Fragen zu Gesellschaft und Politik
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516 Ist Politik lernfähig? Impliziert diese Frage oder impliziert sie nicht, dass die Politik ihren Auftrag im Sinne des Grundgesetzes ernst nimmt und lernen will, zum Wohle der Gesellschaft zu handeln? Wen oder was nimmt die Politik ernst? Hat die Politik gelernt, im Auftrag der Lobbyisten, der Wirtschaft und der Finanzindustrie zu handeln? Hat die Politik gelernt, wie man am besten das gesellschaftliche Erbe privatisiert und dem Profit Dritter opfert? Redet die Politik an den weißen Elefanten im Raum vorbei, obwohl es eine ganze Herde davon gibt? Was treibt die Grünen an? Ist es der Wille zur totalen Dekonstruktion aller vorgefundenen Verhältnisse bis hin zu ihren biologischen Grundlagen? Ist die deutsche Politik eine Diktatur? Zeigt sich die Diktatur in Sprachregelungen, deren Gebrauch oder Nichtgebrauch über die Karrierefähigkeit eines Menschen entscheidet, wie das Grüßen des Gesslerhutes in Schillers Tell? Ist die Schaffung einer besseren Welt durch eine Diktatur ein Widerspruch in sich? »Eichenlaub«, »deutsch« und »Vaterland«: Gibt es dieses Land, von dem Heinrich Heine sprach, denn überhaupt noch? Wer ist der große Narr, der sehr große Narr, riesengroß? Nennt er sich deutsches Volk? Ist der Begriff »Werte« nicht nur ein Deckmantel für »nationale Interessen«? Wie würden Sie die westlichen Gesellschaften charakterisieren? Als Gesellschaften, die von permanentem Überlegenheitsdenken und bewusster Doppelmoral geprägt sind? Als Gesellschaften, die Lügen vergessen und Verbrechen zu Einzelfällen umdeuten? Hatte Hannah Arendt Recht als sie im Dezember 1949 in einem Brief schrieb: »Die Deutschen leben von der Lebenslüge und der Dummheit. Letztere stinkt zum Himmel«? Kennen Sie das »Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945« in Berlin? Wozu braucht man ein solches Museum, das nichts anderes ist als der Ort, an dem die Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet wurde? Was sagt das über die Politik Deutschlands aus?

517 Gedankenlos? Falsch gedacht? Zu spät gedacht? Wie können wir uns von all dem, was in der Welt geschieht, nicht überwältigen und mitreißen lassen? Wie können wir uns von Paranoia und Angst vor Technologie und Veränderung fernhalten und gleichzeitig energisch, beharrlich und sogar gnadenlos dem Klimakollaps, den strukturellen Ungleichheiten und den sich verschärfenden Ungerechtigkeiten unseres historischen Moments entgegentreten? Wie widerstehen wir den Manipulationen des Staates, den Interessen globaler Konzerne und anderer mächtiger Akteure, die versuchen, unser ureigenstes Lebensfeld zu beherrschen? Wie gestalten wir unsere eigene Atmosphäre, während wir anderen erlauben, die ihre zu gestalten? Haben wir eine moralische Verpflichtung, Zeuge der Gegenwart zu sein? Wann ist es ethisch, wegzuschauen und das Sehen zu verweigern? Was dürfen wir sehen? Wohin dürfen wir sehen? Was ist noch innerhalb unserer Kultur, was schon außerhalb? Wer gibt die Seh-Regeln vor? Wie gehen wir mit den Risiken der Manipulation um? Wissen Sie, wie die Manipulation von Zahlen gegen Ihr Anliegen eingesetzt wird? Wie gehen Sie mit der Raffinesse der Fake-News-Industrie um? Fördert die Likes-Industrie Desinformation? Was macht man gegen lautstarke Kampagnenverschwörungen? Wie filtert man das wirklich Wichtige aus der Informationsflut heraus? Wie erkennen wir, ob eine Information glaubwürdig ist? Sollten wir nur auf der Grundlage glaubwürdiger und qualitativ hochwertiger Informationen handeln? Wie pflegen wir ein Netzwerk glaubwürdiger Informationsquellen? Wie vermeiden wir eine künstliche Debatte? Wie können wir mit technischen Informationen arbeiten, ohne die Menschen zu verprellen und zu demobilisieren? Warum sind viele gesellschaftliche relevante Informationen nicht öffentlich? Kann Transparenz über die eigenen Informationen als Verteidigungsstrategie dienen? Wie kann man von der großen Menge verfügbarer Daten profitieren? Sind Sie gegen vor digitalen Schwachstellen geschützt? Wo bewahren Sie Ihre sensiblen Daten auf? Wie gehen Sie mit der Verletzung Ihrer digitalen Privatsphäre um?

Ist die bewusste und zielgerichtete Manipulation von Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften? (Joseph Bernays)

518 Leben wir im Modus der Rechtfertigung? Gibt es eine gesellschaftliche Regression und ein zunehmend autoritäres Krisenmanagement der Eliten in Politik, Wirtschaft und Kultur? Gewinnen überall Diskurse der Not und des Mangels die Oberhand, etablieren sich Regime des Ausnahmezustands im Recht, in der Regierung, in den Familien, in den Arbeitsverhältnissen, ja bereits in der Alltagssprache? Werden das Klima und die herrschende Sprache immer sozialdarwinistischer? Wer sind die unvermeidlichen Opfer bei der Verteidigung dessen, was gemeinhin als »Lebensstandard« bezeichnet wird? Sind es die gewohnten Lebensformen, die gewohnten Produktions-, Arbeits- und Konsumweisen? Soll sich der Bürger mit dem Bestehenden begnügen, dessen Fortbestand von Staat und Wirtschaft notdürftig gesichert wird? Soll er sich mit einem spartanischen Überleben zufrieden geben, soll er lernen, Abstriche zu machen bei den qualitativen Ansprüchen an das eigene Leben, an die eigene Autonomie und an die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse? Ist heute ein Wandel der Begründungs- und Legitimationsverhältnisse zu beobachten? War es früher »die Gesellschaft«, die sich vor der Macht des intellektuellen Arguments, des Anspruchs auf Wahrheit und Gerechtigkeit, auf Demokratie und Emanzipation rechtfertigen musste, sind es heute die etablierten bürgerlichen Eliten, die sich rechtfertigen und ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen müssen? Erreicht dieser Druck nicht auch die Masse der prekär beschäftigten proletarisierten Wissensarbeiter, das kulturelle, akademische, künstlerische und journalistische Prekariat? Leben wir am Ende der großen gesellschaftlichen Erzählungen? Haben wir nicht immer gewusst, doch nie sehen wollen, dass die schlimmste Ideologie, die betrügerischste Idee die ist, die sich nicht als solche zu erkennen gibt?

519 Wem gehört die Geschichte? Ist Geschichte nicht ein Geflecht von Fakten, Interpretationen, Thesen, ein von Historikern projiziertes Bild? Brauchen wir mehr öffentliche Räume, in denen man nichts kaufen kann? Hat ein Slogan wie »Wir müssen die Welt retten« nicht eine lächerliche Seite und verfällt in heroische Denkmuster, die mit unserer Art des Geschichtenerzählens zu tun haben? Hat nicht Kleist in seinem Stück Der zerbrochne Krug gesagt, dass der Mensch in einer rätselhaften Welt umherirrt und sich seiner selbst ebenso wenig sicher ist wie der Dinge, die ihn umgeben? Hat unsere Realität mehr als einen doppelten Boden? Wenn wir einen Richter sehen, der nach der Wahrheit sucht, und Zeugen hören, die befragt werden, fragen wir uns: Ist das alles echt oder spielt sich das alles nur an der Oberfläche ab? Fragen wir uns nicht auch: Was geschieht hinter den Kulissen? Könnte es sein, dass der Richter die Wahrheit kennt, aber alles tut, damit sie nicht ans Licht kommt? Und die Zeugen: Weigern sie sich teils bewusst, an der Wahrheitsfindung mitzuwirken, teils weil sie in Täuschungen verstrickt sind? Welches Spiel wird hier gespielt? Wie kommt Bourdieu darauf, dass Kultur und Bildung gegen die unteren Schichten gerichtet sind? Gehen nicht alle von gleichen Bildungs- und Lebenschancen aus? Steht das nicht quasi im Grundgesetz? Bedeutet Bildung die Befreiung aus prekären Lebensverhältnissen? Oder ist das eher ein Mythos, der helfen soll, den Status quo zu erhalten? Was ist mit der Refeudalisierung der Gesellschaft? Entspricht diese nicht der ständischen Verfestigung von Herkunft? Sind Sie Betroffener oder Akteur der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen? Kennen Sie die verborgenen Mechanismen der Macht? Fühlen Sie sich in Ihrer Bewegungsfreiheit asymmetrisch beeinflusst? Fühlen Sie sich als Subjekt optimal in die komplexen Prozesse der modernen Gesellschaft eingebunden? Wenn nicht, was fehlt Ihnen? Könnte Ihnen ein Influencer helfen, der Sie marktorientiert und politisch durch das gesellschaftliche Leben führt? Was ist in Ihrem Kopf gespeichert? Welche Denkmuster beherrschen Sie? Sind Sie neoliberal oder konservativ? Reflektieren Sie ständig und aufmerksam Ihre Lebenssituation? Befolgen Sie gesellschaftliche Regeln fraglos und unreflektiert? Kennen Sie das Spiel der Andeutungen? Welche strategischen Interessen verfolgen Sie? Was denken Sie: Liegen Selbstzerstörung und Selbstermächtigung nicht nahe beieinander? Spüren Sie oft den Drang, soziale Regeln zu brechen?

520 Sind wir frei zu denken? Wie frei ist eine Gesellschaft, die ihre Sprache algorithmischen Systemen unterwirft? Kann »Algospeak« als Geheimsprache funktionieren, um die automatischen Filter der Plattformen zu umgehen? Wie lange wird es dauern, bis ein KI-Roboter den dystopischen Neusprech analysiert hat und erkennt, dass le$bian nur lesbian bedeuten kann? Wollen wir in einer Welt kommunizieren, in der jeden Tag eine neue Abkürzung, ein neues Mem oder eine neue Wortvariante gelernt und in ihrer Anwendung verstanden werden muss? Wie weit darf die Selbstzensur oder die Zensur nicht-öffentlicher Plattformen gehen? Sehen Sie eine allgemeine Verwundbarkeit der Gesellschaft, eine totale Sensibilisierung? Ist das ein Angriff auf unsere Freiheit? War nicht bisher die Vernunft das Korrektiv unseres Verhaltens? Aber was ist vernünftig? Zählt heute nicht statt der Vernunft das launische Gefühl des Einzelnen? Was ist das rechte Maß? Haben Sie eine Erklärung für den moralischen Rigorismus, der sich überall durchzusetzen scheint? Sind autoritär festgelegte Dos and Don’ts die Grundlage eines guten Lebens? Sind rigide Haltungen und Handlungen nicht unmenschlich? Handelt es sich um Willkür oder um Beweglichkeit im Denken? Wie kann man eine Gesellschaft im laufendem Betrieb verändern? Könnte es sein, dass die moderne Gesellschaft des Fortschritts, der Individualisierung, der Emanzipation und der Demokratisierung die falschen Ansatzpunkte für eine Analyse der Gegenwart und der absehbaren Zukunft liefert? Dass nicht Selbstentfaltung, sondern Anpassung, nicht Fortschritt, sondern Selbsterhaltung ihr eigentliches Leitmotiv ist? Ist die Gesellschaft gut oder böse? Ist die überhitzte Gesellschaft in der Lage, das Anthropozän angemessen zu begreifen? Was ist wahr, was ist falsch? Wem soll man noch glauben? Wer fragt nach Verantwortung, wenn menschliche Nähe aufgelöst, digitalisiert wird? Blendet die herrschende Meinung die Realitäten systematisch aus? Wird Propaganda dadurch unangreifbar, weil ein Realitätscheck nicht mehr möglich ist? Wer übernimmt Verantwortung für wen oder was?

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