Fragen zur Psychologie
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416 Sind Sie ein Freund der gepflegten Konversation? Wie würden Sie einen Gespräch mit folgenden Persönlichkeiten führen: Michel de Montaigne, Samuel Beckett, Virginia Woolf, Sigmund Freud, Simone de Beauvoir, George Sand, August F. Winkler? Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es oft eine große Diskrepanz gibt zwischen der Selbstdarstellung von Menschen in einem kontrollierten Umfeld – etwa als Autor eines Buches, als Sänger, als Moderator – und ihrer Präsenz ohne Drehbuch, in natura, also im Alltag? Selbst wenn Menschen angeblich gute Gesprächspartner sind, kann die Erwartung, dass sie es sind, auch hemmend sein? Sind Sie Leuten begegnet, die zu Tölpeln wurden, nachdem man ihnen gesagt hatte, sie seien für ihren Witz bekannt? Kann ein Gespräch unter den falschen Umständen schnell langweilig oder sogar unangenehm werden? Kennen Sie Sartres Theaterstück Kein Ausgang, in dem eine der Figuren sagt, dass die Hölle andere Menschen sind? Kann auch das Gegenteil der Fall sein? Wenn der Rahmen stimmt und die Gefährten sympathisch sind, können die anderen Menschen dann nicht auch der Himmel sein? Wussten Sie, dass derselbe Sartre ein sehr anstrengender Gast war, der pausenlos schnell redete und selbst dann, wenn der Gastgeber den Raum verließ, weil er der Diskussion nicht mehr folgen wollte (oder konnte), seine Abwesenheit offensichtlich nicht bemerkte, aber dennoch an Beauvoir (seine langjährige Lebenspartnerin) schrieb, der Gastgeber sei mitten in der Diskussion plötzlich verschwunden? Was ist der Sinn einer Cocktailparty? Ist sie dazu gedacht, geistige und kulinarische Kost zu bieten – nebst Plauderei, Häppchen und reichlich Getränken? Und was ist ein Dinner, ein Abendessen? Sollte die Konversation, da sie an einem Tisch stattfindet, ein anhaltendes und substanzielles Gespräch beinhalten, an dem die gesamte Gruppe teilnimmt? Was meinen Sie: Wie viele Personen sollten daran teilnehmen? Zehn? Oder zwölf? Oder nur sechs, wie W. H. Auden in seinem Gedichtband About the House schreibt? Sollte man dem sechsten der Zehn Gebote eines Gourmands von Comte de Montluc folgen, der in goldenen Lettern in die Marmorwände seines Speisesaals meisseln ließ: »Lade nie mehr Gäste als Musen und nie weniger als Grazien ein«? Ach, Sie kennen die klassischen Regeln nicht? Wann sehen Sie die Möglichkeit eines echten, gemeinsamen Gesprächs gefährdet? Wenn ein oder zwei Streithähne das Gespräch dominieren? Oder wenn sich die Gruppe in schwatzende Zweiergruppen aufteilt und es keine gemeinsame Gesprächsbasis mehr gibt? Welche Aufgabe hat dann der Gastgeber (oder Moderator), wenn er nicht die Kontrolle verlieren will? Muss er das Fach Talk oder Small Talk gelernt haben, oder kann das jeder übernehmen, der gut reden kann? Ist der Gastgeber der Regisseur eines Stücks, dessen Darsteller dummerweise nicht textsicher sind (Wolfgang Herles)? Wie beginnt man ein spannendes Gespräch? Was halten Sie von: Ich habe darüber nachgedacht, warum wir Austern und Hummer essen, obwohl sie nicht sehr attraktiv aussehen. Was ist der evolutionäre Aspekt, warum wir gelernt haben, diese Dinge zu mögen?

417 Wie sah Kommunikation in früheren Epochen aus? Hatte der Einzelne regelmäßig Kontakt zu anderen Menschen, auch zu solchen, die ganz anders waren als er selbst? Waren die Familien eher groß und weitläufig als klein und geschlossen? Trennten ausgeprägte ethnische, religiöse und Klassenschranken verschiedene Gruppen ungerechtfertigt voneinander? Führte die Notwendigkeit, sich im buchstäblichen Raum zu bewegen, zu unvorhersehbaren Begegnungen? Waren die Menschen nicht gezwungen, sich auf andere einzulassen, um ihr Leben zu meistern? Und gibt es dieses Element des Zufalls heute noch? Sind wir, bei aller Bejahung von Unterschieden und Vielfalt, zu einer Gesellschaft der Fraktionen und Gruppen geworden? Wie funktioniert unser soziales Denken? Ist es in vielen Fällen in sich wiederholenden Mustern von Zustimmung oder Ablehnung erstarrt? Hat die Covid-19-Pandemie die Tendenz zur Isolation und Wiederholung verstärkt? Wie viele Menschen haben in unseren Tagen nur mit Menschen zu tun, deren Ansichten und Lebenserfahrungen mit ihren eigenen übereinstimmen? Was bewirkt die Wiederholung derselben Ideen innerhalb einer geschlossenen Gruppe? Vergiftet das nicht unseren Sinn für diejenigen, die außerhalb dieser Gruppe stehen? Wird die Gesellschaft dadurch zu einem Ort ständiger Konflikte und Feindseligkeiten? Wie groß ist der Schaden, den wir uns selbst zufügen, wenn wir so leben? Kann es unserer psychischen Gesundheit zuträglich sein, wenn wir uns einfach mit Allgemeinplätzen begnügen, die Geheimnisse unserer individuellen Natur in unserer eigenen Brust verbergen? Zu sagen, wer wir sind und worin unsere wesentliche Einzigartigkeit besteht: Ist das nicht eine der menschlichsten und kreativsten Handlungen? Könnte es sein, dass wir vor allem gute Gespräche brauchen, um unsere Stimmung zu heben, uns mit anderen zu verbinden und uns selbst besser zu verstehen?

Ist es überflüssig zu bemerken, dass die Unfähigkeit der Massen, richtig zu urteilen, ihnen jede Möglichkeit kritischen Geistes raubt, das heißt, die Fähigkeit, Wahrheit und Irrtum voneinander zu unterscheiden und ein scharfes Urteil abzugeben? (Gustave Le Bon)

418 Wer ist ein Puritaner? Was halten Sie von einem Menschen, der ein etwas müdes, vornehm lächelndes oder auch melancholisch resigniertes Über-den-Dingen-Stehen im Gesicht trägt? Weckt das bei Ihnen Zweifel an der Angemessenheit oder Enttäuschung über die demonstrative Unverbindlichkeit? Ist das Leben eine schwierige Sache, wie George Santayana seinen Protagonisten Alden philosophieren lässt? Sind wir gefangen in etwas Zwingendem, Drängendem, Gefährlichem und zugleich Verlockendem? Sind wir wirklich von mächtigen, geheimnisvollen, nur halbwegs freundlichen Kräften umgeben? Oder bilden wir uns das nur ein? Ist die von Menschen gemachte Welt für den menschlichen Geist so schrecklich, dass sie nur dann anständig und interessant erscheint, wenn man die eine Hälfte der Tatsachen weglässt und die andere Hälfte verfälscht? Gibt es in unserer Welt etwas anderes als Chaos und ein Wirrwarr von Impulsen, eine Wahrheit, die aus Illusionen besteht, ein Zuhause, das in ständiger Unruhe ist? Starke Worte? Oder nur die Worte eines überreizten Puritaners? Wenn jemand die Farbe Rot kennt, weiß er deshalb, dass es auch andere Farben gibt? Sind Bejahung und Verneinung psychische oder rein logische Prozesse? Was ist mit dem Satz gemeint, »die Autorin will den Liberalismus nicht auf eine historische Idee der europäischen Aufklärung herabrelativieren, sondern universell für alle Vernunftbegabten zugänglich machen«? Wer sind Vernunftbegabte? Scheinen einige nichtmenschliche Tiere vernunftbegabt und selbstbewusst zu sein, die sich zudem als eigenständige Wesen mit Vergangenheit und Zukunft begreifen? Was ist, wenn sogar das Feuer, wie Heraklit gesagt haben soll, vernunftbegabt ist?

419 Warum ist der Begriff der Identität so schwer zu fassen? Ist das Identitätsproblem ein genuin menschliches, weil wir, vom animalischen Instinktapparat weitgehend befreit, eine Art zweite Natur entwickelt haben, die unser Verhältnis zur natürlichen und sozialen Welt regelt und uns die Einheit von Erleben und Handeln erfahren lässt? Wie kommt es, dass an der Schnittstelle von Psychologie und Sozialanthropologie die Frage nach der Identität, wie sie heute Konjunktur hat, eine Frage ist, die erst in der Moderne aufkam und sich in traditionellen Gesellschaften, in denen Identität vor allem herkunftsbezogen war und sich aus der sozialen Stellung innerhalb der eigenen Gruppe ableitete, so nicht gestellt hat? Liegt dies an den Grundlagen des in der Neuzeit aufkommenden Individualismus, der seinerseits auf der christlichen Aufwertung des Innenlebens, dem Rationalismus von René Descartes und der Privilegierung individueller Interessen gegenüber gesellschaftlichen Verpflichtungen bei John Locke aufbauen konnte? Auch wenn es immer wieder politische Verfechter individueller und kollektiver Identität und Kritiker der Verabsolutierung beider Begriffe gegeben hat, warum war Identität nie so problematisch wie heute? Was kann als Ursache ausgemacht werden? Ist es die Grunderfahrung einer vielfältig bedingten verstärkten Selbstentfremdung, die Auflösung traditioneller Identitäten durch die Globalisierung und die Gegenbewegung dazu oder die Entstehung immer neuer Gruppen aus sozialen Bewegungen im Zeichen sogenannter Identitätspolitiken?

Gehört Identität zu den fragwürdigsten Wiedergängern des Denkens, zumal je mehr über den Begriff gesprochen wird, desto weniger weiß man über das, worauf er sich jeweils bezieht? Verlangt die Tatsache, dass etwas existiert, auch, dass man es kennt? Hat sich aus den Zufälligkeiten des Weltprozesses ein Selbst entwickelt, das in der Frage gipfelt: Wer oder was bin ich eigentlich? Hängt das, was man ist, nicht am wenigsten von einem selbst ab? Wenn jedes Selbst einzigartig ist und kein Mensch mit einem anderen identisch ist, kann es dann – entgegen der landläufigen Meinung – per se eine gemeinsame Identität geben? Ist Identität nicht dynamisch, in einem Prozess ständiger Bildung und Veränderung? Wie kann man auf eine andere Art und Weise das sein, was man ist, und doch nicht anders sein als das, was man geworden ist?

420 Ist verzichten angesagt? Warum sollte man sich auf das einlassen, wozu Verzicht auffordert? Warum sollte man sich ohne äußeren Zwang einschränken, z.B. Konsumverzicht üben, vorzeitig aus dem Beruf ausscheiden, einen aktuell drängenden Wunsch nicht erfüllen, also Triebverzicht üben? Warum sollte man dort, wo neuerdings von Verzicht die Rede ist, seinen Lebensstil nicht nur ein wenig, sondern grundlegend ändern, um beispielsweise Umwelt und Klima zu schützen? Wann wurde Verzicht früher positiv bewertet? Hat Verzicht immer etwas damit zu tun, dass man sich dem Lustprinzip widersetzt? Ist es nicht so, dass derjenige, der sich dem Lustprinzip widersetzt, Mühen auf sich nimmt und Frustrationen erlebt? Muss man weltoffen und klug sein, um die Gründe zu erkennen, die für den Verzicht sprechen? Hat der, der nicht klug genug ist, dann keine Chance, eine Widerstandsfähigkeit gegen die Herrschaft des Lustprinzips zu entwickeln, die man heute Resilienz nennt? Ist Verzicht eine Frage vager Gefühle oder ideologisch starrer Vorentscheidungen oder eine Frage klarer Konzepte, präziser Diagnosen und überzeugender Argumente? In welchem Maße haben Verzicht und Selbstbeschränkung mit der Natur des Menschen zu tun? Inwiefern ist beispielsweise der nicht nur biblische Gedanke, der Mensch solle sich die Erde untertan machen, dafür verantwortlich? In welchem Maße haben Verzicht und Selbstbeschränkung mit der Natur des Menschen zu tun? Inwiefern ist beispielsweise der nicht nur biblische Gedanke, der Mensch solle sich die Erde untertan machen, dafür verantwortlich? Was hat der Eurozentrismus damit zu tun oder der Neoliberalismus mit seiner Vorliebe für einen ungezügelten Kapitalismus? Wo ist diesen weit verbreiteten Aussagen zuzustimmen, wo stoßen sie an Grenzen? Ist die Aufforderung »Du musst dein Leben ändern« die dringende Aufgabe für jeden Einzelnen, für jede Gruppe und auch für jeden Staat?

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