Fragen zu Kunst und Kultur
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601 Kommt Kunst von Können? Was passiert in bildender Kunst, wenn dort Worte, Texte oder Bücher erscheinen? Wie sehen wir Bilder, wenn wir auch Schrift im Bild erkennen können und vielleicht lesen wollen? Können Worte in ihrer Bildgegenwart ein Gefühl von Vergangenheit oder Zukunft vermitteln? Können Texte in Bilder »übersetzt« werden? Wie werden Schriftrollen, Bücher, Banderolen und andere Texte, wie werden Objekte, die Worte enthalten, verbildlicht? Wird Schrift in bildender Kunst lesbar dargestellt oder bewusst unkenntlich oder gar unsichtbar gemacht? Kann man Bilder »lesen« als ob sie Texte wären? Hat die Leserichtung von Schrift etwas mit der Bildanordnung des Künstlers oder dem Bildverständnis des Betrachters zu tun? Konnte selbst die Form von Büchern Künstler inspirieren? Werden Sprache und Schrift des Malers und der anzunehmenden Betrachter benutzt oder aber eine Fremdsprache oder gar ein erfundenes Alphabet? Was geschieht mit Künstlersignaturen in Bildern, die auch andere Worte enthalten? Wie werden Schreib- und Leseszenen dargestellt? Was, wenn das von Lernpsychologen und Philologen gleichermaßen beschworene, sogenannte deep reading seine ethisch-moralische Kraft nicht aufgrund des Lesens als solchem, sondern schlicht aufgrund der Hingabe an einen Gegenstand entfachte, eine Hingabe, die sich dann vielleicht auch auf anderem Weg erreichen und verfestigen ließe? Was wäre, wenn sich Geisteswissenschaft generell über den intensiven, öffentlichen Austausch von Ideen definieren würde, als dessen Medium die Lektüre langer Texte dann zwar als mögliche, aber nicht als unabdingbare Voraussetzung akzeptiert werden müsste?
Ist die Malerei – einer alten Legende zufolge – entstanden, als jemand eine Linie um den Schattenwurf eines menschlichen Körpers zog, und als sich die Situation auflöste, blieb nur noch der Umriss der Silhouette übrig?
602 Was ist Kunst (heute)? Wann spricht man von Kunst? Ist Kunst noch die gleiche Kunst, wenn sie in einer »Kunstscheune« ausgestellt wird? Sind die Betonwände, an denen viele Kunstwerke aufgereiht sind, auch Kunst? Ist die Kunst ein »nothwendiges Correlativum« und Supplement der Wissenschaft? Gibt es ein Reich der Weisheit, aus dem der Logiker verbannt ist? Ist Kunst nichts anderes als eine professionelle Verführung zum Konsum, zur kommerziellen Mode, zum Sensationellen schlechthin? Ist der Künstler letztlich auch nichts anderes als eine Figur der allgegenwärtigen Prominentenkultur mit ihren Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie? Ist das Menetekel des babylonischen Königs Belsazar Kunst? Oder ein Spiegel der Kunst? Zeigt die Kunst die Angst der Sieger? War der Ausspruch »Möge die gesamte Welt mit dem Finger auf sie zeigen« letztlich nur ein – wenn auch unfreundlicher – Ausdruck einer fehlgeleiteten Kunst? Schafft sich die Kunst selbst ab, indem sie zur Spekulationsbörse wird? Wo gibt es mehr Rendite: Erst 1,4 Millionen Pfund für Shredder-Ware (Banksy) bezahlen, um drei Jahre später 16 Millionen Pfund zu kassieren? Hat der Solokünstler ausgedient? Wofür stehen neue Kollektive wie »Wakaliwood« oder »ikkibawiKrrr«? Wer ist hier krrr? Warum erwartet man ausgerechnet von den Künsten Antworten, die von Wissenschaftlern, Politikern oder Ökonomen kompetent zu liefern sind? Sollten die Künste nicht frei sein, frei auch von Aufgaben, die ihr Metier gar nicht berühren? Wie wäre es mit einer Effizienzkontrolle im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages, frei nach dem Motto »Wer schnarcht, fliegt raus«? Sehnen sich Bilder nach zeitlicher Dauer, Texte nach Stillstand? Können Bilder Rhythmen haben? Können Bilder politische Denkräume sein? Gibt es einen Unterschied zwischen politischer Kunst und radikaler Kunst? Kann ein Künstler politisch sein? Indem er in seinen Bildern Fragen aufwirft, sie in die Welt setzt und sie zirkulieren lässt? Ist Kunst dann politisch, wenn sie ein im weitesten Sinne politisches Thema hat? Muss man die Kunst vor der Politik schützen? Und muss man die Kunst bis zur letzten Farbtube gegen Ideologien jeder Coleur verteidigen?
Darf das experimentelle Theaterstück Fiddler! als Loseblattsammlung und Spaßprogramm für Eingeweihte daherkommen?
603 Braucht ein Bild eine Legitimation? Warum sollte ein Maler eine Person malen, die ihn nicht anschaut, deren Gesicht ihm im Gegenteil verborgen und verschlossen bleibt, deren Gefühle und Gedanken unentschlüsselbar scheinen, die sich aus der lärmenden Wirklichkeit zurückgezogen hat, um in ihrer Abgeschiedenheit einer geheimnisvollen Tätigkeit nachzugehen, die unsichtbar und eigentlich nicht darstellbar ist? Ist ein Bild der absolute Höhepunkt malerischen Bemühens? Muss sich ein Bild tief in die Wahrnehmung des Betrachters einbrennen, um ein Kunstwerk zu sein? Ist das nicht zu hoch gegriffen? Was halten Sie von Rechtsanwaltskanzleiwandbildern? Wer trägt hier wem etwas vor? Die Anwaltskanzlei dem Mandanten oder der Maler dem Betrachter? Braucht ein Bild die Homogenität des malerischen Vortrags? Was ist von schrillen Eskapaden des Malers zu halten? Ist es der »progressive Impuls«, der sich Bahn bricht?
604 Wohin, Musik? Ist das eine komische Frage? Wer stellt sie? Könnte diese Frage das Dilemma des Jahrhunderts lösen, den Konflikt zwischen Tonalität und Atonalität und Ambiguität? Klingt atonale Musik schön? Und Neue Musik? Warum müssen die Werke eines vorgegebenen Programms immer sauber voneinander getrennt und der Reihe nach gespielt werden? Können Sie sich vorstellen, dass bestimmte Neue Musik aggressiv macht? Schlummern Sie lieber bei Weberns Idylle Im Sommerwind oder Liz Storys Peace Piece ein? Woran erinnert Sie Toru Takemitsus A Flock Descends Into The Pentagonal Garden? Und was halten Sie von Francis Poulencs Trio, op. 43? Spielen Sie Klavier, Oboe oder Fagott? Wann klingt Musik amerikanisch? Warum muss ein Symphonieorchester immer starr in einer wenig variablen, traditionell auf den Dirigenten ausgerichteten Sitzordnung auf der Bühne Platz nehmen? Warum nicht einmal die Hierarchie zwischen dem Podium und dem weitgehend passiven Publikum im dunklen Saal aufbrechen?
Was ist ein Narrativ? Können wir unsere Erzählungen verändern? Sind wir narrative Wesen? Oder sitzen wir alle im falschen Film?
605 Kann man etwas nicht-zeigen? Angenommen, ich erwerbe eine Zeichnung und radiere sie mit einem Radiergummi aus: Habe ich dann ein neues Werk geschaffen? Funktioniert das Nicht-Zeigen nur über das Zeigen? Kann man das Bild eines Paares zeigen, das sich nicht küsst? Kann man das widersprüchliche Negativ zeigen? Warum vertrauen wir den Bildern, die uns das Fernsehen oder die Tageszeitung zeigen, obwohl sie doch wesenhaft nur einen Ausschnitt zeigen? Warum übersehen wir bewusst die Lückenhaftigkeit und Manipulierbarkeit von Fotografien? Warum akzeptieren wir meist unreflektiert, dass etwas so gewesen ist, wie es uns ausschnittsweise gezeigt wird? Was, wenn die Bilder inszeniert wurden, um uns in eine bestimmte Stimmung zu versetzen oder zu einer bestimmten Handlung zu bewegen? Oder wird das Zeigen oder Nicht-Zeigen eines Fotos zum Kunstwerk, das sich damit der dokumentarischen Wahrheitspflicht entledigt? Ist Nicht-Zeigen also immer Zeigen? Darf sich die Kunst jederzeit untreu werden? Welchem Lager, welcher Ideologie gehört sie an? Folgt sie nur ihrem eigenen Programm? Liegt darin der Eigensinn der Kunst? Einer Kunst, die frei ist von jedem Bekenntniszwang?