Fragen zur Philosophie
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306 Was ist normal? Wer bestimmt, was normal ist? Kann es eine Normalität außerhalb des Normalen geben? Bedeutet Normalität auch Konformität? Leben wir nicht in einer verrückten Zeit, die längst zur verrückten Normalität geworden ist? Schleppen wir dieses Leben nur mit uns herum, weil es bequem ist und weil uns die Phantasie fehlt, etwas Besseres daraus zu machen? Tragen wir in Wirklichkeit eine Maske der Normalität? Folgt auf die Normalität à la longue der Totalitarismus, der als »Geste der Innovation« ein neues Modell schafft, aus dem die künftige Möglichkeit einer konzentrierten Herrschaft hervorgehen könnte? Was ist der Unterschied zwischen Soziopathen und Psychopathen? Gibt es überhaupt Normopathen? Oder sollte man sie eher Normologen nennen? Was bedeutet es, einzigartig zu sein? Wer rebelliert noch gegen die Bourgeoisie? Wie wird Identität konstruiert? Was heißt eigentlich Freiheit? Was bedeutet Freiheit für Sie? Sind Sie frei? Welchen Preis hat der Größenwahn? Nach welcher Formel könnte man den Preis berechnen? Kennen Sie Rose-Marie Krawall, die Hotelbesitzerin aus Vieux-Colombier, die ein amerikanisches Auto fährt? Oder Roger Vincent, der von Zeit zu Zeit seinen Vornamen ändert? Was meinen Sie: Sollte man nicht nur den Vornamen, sondern auch den Nachnamen von Zeit zu Zeit ändern, zum Beispiel von Egon Egalitas in Wotan Wilke Wohllust, oder von Chrissy Crispin in Annabella Pietronella, um dann mit einer neuen Identität ein ganz neues, anderes Leben zu führen? Warum ist es heute (fast) normal, das Geschlecht zu wechseln, nicht aber den Namen? Würden Sie gerne ein anderes Leben führen? Angenommen, Ihr Leben ließe sich in die Klassen A (acholerisch) bis S (sanguinisch) einorden, wo sehen Sie Ihr Leben einsortiert?

Spricht man von einem performativen Widerspruch, wenn der Widerspruch nicht inhaltlicher - logischer, semantischer - Natur ist, sondern zwischen dem Inhalt einer Behauptung und den notwendigen Implikationen des Sprechaktes dieser Behauptung auftritt, also pragmatischer Natur ist?

307 Was ist Wahrheit? Gibt es die Wahrheit? Wie kann man sie erkennen? Kann man sie überhaupt erkennen? Wie kann man die Wahrheit verteidigen, wenn man sie nicht einmal kennt? Wie weit darf die Suche nach der Wahrheit gehen? Ist die Wahrheit ein Ziel oder ein Prinzip? Was ist ein Akt der Wahrheit? Ist die Wahrheit an die Vergangenheit gebunden, an eine Idee, ein Ideal? Kann sie außerhalb der Zeit stehen? Gibt es jemals einen Akt außerhalb der Zeit, oder ist der Akt immer an die Zeit gebunden? Kann man sagen, dass die Wahrheit in der Wirklichkeit wirkt? Bedeutet das, dass die Wirklichkeit keinen Einfluss auf die Wahrheit haben kann, die Wahrheit aber auf die Wirklichkeit? Wollen wir nicht wissen, ob wir in der Wahrheit leben, nicht in der Wahrheit der Wirklichkeit, sondern in der Wahrheit, die nicht an die Wirklichkeit gebunden ist? Ist die Wirklichkeit ein Prozess des Denkens, des Denkens über etwas, das real ist oder reflektiert oder verzerrt, wie die Illusion? Wenn sie nicht an die Wirklichkeit gebunden ist, wenn sie nicht Handlung in der Bewegung der Zeit ist, was ist dann Handlung? Gibt es so etwas wie Handlung überhaupt? Kann sich mein Geist von der Vergangenheit und von der Vorstellung trennen, »Ich bin« oder »Ich werde sein« oder »Ich muss sein« oder »Ich sollte sein«, die Projektionen meiner eigenen Wünsche sind? Kann es ein Handeln geben, das von all dem völlig getrennt ist? Ist es möglich, die Wahrheit vom Handeln zu trennen? Gibt es eine Beziehung oder handelt die Wahrheit? Ist die Wahrheit eine Handlung oder handelt die Wahrheit unabhängig von der Zeit? Stelle ich die Fragen zu schnell? Ist Wahrnehmen Handeln, auch in der Gegenwart? Und ist die Gegenwart eine kontinuierliche Bewegung von der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft oder ist die Gegenwart etwas, das ganz ist, das vollständig ist? Gibt es eine Trennung zwischen Wahrheit und Handeln? Gibt es eine Beziehung oder handelt die Wahrheit? Ist die Wahrheit eine Handlung oder handelt die Wahrheit unabhängig von der Zeit? Ist Wahrnehmung also eine Bewegung in der Zeit, etwas, das aus der Vergangenheit in die Gegenwart und in die Zukunft kommt? Oder hat Wahrnehmung nichts damit zu tun? Kann ein Mensch die Wahrheit auf sich, auf andere wirken lassen? Wie können wir eine einzige, ununterbrochene, fließende Wirklichkeit der Wahrheit, die sowohl das Denken, das Bewusstsein, als auch die äußere Wirklichkeit umfasst, in ihrer Gesamtheit begreifen? Kann man sagen, dass das Handeln, das Wirken der Wahrheit in der Wirklichkeit Intelligenz ist?

308 Was ist wirklich? Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts? Wenn wir Begriffe verwenden müssen, um etwas zu erkennen, ist dieses Etwas dann nur ein Produkt unserer Begriffe? Setzt Nietzsche Begriffe in Anführungszeichen, verwendet er sie unter Vorbehalt und/oder mit neuer Bedeutung, auch wenn die Anführungszeichen typographisch nicht immer vorhanden sind? Ist das souveräne Individuum für Nietzsche der Idealtypus schlechthin oder, wenn überhaupt, nur einer unter vielen? Gab es jemals souveräne Individuen, etwa im antiken Griechenland oder in der italienischen Renaissance? Gibt es sie heute irgendwo? Wenn es Denken gibt, warum gibt es dann kein Nichtdenken? Ist die Rationalität, wie Silvio Vietta behauptet, eine Erfindung der Antike und damit eine genuin europäische Geisteshaltung? Und die Literatur einer ihrer Träger? Bedeutet der Begriff »Geistesarbeit« auch »Rummachen«?

Ist Naturphilosophie der Teil der Philosophie, der die außermenschliche Natur zum Gegenstand hat, also das, was wir nicht erschaffen haben, sondern immer nur vorfinden, was wir zwar zur Sicherung unserer Existenz nutzen und gestalten (müssen), auf das wir aber trotz aller Technik angewiesen bleiben?

309 Sind gute Menschen wirklich glücklicher? Wirkt sich gutes Verhalten auf unsere Körperfunktionen aus? Kann man »gut« denken? Und noch einmal die Standardfrage: Wer entscheidet, was gut und was schlecht ist? Ist es gut, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen? Kann uns der Urschrei dabei helfen? Hatte der Homo erectus schon ein Selbstbewusstsein oder kam das erst später, vielleicht mit dem Erlernen einer Sprache? Warum gibt es das nicht, ein Trainingsprogramm für den menschlichen Charakter, das vielleicht auch noch Spaß macht und spannend ist, wenn die Effekte unser Leben und vielleicht auch alles, was danach kommt, so viel besser machen? Gibt es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit schon im Diesseits oder erst im Jenseits? Kann es sein, dass böse Taten am Ende uns selbst physisch, psychisch oder materiell schaden, uns schwächen? Wer kann von sich behaupten, immer und in jeder Situation ein guter Mensch zu sein? Heiligt der Zweck wirklich die Mittel oder bekommen wir irgendwann sowieso die Quittung in Form einer Erosion unserer Zivilgesellschaft? Wenn es die physische Todesstrafe nicht mehr gibt, kann sie dann durch die digitale Todesstrafe ersetzt werden? Führt eine transzendenzlose Gesellschaft zu Zweckrationalismus und Ersatzglauben? Bedient eine säkulare Ethik ein kleinmütiges Menschenbild? Warum siegt das Gute nicht immer?

Was wissen wir über das reine, das absolute Nichts? Können wir es als das bezeichnen, worauf der Versuch der Negation von allem, was dem Menschen durch sein Denkvermögen möglich ist, abzielt, das aber als solches niemals erreicht werden kann?

310 Was ist ein Wort? Ist es, um mit Nietzsche oder noch weiter mit Aristoteles zu sprechen, »die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten«? Sind Worte also Lautbilder, die Empfindungen wiedergeben? Wie verhält es sich mit dem Bild, dem Wort, das dem Menschen eine Vorstellung gibt? Kann sich der Mensch die Gegenstände und die von ihnen ausgehenden Reize so vorstellen, wie sie sind, oder macht er sich ein Bild von ihnen, wie er sie sich vorstellt? Ist am Ende alles nur eine Metapher? Wer schafft diese Metapher? Wenn Nietzsche schreibt, dass »die Sprache von den einzelnen Sprachkünstlern erfunden, aber durch den Geschmack der Vielen festgelegt wird«, was ist, wenn sich die erfundenen Begriffe wider Erwarten nicht durchsetzen? Sind die neuen Wörter dann falsch, nicht originell? Müssen sie umgedeutet werden, um Gültigkeit zu erlangen? Ist die sprachliche Konvention in Wirklichkeit nur eine Täuschung? Kann die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten sein? Oder sind die Namen, die der Mensch den Dingen gab und gibt, willkürlich? Bedeutet das nach Gustav Gerber, dass der Mensch gar nicht Gegenstände mit Wörtern bezeichnet, sondern Vorgänge mit dem, was die Grammatik Satz nennt? Bringt also der Satz die Bedeutung der in ihm enthaltenen Wörter hervor? Kann der Mensch durch das Wort, durch die Sprache zur Wahrheit gelangen? Ist Wahrheit nur ein sprachliches Phänomen?

Mögen Sie komplexe Sätze wie diesen von Rosi Braidotti: »Das nomadische Denken setzt sich mit der Gegenwart nicht oppositionell auseinander, sondern eher affirmativ, und zwar nicht aus Anpassung, sondern aus der pragmatischen Überzeugung, dass die Bedingungen, aus denen qualitative Veränderungen entspringen, nicht dialektisch aus einer direkten und gewaltsamen Konfrontation mit dem Bestehenden hervorgehen«?

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