Fragen zur Philosophie
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316 Was bedeutet eigentlich »suchen«? Stimmt es, dass man nur dort suchen kann, wo es einen Weg zum Suchen gibt? Kann man also nur systematisch suchen, aber nicht ins Blaue hinein? Kann man nach einem sechsten Sinn suchen? Kann man etwas suchen, das es gar nicht gibt? Nach einem runden Quadrat zum Beispiel? Oder nach einem gläsernen Berg? Wie kann man nach Erfahrungen suchen, die man noch nicht gemacht hat? Wenn ein Schriftsteller Kaffee trinkt, um sich zu stimulieren, und ihm dabei eine Idee kommt, ist dann das Trinken des Kaffees die Suche nach dieser Idee? Setzt der Begriff »suchen« voraus, dass man das, was man sucht, im Voraus beschreiben kann, oder muss man sich von einer entfernten Analogie leiten lassen? Ist es möglich, nach etwas zu suchen, ohne eine Methode für die Suche zu haben? Wie ist es aber, wenn man zum Beispiel nachdenkt, um Worte ringt, den richtigen Ausdruck für einen Gedanken sucht? Kann man auch hier sagen, dass man den Vorgang des Findens des Ausdrucks in allen Einzelheiten beschreiben kann, bevor man den Ausdruck definiert hat? Und wenn man ein Ziel sucht? Wie kann man wissen, ob man das Ziel erreicht hat oder nicht? Ist es so, dass man das Ziel vorher kennen muss und dann vergleicht und sagt, es ist erreicht, oder ist es so, dass man, wenn man glaubt, das Ziel erreicht zu haben, eine Analyse macht und feststellt, was passiert ist? Muss man ein Kriterium angeben, wann das Ziel erreicht ist oder ein Kriterium, wann es nicht erreicht ist? Warum kann man nicht die Antwort auf die Frage suchen: »Wie viel ist 456 mal 631«? Kann man fragen: »Ist 25 mal 25 gleich 738«? Wie kann man eine solche Frage überhaupt stellen und verstehen? Muss man hier nicht fragen, ob man das Unmögliche nicht für einen Augenblick als möglich betrachten kann?
317 Folgt aus einer Lüge logisch etwas Falsches? Muss das, was man sagt, falsch sein, oder genügt es, dass man glaubt, es sei falsch? Da das, was wir glauben, in der Regel nicht falsch, sondern wahr ist, sind dann die meisten Lügen nur falsche Behauptungen? Hat Schopenhauer Recht, wenn er sagt, dass man falsche Sätze des Gegners durch andere falsche Sätze widerlegen kann, die er für wahr hält? Wenn wir in Wittgensteinscher Manier sagen: »A glaubt p«, ist es dann wahr, dass A im Allgemeinen sowohl wahre als auch falsche Sätze glaubt? Sofern A nicht mit besonderen Gaben ausgestattet ist, können wir aus der Tatsache, dass A p glaubt, schließen, dass p wahr ist, oder, wenn A p nicht glaubt, dass p falsch ist? Sollten wir nicht besser Bertrand Russell fragen, wenn wir Antworten auf all diese Fragen haben wollen?
Ist der Satz »Die Würde des Menschen ist unantastbar« ein poetisch-philosophischer Satz, der eine völlig fiktive Behauptung darstellt, da er wissenschaftlich nicht belegt ist? Wie könnte er als wissenschaftlich objektiver und damit unbestreitbarer Beweis für die Glaubwürdigkeit des Rechtssystems gelten und damit auch eine wichtige politische Signalwirkung entfalten?
Sind Sie mit dem Satz einverstanden: Nichts muss bleiben, wie es ist? Wie verstehen Sie den Zeitgeist? Will er uns weismachen, dass alles relativ und unverbindlich ist? Steht derjenige, der Gewissheiten sucht, unter dem Generalverdacht, intolerant und reaktionär zu sein? Wer bestimmt, wie wir über die Wirklichkeit sprechen? Und was die Wahrheit betrifft: Kann sich jeder eine Wahrheit aus dem Do-it-yourself-Regal nehmen? Erscheint Ihnen diese Logik falsch? Wenn man nur aufmerksam sein muss, um gut denken zu können, warum sollte man sich dann die Mühe machen, seine logischen Fähigkeiten oder seine wissenschaftlichen oder mathematischen Kenntnisse zu verbessern? Bedeutet das, dass Descartes ein philosophisches Leichtgewicht war und nicht das überragende Genie, als das er bekannt ist?
Denn was hat ein Weiser mehr als ein Narr? Was hilft’s dem Armen, dass er weiß zu wandeln vor den Lebendigen? (Ecclesiastes)
318 Warum sagte Goethe, dass die Lösung jedes Problems ein neues Problem schafft? Setzt das Vorhandensein eines Problems das Nichtvorhandensein einer Lösung voraus? Warum werden Probleme erst dann wichtig, wenn man sie nicht lösen kann? Stimmt es, wie Bazon Brock vermutet, dass die Menschen in Zukunft nur noch eines gemeinsam haben werden: die Konfrontation mit unlösbaren Problemen? Ist das Leib-Seele-Problem ein biologisches, neurologisches, psychologisches oder unlösbares Problem? Kann man unlösbare Probleme lösen, indem man die auferlegten Einschränkungen lockert, die in die Sackgasse führten? War die erste flache Karte, welche die Weltkugel abbildet, ein unlösbares Problem? Was ist ein analytisches Problem? Dass sich Mensch und Universum nicht trivialisieren lassen? Sind Dogmen Vorurteile mit Heiligenschein (Peter de Rosa) oder Widersprüche auf höherer Ebene? Worin liegt das Problem einer Zivilisation? Kann eine Zivilisation einfach umkehren, um herannahenden Ereignissen und Katastrophen zu entgehen? Oder anders gefragt: Wie können wir etwas von der Welt wissen, ohne eine solche Erkenntnis selbst aus der Erfahrung zu schöpfen? Wer will glauben, dass es jemals anders sein wird, wenn wir es nicht müssen? Sind philosophische Systeme Versicherungsanstalten gegen erkenntnistheoretische Risiken? Warum wird Philosophie gerne verdächtigt, negativ zu sein? Stimmt Rosi Braidottis Satz: »Positivität impliziert keine geistlose Akzeptanz oder unkritische Passivität. Sie priorisiert stattdessen die Transformation«? Ist Denken wirklich nichts anderes als ein Körpereffekt? Bewusstsein demnach »verfleischlichte Subjektivität«? Macht Philosophie deshalb hungrig? Sind, nach Henry Adams, unverständliche Antworten auf unlösbare Probleme Philosophie? Wie kommt es, dass der positive Materialismus mit der Obsession des Falschen bricht und sich stattdessen auf seine Stärken konzentriert? Was könnte das Studium der Chemie des Holzes zur Theorie des Schachspiels beitragen? Ist das eine logische Frage, welche die Philosophie angeht? Können die Regeln des Schachspiels ungültig werden, wenn jemand einen falschen Schachzug macht? Worin besteht die große Versuchung aller bisherigen Philosophien? Liegt es im Drängen nach festen Formeln oder Formulierungen, die das innerste Wesen eines Begriffes bestimmen sollen?
319 Sind Rezepte Prozesse oder kulinarische Objekte? Oder Typen oder Zeichen? Wie entstehen und vergehen Rezepte und was hält sie am Leben? Gibt es unverzichtbare Elemente in einem Rezept? Ist es möglich, Rezepte in Taxonomien einzuordnen? Wer hat die Macht, die Existenz- und Identitätsbedingungen eines Rezepts zu bestimmen? Sollten sich Philosophen um das Kochen kümmern? Können wir Moral verstehen, wenn wir uns rein auf naturwissenschaftliche und sprachphilosophische Methoden beschränken? Sollen wir uns von der Idee des Guten leiten lassen, von der selbstlosen Zuwendung und der aufmerksamen Beobachtung der Wirklichkeit, um ihr gerecht zu werden? Boten nicht die intellektuellen Moden des 20. Jahrhunderts erstaunliche Fluchtmöglichkeiten, indem sie die Individuen nach und nach immer mehr isolierten, zuerst von Gott, dann von ihrer Gesellschaft (»Thereʼs no such thing as society«) und schließlich von dem, was als Natur übrig geblieben war? Wurde dem Individuum nicht auch eine außergewöhnliche, übernatürliche Unabhängigkeit zugeschrieben? Was macht uns Angst? Ist es unser abergläubischer Glaube, dass es ein einziges, unfehlbares System namens Naturwissenschaft gibt, das die menschliche Existenz in ihrer Gesamtheit erklärt und damit die uns so vertrauten Formen der Freiheit, die wir tagtäglich erleben, als Illusion entlarvt? Warum hat man dem Begriff der Freiheit so bedingungslos gehuldigt, dass es unter allen Umständen verboten schien zu fragen, welche Freiheit gemeint sei? Freiheit wovon? Freiheit von Skrupeln? Freiheit von Freundschaft und den Fesseln der Zuneigung? Freiheit von Prinzipien? Freiheit von allen Traditionen? Freiheit von Gefühlen? Warum nicht Freiheit von Geldsorgen?
Muss man diskutieren, um die Wahrheit zu finden? (Peter Weiss)
320 Sind Haferflocken aus dem Supermarkt wirklich gesund? Lohnt es sich, einen Artikel mit dieser Überschrift zu lesen? Vor allem, wenn man gerade ein Müsli gegessen hat? Wäre die Frage: »Ist der Aufenthalt im Supermarkt gesund?« nicht sinnvoller, weil praxisnäher? Wussten Sie, dass der Nährwert von Kaviar keineswegs höher ist als der von Haferflocken? Und wussten Sie, dass eine Tasse Haferflocken täglich sich genauso schützend vor den häufigsten Todesursachen auswirken wie vier Stunden Jogging in der Woche? Sind Gewerkschafter so sexy wie Haferflocken? Hinkt dieser Vergleich? Oder ist er nur als Metapher zu gebrauchen? Ist es nicht so, dass der Interpret den Text unter Beibehaltung des Inhalts umformt und dann fragt, worin die besondere Pointe des gewählten Ausdrucks besteht? Hat dieses Vorgehen nicht den Nachteil, dass die Umformung nicht deckungsgleich ist, der Vergleich also immer etwas hinkt? Aber ist alles, was hinkt, ein Vergleich? Was, wenn unser Gemüsehändler an der Ecke tatsächlich hinkt, könnte man ihn mit einem Vergleich vergleichen? Würde dieser Vergleich vielleicht noch mehr hinken als der Gemüsehändler selbst? Sollen wir nun festhalten, dass Vergleiche oft nicht wirklich gut sind, dass es das Unvergleichbare nicht gibt? Wäre es möglich, ein Vergleichsverbot zu erlassen? Müsste man dann zwischen dem Vergleichbaren und dem Unvergleichbaren unterscheiden? Und ist man dann schon in das verfallen, was man verbieten wollte?