Fragen zur Psychologie
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421 Was ist Bewusstsein? Zeigt sich das Bewusstsein beim Blick in den Spiegel? Ist es unsere innere Welt, die nicht nur die Sinneseindrücke abbildet, sondern sie um Gedanken, Bilder und Gefühle erweitert? Wenn wir das Bewusstsein verlieren, was hört dann auf? Ist es unsere Aktivität, unser Erleben, unser Denken, unsere Erinnerung? Ist das Bewusstsein das Einzige, von dem wir sicher sein können, dass es wirklich existiert? Selbst wenn die ganze Welt Einbildung wäre, gäbe es dann noch Bewusstsein? Hat Descartes mit »Ich denke, also bin ich« dieses Rätsel angesprochen, da wir weder Einblick in das Bewusstsein anderer haben, noch verstehen, woher es kommt? Hat ein mit Sensoren ausgestatteter Roboter Bewusstsein, weil er so programmiert ist, dass er sich selbst im Spiegel erkennt? Können Bilder, Muster und andere Merkmale Bewusstsein darstellen? Oder sind von künstlicher Intelligenz gesteuerte Roboter, denen manche ein Bewusstsein zuschreiben, nichts weiter als Musterberechnungsmaschinen? Und wenn Maschinen darauf trainiert werden, interessantere Antworten zu geben und den Menschen im Gespräch zu halten, wo liegen dann die Hinweise auf Bewusstsein? Ist Bewusstsein letztlich eine Frage der funktionalen Organisation? Bleibt Thomas Nagels Frage »Können wir wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein« als Neuauflage der Körper-Geist-Frage unbeantwortet? Oder sollten wir sie durch die Frage ersetzen: »Wie ist es, ein selbstfahrendes Auto zu sein«? Wenn man ein Maschinenbewusstsein am Computer entwirft und es dann in einen Roboter hochlädt: Wie soll daraus ein Bewusstsein entstehen?

Wie funktionieren die Anfänge einer Bewußtseinsumkehr? Muss der Aufsteiger erst lernen, die Gedanken seiner Mitmenschen zu beherrschen und eine besondere Unvernunft zu erzeugen? Sucht er dazu die Nähe von Adligen, Fremden und Gelehrten? Schmückt er sich prätentiös mit ihrer Gegenwart und ihren Attributen, ahmt er ihre Reden, ihre Haltung und ihr Leben nach? Und schlüpft er schließlich wie ein Schauspieler in ihr buntes Gewand? Soll nicht der Glanz und Schein gottgleicher Vollkommenheit und Welterkenntnis auf ihn übergehen, ihn erstrahlen lassen und seine Gegenüber in Staunen und Bewunderung versetzen?

Ist es nicht seit jeher so, dass uns das leicht Absurde, das Widersprüchliche, das Geheimnisvolle einer Erscheinung fesselt und fasziniert? Sind Führer mit komischen Bärten lustig? Sind Wirkung und Erfolg alles, was zählt? Wer etwas sein will, muss was tun? Muss er aus der anonymen Masse hervorstechen, etwas Besonderes sein, um nicht mit den Gewöhnlichen verwechselt zu werden? Wenn der Erfolg ausbleibt, was kann der Protagonist tun? Reicht es, den Effekt zu verstärken, immer größere Bärte, Brillen und Hüte aufzusetzen? Oder wird es dann schrill und abstoßend? Ist der Grat zwischen Wertschätzung und Witzfigur schmal? Haben nicht viele Mythen einen wahren Kern? Ist es Kalkül, mit dem Anschein von exklusivem Wissen und höheren Weihen das Geschäft anzukurbeln? Greift der Kapitalist gerne in die Zaubertrickkiste, macht Theater und viel Aufhebens um sich und seine Dinge und verspricht dem staunenden Publikum ein außergewöhnliches Erlebnis? Was wird als vollendete Ware verehrt und über alles gestellt? Das Ferne, Fremde, Exotische? Das gute Eigene: wird es verachtet und verschwindet es?

Wächst in Zeiten schmelzender materieller Grundlagen und wachsender Konkurrenz der Druck, die absurde Komödie weiter zu steigern? Was, wenn immer mehr in schauspielerischer Selbstvermarktung versuchen, sich in bunter Maskerade auf die Bühne zu stellen und sich mit Aktionskunst zum Idol des Marktes zu machen? Wie vielen gelingt das? Ist es die bittere Wahrheit, dass die meisten dieser Clowns in der realen Welt kaum ein menschenwürdiges Leben führen können?

422 Was sind die Kehrseiten, die Defizite der europäischen Moderne? Woran müssen wir festhalten, was muss über Bord geworfen werden angesichts der ungeheuren Zerstörungskräfte, die die Moderne freigesetzt hat? Was sind Rationalität und Vernunft? Sind sie selbstverständlich oder bedroht? Werden sie umfassend oder selektiv angewandt? In welchem Verhältnis stehen Rationalität und Normen (Sein und Sollen) oder Rationalität und Wahrhaftigkeit (Sein und Schein)? Ist Moral universell oder eher begrenzt, d.h. auch an verfügbare Ressourcen gebunden? Gibt es überhaupt noch universelle Werte? Wie muss Politik in einem solchen Umfeld aussehen? Lässt der Staat dem Individuum genügend Raum? Wie ist das Verhältnis von Staat, Freiheit und Gleichheit? Ist dieses Verhältnis eher pragmatisch oder eher prinzipiell zu regeln? Welche Rolle spielt der Ausgleich von Eigeninteressen gegenüber einem »Beharren auf dem sogenannten Gemeinwohl«, das »an die Stelle der Interessen in allen Bereichen gesellschaftlicher und politischer Entscheidungen« (Ralf Dahrendorf) tritt?

Welchen Stellenwert hat in diesem Geflecht die individuelle und kollektive Subjektivität gegenüber objektivierbaren Erkenntnissen? Auf welche gemeinsamen Werte kann sich die Gesellschaft heute noch einigen, und ist Sinnstiftung in der Demokratie überhaupt noch möglich? Wie steht es um allgemein geteilte Vorstellungen, und welche Rolle spielt dabei die Vernunft? Welcher Art sind die Beziehungen zwischen Mensch und Natur, überindividuell oder zeitabhängig und damit relativ? Und welche Rolle spielt das Wissen des Menschen, z. B. über die Natur, wenn doch nahezu Konsens darin besteht, dass wir »stupendes Expertenwissen über alles […] und zumeist auch das jeweilige Gegenteil« haben: »Wir wissen so viel wie nie zuvor – und verstehen die Welt dennoch nicht« (Andreas Rödder)?

Hat dann auch das Nichtwissen, beispielsweise die Intuition, eine Bedeutung bei der Suche nach dem Verständnis des Lebens als solchem? Kann man davon ausgehen, dass es Spezialisten wie Hegel oder Schopenhauer gibt, an die man sich wenden kann, um der Gesellschaft oder gar der Menschheit den Weg zu weisen? Ist die Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen subjektiv, je nach Stand der Wissenschaften nur temporär oder gar prinzipiell unüberwindbar? Leben wir in einer fragmentierten Welt, in der übergreifende Erklärungen fehlen, in der auch Entwicklungsgeschwindigkeiten und -richtungen auseinander driften und den Zusammenhang verlieren? Verstärkt sich dieser Eindruck für den Einzelnen, weil er ohne fremde Hilfe nur noch Ausschnitte der vielgestaltigen Wirklichkeit selbst begreift, weil die Geschwindigkeit der Wirklichkeitsveränderungen das eigene Wissen immer schneller veralten lässt und weil der Einzelne dann Wirklichkeit und eigene Erfahrungen nicht mehr zur Deckung bringen kann? Zerfällt so die Welt, für jeden anders, in Bekanntes und Fremdes? Ist die Folge dieser individuellen Überforderung eine wachsende Gefahr der Rationalitätsmüdigkeit und politisch der Rückzug des Einzelnen aus der Gesellschaft? Gewinnt gleichzeitig der Staat an Macht, indem er paternalistisch-fürsorglich eingreift, individuelle Schwächen kompensiert und individuelle wie kollektive Aufgaben übernimmt, so dass demokratische Instabilitäten entstehen können?

423 Wollen Sie alles wissen? Würden Sie zustimmen, dass es heutzutage unerlässlich ist, alles verfügbare Wissen zu nutzen, um die komplexen Herausforderungen der modernen Welt zu meistern? Wie kann es dann aber sein, dass Menschen bestimmte Informationen bewusst nicht zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen bestimmte – durchaus interessante – Dinge lieber nicht wissen wollen? Wo tritt dieses bewusste Nichtwissen im Alltag auf? Welche Motive stehen dahinter? Könnte es sein, dass manches Wissen für unser Wohlbefinden, für die Orientierung in unserer komplexen Umwelt und für ein faires Miteinander tatsächlich nicht förderlich ist? Warum unterstellen wir Menschen, die Dinge nicht wissen wollen, oft, dass diese Haltung unreif, ethisch fragwürdig und unklug sei? Würden Sie zum Beispiel wissen wollen, ob Sie ein erhöhtes Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken? Wo bleibt da die Neugier, die doch eine der Grundvoraussetzungen für Wissen ist? Kann gewolltes Nichtwissen eine gute Strategie sein, um – entsprechendes Hintergrundwissen vorausgesetzt – zum Beispiel die in der modernen Medizin weit verbreitete Überdiagnostik und Übertherapie zu kompensieren? Ist es nicht so, dass das vollständige und sorgfältige Abwägen keineswegs immer zu besseren Urteilen führt, schon weil die vielen Faktoren meist alle mit Unsicherheiten verbunden sind? Können einfache Faustregeln gerade bei schwierigen Entscheidungen weiterhelfen?

Gibt es sicheres Wissen? Ist das Bedürfnis nach Gewissheit ein Überbleibsel eines autoritären Bewusstseins, das aus einer Zeit stammt, in der man glaubte, dass die Götter dem Menschen das Wesentliche durch Offenbarung übermitteln? Bietet die Philosophie oder die Medizin oder irgendeine andere Wissenschaft Gewissheit? Macht es Sinn, über die Frage des Seins nachzudenken? Sollten wir, anstatt zu fragen, was etwas ist, besser verstehen, wie etwas zu verstehen ist?

Warum werden Gedanken alt und Einstellungen porös wie Holz? Warum nisten sich Zweifel und Ungläubigkeit auch in Denkfiguren, Weltbildern, Göttern und Grundüberzeugungen ein wie Pilze und Insekten in altem Gebälk? Warum ist nichts beständig außer dem Bedürfnis des Menschen, irgendwo zu leben?

424 Wohin führt Zensur? Führt sie dazu, dass Menschen, die sehr engagiert sind, in ihrem Unmut gefangen bleiben? Und wenn diese Unzufriedenheit einen Siedepunkt erreicht, was dann? Ist es dann wahrscheinlich, dass es zu echten Mobilisierungen, Protesten und Gewaltanwendung kommt?

Wer außer moralischen Appellen und leeren Drohungen nichts zu bieten hat, benutzt der Beschwichtigung, um a) die eigene Feigheit zu kaschieren, b) die eigene Ohnmacht zu verbergen, c) sich stillschweigend vom Schlachtfeld zu entfernen, d) sein harmonistisches Weltbild in Ordnung zu halten oder e) sich ein gutes Gewissen zu verschaffen?

Was passiert, wenn zwei unterschiedliche Weltanschauungen aufeinandertreffen, die mit den gleichen normativen Ansprüchen argumentieren? Wenn aus dem Recht, Rechte zu haben, das Recht wird, alle Rechte zu haben? Wenn Rechte mit dem eigenen Wohlergehen gleichgesetzt werden? Wenn jede Einschränkung oder Behinderung denjenigen, der meint, Rechte zu haben, zum Opfer macht und seine Wut legitimiert?

Kann man sagen, dass Lügen heute nicht mehr funktionieren, weil ohnehin jeder glaubt, was er glauben will? Wer, wenn nicht der Lügner selbst, könnte belogen werden? Wäre das schlimm? Warum hat sich der Mensch immer als so vernünftiges Wesen gerühmt? Sollte er damit nicht aufhören?

425 Was ist Hoffnung? Was wäre ein Leben ohne Hoffnung? Ist es überhaupt möglich, ohne Hoffnung zu leben? Was bleibt vom Leben, wenn wir aufhören zu hoffen? Ist Hoffnung ein Gefühl, eine Handlung, ein Glaube, eine Erinnerung, eine Selbsttäuschung? Warum erzeugt Hoffnung so viel Selbst- und Fremdtäuschung? Sind Optimismus und Lachen gesund? Was folgt aus der Vorstellung, dass Hoffnung, positive Gedanken und Optimismus gesund machen? Heilt Hoffnung Krebs? Was, wenn sich Hoffnung als Trugbild und Glaube als fatale Vertröstung entpuppt? Welche Hoffnungen sind tragfähig? Ist Hoffnung zerbrechlich? Was ist die Enttäuschung einer enttäuschten Hoffnung? Kann der Mensch sich neu erfinden? Ist Hoffnung die Überwindung des Unmöglichen? Entsteht sie, wenn man nicht mehr mit ihr rechnet, nach der Erfahrung des Nichts? Ist vielleicht Hoffnung das Gegenteil von Optimismus? Hoffen Sie?

Muss das Alleinsein, die Abgeschiedenheit – ob fernab von dörflichen Siedlungen oder inmitten einer lärmenden Stadt – immer tragisch sein? Kann Solitude eine bewusste Entscheidung sein und nicht Schicksal wie Einsamkeit, unfreiwillige Isolation? Warum folgen wir Gewohnheiten, die sich zwar in der Gesellschaft etabliert haben, aber nicht unsere eigenen sind? Fehlt uns der Mut, die Kraft, unsere Ideen und Wünsche durchzusetzen? Sicher, die Auseinandersetzung mit anderen Menschen kann bereichernd sein, aber erschöpft sie nicht auch Geist und Körper, macht sie nicht oft unruhig, gereizt, aggressiv? Wo ist der Ort, der Rückzug erlaubt? Wo die Stille nicht übertönt wird, wo wir unsere Ansprüche und Bedürfnisse auf ein für uns angenehmes Maß anpassen können?

Wie können wir das Leben ernst nehmen, wenn wir es ständig durch die Brille der Einbildung betrachten? Wenn es schwierig wird zu unterscheiden, ob ein menschliches Gehirn oder ein Algorithmus ein Gedicht geschrieben hat, müssen wir dann dazu übergehen, Wahrheit als etwas Subjektives zu betrachten, das wir uns vielleicht nur einbilden? Ist es nicht ein interessanter Aspekt, dass der Mensch sich sehr oft auf das Negative konzentriert, das sich aber positiv auf sein Überleben auswirken kann? Bad is stronger than good – kann das wirklich sein? Wie kommt es, dass schlechte Gefühle oder schlechtes Feedback mehr Einfluss haben als gute und dass schlechte Informationen gründlicher verarbeitet werden als gute? Liegt es daran, dass negative Eindrücke und Stereotypen schneller entstehen und leichter widerlegt werden können als positive? Haben die Phlegräischen Felder etwas mit phlegmatischen Feldern zu tun? Was bringt das eine zum Ausbruch, was bringt das andere zum Einsturz?

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