Fragen zu Kunst und Kultur
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606 Ist ein Pissoir Konzeptkunst? Warum gilt »Fountain«, das umgedrehte Pinkelbecken von Marcel Duchamp aus dem Jahr 1917, als das einflussreichste Kunstwerk der Moderne? Entspricht es dem »Postulat der permanenten Überbietung der Form« (Moshe Zuckermann)? Ist die Reichstagsverhüllung des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude eine Zuspitzung der progressiven Geschichtsschreibung der Moderne, die zur radikalen Aufhebung der Form führt? Würden Sie dem Philosophen Daniel Tyradellis zustimmen, wenn er sagt: »Das Museum kann ein Ort des Widerstands gegenüber diesen Verarmungen des Denkens und der Phantasie sein, vor allem aber der Reflexion und des Nachdenkens über diesen Prozess«? Warum werden wir in Museen oder Kunstgalerien so schnell müde? Sind Museen nicht eher Seen: noch ein Kunstwerk und noch ein Kunstwerk und noch ein Kunstwerk, nichts als Flächen in Flächen? Ist ein Werk schon »grandios«, wenn es zeigt, dass der Künstler klare Linien und Formen beherrscht oder mit Schatten spielt? Kann man eine Liebeserklärung schreiben, ohne einen frankierten und an sich selbst adressierten Umschlag beizulegen? Wie nennt man den Mann, der sich um das große Labyrinth im Garten kümmert? Wie kann man sich erinnern, wenn die Vergangenheit so stark in die Gegenwart hineinragt?
Ist Kunst Kunst?
Und alles andere ist alles andere? (Ad Reinhardt)
607 Wohin mit dem Blick? Warum nennt man das Kino die Bühne des Jahrhunderts? Ist es das Was oder das Wie, das sich dort sichtbar abspielt? Warum erscheint uns das Kino als mythischer Ort des Sehens, an dem Witz, Schrecken, Entsetzen und Erleichterung als kollektive Seherfahrung erlebt werden? Ist es eine erlernte Fähigkeit, dieser gerahmte Blick, wenn sich das Publikum ohne Befehl in die Richtung orientiert, die der Projektor vorgibt? Bleibt die Anonymität des Einzelnen wirklich unangetastet, wenn er in die Dunkelheit des Raumes eintritt? Oder wird das Auge selbst Teil der dargestellten Welt? Was macht den Reiz des Sehens aus? Ist es die Entdeckung des Unterschieds zwischen dem Anblick der Dinge von außen, der ungerahmten Welt, transformiert nach innen, in das Dingfenster einer gerahmten Welt? Woran erkennt man den Kinobesucher? Am gerahmten Blick? Und ist nicht auch das Fernglas ein weiterer Rahmengeber, der als Magier der Entfernungen Ferne und Nähe manipuliert? Der die Wirklichkeit im Rahmen auflöst, sie zum singulären Ereignis verzerrt und damit den weiten Blick auf einen fast imaginären Punkt verengt? Bestimmt das Sehen, wie John Berger schreibt, unseren Platz in der Welt?
608 Wie verhalten sich Kunst und Macht zueinander? Kontrollieren an sich ästhetisch neutrale Mächte die Kunst? Ist Kunst autonom oder hängt sie in ihrer Existenz und in ihrem ästhetischen Gehalt von rohen Kräften ab, die sich im Kunstwerk ideologisch zu manifestieren scheinen? Ist Kunstkritik Kunst? Was ist Kritik, wenn nicht eine Beziehung zwischen einem Urteilsprinzip und der Intuition eines Kunstwerks oder einer Künstlerpersönlichkeit? Können Fälschungen genauso gut sein wie Originale? Wann sind Kopien vielleicht sogar besser? Und ist die Zeit des Originals nicht ganz vorbei? Wo und wann trifft Kunst auf Gesellschaft? Drückt sich der allgemeine Wille der Gesellschaft darin aus, dass der Staat private Kunst auszeichnet und fördert? Entscheidet der Staat, wenn er Kunst auswählt, nicht zugleich über das Schöne, Gute und Edle? Woher kommt der hohe Marktwert von Kunstwerken? Gilt Kunst nur dann als göttlich, wenn sie einen hohen Wert erzielt oder Auszeichnungen erhält? Dient Kunst dann nicht letztlich dem Betrug und der Ausbeutung? Wie hält man ein Publikum, das ohnehin chronisch abgelenkt ist, bei der Stange, wenn Algorithmen die Nutzer nicht mehr in die Ablenkungsfallen führen, sondern diese selbst erzeugen? Wie kann das Vertrauen des Publikums erhalten werden, wenn es von Fälschungen und Verzerrungen überschwemmt wird? Hat Vertrauen in die Kunst überhaupt noch einen Sinn?
Ist Kunst ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält oder ein Hammer, mit dem man sie formt? (Bertold Brecht)
609 Würden Sie eine Kopie von Gustav Klimts Malerkittel für 350 Dollar kaufen? Oder eine Kopie des Hutes, den Edward Hopper auf seinem berühmten Selbstporträt trägt? Oder ein Skateboard für 550 Dollar mit Basquiat-Graffiti? Und noch eine Frage: Was halten Sie vom Kulturkommerz, von der Fetischisierung der Künstlerpersönlichkeit und ihrer jeweiligen Insignien? Hat die Kunst nicht schon immer, wie Peter von Matt schreibt, die Reichen beglückt und den Armen die Stehplätze überlassen? Wozu gibt es Museen wie die National Portrait Gallery in London? Wollen die Menschen im Selfie-Zeitalter, in dem jeder sein eigener Star ist, überhaupt noch Helden und Ausnahmefiguren sehen? Zeigen Museen Menschen, die als Vorbilder dienen sollen? Was macht Menschen, die den Betrachter anstarren, zu Berühmtheiten? Was ist mit den Porträts von Heinrich VIII? Oder handelt es sich um eine Ausstellung bildsüchtiger Persönlichkeiten? Was wollen uns die historischen Herren mit ihren weiß gepuderten Perücken sagen? Ist das Porträt von William Shakespeare aus dem Jahr 1610 wirklich ein Original? Wer kann das bestätigen? Haben Sie gehört, dass Piet Mondrians Klebestreifenbild »New York City 1« wohl seit Jahren falsch herum an der Museumswand hing? Da das Bild nicht signiert ist, woher will man wissen, welches die »richtige« Hängung ist? Vielleicht gibt es überhaupt keine richtige oder falsche Ausrichtung? Liegt Kunst nicht im Auge des Betrachters? Wie schwierig ist es, etwas zu erschaffen, das andere Menschen schön finden, das sie zum Nachdenken anregt? Würde Sie ein lockeres Gitter aus roten, gelben und blauen Klebestreifen zum Nachdenken anregen? Kann es sein, dass beim Anblick eines Mondrian der Blutdruck sinkt und die Stimmung steigt? Würde auch Rote-Bete-Saft helfen?
Der Versuch, dich einen halben Zentimeter über dem Boden schweben zu lassen – ist das Kunst? (Yoko Ono)
610 Denken Sie über Kunst nach? Über ihren Sinn? Über ihre Notwendigkeit? Nehmen Sie Kunst einfach auf? Wenn sich Gedankenwelten öffnen, durch den Rhythmus der Worte, durch die Kraft der Bilder, der Farben, durch menschliche Gestalten und Gesichter, inwieweit ist Kunst dann unmittelbar greifbar? Hat Brecht, einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts, nicht deshalb große Kunst gemacht, weil er versuchte, Botschaften in seine Werke zu packen, sondern weil er in einer emotionalen, kraftvollen und einfachen, fast biblischen Sprache schrieb? Wenn ein Künstler keine eigene Sprache, keine eigene Welt hat, wie soll ihm dann die »Botschaft« helfen? Sehen wir deshalb sofort, was Kunst ist? Dass die Arbeit der Kunst keine »Resultate«, sondern Wirkungen hervorbringt, unterscheidet sie das von der Wissenschaft, die, von Fortschritt zu Fortschritt eilt und mit immer neuen Erkenntnissen die Fachzeitschriften füllt, aber doch den Makel hat, sich nur einer begrenzten Zahl von »Eingeweihten« verständlich machen zu können? Zielt Kunst dagegen über das konkret Erzählte hinaus auf das Elementare? Ruft sie »in der lebendigen Menschenbrust« Dinge hervor, die meistens die Möglichkeiten der Sprache übersteigen? Ist es deshalb schwierig, Erfahrungen über die Kunst auszutauschen? Was ist das große Problem unserer Zeit? Dass wir alles in Zahlen und Geld messen? Sind Zahlen oder Geld Dinge, die in der Kunst nichts zu suchen haben? Muss alles profitabel sein? Auch wenn wir irgendwie alle im selben Boot sitzen: Muss Kunst auf Zahlen und Geld basieren? Wäre sie sonst nicht tot?