Fragen zu Gesellschaft und Politik
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511 Was ist »destruktiver Utopismus«? Ist er gleichbedeutend mit dem »Wokeismus« (Ayaan Hirsi Ali), dem neuen Kulturexport aus den USA? Wer findet sich darin wieder, wem bietet er eine Grundlage für neue Ideologien? Sind es die Klimaapokalyptiker, die Genderfanatiker, die Vertreter der Critical race theory? Was ist die zentrale Botschaft des Wokeismus? Ist es die, dass der Westen ein unterdrückerisches Gebilde ist, das die Schwachen ausbeutet und deshalb zerstört werden muss? Beruht die westliche Zivilisation, wie die Woken behaupten, auf Sklaverei und Herrschaft? Sind alle Ideale und Institutionen des Westens korrupt, moralisch verkommen und unwiederbringlich korrumpiert? Was wollen die Woken? Sollen die Säulen der westlichen Gesellschaft eingerissen werden: Religion, Monogamie, Nationalstaat, Kapitalismus, Kultur? Ist die Utopie realistisch, dass ein politischer und gesellschaftlicher Neuanfang möglich ist, um eine klimafreundliche, antirassistische, antitransphobe Welt zu schaffen, in der alles unwiderruflich gerecht und gut wird? Was ist davon zu halten, dass die Woken die unbestreitbaren Missstände anprangern und gleichzeitig ihre Lösungsvorschläge als den einzig richtigen Weg präsentieren? Sind die Woken deshalb vielleicht verkappte Revolutionäre, die nur vorgeben, reale Probleme lösen zu wollen? Was ist es, das sie wollen? Ist alles, was sie wollen, Macht, absolute, unkontrollierte Macht? Ist es nicht interessant zu bemerken, dass unsere gesamte Rechtsprechung auf Literatur basiert, auf der Literatur der Gesetzestexte und nicht auf computerlesbaren Codes?
Trägt die perfekte, streng rationale Utopie die Tendenz zur Dystopie in sich?
512 Was bedeutet Patriarchat? Ist Patriarchat die allumfassende Herrschaft aller Männer über alle Frauen oder ist es etwas Spezifischeres? Geht es um Geschlecht oder um Arbeit? Wird das Patriarchat vom Kapitalismus unterstützt oder ist es unabhängig davon? Hat das Patriarchat überhaupt eine Geschichte oder ist es ein universelles Muster, das in der menschlichen Natur angelegt ist? Wie sind Männer überhaupt an diese Macht gekommen? Gab es nicht Königinnen, Kaiserinnen, Pharaoninnen und mächtige Kriegerinnen, seit es Aufzeichnungen gibt? Haben nicht Frauen Großbritannien und Nordirland in den letzten zwei Jahrhunderten länger regiert als Männer? Warum gehören Frauen zu den Namenlosen der Geschichte, aber auch zur herrschenden Elite? Warum wird gesellschaftliche Macht nicht in Frage gestellt, sondern einfach hingenommen? Stimmt es, dass Ken, das Filmidol im Nerzmantel, das Patriarchat in der »echten« Welt entdeckt hat und es im Barbie-Land einführen will? Haben Sie sich getraut, den Film anzuschauen?
Warum eilt den Grünen der Ruf voraus, in der Wolle gefärbte Ideologen zu sein, die ihr Programm durchziehen, koste es, was es wolle? Gibt es diese harten Ideologen überhaupt? Was macht ihn letztlich erfolgreich? Liegt der Erfolg darin, dass der Opportunismus viele in die Bewegung getrieben hat? Woher kommt nun die Wut? Könnte es sein, dass die Grünen allen, die ihre Überzeugungen nicht teilen, das Gefühl geben, etwas weniger wert zu sein? Welche andere Partei, wenn nicht die Partei mit der Sonnenblume, greift gerne nach den ganz hohen Tönen? Worum geht es den Grünen? Das Klima retten? Oder den sozialen Zusammenhalt? Oder wenigstens die Biene? Wie ist es zu erklären, dass die Grünen 2023 im Münchner Stadtteil Mitte 44 Prozent der Stimmen bekommen? Vielleicht weil Mitte zu den exklusiven Wohngegenden mit den höchsten Bodenrichtwerten gehört?
Woran liegt es, dass die besten Nachrichtendienste der Welt immer wieder versagen, wenn es um die wirklich entscheidenden Fragen geht? Sind Nachrichtendienste sehr gut darin, zu sagen, was gerade passiert, was passiert ist oder was in der unmittelbaren Zukunft passieren könnte? Oder ist die menschliche Vorstellungskraft so begrenzt, dass es sehr schwierig ist, darüber hinaus zu gehen? Gehören Fragen wie »Was wäre, wenn?« und »Was wäre, wenn?« zum Alltag?
Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, wird sie desto mehr jene hassen, die sie aussprechen? (George Orwell)
513 Glauben Sie an die Schere im Kopf? Haben Sie sie schon einmal gesehen? Warum geht eine andere Schere immer nur auseinander, schneidet aber nie etwas durch oder ab? Warum werden alte Zöpfe nicht abgeschnitten, sondern in biedermeierlicher Beschaulichkeit wie Fahnen bei einer Prozession getragen? Warum tragen wir keine Zöpfe mehr wie Kant oder wie Münchhausen? Wundert es Sie nicht, dass wir uns ohne Zöpfe nicht mehr aus dem Sumpf ziehen können? Kommen Sie politisch klar? Glauben Sie, dass Autoritätsgläubigkeit der größte Feind der Demokratie ist? Sind Sie Demokrat? Oder ein Sozialist? Wissen Sie, wer Sie politisch wirklich sind? Fühlen Sie sich frei? Kann die Zukunft für Sie nur besser werden? Woran machen Sie das fest? Schafft die Demokratie ein starkes Band zwischen Ihnen und den Menschen, oder erleichtert sie Ihnen nur den Umgang mit ihnen, indem sie Ihnen die Freiheit gibt, die Sie für sich nutzen wollen? Was sagt Ihnen das Jahr 1848? Wenn in der Demokratie das Volk der oberste Souverän ist, sind Sie dann überzeugt, dass der Souverän Anarchie und Chaos verhindern kann? Sind Talkshows gute Orte für den demokratischen Diskurs? Stimmt es, dass Demokratie nichts anderes ist als eine Machtfrage, dass sie alles usurpiert, um es für ihre Zwecke zu nutzen, und dass sich deshalb nicht die Frage nach einer »besseren« Demokratie stellt, sondern die Frage, wie wir mit Macht umgehen? Warum werden Demokratien heute immer fragiler? Warum kann es in der ältesten und mächtigsten Demokratie der Welt, den USA, zu einem rechtspopulistischen Putschversuch kommen? Welches Aufbegehren ist noch denkbar gegen eine völlig gesichtslose Macht? Sind die vielen gebrochenen Versprechen und verratenen Hoffnungen noch zu zählen? Wie lässt sich die Kluft überbrücken: auf der einen Seite diejenigen, die sich als Gegner des Systems bekennen und als Verschwörer angeklagt werden, auf der anderen Seite diejenigen, die sich auf die Richtschnur der eigenen Vernunft verlassen und ihrerseits als Anhänger der herrschenden Ideologie angeklagt werden? Sind polizeiliche Sanktionen des Denkens und inquisitorische Denunziationen sinnvoll? Was hat das Misstrauen gegenüber Politik, Institutionen, Medien und Experten in systematische Ablehnung und eine Spirale grenzenloser Verdächtigungen umschlagen lassen? Halten Sie all diese Fragen überhaupt für zulässig?
Überwiegt heute die Angst, an der falschen Stelle zu schweigen, die Angst, das Falsche zu sagen?
514 Ist die »offene Gesellschaft« ein politischer Kampfbegriff? Wie offen kann und darf eine Gesellschaft sein? Welches sind die Ziele einer offenen Gesellschaft? Sind es Freiheit, Sicherheit und materieller Wohlstand ihrer Bürger? Was halten Sie von Ernst-Wolfgang Böckenfördes Feststellung, dass der freiheitliche säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann? Wie stark sind die Mauern in unseren Köpfen? Ist eine Zukunft ohne Überraschungen das Überraschendste, was uns passieren kann, wie Knut Borchardt vermutet? Gibt es ein wissenschaftlich belegbares historisches Gesetz, dem wir uns aus tatsächlichen oder moralischen Gründen unterordnen müssten? Gibt es einen letzten Zweck, ein inneres Wesen des Staates oder der Gesellschaft? Sind nicht alle staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen von Menschen für Menschen gemacht? Würden Sie sich für Hammer und Sichel entscheiden? Oder wäre es Ihnen gleichgültig, unter dem Hammer der Globalisierung und der Sichel des Endzeitkapitalismus zu existieren? Ist »Besserwessi« ein Schimpfwort oder eine treffende Beschreibung? Halten Sie den Osten Deutschlands für eine westdeutsche Erfindung? Könnte der Trick funktionieren, diese hochgradig negativ besetzte Zuschreibung so umzuformulieren, dass sie eine positive Wirkung entfaltet und dass der Westen Deutschlands zu einer ostdeutschen Erfindung wird? Wie müsste diese Zuschreibung dann genau lauten? Wie halten Sie es mit der Kultur? Wollen Sie, dass unsere über Jahrzehnte gewachsene Kultur untergeht? Wenn Politiker schon nicht in der Lage sind, die kleinsten Probleme im Land zu lösen, wie sollen sie dann die globalen Probleme lösen, vor denen wir stehen? Warum heißen die Bezüge der Parlamentarier eigentlich »Diäten«, wenn dieser Begriff doch im diametralen Gegensatz zum Nutzen einer Küche steht? Würden Sie einen Politiker wählen, der wie eine Maus aussieht oder eher wie eine Katze? Wie und warum tauchen Rituale in Protesten und sozialen Bewegungen auf, die nach Gerechtigkeit streben? Und was haben diese scheinbar außergewöhnlichen politischen Inszenierungen von Ritualen mit ihren eher alltäglichen Inszenierungen gemeinsam?
515 Gibt es ein Leben auf Verschleiß? Ist das Leben mit dem Bürgergeld ein solches Leben? Wer verschleißt hier wen? Wissen Sie, was ein Finanzbeamter zu Ihnen sagt, wenn er Ihre Unschuldsbeteuerungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung hört? Sagt er vielleicht: »Glauben Sie, wir haben nichts Besseres zu tun, als Ihnen zu glauben?« Sind Sie ein Freund von persönlicher Transparenz und staatlicher Überwachung? Freuen Sie sich deshalb auf das einfach zu handhabende digitale Zentralbankgeld, das bald kommen wird? Glauben Sie, dass dann alle Risiken wie Diebstahl, Raub oder Betrug endlich der Vergangenheit angehören? Glauben Sie, dass dann eine durch und durch ehrliche Finanzwelt Einzug hält? Haben Sie schon begriffen, dass Zentralbankgeld im Grunde nur »Konsumgutscheine« sind, deren Verwendung der Staat nach Belieben reglementieren kann? Lässt Sie dieses Wissen ruhig schlafen? Sind Sie für das Ende des Ehegattensplittings? Sollte die Politik eine Kampagne machen, die jungen Menschen erklärt, dass die Single-Lebensgewohnheiten von finanziell abgesicherten Berufskindern kein Modell für die Massen sind, und Familie mehr Sicherheit als der Staat bietet? Könnten Sie sich vorstellen, dass Politiker einer Pawlowsche Konditionierung erliegen: Entweder Leckerli – viele Dr. h.c., Verdienstorden, Preise – oder die Drohung, den gesamten Zorn nicht nur der Macher, sondern auch des Volkes auf sie zu lenken? Warum nennen Politiker ihr Handeln pragmatisch, ja sogar realpolitisch, wenn diese Politik die Realität beschädigt und die Voraussetzungen für ein wirkliches Zusammenwachsen der europäischen Staaten immer mehr zunichte macht? An was erinnern Sie Phrasen wie »ganz viele Trugschlüsse«, »entsetzlich viele logische Fehler«, »unselige Debatten«, »eitle Selbstdarsteller«, »Modellierer des Grauens«, »ignorierte Fakten«, »ziemliche Lücken« oder »traurige Entwicklung für unsere Gesellschaft«?