Fragen zur Psychologie
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411 Denken Sie manchmal über Ihre Partnerschaft nach? Was halten Sie von der Vorstellung, dass wir Menschen füreinander wie ein Stück Seife sind, das sich mit der Zeit abnutzt und irgendwann verschwindet? Ist eine Beziehung wie ein Auto oder ein Kleiderschrank? Nein? Warum machen wir dann Ärger? Warum hat Beziehungsgesundheit in unserer Kultur im Gegensatz zu Bruttosozialprodukt, Mülltrennung und Klimaschutz keinen Wert? Was halten Sie von Fragen wie: Wie geht es dir mit mir? Was hältst du von uns? Wen siehst du in mir? Wer oder was sind wir füreinander? Was verbindet uns, was trennt uns? Wo fühlst du dich missachtet? Sind sexuelle Probleme vielleicht darauf zurückzuführen, dass sich die Werte der Leistungsgesellschaft immer mehr in unser Privatleben, in unsere Körperlichkeit und in unser Seelenleben eingefressen haben? Ein hoher soziosexueller Leistungsdruck, eine Art utilitaristischer Tauschhandel? Warum müssen Frauen heute sexy, schlank, beruflich erfolgreich und sexuell aktiv sein und Männer immer volle Leistung bringen, auch sexuell, immer viel Geld verdienen und durchsetzungsfähig sein, gleichzeitig aber auch sensibel, tiefgründig und rücksichtsvoll? Gilt nicht immer noch das psychologische Naturgesetz, dass nur sein kann, was nicht sein muss? Gibt es überhaupt ein schlechtes Gewissen? Muss es immer ein schlechtes Gewissen sein? Muss dem schlechten Gewissen immer ein gutes Gewissen gegenüberstehen? Oder ist ein gutes Gewissen überhaupt kein Gewissen? Und macht ein gutes Gewissen nicht einsam? Weil alle anderen ein schlechtes Gewissen haben?

412 Hat Auguste Rodins »Der Denker« als Ikone ausgedient? Muss das Denken im eigenen Kopf einer »alternativen Intelligenz« weichen? Liegt das wahre Wissen in »denkenden Maschinen« verborgen? Muss man Intelligenz nachahmen, um sie zu verstehen: in Algorithmen, Avataren und Robotern? Auch wenn wir die Tricks und Kniffe der Psychologie, die Strategiespiele der Ökonomie, die Rekonstruktionen der Evolutionsbiologie und vieles mehr zur Erforschung einsetzen: Werden wir jemals mehr als die differentia specifica, den Unterschied zwischen Mensch und Tier, ergründen können? Welchen Sinn macht es, die Forschung auf die unbelebte Welt der Maschinen zu konzentrieren, wie einige Wissenschaftler vorschlagen? Könnte die Lösung des Rätsels, was Intelligenz ist und wie sie entsteht, unser Bild von (menschlicher) Intelligenz verändern? Oder, schlimmer noch, unser Denken selbst? Wenn wir wüssten, wie Menschen es schaffen, intelligent zu sein, hätten wir dann wirklich selbstfahrende Autos und Roboter-Butler, Maschinen, die uns à la longue zum Nichtstun verdammen? Geht es entgegen allen Beteuerungen vielleicht doch darum, den Menschen in irgendeiner Weise auf eine Maschine zu »reduzieren«, seine Rechte oder seine Würde mit einer neuen Maschinenwelt »kompatibel« zu machen?

413 Ist Denken wie ein sokratischer Dialog? Wenn Denken ein innerer, stiller Dialog zwischen zwei Akteuren mit unterschiedlichen Weltbildern und Standpunkten ist, die sich gegenseitig zu widerlegen versuchen, kann Denken dann auch wie Sokratesʼ nerviges, bohrendes Frage-Antwort-Spiel sein? Wer sind die Akteure? Woran erkennt man sie? Könnte man auch sagen, der eine Akteur ist die These, der andere die Antithese? Sind sie vielleicht gar keine Akteure, sondern einfach nur das artikulierte Verhältnis zu sich selbst? Oder ist der eine Akteur das Ich, der andere das Selbst, zwei gleichberechtigte Partner? Macht der Widerspruch in einem solchen Dialog überhaupt Sinn? Angenommen, das Ich lügt, wie hält dann das Selbst diesen Zustand aus? Kann es sich ein denkender Akteur, sofern er denkt, leisten, Unrecht zu tun, weil er im stillen Dialog mit sich selbst die Integrität des anderen Akteurs intakt halten muss? Läuft er sonst Gefahr, die Fähigkeit zum Denken und damit zum Philosophieren zu verlieren? Wenn ein Außenstehender den Dialog der beiden Akteure beobachtet, könnte dieser Außenstehende durch den beobachteten Dialog einen weiteren Dialog mit sich selbst führen? Wäre dies eine Simulation oder eine neue Konstruktion? Und wäre das Ergebnis eine »alternative Realität«? Warum sollte ein solcher Dialog nicht in einer Dialoge lesenden »Seele« im Sinne Platons denkbar sein? Ist die Verschriftlichung von Dialogen selbst nur die nachträgliche Fixierung eines bereits abgeschlossenen geistigen Dialogs in Buchstaben? Was ist der Zweck eines Dialogs? Dient ein Dialog der Darstellung einer ausgefeilten Beweisführung oder der Wahrheitsfindung oder beidem? Oder geht es darum, einen Konsens in einer bestimmten Frage zu finden? Oder geht es vielmehr um das, was Blaise Pascal mit dem Begriffspaar esprit geometrique und esprit de finesse zum Ausdruck gebracht hat: um die geistige Erfahrung einer mathematisch orientierten Vernunft im Widerstreit mit dem Geist des Feinsinns und der Empfindung, um das Ausloten von Erkenntnis und Irrtum, um die Erkundung stringenter Theoriegebäude und das Durchwandern intellektueller Kreativitätsinseln? Stimmt dann Nietzsches Credo, dass die Wahrheit zu zweit beginnt?

414 Was ist Klartext? Sind das Texte in gutem, klarem Deutsch, die jeder versteht? Die glasklare Durchsichtigkeit des Wortes? So etwas wie klarer Wein? Oder ist Klartext nichts anderes als die Wiederholung des Gesagten mit anderen Worten? Was wird durch Klartext klarer: der Text oder die Ideen oder gar nichts? Bedeutet Klartext, das Erwartete oder das Gewünschte auszusprechen? Oder bedeutet Klartext die Homogenisierung einer Aussage? Ist der Klartext anaphorisch oder kataphorisch? Steht der Klartext oft zwischen den Zeilen? Die große Gartenplauderstunde, laues Palaver mit altbackenen Gemeinplätzchen beim Kaffeekranz – das ist doch nicht Klartext, oder? Hilft Klartext gegen eine Form von gedrechselter Redeinkontinenz? Wissen Sie, dass die Klartextgesellschaft mit ihren vorgefertigten Textbausteinen, ihren Faktenchecks und Gegenchecks die Menschen in die Situation gebracht hat, in der sie sich befinden? Kann die labyrinthische Wirklichkeit einem Klartextdiskurs standhalten, in dem jeder dem anderen aufs Maul haut, kaum dass es sich zu öffnen beginnt? Bedeutet Klartext reden, griffige Formulierungen herauszuschleudern? Darf jeder Klartext reden? Oder nur der, der sich seiner Sache sicher ist? Wie kann man Klartext reden, ohne die Befindlichkeiten des Gegenübers zu verletzen? Braucht man ein gewisses Selbstbewusstsein, um Klartext reden zu können? Ist der Satz von Karl Marx »Je ein Kapitalist schlägt viele tot« ein erlaubnisfreier Klartext? Und wenn Tristan singt: »Des Schweigens Herrin / heißt mich schweigen: / fass’ ich, was sie verschwieg, / verschweig’ ich was sie nicht faßt«: Ist das die unpoetische Vorstufe eines psychologisierten Klartextes? Oder vielleicht – sit venia verbo – revolutionärer Klartext? Was sind eigentlich Klartext-Garantien? Gibt es sie umsonst oder muss man dafür bezahlen? Wenn Ihr Chef zu Ihnen sagt: »Klartext, Kramer!«, wie antworten Sie? Kurz und bündig? Oder über Stock und Stein? Darf Klartext weh tun? Wenn Journalisten oder Experten »einordnen«, heißt das dann im Klartext: Wir sagen dir jetzt, wie du über dieses oder jenes zu denken hast? Beginnt so »betreutes Denken«?

415 Warum gibt es kein Recht auf Risiko? Ist es nicht oft das größte Risiko, kein Risiko einzugehen? Ist Galgenhumor nur dann Humor, wenn man an einem Montag zum Galgen geführt wird und sagt: »Na, die Woche fängt ja gut an«? Wie kommt es, dass Arthur Schopenhauer, ein extremer Pessimist und Gott- und Weltverneiner, jeden Tag nach dem Essen auf seiner Flöte spielte? War er wirklich ein Pessimist? Und ist die Schönheit, die wir nach Schopenhauer in der Kunst beglückt genießen, ein Abbild dessen, was wirklich ist? War es nicht auch Schopenhauer, der erkannte, dass die subjektive Möglichkeit »Ich kann tun, was ich will« nur besagt: »Wenn ich will, kann ich es tun«, was nichts anderes heißt, als dass das Ich aus eigener Kraft nichts anderes hervorbringen kann als den einen Willen? Genug Schopenhauer? Wie wäre es mit dem (modifizierten) Schlusssatz: »Zum Denken sind nur wenige geneigt, zum Recht aber alle«?

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