Fragen zu Kunst und Kultur
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616 Liegt unsere Sehnsucht im Himmel? Woran liegt es, dass Caspar David Friedrich, der neurotische Kauz und Frömmler, der im 19. Jahrhundert fast vergessen war, heute unsere tiefsten Gefühle berührt? Sind es die zauberhaft stillen Landschaften, die Bilder einer heilen Natur, die er uns zeigt? Sind es seine Darstellungen des Himmels, der zum Symbol der Sehnsucht geworden ist?

Wer war der japanische Künstler On Kawara, der im Alter von 81 Jahren starb und keinen Nachruf wollte; der es vorzog, dass eine Zeitungsseite über ihn bis auf seinen Namen und die Anzahl der Tage, die er gelebt hat, leer blieb; der sich mit dem Vergehen der Zeit beschäftigte; der für einen Ausstellungskatalog seine biografischen Daten einfach aus der Anzahl der Tage errechnete, die zwischen seinem Geburtsdatum und dem Datum der Ausstellungseröffnung lagen? Was war die existenzialistische These seines Werkes? War es die, dass das menschliche Leben nichts über sich selbst hinaus bedeutet? Untersuchte er also die Natur unseres Bewusstseins, verstärkt durch eine Art Meditation über das Leben in der Zeit? Warum hat Kawara nie an Ausstellungseröffnungen teilgenommen? Warum war er davon überzeugt, dass seine Kunstwerke nichts mit ihm zu tun hätten? Wollte er deshalb nicht fotografiert oder interviewt werden? War er trotzdem ein Künstler? Oder war er gerade deshalb der wahre Künstler, weil seine Abwesenheit von allen Gepflogenheiten sein Werk umso deutlicher hervortreten ließ?

Was ist Mode? Ist Mode Verkleidung, um den Anschein zu erwecken, etwas zu haben, was man nicht hat, weil es oft der beste Weg ist, es später zu bekommen? (René König)

617 Ist ein Mann, der Pantoffeln trägt, ein Pantoffelheld? Trägt man Crocs auf einer Party? Oder Slipper zum Einkaufen? Und was ist mit den trendigen Babouches? Darf man hierzulande mit den traditionellen arabischen Hausschuhen auf die Straße gehen? Oder doch lieber mit den samtenen Furlane, die man traditionell an den Füßen der venezianischen Gondolieri sieht? Warum scheint niemand an die bequemen Filzpantoffeln zu denken? Am besten kombiniert mit dicken, gemusterten Socken? Den Morgenmantel zum Abendkleid machen – ist das die Absicht der Modeschöpfer und ihrer willigen Adepten?

Sehen die neuen Barbershops nicht alle fast gleich aus: Retro-inspiriertes Interieur aus schwarzem Leder und dunklem Holz, alte Registrierkassen, ein Servierwagen mit Whisky, auf den Schaufenstern einfache Logos mit stilisierten Männerköpfen und gekreuzten Rasiermessern oder geöffneten Scheren? Schon mal reingeschnuppert? Wie gefällt Ihnen die Mischung aus herbem Rassierwasser und dem kräftigen, orientalisch anmutenden Duft von Oud, einem Weihrauchholz?

Wer war »Over-Turner«? Kennen Sie die Bilder des Malers, der seine Farben mit Sahne, Schokolade, Eigelb und Johannisbeergelee anrührte, der seine Leinwände mit Pinselstielen, Messern, bloßen Fingern oder einem Wischmopp malträtierte, und der von seinen Kritikern als »Seifenschleuder« beschimpft wurde?

618 Sind Filmkritiken noch zeitgemäß? Schauen die meisten nicht einfach das, was die nächste Kachel auf Netflix vorschlägt? Ist Filmkritik Karriereberatung für Regisseure? Was ist das Praktische an Filmfestivals? Dass dort nicht nur Filme gezeigt werden? Dass man dort auch Champagner à discrétion aus goldenen Kelchen trinken kann?

Sagt eine Fotografie immer, wie Roland Barthes schreibt, dass es so war? Oder ist der aufmerksame Betrachter der Interpret aller dargebotenen Zeichen und Bilder? Zeigt eine Fotografie das Unveränderliche zu einem bestimmten Zeitpunkt? Was zeigt ein politisches Bild, etwa aus dem Bundestag? Transzendiert es die Politik? Zeigt es einen anderen Moment, schafft es eine eigene, neue Welt? Oder zeigt es das Unveränderliche in einem Ereignis, das wie kein anderes von der Gegenwart, dem Augenblick, der Aktualität geprägt ist? Muss die Frage, ob ein Foto eine Realität abbildet, nicht lauten, wessen Realität es abbildet? Manipuliert die Software in den Kameras und Handys die Bilder so, dass sie eher an Werbung erinnern? Oder an die intensiven Fotos, mit denen eifrige Influencer zeigen, wie unnatürlich schön die Welt ist?

Wirken Utopien? Sind universelle Werte real? Bedeutet Stadt Veränderung? Hat Le Corbusier die Stadt erfunden? Hat er dabei die Ideale der Moderne von Licht, Luft und Sonne im urbanen Kontext umgesetzt? War seine Richtung ausschließlich auf den Abriss der Vergangenheit ausgerichtet? Warum hat die Postmoderne den Glauben an seine kühnen Lösungen untergraben? Macht es Sinn, eine Stadt als ein Gesamtkunstwerk zu verstehen? Wenn Le Corbusier seine Stadt in Indien nach universellen Werten konzipiert hat, was sind diese Werte? Gibt es eine allgemein gültige Architektur? Soll diese Architektur allen Menschen gleichwertig offenstehen? Wurde die Betonmoderne in eine fußgängerorientierte Stadt umgesetzt? Unterbrechen Bäume das Stadtbild? Wie soll man sich das Ende von städtischen Utopien vorstellen? Enden sie als Museum?

Ist die Verschränkung von Kunst und Leben letztlich nur im gesellschaftlichen Abseits möglich, sei es in den exklusiven Zirkeln von Schwabing, Schlachtensee und Ascona, sei es in der Halböffentlichkeit jener »anderen Räume« (Michel Foucault), an den Rändern der Norm, in den Theatern, Varietés, Bars und Cafés? (Stephanie Bremerich)

619 Wie politisch darf Kunst in einer politisch aufgeladenen Zeit sein? Dient Musik noch als neutraler Brückenbauer oder verliert sie in der Neutralität ihre Glaubwürdigkeit? Muss Qualität neu definiert werden? Nicht modisch, sondern handwerklich? Wenn sich die Welt verändert, muss sich dann auch die Kultur verändern? Soll der Gesellschaftsvertrag noch gelten, nach dem sich Steuer- und Gebührenzahler hoch subventionierte Theater, Opernhäuser und Orchester leisten? Oder sollen wir uns an anderen Ländern wie den USA, England oder Frankreich orientieren, wo der Staat die Verantwortung dem freien Markt überlassen hat? Gibt es noch Kulturkritik? Was kommt nach dem Ende der Musikkritik? Wer wird unsere Kultur noch begleiten? Wer soll sie vermitteln? Muss die Kultur die Avantgarde des Digitalen sein, anstatt darin eine Gefahr zu sehen? Ist es für die Kultur existenziell, dass wir die Kämpfe Alt gegen Neu gemeinsam austragen: als Beweis für die Offenheit, Vielfalt und gesellschaftliche Vorbildfunktion der Kultur? Kultur ist nicht systemrelevant: Stimmt das? Wenn Sie einen schalltoten Raum betreten: Woher kommen die hohen und die tiefen Töne? Kommen die hohen Töne von Ihrem Nervensystem, die tiefen vom Rauschen Ihres Blutes? Könnte man das Klarinettensolo in Abîme des oiseaux, Abgrund der Vögel, von Messiaen auch im schalltoten Raum hören?

Können moderne Kunstwerke jenseits von Markt- und Produktionsbedingungen in ihrer universellen Bedeutung von Schöpfung und Reflexion über die ursprüngliche Schöpfung bestehen? Ist der Kampf »Idee gegen Materie« (Karl Ove Knausgård) realistisch? Was ist die neue Kunst, die es neuerdings zu entdecken gilt? Wenn David Hockney mit und auf dem iPad malt? Oder wenn Museen, Galerien und Projekträume aufstrebende Positionen zeigen, fleißig Genres mischen und ihr Repertoire hinterfragen? Oder stößt das Altbekannte nach wie vor auf das größte, wenn auch zersplitterte Publikumsinteresse – siehe den 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich im Jahr 2024?

Ist alle Kunst ziemlich nutzlos? (Oscar Wilde)

620 Woran krankt die Kunst? Dass sie verstören will und nicht kann? Wen will sie verstören? Immer nur die Anderen, die Bürgerlichen, die Gestrigen, die Spießer, die Biedermänner und Biederfrauen? Oder sind diese Soziotypen gar nicht das Ziel, sondern das, was sich eine kleine Kulturschickeria darunter vorstellt? Verrät dieser Blick auf die Kunst, zumal wenn er öffentlich inszeniert wird, viel über die Vorurteile, Ressentiments und Borniertheiten der Kulturschaffenden? Müsste eine Gesellschaftskritik nicht auch die Mächtigen im Kulturbetrieb kritisieren? So gründlich, dass jeder sieht, dass der Kaiser keine Kleider anhat? Welche glaubwürdige Kritik sollte von den Saturierten kommen? Wen wundert es, wenn der Kulturbetrieb mit seinen Protagonisten – Künstlern, Schriftstellern, Musikern, Eventmanagern, Kuratoren und Agenten für und gegen alles Mögliche – jetzt erstarrt, wenn die schon lange währende Lähmung sichtbar wird, wenn sich herausstellt, dass die Artefakte, die produziert werden, nichts als Waren sind und der Komplex Kulturbetrieb insgesamt zu einer mehr oder weniger gut dotierten Einnahmequelle verkommt? Sind es nicht einfach zu viele »Künstler«, die hier ihr Auskommen suchen, gleichgültig, ob die Qualität darunter leidet und Kultur und Kunst zum Discountartikel werden?

Dada, Situationisten, Punk, Sex Pistols, Adorno, Horkheimer, Guy Debord – alles längst vergessen? Soll Kunst wieder privat sein und nicht länger durch Zwangszahlungen der Steuerzahler finanziert werden? Sind die heutigen Kulturschaffenden hochqualifizierte Defizitbürger, die ein komfortables Wellness-Leben zulasten der Steuerzahler führen und gleichzeitig nichts Bedeutendes schaffen? Ist der Mainstream schuld? Schwimmen die Künstler deshalb skrupellos in diesem Strom, weil nur so die kurzen Vertragslaufzeiten einigermaßen ausgeglichen und potenzielle Auftraggeber oder Preisverleiher beeindruckt werden können? Musste Flaubert nicht vor Gericht erscheinen, weil er mit Madame Bovary nicht den zeitgenössischen Strömungen folgte? Und heute: ist sein Werk vergessen oder als Weltliteratur anerkannt? Kann es sein, dass nur die Unabhängigkeit des Geistes die Fähigkeit hervorbringt, Bleibendes zu schaffen? Wer jedoch nur Fehler vermeiden möchte, ist derjenige nicht weit davon entfernt, ein Künstler zu sein?

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