Fragen zu Kunst und Kultur
5

621 Wie konnte es soweit kommen? Kann man den Nachrichten glauben? Wie kann es sein, dass den Bürgern der Grande Nation das Wasser bis zum Hals steht? Stimmt es wirklich, dass die Franzosen sparen – ausgerechnet beim Essen? Statt Gänseleberpastete, Räucherlachs und Champagner nur noch Leberwurst, geräucherte Forelle und Champagner? Wegen der Inflation? Wie wird sich das veränderte Essverhalten auf das »französische Paradoxon« auswirken? Ist der Rotweinkonsum nicht schon zurückgegangen? Was wird aus dem kardiovaskulären Schutz des LDL? Ist die große Zeit der Flavonoide und Polyphenole vorbei? Was werden die inflammatorischen Mediatoren dazu sagen? Was wird aus den neuzeitlichen Festspielen im Stile eines Marie Antoine Carême? War die Grande Cuisine vielleicht doch zu kompliziert und zu raffiniert konzipiert, eine überdimensionale Haute Cuisine als Ergebnis eines zu spielerischen Denkens, des unablässigen Experimentierens, Kombinierens und Reformierens? Muss es wirklich ein fünf Kilo schwerer Steinbutt sein, der im Ganzen in einer Liaison aus Weißwein und Olivenöl gedünstet und von einer Sauce Béarnaise flankiert wird, wenn nach Großmutters Wurzelsuppenrezept ein liebevoll gesottener Hecht mit Butter und Salzkartoffeln ähnliche Lustschreie auslösen kann?

Ist Kunst die Königin aller Wissenschaften, die zu allen Generationen der Welt spricht? (Leonardo da Vinci)

622 Metropolis? Ist das nicht der Film, der eine Geschichte von Liebe und Erlösung in einer Science-Fiction-Diktatur einige hundert Jahre in der Zukunft erzählt, in der die Gesellschaft streng in zwei Klassen geteilt ist: Eine kleine Elite, die im Luxus lebt und ein Heer von Arbeitssklaven, die sich an gigantischen Maschinen zu Tode schuften, während in den oberen Etagen der monströsen futuristischen »Stadt der Reichen« mit ihren siebzigstöckigen Wolkenkratzern, zwischen denen Flugzeuge wie Insekten fliegen, die Klasse der Reichen lebt, deren Leben aus Sport und dekadenten Partys besteht, in prachtvollen Appartements und ewigen Gärten, während in den Katakomben, in der »Stadt der Arbeiter«, identisch gekleidete Sklaven mit gesenktem Kopf und gleichförmigen Bewegungen ein licht- und freudloses Dasein fristen, wo über allem, ganz oben in diesem neuen Babel, das Büro des unangefochtenen Herrschers von Metropolis thront, dessen technologische Vision und Autorität diese dystopische Welt geschaffen hat? Parallelen? Trifft nicht schon heute zu, was Platon einst dachte, dass nämlich jede Stadt – und sei sie noch so klein – in Wirklichkeit in zwei Teile geteilt ist? Warum scheitert die Phantasie, wie bei Platon, Morus und den vielen anderen, die von der idealen Stadt träumten, sowohl an der äußeren Form als auch an der Tyrannei, die aus demokratischer Willkür, Verwirrung und der Unfähigkeit, ihr Einhalt zu gebieten, erwächst? War die Unerfüllbarkeit der Ideale bereits angelegt, ja eingeplant? War die Identifikation mit der totalen Gleichheit einer dirigistisch-sozialistischen Gesellschaft nicht Voraussetzung für die totale Unterordnung des Individuums unter das herrschende System? Hat nicht der Sozialphilosoph Pierre Joseph Proudhon, einer der Hauptvertreter des Anarchismus, erklärt, Eigentum sei Diebstahl? Irrt Platon, wenn er sagt, dass nur die Polis wahres Glück schenkt, weil sie alles Lebensnotwendige gewährt, vor allem die Muße? Muße?

Was ist der größte Vorteil des Alterns? Muss man ihn erst entdecken? Ist man nicht erst im Alter frei, das zu tun, was man will? Aber ist es im Alter nicht ohnehin zu spät? Hat man nicht die vielen Jahre davor leben müssen, sein Künstlerleben einfach gelebt? Kann man sich im Alter wirklich so viel freier ausdrücken? Oder hat man sich durch die Jahre selbst geformt? Hat man sich mit den Jahren nicht den Erwartungen des Kunstmarktes angepasst? Ob es einen geheimen Schlüssel zum Ruhm gibt? Vielleicht diesen: Früh am Morgen, wenn du aufwachst, stehe nicht auf, sondern setze dich auf die Bettkante, schließe die Augen und überlege: Was will ich heute der Welt sagen?

Ist die Kunst eine Göttin anmutiger Gedanken, zurückhaltend aus Gewohnheit, allen Aufdringlichkeiten abschwörend, die auf keine Art und Weise vorschlägt, andere zu verbessern, die, ausschließlich um ihre eigene Vollendung bemüht, kein Bedürfnis hat, zu belehren. (James Abbott McNeill Whistler)

623 Gibt es den geheimen Reichtum? Ist er vielleicht die ultimative moderne Form snobistischer Selbstdarstellung? Oder ist der versteckte Reichtum scheinheilig und hinterlistig, weil er suggeriert: »Ich bin eigentlich genau so wie du«, während seine Art unglaublich schwer zu imitieren ist, wenn man nicht wirklich reich ist? Spielt die Paranoia neben der Begierde als eine Art Modekatalysator eine Rolle? Steht die Rücksichtnahme auf andere im Vordergrund? Kann man sagen, dass Kleidung im Grunde eine Form des externalisierten, sichtbaren Denkens ist? Weil man, sobald man einen Raum betritt, die Ideen, Vorlieben und Eigenheiten der Menschen deutlich sehen kann? Wussten Sie, dass Mallarmé bemerkte, dass das Reisen mit dem Zug ganz neue Kleidungsstile erforderte?

Warum verspürt man bei einem Umzug, wenn die Fotoalben, die alten Schellackplatten, die Hefte und Bücher wieder aus den Schränken geholt werden müssen, das Bedürfnis, die aufsteigenden Erinnerungen zu bewältigen und noch einmal eine endgültige Ordnung zu finden? Geht es vielleicht darum, sich so lange zu erinnern, bis man vergessen kann? Was nützt es, immer wieder Ordnungssysteme zu entwerfen, die dann doch wieder verworfen werden? Warum taucht immer wieder die Sehnsucht nach dem logischen Archiv auf? Verlangen die Dinge nach einer Erzählung, die sie in einen klaren Bezug bringt? Andererseits: Liegt in der Unordnung nicht ein ungeheures Versprechen – das Versprechen einer Zeit, in der alles geordnet sein wird?

Wo finden wir heute noch festlich gedeckte Tische? Wo die vitale Üppigkeit in Töpfen, Kesseln und Pfannen, auf Platten und Tellern, in Schüsseln, Schalen und Terrinen? Wo die Etageren aus weißem Porzellan, das kostbare Glas und die bauchigen und schlanken Karaffen, die an den Rändern der Tische und Konsolen stehen, ständig vom Absturz bedroht? Wo ist der Kartoffelsalat, in dem sich das Dreigestirn der Genügsamkeit manifestiert: die Renaissance der bodenständigen Küche, die Nobilitierung der Kartoffel durch die großen Köche und die unkomplizierte Art der Zubereitung? Was wäre ein solcher Salat ohne geviertelte Zwiebeln, die mit gewürfeltem Speck in der Pfanne angeschwitzt, mit Geflügelfond aufgegossen, zur Hälfte sämig eingekocht, dann püriert und durch ein Sieb gestrichen und schließlich, nach und nach und vor allem noch lauwarm, über die zuvor gekochten, in dünne Scheiben geschnittenen und mit Salz, Pfeffer und Senf gewürzten Kartoffeln geträufelt werden? Wo sind die Pasteten – die galicische Pfahlmuschelpastete oder der Coulibiac de Saumon –, die wie explodierte Granathülsen inmitten der Damast- und Silberpracht auf weit geöffnete Münder warten? Wo die knusprigsten Brote und die feinsten Kuchen? Wo der Kabinettspudding und die Käsestangen? Und wo die Pyramiden exotischer Früchte? Warum verengt sich alles auf die prekäre Gratwanderung zwischen vordergründig politischen Aussagen und fundamentaler Kritik an der menschlichen Existenz?

Ist es eine Ironie der Geschichte, dass derjenige, der sich das gemalte Bedauern über eine gefühllose Welt an die Wand hängen will, heute sehr reich sein muss?

 5