Fragen zur Psychologie
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406 Ist Grau die Farbe des Zweifels? Warum sind normale Menschen oft nicht auf dem Laufenden? Warum finden sie Politik kompliziert und unverständlich? Warum glauben sie, dass vieles im Verborgenen geschieht? Könnte es daran liegen, dass normale Menschen genug damit zu tun haben, ihr Leben einigermaßen erträglich zu gestalten? Dass sie jeden Tag zur Arbeit gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und sich deshalb nicht auch noch mit politischen Fragen beschäftigen wollen? Ist es vielleicht gerade deshalb so leicht, normale Menschen zu manipulieren und in die Irre zu führen? Ist Gehirnwäsche nicht eines der Werkzeuge, mit denen man das notwendige politische Umfeld schafft, um bestimmte Ziele in der Bevölkerung zu erreichen? Warum driften manche Menschen in imaginäre Scheinwelten ab und neigen zu aggressiver Rebellion gegen übergeordnete Instanzen und andere nicht? Wie starr sind Interessen, Identitäten oder Kulturen wirklich? Haben Menschen nicht verschiedene Identitäten, die sich sogar widersprechen können? Woran erkennt man die Laune eines verwöhnten Kindes?

407 Wem gehört unser Bild? Gehört es uns? Oder gehört es den anderen, der Gesellschaft, in der wir leben? Wie ich auf diese Fragen komme? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass wir unser eigenes Gesicht oder unseren eigenen Körper nicht als Ganzes sehen können? Was geschah mit Narziss, als er in den See blickte? Hat er sich der Gesellschaft angeschlossen, hat er seine eigene subjektive Perspektive aufgegeben? Sah er sich zum ersten Mal von außen, wie andere ihn sahen? War Narziss auf dem richtigen Weg, als er verzaubert war von seiner eigenen Bildwerdung als einem objektiven, von der Natur hervorgebrachten Bild, das allen gleichermaßen zugänglich war? Was passiert, wenn wir unser Spiegelbild in einem See sehen und zu dem Schluss kommen, dass wir nach den herrschenden gesellschaftlichen Konventionen nicht schön sind? Führt der Wunsch nach Anerkennung dann zu einem Kampf um Anerkennung? Kämpfen wir, um unseren Körper zu verändern, um ihn den herrschenden Konventionen anzupassen? Oder kämpfen wir gegen diese Konventionen, damit die Gesellschaft uns so anerkennt, wie wir sind?

Soll man einem Simulanten glauben, wenn er klagt, sein Leben bestehe aus Simulationen?

408 Kann es einen Zustand der Gedankenlosigkeit geben? Warum können wir kurz den Atem anhalten, aber niemals gedankenlos sein? Ist das Nichts, das manche Adepten zu erreichen versuchen, nicht ein philosophisches Paradoxon, das in eine geführte Meditation oder eine gefühlsgesättigte spirituelle Übung eingebettet ist? Wenn der Puls meines Denkens erlischt, bedeutet das dann nicht auch das Erlöschen meines körperlichen Pulses, den Tod? Können wir wirklich an alles denken? Ist das, was außerhalb oder jenseits des Denkens liegt, undenkbar? Oder können wir das Undenkbare nicht denken, weil es außerhalb unseres Denkens liegen müsste? Wer setzt dem Denken Grenzen: der Geist, der Körper, das Universum? Welche Auswirkungen hat das menschliche Denken auf unser Dasein? Warum können wir im Denken nach Belieben die ganze Skala der Möglichkeiten durchlaufen und dennoch das Undenkbare nicht denken? Ist die Unendlichkeit des Denkens vielleicht das entscheidende Merkmal des Menschen? Ist der Mensch letztlich das »denkende Schilfrohr«, von dem Blaise Pascal schrieb? Ist der Mensch biegsam, aber doch nicht so biegsam, dass er alle Belastungen schadlos übersteht? Oder ist er schwach, aber doch nicht so schwach, dass er dem Schicksal hilflos ausgeliefert wäre?

409 Was ist Genie? Ist Genie, nach Peter Hacks, die Fähigkeit, den eigenen Weltzustand als einen fremden zu begreifen und so die Tatsachen, die von der Menge für allgemein gehalten werden, als Positionen innerhalb eines Feldes von Möglichkeiten zu lokalisieren? Also die äußerste Verwirklichung der äußersten Möglichkeit? Aber: Verleitet diese außerordentliche Fähigkeit das Genie nicht allzu schnell dazu, seine Möglichkeiten und die der Welt zu überschätzen? Endet das Handeln vielleicht in einer déformation professionelle? Oder ist »Genie« ein genuin poetischer Kompetenzbegriff und nicht nur ein unscharfes oder überhöhtes Lobwort, wie es im heutigen Sprachgebrauch üblich ist? Wenn sich Genie vom lateinischen ingenium ableitet, bezeichnet es dann nicht eher eine klassische Tugend des Erfinders und Wissenschaftlers als eine eigenständige Tugend oder Fähigkeit? Besitzt ein Genie in diesem ursprünglichen Sinne keine ungewöhnlichen, sondern ganz gewöhnliche Fähigkeiten, nämlich Verstand (intellectus) und Einbildungskraft (imaginatio)? Muss ein Genie intelligent sein? Was ist Intelligenz überhaupt? Ist ein Schriftsteller intelligent, wenn er Texte schreibt, die Menschen mit Interesse lesen, um sie auf andere Gedanken zu bringen, wenn sie in ihren Grübeleien zu versinken drohen? Ist es klug, Schach zu spielen und den Gegner matt zu setzen? Wäre es intelligent, ein wirklich funktionierendes Perpetuum Mobile zu bauen? Ist es klug, Schulen und Ausbildungen zu durchlaufen und dabei zu lernen, das Wichtige (was wäre das?) vom Unwichtigen zu unterscheiden und dabei noch Spaß zu haben? Und ist es ein Zeichen von Intelligenz, sich auf eine Reise zu begeben und sie nicht akribisch zu planen, sondern den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, um später sagen zu können: »Was für eine schöne, aufregende Reise« und sich gerne daran zu erinnern?

410 Wenn wir unseren Geist trainieren, verändert sich dann auch unser Körper? Sind wir weniger aggressiv, wenn wir den Testosteronspiegel im Blut senken, oder sinkt der Testosteronspiegel im Blut, wenn wir weniger aggressiv sind? Vertrauen wir mehr, wenn wir mehr Dopamin im Blut haben, oder haben wir mehr Dopamin im Blut, wenn wir vertrauen? Dürfen wir heute beurteilen, was Menschen vor uns für gut oder böse hielten? Wie kann es sein, dass ein Mensch auf den Schmerz und das Leid eines anderen so reagiert, als wäre es sein eigener Schmerz und sein eigenes Leid? Wie kommt es, dass ein Mensch seine eigene Sicherheit vergisst und einem anderen unter Einsatz seines Lebens zu Hilfe eilt? Haben Sie schon einmal jemanden aus Ihrem Leben ausschließen müssen? Wenn man Geld hat, muss man dann akzeptieren, dass andere leiden, während es einem gut geht? Dass man theoretisch das Leid anderer lindern könnte, mit nur geringen eigenen Einbußen, sich aber dagegen entscheidet, aus Angst, aus Unsicherheit, aus Konformität, aus Gewohnheit: Ist das gerecht? Andererseits: Ist es nicht faszinierend, dass das menschliche Gehirn fähig ist, eine so elementare Ungerechtigkeit zu ertragen? Dass es sogar lernen kann, sie zu verdrängen? Was wäre, wenn wir nicht mehr daran glaubten, dass diese Unterschiede gerechtfertigt sind? Würden wir die Sicherheit verlieren, die uns die Marktwirtschaft verspricht: die Sicherheit, dass man Dinge erwerben kann, die man nie wieder verliert, dass jeder durch Leistung und Willen zu einem freien und wohlhabenden Menschen werden kann? Sind das nur alte Illusionen, die immer wieder erzählt werden? Oder anders gefragt: Erhöht Reichtum die Wahrscheinlichkeit, schäbig zu sein? Verdirbt der persönliche Überfluss den Menschen und seinen Charakter, selbst wenn es ihm gelingt, einen offenen Blick für Ungerechtigkeiten zu bewahren?

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