Fragen zur Philosophie
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321 Kennen Sie das Gesetz der paradoxen Absicht? Ist das Nachdenken über ein kreatives Problem nützlich, wenn auch nur bis zu einem bestimmten Punkt? Und jenseits dieses Punktes, wird es dann weniger hilfreich und eher ermüdend? Wer kann genau sagen, wo der Punkt der Sinnlosigkeit beginnt? Kann die Antwort auf diese kreative Ermüdung einfach sein? Aufhören zu denken? Wie soll das gehen? Warum nicht einfach unter einem Baum entspannen? Warum Zeit und Energie damit verschwenden, am Zeichentisch herumzuzappeln? Warum nicht gleich mit dem Moment der Erkenntnis beginnen? Braucht es ein gewisses Maß an Unbehagen, damit der kreative Prozess funktioniert? Wer in der selbstgefälligen Ordnung die Ursprünglichkeit seiner Gefühle bewahren will, der weiß nicht, was er will? Ist der Befehl »Disziplin! Ordnung! Gehorsam! Immer geradeaus!« ein Relikt aus einer anderen Zeit, als der Mensch noch ein Herdentier sein musste, um überleben zu können, aus der Zeit der menschlichen Knechtschaft? Könnte die Formel auch lauten: »1. Anstrengung + Entspannung = Einsicht. 2. Entspannung + Entspannung + Entspannung = Selbstzufriedenheit«? Wo ist dieser glückliche Ort der Entspannung und Selbstzufriedenheit, den Rousseau als Ziel der Weltflüchtigen auserkoren hat? Bedeutet Weltflucht auch Weltfremdheit und Weltlosigkeit? Braucht die Weltflucht die atmosphärische Intimität des Lagerfeuers? Lässt die Form des Eskapismus vermuten, dass der seit längerem konstatierte und mehrheitlich geteilte Wunsch nach einer Rückbesinnung auf »alte Werte« nicht nur eine Art Nostalgietrend ist? Könnte Mark Aurels »Zieh dich in dich selbst zurück« ein Fluchtpunkt sein? Oder könnte das Spazierengehen und das Wandern, wie einst in der Romantik, die neue Weltflucht befördern? Wer ist die giftige Blume des Eskapismus? Ist es ein neuer Quietismus, das blendende Schillern eines mystisch gewordenen Nicht-Aktivismus? Und wenn aus Hoffnung gar Zuversicht wird, ist es dann der absolut positiv gewordene Erwartungsaffekt, der Gegenpol zur Verzückung? Ist es diese Reprise, weil der Eskapismus auch die Zukunft als Vergangenheit verkleidet, weil er sie als in sich längst Entschiedenes und damit Abgeschlossenes betrachtet? Ist der Quietismus eine Daseinsform, wie Nietzsche fabulierte? Ein Minimum an Handeln, gleichgültig ob viel oder wenig gelebt wird? »Alles ist eitel« – auch im Sinne einer »Weltcorrektion«? Wie muss die Welt aussehen, damit sie lebenswert ist? Soll das unser letztes Wort sein: »Erhebt euch und geht, Freunde, schon viel zu lange habt ihr mich fragen lassen«?

Wie muss eine Gegenwart beschaffen sein, der alle Zeiten gegenwärtig sind, und wie die Zeit selbst, so dass sie in der Gegenwart da ist? (Georg Essen)

322 Haben wir noch genug Zeit? Ist es wichtig zu sagen, wofür? Gab es jemals genug Zeit? War es jemals zu viel? Hat der Begriff »genug Zeit« überhaupt eine Bedeutung? Bedeutet es, dass wir Dinge getan haben, die wir nicht tun konnten, weil wir unfähig waren? Dinge, die wir hätten tun sollen? Dinge, die wir hätten besser machen sollen? Also wichtige Dinge? Gibt es wichtige Dinge? Wer setzt die Menschenrechte durch? Warum gibt es keine Welt ohne Gefängnisse? Sind das wichtige Dinge? Hat sich der Mensch nicht verflüchtigt wie »ein Gesicht im Sand am Meeresufer« (Michel Foucault)? Sind Menschen auf der Flucht mehr als ein »Gesicht des Elends«?

Ist es Ihnen unangenehm, von Gründen zu sprechen? Weil die »Gründe«, die wir als solche benennen und diskutieren, im Bereich des Bewusstseins angesiedelt sind und auf dieser Ebene für uns fast nichts Interessantes oder Bedeutsames geschieht? Entspringt das meiste von dem, was das Ich ist und was das Ich tut, weit unter der Oberfläche des bewussten Ichs?

Was ist das Schöne an der Geschichte? Ist es das Relativieren? Oder macht sie die Gegenwart kleiner? Warum verabsolutiert sich die Gegenwart? Weil sie an ihre Unvergleichlichkeit glaubt? Seit wann gibt es den rücksichtslosen Kapitalismus? Seit sechshundert Jahren? Oder noch früher? Kann man angesichts dieser Zeiträume ahnen, dass der Tag nie kommen wird, an dem die Armen die Reichen besiegen? Kann man die Negativität, die sich aus der Geschichte ergibt, nicht eine »Schule der Hoffnungslosigkeit« (Dirk Schümer) nennen?

Gibt es eine bessere Rechtfertigung für die Vernachlässigung einer philosophischen Zugehörigkeit als die erklärte Ablehnung eines kontemplativen, gelehrten Lebens und das Beharren auf dessen Unvereinbarkeit mit der von ihm vertretenen Weltanschauung? Wenn Goethe nie aufgehört hat, Vorbehalte gegen eine bestimmte Art von Philosophie zu hegen, sei es gegen ihre Methoden, sei es gegen ihre Vertreter, wie ist dann die Auszeichnung zu verstehen, die ihm die Geschichte als dem Dichter-Philosophen par excellence und als dem Fackelträger einer ganzen Epoche, der sogenannten »Goethezeit«, die den Höhepunkt der deutschen Philosophie markiert, zuerkannt hat? Könnte es sein, dass der starke Selbstbezug seiner Schriften den Leser dazu einlädt, das Leben hinter seinem Werk zu erforschen, das nicht anders als philosophisch bezeichnet werden kann?

323 Uns Homo sapiens zu nennen: Ist das ein Witz? Sind wir der »weise, kluge, intelligente, vernünftige Mensch«? Ist neben der Nutzung des Feuers die Erschaffung des Hundes die zivilisatorische Leistung des Menschen? Zeigt der Mensch in der kulturellen Entwicklung nicht zunehmend sein zerstörerisches Potential, das nicht wie beim Tier durch innere Mechanismen gleichsam selbstbegrenzend ist, sondern die Möglichkeiten der ihm von Natur aus zur Verfügung stehenden Kontrollmechanismen bei weitem übersteigt? Und was macht dieser vernünftige Mensch nun, nachdem er den Wolf fast ausgerottet hat? Bemüht er sich krampfhaft, den einstigen Feind, den Wolf, wieder anzusiedeln, ohne ihm die Chance zu geben, sich artgerecht ernähren zu können? Worin liegt die Vernunft des Menschen, wenn er diese Welt bald leer verlassen wird? Wenn der Mensch vor den Tieren verschwände, würde das unter den Tieren große Freude auslösen? Und sollten die Tiere doch vor dem Menschen verschwinden: Wie gefährlich wird eine Welt ohne Tiere sein, wenn die Menschen sich nur noch gegenseitig jagen, wenn sie nur noch den anderen als Vieh behandeln und abschlachten können? Wer vom Glück schreibt, Mensch zu sein, hat sich dessen Wahrnehmung getrübt, ist dessen Denken bis zur Verklärung verdunkelt? Staunt der moderne Homo sapiens darüber, dass es ihn gibt? Sollte er sich dafür rechtfertigen müssen, dass er so geworden ist, wie er ist? Wie bitte, der Mensch bedarf keiner Rechtfertigung? Wäre es ein absurdes Unterfangen, von der Evolution des Lebens zu fordern, sie solle doch bitte rechtfertigen, was sie da mit dem modernen Homo sapiens zustande gebracht hat? Nun, wer soll die »Evolution des Lebens« denn sein? Eine komplexe causa efficiens, die in einer causa finalis endet? Ist also der Mensch, wie eine Supernova oder ein schwarzes Loch, ein Produkt des Zufalls, kein ens necessarium, kein für den Planeten Erde notwendiges Wesen?

Alles futsch? (Valentin Groebner)

324 Was müssen wir tun? Müssen wir nur verstehen, wie die Welt wirklich ist? Erscheint sie uns dann unglaublich wunderbar? Was bewegt Menschen dazu, an Gott zu glauben? Gibt es mehr Menschen, die an den Glauben an Gott glauben, als solche, die an Gott glauben? Glauben Menschen, die an Gott glauben, auch, dass sie sich irren können? »Was ist, wenn ich mich irre?« Ist das eine Frage, die sich gläubige Menschen oft stellen? Oder stellen sie sich diese Frage nicht, weil sie Angst vor dem haben, was sie entdecken könnten? Was würden diese Menschen empfinden, wenn sie feststellen müssten, dass sie ihr Leben einer Illusion gewidmet haben?

Kann ein Umgang mit Geschichte oder eine Orientierung an der Vergangenheit lebensfeindlich sein? Könnte das auch für eine bestimmte Art des philosophischen Denkens gelten? Gibt es nicht eine Art des Denkens, des Innehaltens, des Nachdenkens, des Hin- und Herwälzens von Problemen, die schlicht lebensfeindlich ist? Nennen wir dieses Denken nicht Philosophie, und steht diese Philosophie nicht seit jeher im Verdacht, das Leben eher zu blockieren als wirksam zu lenken? Was kümmert es mich, fragte sich der Stoiker Epiktet in einem seiner Lehrgespräche, ob das Seiende aus Atomen oder unteilbaren Teilchen, aus Feuer oder Erde besteht? Genügt es nicht, die Natur des Guten und des Bösen, die Grenzen unserer Begierden und Abneigungen, auch unseres Wollens und Nichtwollens zu kennen und unser Leben nach dieser Richtschnur auszurichten, aber die Dinge, die außerhalb unseres Verstandes liegen, sein zu lassen?

Wenn eine Philosophin behauptet, der Freiheitsbegriff müsse vom Ort, von der räumlichen Dimension getrennt werden, weil es auf ein zeitliches Freiheitsverständnis ankomme, so fragen wir: Hat freies Handeln nicht immer sowohl eine zeitliche als auch eine räumliche Dimension? Hängt die Erfahrung von Freiheit nicht immer mit Zeiten zusammen, in denen man sich frei fühlt oder in denen man sich eingeengt fühlt? Ist es nicht die Frei-Zeit, in der man sich einen Frei-Raum schafft? Sind es nicht vielmehr die Zyklen der Wiederkehr, beispielsweise die Gezeiten, die verschiedenen ineinander verwobenen Zyklen der Wiederkehr (die weder zeitlich noch räumlich zwingend sind) oder der Regeneration, in denen auch der Mensch immer wieder einen neuen Anfang, eine neue Freiheit finden kann? Und Ihnen: Erscheint Ihnen eine erzwungene Zeit-Raum-Trennung plausibel?

325 Ist die Langeweile die eigentliche conditio moderna? Auch wenn die Vernunft reines Denken ist – sei es, dass sie sich selbst als ihr Anderes in logischen Kategorien denkt, sei es, dass sie die Beziehungen zu den Anderen oder das Andere der Welt in seinen Eigenschaften denkt –, kann sie sich dann langweilen? Kann sich die Vernunft nur langweilen, wenn sie nichts anderes hat als sich selbst, was sie feststellt, und wenn sie nur mit sich selbst eine Geschichte des Seins hat, die sie reflektierend studiert? Wie kommt es, dass das moderne Subjekt immer ein singuläres Kollektiv ist, ohne und außerhalb der Pluralität? Warum ist dieses Subjekt unter Ausschluss aller anderen der einzige Akteur im theoretischen, praktischen und produktiven Drama der Moderne und zugleich dessen Protagonist, Dramaturg, Regisseur und Zuschauer? Warum ist das moderne Subjekt in seinem Sein und Denken völlig einsam, solitär und monologisch und unweigerlich gelangweilt? Kann man sagen, dass Langeweile kein mentaler Zustand oder eine psychologische Emotion ist, sondern das unveräußerliche Prinzip des modernen Subjekts, da das moderne Subjekt kein Wesen hat, das über das hinausgeht, was es sich selbst frei und autonom zuschreibt? Ist die Langeweile vielmehr das, ohne das das Subjekt nicht gedacht werden kann und mit dem es gegenseitig austauschbar ist? Kann man sagen, um Aristoteles zu paraphrasieren: wenn modernes Subjekt, dann gelangweilt; wenn gelangweilt, dann modernes Subjekt?

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