Fragen zur Philosophie
6
326 Wer denkt abstrakt? Was ist Wahrheit? Was ist wirklich? Wissen wir nicht seit jeher aus der Mathematik, dass es in der Natur keine exakte Gerade, keinen echten (idealen) Kreis und schon gar kein absolutes Maß gibt? Ist nicht das, was man gemeinhin für den Glauben an Gott hält, am Ende doch nur so etwas wie die Verwechslung von Romanfiguren mit lebenden Personen? Aber ist es nicht so, dass etwas keine Milch ist, auch wenn wir es für Milch halten? Muss die Antwort lauten: Der Unterschied zwischen dem, was Milch ist, und dem, was keine Milch ist, ist immer relativ zu der Unterscheidung, die wir für relevant halten? Könnte es sein, dass es keine allgemeingültige Unterscheidung zwischen Milch und Nichtmilch gibt? Was ist falsch an ewigen Wahrheiten? Und was bedeutet es, an Namen und Begriffe zu glauben?
Warum soll es ein Irrtum sein, mit generischem Regelwissen zu rechnen, nach ihm zu planen und zu erwarten, im Wissen um die Grenzen dieses immer auch endlichen und falliblen Regelwissens? Wie entscheiden wir, ob ein geäußerter Satz als individuelle empirische Aussage, als individuelle Empfehlung oder Geschmacksurteil, als sogenannte empirische These, als rein terminologischer, rein verbaler Vorschlag zur Normierung eines verbalen Inferenzsystems oder als Erfahrungswissen mit generischem oder als Erfahrungswissen mit generischem Geltungsanspruch zu verstehen ist? Was also ermöglicht einen so genannten Perspektivenwechsel, der über die bloße Bewegung an einen anderen Ort hinausgeht? Warum sollte uns diese Differenz in der Philosophie und in den Wissenschaften überhaupt interessieren? Wie kommen wir zu unserem besonderen inter- und sogar transsubjektiven Bezug auf die Welt? Wie genau lässt sich eine bloß animalische Wahrnehmung als bloß verhaltensbestimmende Sinnesempfindung von einer vollen Anschauung unterscheiden?
Saget, edeler schribere, | was die hvt ze swere, | Daz ich sie vch niht sehe tragen? (Reinhart Fuchs)
327 Was sind die Grundprobleme und Grundaussagen der Sprachphilosophie? Sind »Sprache« und »Philosophie« nicht sehr allgemeine Begriffe? Warum fragt Wittgenstein: »Was aber ist die Bedeutung des Wortes ›fünf‹«? Wie verwandeln wir oder verwandelt sich Signalverhalten in symbolisches Handeln? Wo hört das bloße Signalsystem auf und wird zur Symbolsprache? Geht es im philosophischen Denken nicht um das jeweils Unzulängliche und Notwendige? Welche begehbaren Brücken führen von konkreten Erfahrungen zu einem Verständnis allgemeiner Formen mit den entsprechenden normativen Urteilen? Welche Urteile über politische Verhältnisse (jenseits der Biertische) beruhten tatsächlich auf eschatologischen Geschichtsphilosophien und welche noch heute? Trifft es wirklich zu, dass der Vereinheitlichungsdruck absolutistischer Zentralgewalt die Fiktion eines Volkes schafft und die Übertragung von Herrschaft auf das Volk überhaupt erst ermöglicht? Und ist »Volk« hier immer schon im Sinne von »Nation« gemeint? Warum sind Anarchismus und extremer Liberalismus schlechte Ideen?
In welchen Spielräumen darf oder soll die staatliche Ordnung auch auf die Ausbildung und Anerkennung religiöser Bindungen der Bürger Einfluss nehmen? In welcher Form können die Funktionen des politischen Staates am besten erfüllt werden und in welcher Form kann oder muss die Bindung des einzelnen Bürgers an das ihm zugeordnete Gemeinwesen (die polis) nachhaltig stabilisiert werden? Wer ist wem gegenüber verantwortlich? Was hat das alles mit konkreten Fragen der zeitgenössischen politischen Philosophie zu tun?
328 Ist kluger Dissens Ethik? Lehrt uns nicht gerade das Zeitalter der Aufklärung und das Autonomieprojekt der Moderne, dass das, was bloß positiv gesetztes Recht, altehrwürdige Konvention oder tradierter Anspruch auf Wissen oder Können ist, weder wahr noch gut sein muss, sondern falsch, schlecht, vielleicht auch nur zu einfach oder gar unrichtig sein kann? Bedarf es einer Traditionskritik um der vernünftigen Selbstbestimmung und des autonomen Selbstdenkens willen? Sollte nicht die einzige Autorität, der wir vernünftigerweise folgen sollten, die Vernunft selbst sein? Müssen wir nicht alle überlieferten Normen erst begründen, so dass die Gesetze selbst erst durch unsere gesetzgebende Vernunft gesetzt werden? Ist Autorität ein Anspruch auf Gehorsam? Sind Rechtsgesetze wirklich Befehle? Wäre nicht genauer zu zeigen, wie sich staatlich erlassene und sanktionierte Gesetze zu Befehlen oder Anweisungen in der Hierarchie der staatlichen Exekutive, in Bürokratie und Polizei verhalten? Ist die öffentliche Wohlfahrt für mehr oder weniger alle wirklich das zentrale Ziel des gerechten Staates und die Grundlage der Autorität der erlassenen Gesetze? Und was ist mit wohlmeinenden Tyrannen, paternalistischen Diktatoren? Reicht ihre ehrliche und vielleicht sogar maximal effiziente Orientierung am Gemeinwohl aus, um ihnen zu Recht Autorität im Sinne eines Rechts auf Gesetzgebung zuzusprechen?
329 Wer ist Nietzsches Zarathustra? Ist er der Lehrer des Übermenschen? Wer aber ist Nietzsches Übermensch? Was ist ein institutionelles Machtgefüge? Wer ist der Herr, wer der Knecht? Ist das Objekt des Denkens oder der Inhalt der Absicht der Herr? Bin ich als leibliches Subjekt der Knecht? Oder ist es umgekehrt? Wer also ist der Herr im Tun und Handeln, der den Erfolg in Befriedigungsgefühlen genießt? Wer oder was denkt und gibt dem Denken Inhalt, bestimmt den Inhalt des Bewusstseins und macht damit ein Tun überhaupt erst zu einem (selbst-)bewussten Handeln? Ist dieser vermeintliche Herr ein rein subjektives Ich? Und wer oder was wäre dieses Ich, wenn es nicht mein Körper selbst wäre? Wie kann ich als Selbstbewusstsein Herr über mich sein, wenn die Inhalte meines Bewusstseins gar nicht von mir selbst bestimmt sind, so dass mir bestenfalls noch das an einem Gedanken zuzuschreiben ist, was mir gerade mehr oder weniger zufällig eingefallen ist, nämlich der Satz als Träger des Gedankens? Wer oder was ist dieses transzendentale Ich? Und in welchem Verhältnis steht es zu meinem empirischen Ich? Wer bin ich, wenn ich mich in meinem Tun auf mich selbst beziehe und mich dabei in einer Weise verändere, die von anderer Art ist als etwa die Veränderung des Grases vom Frühling zum Herbst? Was bedeutet es, etwas richtig zu tun, jenseits dessen, was wir für richtig halten?
Warum lassen britische Atheisten, angeführt von dem Biologen Richard Dawkins, Busse durch die Städte fahren, auf denen steht, dass es wissenschaftlich unwahrscheinlich sei, dass Gott existiert? Ist das kaum weniger naiv als die Behauptung Juri Gagarins, er habe bei seiner ersten Erdumrundung Gott im Himmel nicht angetroffen? Glauben Christen an einen Gott oder an zwei oder gar drei Götter? War der Rabbi Jesus ein Mensch? War er dann ein Gott? Oder ist er (ein) Gott? War er dann in seinem menschlichen Leben gar kein richtiger Mensch, sondern spielte nur einen Teil der Rolle eines normalen Menschen, war also eine Art schauspielernder Gott? Gibt es überhaupt Götter oder einen Gott? Wenn es einen Gott gibt, woher weiß man das? Und wenn jemand glaubt, es zu wissen, wie kann er es uns glaubwürdig sagen? Wie könnte ein solcher Gottesglaube nicht zur bloßen Willkür verkommen?
Ist Cicero Kontextualist und Partikularist?
330 Was ist vom Menschen zu halten? Was vom Menschen in der hochgeehrten und hochstilisierten Antike? Hat er damals nicht entdeckt, dass er andere Menschen als Mittel zu seinem wirtschaftlichen Vorteil nutzen kann? Und hat dann der Mensch mit dem großen wirtschaftlichen Erfolg patriarchalischer Gesellschaften vor allem eines bewiesen: dass er sich und die Natur gut ausbeuten kann? Wen hat der Mensch ausgebeutet? Männer, Frauen, Sklaven, Kriegsgefangene, Tiere, Flüsse, Seen, Felder, Wälder? Wen hat er nicht ausgebeutet? Wann hörte die Ausbeutung auf? Rechtfertigte das biblische Gebot, sich die Erde untertan zu machen, die Unterwerfung von Mensch und Natur? Wenn es in der sechsten Meditation von Decartes heißt, dass der Mensch als denkendes Wesen von seinem Körper verschieden ist, liegt darin nicht eine Entfremdung von sich selbst und zugleich die ökonomisch willkommene Schlussfolgerung, dass, da das Nicht-Denkende nackt dasteht, der Mensch daher nach Belieben gebraucht und verbraucht werden kann?
Warum wird der Mensch heute als Tier bezeichnet? Nur deshalb, um problemloser mit ihm umgehen zu können? Oder zeigt dies, wie eng die Unterdrückung des Menschen mit der Unterdrückung des Tieres verbunden ist? Beginnt das Leiden von Mensch und Tier erst dort, wo wir Menschen und Tieren Schmerzen zufügen? Beginnt das Leiden nicht schon dort, wo wir Mensch und Tier ihres natürlichen Lebens und ihrer Umwelt berauben? Degradiert die moderne Gesellschaft, die Arbeitsgesellschaft, den Menschen zum animal laborans, zum arbeitenden Tier (Hannah Arendt)? Reduzieren sich alle Formen der vita activa, sowohl das Herstellen als auch das Handeln, auf die Ebene der Arbeit? Ist die Vorstellung, dass die Welt aus trennbaren und berechenbaren Bausteinen besteht, zentral für eine technokratische Gesellschaft, in der Mensch und Natur zu verfügbaren Teilen einer gigantischen Wirtschaftslogistik degradiert werden und wie Maschinen zu funktionieren haben? Ist damit das Bild des Individuums nicht obsolet geworden? Oder hat sich die Arbeitsgesellschaft zur Leistungs- und Aktivitätsgesellschaft individualisiert? Ist das spätmoderne animal laborans mit einem bis zum Zerreißen gespannten Ego ausgestattet: hyperaktiv und hyperneurotisch?
Ist uns unsere Zivilisation einfach passiert (Friedrich von Hayek)? Entschuldigt dieses Ereignis das Verhältnis von Leben und Tod: Herr und Knecht? Verursacht eine Spezies den Tod fast aller anderen – ohne böse Absicht, wohlgemerkt? Wer wollte das ernsthaft glauben? War das theoretische Streben der Denker Descartes oder Bacon nicht auf Herrschaft gerichtet? Herrschaft um des besseren Überlebens willen? Eine gute oder eine tödliche Idee? Wenn nichts mehr durchschaubar, nichts mehr berechenbar, nichts mehr sinnlich erfahrbar ist: Ist Überleben dann eine Frage des Systems? Eines von Menschen geschaffenen Systems? Haben wir immer noch nicht begriffen, dass ein System umso störanfälliger ist, je komplexer es ist? Warum reagieren wir dann immer wieder mit den gleichen Reflexen? Glauben wir, durch trial and error den Ernstfall simulieren oder gar ausschließen zu können? Was setzt unserem extremen und unreflektierten Pragmatismus Grenzen? Allein die Machbarkeit? Werden die technologischen Träume zum »letzten Stück Geschichte« (Günther Anders)? Was wäre, wenn der geistig-kreative Höhepunkt des Geistes ausgerechnet mit der evolutionären Sekunde der Selbstzerstörung zusammenfiele? Ist es nicht an der Zeit, die Apokalypse als hochwahrscheinlich anzusehen?
Sie glauben an eine wissenschaftliche Revolution, in der das alte, problematische Paradigma aufgegeben wird und sich nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit ein neues Paradigma, eine neue Sicht der Dinge mit besseren Aussichten als je zuvor durchsetzt? Glauben Sie nur an das Morgen und nicht an das Heute? Warum antworten Sie nicht?