Fragen zur Philosophie
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331 Gibt es eine Ausweglosigkeit des falschen Denkens? Sie wissen, dass Sie Recht haben, aber kann es Unrecht sein, zu sagen, dass Sie Recht haben? Recht zu haben und es auszusprechen, ist das in manchen Fällen schon Unrecht? Selbst wenn Sie Recht haben und es in einigen Fällen auch aussprechen, könnten Sie dann, wenn Sie darauf beharren, so sehr ins Unrecht geraten, dass – das eine bedingt das andere – auch das Richtige falsch würde? Sie haben das Recht zu glauben, was Sie für richtig halten, aber wenn Sie sagen, was Sie für richtig halten, könnten Sie in bestimmten Fällen dennoch Unrecht haben? Handeln Sie richtig, wenn Sie Ihr Leben nach Ihren Überzeugungen leben? Ist es möglich, dass Sie sich selbst ins Unrecht setzen, wenn Sie überall die Richtigkeit Ihrer Überzeugung verkünden? Wird dann nicht – das eine bedingt das andere – Ihre vermeintlich richtige Überzeugung zur falschen? Oder können Sie, wenn Sie sich selbst loben, mit dem, was Sie sagen, zwar Recht haben, so dass Sie, wenn Sie für eine bestimmte Handlung Lob verdient hätten, insgesamt kein Lob mehr verdienen, weil Sie das, was Sie tun oder getan haben, ins Gegenteil verkehrt haben? Sie wissen, dass Sie aufschreiben können, was Sie denken, aber könnte es sein, dass Sie mit dem, was Sie denken und aufschreiben, falsch liegen? Bedeutet denken, sich irren, um richtig zu sein, und richtig denken, frei und vernünftig denken? Ist es falsch zu sagen, dass das Aufschreiben das Denken fixiert? Ist das Schreiben als eine Geste der Arbeit zu verstehen, dank derer Gedanken in Form von Texten realisiert werden? Wissen Sie besser, was falsch ist, als was richtig ist? Denken Sie in bestimmten Fällen: Was ist schon dabei, wenn es falsch ist? Kann sich das Denken von dem, was ist, nur dadurch unterscheiden, dass es falsch ist? Glauben Sie, dass das richtige Denken zwar das richtige Denken ist, aber irgendwie doch nicht richtig? Ist das richtige Denken für Sie das, was alle denken, richtig hingegen ist, andersherum, ungewöhnlich zu denken? Wie wenig müssten Sie denken, um wie alle zu denken? Und wie wenig dürften Sie an Ihrem Denken verändern, um als Andersdenkender durchzugehen? Würden Sie richtig andersdenken wollen?
Denken stark religiöse Menschen anders, wie beispielsweise ein fundamentalistisch christlich aufgewachsener Atheist?
332 War Kant ein naiver Friedensutopist? Wie sind die etwas skurrilen, ja bizarren und vieldeutigen Seiten von Kants Zum ewigen Frieden zu interpretieren? Ist Kants Text trotz seiner strengen Sprache wirklich als ernsthafter Vertragsentwurf zu lesen? Ist seine Altersschrift von 1795 nicht ein Paradebeispiel für seine Doppelbödigkeit? Schon das Wirtshausschild, auf das Kant zu Beginn den Titel seiner Schrift zurückführt: Ist das ein makabrer Scherz oder eine ernsthafte Absicht? Und wenn darauf ein Friedhof abgebildet ist - darunter in krakeligen Lettern die Inschrift »Zum ewigen Frieden«, also Friedhofsruhe als Friedensbotschaft: Sollte uns das nicht stutzig machen? Will uns Kant zum Narren halten? Wie verhält sich dazu die beißende Satire seines literarischen Aufklärerkollegen Jonathan Swift, der mit A Modest Proposal in perfektem Verwaltungs- und Technokratenjargon der Öffentlichkeit den Vorschlag unterbreitete, das Fleisch armer Kinder volkswirtschaftlich optimal zu verwerten? Wollte Swift mit diesem Vorschlag den grenzenlosen Utilitarismus des kapitalistischen Systems im frühindustriellen England persiflieren? Und was verfolgte Kant? Ging es ihm darum, die Unbelehrbarkeit und Unerreichbarkeit der Mächtigen und ihrer Entscheidungsapparate durch Argumente zu kritisieren? Will uns Kant also zeigen, wie dumm die Herrschenden sind, so dumm, dass man ihnen alles in einfachen Gesetzen vorlegen muss? Oder sollen uns diese Gesetzeskarikaturen zeigen, wie hilflos all die Versuche sind, Ordnung in die Welt zu bringen? Wenn Kant empfiehlt: »Gebrauche deinen Verstand«, was würde ihm Voltaire entgegnen? Würde Voltaire sagen: »Ja, aber wie, wenn die Köpfe voller Unsinn stecken«? Würde sich Kant darüber wundern, dass sich daran bis heute, immerhin fast 300 Jahre später, wenig bis nichts geändert hat? Will er deutlich machen, dass alle gelehrten Abhandlungen angesichts der Wirklichkeit nur auf schwankendem Boden stehen? Kann ein einzelner Mensch etwas im System verändern oder verändert das System vorher ihn?
Werden wir als Objekte der Entwicklung betrachtet? Will man uns und der Natur sogar einen Marktpreis zuweisen? Sind wir Objekte? Oder doch noch Menschen?
333 Was sind philosophische Plattitüden? Sind es die Faulheit des Geistes, die Dummheit der Spezies Mensch, die ewige Indolenz der gesetzten Leute, die Unaufgeklärtheit der Massen, die Zungenschwere angesichts des irdischen Unrechts, die Naivität der Gläubigen, die Engstirnigkeit der Kleinbürger, der Opportunismus der Aufsteiger, die Machtverliebtheit der Politiker, die zerstörerische Funktionsmanie der Technokraten (Gregory Fuller)?
Wie können in der Philosophie Vorstellungen von etwas, das nicht ist, zu einer Erweiterung des Wissens führen? Wie kann man etwas lernen, ohne Erfahrungen zu machen? Wodurch zeichnen sich philosophische Gedankenexperimente aus? Welche Kriterien müssen gute philosophische Gedankenexperimente erfüllen? Und inwiefern können literarische Texte und Filme als solche Gedankenexperimente verstanden werden? Warum kann es erstens überhaupt sinnvoll sein, über etwas zu sprechen, das es gar nicht gibt? Und inwiefern ist zweitens ein solches Sprechen in der Philosophie von besonderer Relevanz? Können Wissenschaftler Theorien aufstellen, Modelle konstruieren, Erklärungen vorschlagen, Vorhersagen treffen und Beobachtungen machen, ohne den Gegenstand ihres Interesses vorher zu klassifizieren? Was ist das Ziel wissenschaftlichen Taxonomie? Geht es darum, Klassifikationsschemata zu entwickeln, die denen der Natur entsprechen? Können Kategorien überhaupt den natürlichen Arten entsprechen? Verändert sich die Form der Philosophie, wenn sie eine naturalistische Haltung einnimmt?
Wenn eine unendliche Natur nicht direkt erkannt werden kann, wie verhält es sich dann mit endlichen Naturen? Wenn wir rechtfertigen wollen, dass wir einen Menschen schlecht behandeln, dann nennen wir ihn einfach ein Tier, als ob damit alle kritischen Stimmen verstummen würden: Wird der Mensch nur deshalb zum Tier erklärt, um ihn besser behandeln zu können? Oder zeigt das, wie eng die Unterdrückung des Menschen mit der Unterdrückung des Tieres zusammenhängt? Beginnt das Leiden von Mensch und Tier erst dort, wo wir Menschen und Tieren Schmerzen zufügen? Beginnt das Leiden nicht schon dort, wo wir Mensch und Tier ihres natürlichen Lebens berauben?
Wie unterscheidet sich die Situation des heutigen Lesers von der des Sokrates, als er die Reden der Sophisten hörte? Erscheint nicht jede sophistische Rede für sich genommen aus der Sicht des Zuhörers faszinierend und überzeugend? Warum aber erweist sich die sophistische Rede in ihrer Gesamtheit als absurdes Theater – unterhaltsam und idiotisch zugleich? Was schlägt Sokrates vor? Fordert er einfach, sich zu bilden und die Position des Zuhörers zu verlassen? Oder schlägt er ein Gegenprogramm vor: die eingenommene Position zu radikalisieren, sie in den Nullpunkt eines radikalen Nichtwissens zu verwandeln und damit sogar jenes Wissen zurückzuweisen, das der Zuhörer zu besitzen glaubte, bevor er die Sophisten hörte? Markiert Sokratesʼ Programm das Ende der sophistischen Schulen und zugleich den Ausgangspunkt für die einzig wahre philosophische Frage: Wie gelangt man an den Nullpunkt des Wissens, den Zustand, in dem alles Meinen aufgehoben ist?
Überhebt sich ein Wissenschaftler, wenn er sein partikulares Genie mit dem Bewusstsein der Menschheit verwechselt? (Peter Hacks)
334 Was ist der freie Wille? Ist er eine Art Naturgewalt? Ist der freie Wille ein Grundrecht, ein Privileg oder eine Bürde? Wer ist für die Ergebnisse des freien Willens verantwortlich? Kann man sagen, dass der freie Wille ein wesentlicher Teil der menschlichen Natur ist? Ist der freie Wille eine angeborene oder erworbene Eigenschaft? Oder ist er nur ein Konstrukt des Menschen? In welcher Beziehung steht der freie Wille zur Moral? Erfordert der freie Wille eine bewusste Entscheidung oder ist er nur eine Sache des Instinkts? Werden unsere Entscheidungen von äußeren Kräften oder von inneren Motiven bestimmt? Ist der freie Wille ein gültiges Konzept oder eine subjektive Interpretation? Existiert der freie Wille in einem absoluten Sinne oder ist er relativ zu den individuellen Umständen und somit durch die Zwänge unserer Umwelt eingeschränkt? Wer bestimmt unsere Entscheidungen: unsere Gefühle oder unser Verstand? Ist der freie Wille ein Ausdruck der Freiheit oder eine Illusion der Freiheit? Wodurch kann der freie Wille aufgehoben werden? Kann er überhaupt aufgehoben werden? Wer wäre dazu berechtigt? Ist der freie Wille eine Quelle der Ermächtigung oder der Beschränkung? Ist er eine absolute Macht oder eine begrenzte Macht? Gibt uns der freie Wille wirklich die Macht, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen? Ist er etwas, das wir kontrollieren können, oder ist er etwas, das uns kontrolliert? Führt der freie Wille zu besseren Entscheidungen? Oder behindert er unseren Fortschritt? Ist der freie Wille ein Spiegelbild unserer individuellen Identität und/oder ein Spiegelbild unserer kollektiven Identität? Was bewirkt der freie Wille? Ist der freie Wille eine Frage des Schicksals oder der Wahl, eine Form von Macht oder Verwundbarkeit, ein Zeichen von Reife oder Unreife? Oder ist er eine Frage des Glücks oder der Fähigkeit?
Sind eine veröffentlichte, später widerrufene Dissertation, eine von Studenten nach seinem Tod zusammenstellte Notizsammlung und zahlreiche unbeantwortete Fragen das Merkmal eines der bedeutendsten und einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts? Anders gefragt: Wie viele Wittgensteins gibt es?
335 Hat sich die Philosophie verirrt? Wird diese Disziplin so behandelt, wie es der philo-sophia, der Liebe zum Wissen, eines Aristoteles angemessen war, bevor Galilei und die Seinen die Wissenschaft entführten? Wen interessiert die Meinung eines Philosophen zur Kernspaltung? Nur die Physiker? Warum glauben Philosophen immer noch, sie hätten etwas zur Erkenntnistheorie zu sagen, wo doch das Wissen von Lebewesen gemacht wird? Ist die Erkenntnistheorie nicht eher eine Teildisziplin der Biologie oder gar der Psychologie? Philosophen diskutieren über Ethik – aber wenn Ethik das Studium der Frage ist, wie wir uns verhalten sollen, um miteinander auszukommen: Ist das nicht eher ein empirisches Thema, das man am besten den Sozialpsychologen, Soziologen, Anthropologen etc. überlässt? Wenn wir empirische Fragen denjenigen überlassen, die Daten sammeln, Ergebnisse analysieren, Theorien aufstellen und sie empirisch testen, was bleibt dann für die Philosophie übrig? Nur Wittgensteins »Kampf gegen die Verzauberung unseres Geistes durch die Sprache«? Warum sind Philosophen heute so verzaubert von Aristotelesʼ Begriff der Philosophie? Wegen seiner Sprache?
Konkret: Worum geht es in der Philosophie? Geht es darum, im Sessel sitzend über die Natur des Universums zu rätseln? Geht es darum, einfache Dinge in komplizierte Sätze zu packen? War das das ursprüngliche philosophische Denken? Soll die Philosophie nicht ein Werkzeug sein, um die eigene Arbeit, das eigene Denken und das anderer kritisch zu hinterfragen? Und zwar auf ihre Relevanz, ihre Genauigkeit, ihre logische Integrität etc.? Braucht es dazu nicht mehr Struktur, mehr Kohärenz, mehr Klarheit, mehr als das, was der Moment heute bietet? Gibt es einen besseren Test für ein erkenntnistheoretisches Modell als den Nachweis, dass man die Gedanken in seinem Kopf zuerst beeinflussen und dann kontrollieren kann? Was ist von der zunehmenden Kommerzialisierung der Philosophie zu halten? Kann Philosophie ohne Praxis funktionieren? Ist Philosophie nicht ein von Menschen gemachtes Werk, das in erster Linie den Menschen nützen soll? Könnte man sagen, dass eine Philosophie, die die bestehende Ordnung stärkt, vor allem den Mächtigen nützt? Was ist mit den Machtlosen und Habenichtsen? Könnte eine disruptive Philosophie, die eine neue Weltordnung vorschlägt, den Entrechteten Hoffnung geben? Wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Mächtigen freiwillig und einsichtig auf einen Wandel einlassen würden? Was also braucht die Philosophie? Braucht sie neue, gute Fragen? Und wie steht es mit den Antworten und Erklärungen? Müssen diese nicht nur plausibel, sondern auch so formuliert sein, dass kein Teil der Antwort ohne weiteres geändert werden kann, ohne an Erklärungskraft zu verlieren?