Fragen zu Kunst und Kultur
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611 Was wissen wir wirklich über X? Steht X für etwas, dessen Existenz schon früh angezweifelt, wenn nicht ganz geleugnet wurde? Von wem? Von Ketzern? Von Anhängern der Neuen Wahrheit, die sich in jenen Jahren rasant ausbreitete und um ein Haar zweihundert Jahre Kulturgeschichte verschlungen hätte? Was können wir wissen? Hat die Obrigkeit die Auslöschung des Namens X angeordnet? Warum? Wer war X (vorausgesetzt, es gab ihn wirklich)? Ein Renegat? Ein Überläufer? Ein Prophet? Ein Aufklärer? Ein medienwirksamer Literat? Ein missliebiger Politiker? Werden wir es je erfahren? Ist X vielleicht nichts weiter als ein Geheimcode, das Erkennungszeichen einer Résistance, deren Spur sich zusammen mit der ihres – vielleicht übermächtigen – Gegners in der Geschichte verloren hat? Können wir den vorhandenen Quellen glauben, dass es sich tatsächlich um drei Gruppen handelt, für die sich die Namen Xisten, Xiker und Xianer eingebürgert haben?
Wie problematisch ist es, der Fiktion eine innewohnende moralische Qualität zuzuschreiben? Kann man sagen, dass die Erzählkunst moralisch ist? Aber was ist mit dem Ballett? Oder mit der Oper? Was ist mit der bildenden Kunst? Was ist mit abstrakter Kunst? Geht es in der Kunst überhaupt um moralische Fragen? Und in der Geräuschmusik? Sind die Kostüme oder die Kinematographie eines Films moralisch? Ist der Umschlag eines Buches moralisch? Was ist mit den Namen der Figuren, dem Rhythmus der Worte, der Wahl der Metaphern? Inwieweit ist unser heutiges Leben noch (oder wieder) von Moral durchdrungen? Warum kommen Menschen auf die Idee, Fresken, Wandmalereien, Statuen oder Ornamente zu schaffen, die bestimmten Idealen oder politischen Gruppen gewidmet sind? Warum überwiegt in der medialen Öffentlichkeit leider die Lust an der Empörung, hinter der die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Leistung bis zur Unkenntlichkeit verschwindet? Zeigt sich hier eine (andere) Form von Moral?
612 Zoo oder Theater? Weil die Wissenschaft sagt, der Mensch sei ein Tier, gehen deshalb die Deutschen lieber in den Zoo (42 Prozent) als in die Oper (18 Prozent)? Sind die ausgestellten Tiertiere interessanter als die Operntiere? Oder liegt es am Ort? Würden sich die Zoofreunde vielleicht lieber eine Oper in Manaus anhören, der kleinen Stadt mitten im amazonischen Urwald, mit all dem Lärm und Gebrüll, das dazu gehört? Lebt Fitzcarraldo noch? Was hat der Zoo, was die Oper nicht hat? Möchten Sie vielleicht diesen Sommer die Longborough Festival Opera in den Cotswolds besuchen? Ach, Sie mögen Wagner nicht? Wie wäre es dann mit Werther in der Grange Park Opera, mitten im Wald? Was würden Sie zu Erwin Strittmatters Notizen sagen: »31.1.75 – 31 Einladungen weggeworfen, 31 Lebenstage gerettet; 24.1.77 – 28 Einladungen abgesagt, vernichtet, mindestens 30 Lebenstage gerettet«? Lebenstage retten? Kann man das wirklich? Und was ist von Fritz Raddatzʼ Tagebucheintrag zu halten: »… das einzig Lohnende dieser vertanen 2 Lebenstage im Hotel mit Schuhputzmaschine neben dem Lift, Bonbon auf dem Kopfkissen und Fußpilz-Spannteppich«? Ästhetik und Ethik, Schönheit und Glück, Kunst und Leben – Radikaltheorie oder Anspruch der Kunst an uns?
Wussten Sie, dass 1630 in den Niederlanden eine einzige Tulpenzwiebel plötzlich so viel wert war wie eine Villa in Amsterdam? Kennen Sie NFTs (Non Fungible Tokens)? Haben Sie gesehen, wie in einem (sehr) kurzen Moment im Jahr 2021 kleine digitale Bilder von hässlichen Affen mit Hüten und Sonnenbrillen plötzlich für Millionen von Dollar in Kryptowährung verkauft wurden? War das der Anlass, endlich Knappheit und Einzigartigkeit – also persönliches Eigentum – in den digitalen Raum zu bringen, in dem sonst alles mit zwei Klicks kopiert, also verdoppelt werden kann? Haben Sie von den Utopien einer gerechteren Zukunft gelesen, die auf den Krypto-Bildchen aufbauend dafür sorgen sollte, dass Künstler endlich von ihrer Arbeit profitieren können, und zwar nicht nur online, sondern in realitas? War der eitle Wunsch, Dinge online besitzen zu können und digitale Kultur in ein für den Markt greifbares Format zu bringen, ein finsteres spätkapitalistisches Menschenbild, das sich außer Geld keine Motivation für kulturelle Produktion vorstellen konnte?
Wenn nicht einmal Gesetze oder Parteiprogramme die Gesellschaft verändern können, wie soll dann künstlerische Arbeit etwas bewirken? (Bazon Brock)
613 Was ist das Ziel einer humanistischen Bildung? Wenn das Ziel darin besteht, vollwertige und verantwortungsbewusste Bürger zu schaffen, wie lässt es sich quantifizieren? Wie lässt es sich finanziell oder politisch rechtfertigen? Was ist das richtige Verhältnis zwischen dem Erreichen nützlicher Fähigkeiten und den eher nebulösen Vorteilen einer umfassenden Bildung?
Was passiert, wenn es keine menschliche Perspektive gibt, die erfahren werden kann? Was passiert, wenn der Kunst die Intersubjektivität entzogen wird? Kann ein Virtual-Reality-Spaziergang durch einen botanischen Garten mit der Realität mithalten? Wenn Kunst ein Gespräch zwischen Künstler und Publikum ist, was passiert, wenn man den Vermittler ausschaltet? In wessen Perspektive sollen wir uns einfühlen, wenn nicht in unsere eigene? Wenn man sich einen Film ansieht, den man selbst geschaffen hat, welche neue oder herausfordernde Perspektive kann man daraus gewinnen? Wäre er nicht nur ein Spiegelbild des eigenen Ichs? Wer sagt, dass in einer Zeit, in der die Menschen vor allem nach Bequemlichkeit streben, diese hypothetische Technologie, sollte sie jemals Wirklichkeit werden, nicht zu einer Form der Unterhaltung wird? Wie kann man die Kunst retten? Stimmt es, dass Blondinen dumm, Rothaarige falsch und Schwarzhaarige sinnlich sind? Ist das eine künstlerische oder eine psychologische Frage?
Was macht das Übersetzen zur Kunst? Welchen Einfluss hat die Persönlichkeit eines Übersetzers auf seine Arbeit? Warum gibt es so viele Übersetzungen aus einigen Ländern und so gut wie keine aus anderen? Bedeutet Intellektuellenhass eine ablehnende Haltung gegenüber Intellektuellen, die hinter ihrem Intellektuellenstatus zu verbergen suchen, dass sie intellektuell unredlich argumentieren? Ist Neue Musik nur noch Dekonstruktion?
614 Sind Grenzen mentale Demarkationslinien? Welche Welten prallen an der Grenze zu Frankreich aufeinander? Ist es die Welt des Pragmatismus, der Hässlichkeit und der Bürokratie auf der einen Seite? Und ist es die Welt der Freiheit, der Schönheit und des Laisser-aller auf der anderen Seite? Wie nennt man diesen emotionalen Aggregatzustand? Frankophilie vielleicht? Wie kommt es, dass man jetzt hört, Paris sei schmutzig, Marseille gefährlich, der Service an der Côte d’Azur schlecht und die Franzosen generell ein unfreundliches und unangenehmes Volk? Ist daran etwas Wahres? Auch wenn Asterix selbst hartgesottene, kulturbeflissene und humorlose Oberstudienräte davon überzeugte, dass die gezeichneten Geschichten keinen Schund, sondern eine eigene Kunstform darstellen, wer dennoch Frösche züchtet, um ihre dünnen Schenkel zu frittieren, wer Gänsehälse ausstopft, um die Leber anschließend in Dosen zu verpacken, wer Schnecken kaut, die die Konsistenz eines alten Kaugummis haben, muss der sich nicht wundern, wenn er nicht nur ins gastromische Abseits gerät? Wo ist die Grandeur geblieben? Gab es sie überhaupt? Oder handelt es sich um ein altes Marketingprodukt?
Muss man, um die italienische Kultur zu verstehen, das Kolosseum, die Amalfiküste und all die anderen kulturellen Sehenswürdigkeiten besucht haben? Oder reicht es, den Palio von Siena gesehen zu haben? Ist der Palio nicht ein perfektes Beispiel für die italienische Ethik? Wer weiß schon, dass es bei diesem Pferderennen nicht um den Sieg geht, sondern darum, den Nachbarn aus der anderen Contrade, dem anderen Stadtteil, zum Verlierer zu machen? Dass der Zweitplatzierte traditionell als der eigentliche Verlierer gilt, noch schlechter angesehen als der Letzte?
Kann kulturelle Freiheit im Gegensatz zur persönlichen Freiheit absolut definiert werden? Bedeutet Kultur, frei von allen konkurrierenden Werten zu sein? Gibt es absolut nichts, was die Kultur nicht tun und sagen darf? Darf jeder Schauspieler jede Rolle spielen und jedes Wort sagen, auch solche, die objektiv schwer bestraft werden? Bedeutet das, dass das Bildungssystem eines Staates so definiert sein muss, dass jeder Bürger mit Kultur umgehen kann? Darf der Staat bestimmen, was Kultur, was kulturelle Aneignung ist? Hat derjenige, der Kultur fälschlicherweise für einen Teil der Wirklichkeit hält oder der meint, Kultur sei per se politisch, Kultur nicht verstanden? Liegt es nicht im Wesen der Kultur, immer auch anzueignen? Ist dann der Begriff der »kulturellen Aneignung« nichts weiter als eine inhaltsleere Erfindung?
Ist Kunst »eine Linie um deine Gedanken«? (Gustav Klimt)
615 Glauben Sie an die Bibel? Ist sie nicht ein Buch, von dem man annimmt, dass die erste Version auf Griechisch geschrieben wurde – obwohl Jesus, der Protagonist, wahrscheinlich aramäisch und hebräisch sprach – und von dem kein einziges Exemplar aus der Zeit vor 500 n. Chr. erhalten ist? Könnte es sein, dass auf dieser Grundlage ein paar Möchtegern-Propheten mit viel Leidenschaft für die Feder, aber wenig für das Leben, eine Ideologie entwickelt haben, die mit Jesus eigentlich wenig zu tun hat? Worum geht es im Glauben? Geht es nur um Erlösung, nur um ein besseres Leben? Würde einem Kenner der Religionen auffallen, dass in fast allen Religionen die moralischen Ansprüche so hoch sind, dass das reale Kirchenvolk einschließlich der Priester sie im Leben nicht erfüllen kann? Was würde geschehen, wenn eine deutsche Regierung beschließen würde, den kostenlosen Einzug der Kirchensteuer einzustellen, das Kirchenrecht (mit eigener Gerichtsbarkeit) außer Kraft zu setzen und die Bezahlung der Gehälter vom Bischof aufwärts durch den Steuerzahler zu beenden? Ist die katholische Kirche ein Haufen frauenfeindlicher, schwuler und kleptokratischer Männer? Ist es nur mit einer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu erklären, die eine Moralagentur braucht, weil sie selbst nicht in der Lage ist, ethisch zu denken, dass man diesen kostümierten Salbaderern heute noch etwas abkauft?
Welcher Gott soll etwas zulassen oder nicht zulassen oder belohnen? Der Gott der Katholiken, der Protestanten, der Zeugen Jehovas, der Mormonen oder der Gott von tausend anderen christlich motivierten Glaubensgemeinschaften? Oder den Gott der Juden? Der Gott der Sunniten, der Schiiten, der Aleviten, der Sufis? Der Sikhs, der Zoroaster, der Bahai, der Jesiden? Oder die Götter der Hindus, der Schamanen? Oder die Götter der Völker Afrikas, Asiens, Amerikas? Können alle Religionen Recht haben und sich deshalb als auserwähltes Volk bezeichnen? Oder anders gefragt: Was ist das für ein gütiger Gott der neutestamentlichen Christen, der sich jahrtausendelang um alle Menschen, die nicht zum Volk Israel gehörten, gekümmert hat, dann plötzlich seine Meinung geändert hat und nun doch für alle Menschen da sein will? Oder der gütige Gott der Muslime, der noch einmal rund sechshundert Jahre gewartet hat, bis er die Zeit für gekommen hielt, sich seinen Geschöpfen, den Menschen, zu offenbaren?