und zu unserer Umwelt? Gibt es ein richtiges Lesen im falschen? Warum prägen uns manche Bücher stärker als andere? Wie steht es um die Wertschätzung des Buches? Wer kann, wer soll und vor allem: Was lohnt sich zu lesen in einer Zeit, in der man sich vom Buch abzuwenden beginnt und ihm zunehmend den Respekt verweigert? Wer will sich noch die Mühe machen, schwierige, anspielungsreiche Texte zu lesen? Wer schreibt, um was zu lesen? Und wer hat in einer solchen Zeit noch die Kompetenz, zwischen guten und schlechten Büchern zu unterscheiden? Darf, soll oder muss sich ein Dichter politisch äußern? Diskreditieren seine abwegigen, ja schockierenden politischen Äußerungen sein literarisches Werk oder hat dieses Werk eine Geltung sui generis jenseits der politischen Überzeugungen seines Autors? Sollte man politische Äußerungen von Literaten ernst nehmen, ihnen gar ein besonderes Gewicht beimessen, ihnen vertrauen? Würden Sie einem Peter Handke trauen? Haben Sie schon einmal ein Buch dreimal gelesen, und jedes Mal war es dasselbe Buch, aber dreimal eine völlig andere Geschichte? Obwohl es Ähnlichkeiten gibt, ändert sich das Denken, ändert sich die Sicht der Dinge mit der Zeit? Ist es obszön, beide Seiten eines Buches zu bedrucken? Halten Sie die Rezeption »Es gibt Autoren, deren Gedanken so wichtig sind, dass es keine Rolle spielt, ob man mit ihnen übereinstimmt oder nicht« für nützlich und richtungsweisend? Wie viele Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch? Wie ordnen Sie sie? Welches große Buch haben Sie zuletzt gelesen? Gibt es Klassiker, die Sie erst kürzlich zum ersten Mal gelesen haben? Welches ist Ihr Lieblingsbuch, von dem noch niemand etwas gehört hat? Hat Sie ein Buch schon einmal einem anderen Menschen näher gebracht oder hat es sich zwischen Sie und ihn gestellt? Was berührt Sie an einem literarischen Werk am meisten? Bevorzugen Sie Bücher, die Sie emotional oder intellektuell ansprechen? Sind Sie schon einmal in Schwierigkeiten geraten, weil Sie ein Buch gelesen haben? Welche drei Schriftsteller, tot oder lebendig, würden Sie zu einem literarischen Abendessen einladen?

Welche Rolle spielen falsche Sätze im Sprachspiel? Kann man sagen: Im Sprachspiel liegen die Karten offen, aber sie verbergen den, der sie aufnimmt?

705 Sie wollen also ein Tagebuch schreiben? Denken Sie daran, dass Ihre erste Aufgabe als Tagebuchschreiber nicht darin besteht, einen Literaturpreis zu gewinnen, sondern Ihren eigenen besonderen Tag festzuhalten? Was glauben Sie, wie lange es dauern wird, bis Ihnen trotz ständiger Übung der perfekte, gut formulierte und ausgewogene Eintrag gelingt? Sind Sie darauf vorbereitet, dass Vorurteile an die Oberfläche kommen, knisternde Wut aus Ihren Worten springt und Urteile übereinander fallen, schnaufend und prustend? Dass auch impulsive, inkonsequente und nicht selten widersprüchliche Meinungen und Interpretationen Ihre Seiten füllen können? Aber spielt das alles wirklich eine Rolle? Ist ein Tagebuch nichts anderes als eine Geschichte, deren Handlung sich jeden Tag ändert? Wollen Sie die zufällige Intensität des persönlichen Erlebens ausschließen, nur um flüssiger schreiben zu können? Für wen schreiben Sie Ihr Tagebuch? Nur für sich selbst? Haben Sie schon Ihre eigenen Regeln aufgestellt: sich frei zu fühlen, so offen, ehrlich und urteilend wie möglich zu sein, wohl wissend, dass Sie am nächsten Tag ganz anders denken könnten? Was bedeutet es für Sie, ein Tagebuch zu schreiben? Schreiben Sie, um Erinnerungen, Erfahrungen und Ereignisse festzuhalten? Oder ist es auch eine Auflehnung, eine Verteidigung des Persönlichen und Privaten in einer zunehmend automatisierten, verschlüsselten und algorithmisch organisierten Welt?

 1