Fragen zur Philosophie
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301 Was will die Philosophie? Was ist Aufklärung? Wie kann man ihre Erfolge feststellen? Hat sie ihren Zweck doch noch verfehlt? Worin begründet sich der ikonische Überschuss des christlichen Heiligenbildes? Was ist Gott? Wer war es, der den Satz aussprach: »ein Mann erhebt sich niemals höher als wenn er nicht weiß, wohin sein Weg ihn noch führen kann«? Wie kann sich der Mensch kennen? Wo sind eigentlich für uns alle, Gelehrte und Ungelehrte, Vornehme und Geringe, unsre sittlichen Vorbilder und Berühmtheiten unter unseren Zeitgenossen, der sichtbare Inbegriff aller schöpferischen Moral in dieser Zeit? Wo ist alles Nachdenken über sittliche Fragen hingekommen, mit welchen sich doch jede edler entwickelte Geselligkeit zu allen Zeiten beschäftigt hat? Wie geht »mit fremden Gehirnen denken«? (Bert Brecht) Was fehlt im Kantischen Werk? Vielleicht die vierte Kritik? Warum gibt es, fragt Kristóf Nyíri, bei Kant »keine Kritik des reinen Bildes«? Oder eine »Kritik der kulinarischen Vernunft«? Was halten Sie von einer Kritik der Lebensformen? Kann man Lebensformen kritisieren? Kann man von Lebensformen sagen, dass sie gut, glücklich oder gar rational sind? Warum gilt es seit Kant als ausgemacht, dass Glück oder gutes Leben im Gegensatz zum moralisch Richtigen philosophisch nicht bestimmbar sind? Kann sich allein die politische Ordnung des liberalen Rechtsstaates als Versuch einer lebensformenneutralen Organisation menschlichen Zusammenlebens darstellen? Was bedeutet es, Lebensformen als Lebensformen zu kritisieren? Können Sie sich eine sinnvolle Debatte darüber vorstellen, ob es richtig oder falsch ist, Bananen zu essen? Was halten Sie von der Philosophie des Geistes, den transzendentalen Argumenten oder dem aktualisierten Pyrrhonismus? Wie kann aus der Verbindung von spontanem Denken und rezeptiver Anschauung eine objektive Erkenntnis von Gegenständen entstehen? Ist das Allgemeine analytisch oder synthetisch? Ist das Besondere und Einzelne im Allgemeinen enthalten? Wie kann der denkende Mensch sicher sein, dass ein bestimmter Begriff gerade auf einen bestimmten Inhalt seiner Wahrnehmungen zutrifft, dass dieser Inhalt also unter diesen Begriff fällt?

302 Was ist es, das immer da ist, ohne jemals abwesend zu sein? Ist es das Universum mit seinen Naturgesetzen? Wer hat die Naturgesetze formuliert? Was bedeutet es, dass ein Baum, der im Wald fällt, auch dann krachend zu Boden fällt, wenn niemand da ist, um ihn zu hören, oder dass der Mond auch dann am Himmel steht, wenn niemand ihn sieht? Steckt dahinter ein altes philosophisches Wunder oder gar ein Problem? Ist ein Baum immer ein Baum, auch wenn niemand da ist, der ihn als solchen wahrnimmt? Was, wenn der Baum, der Wald oder der Mond nur existieren, weil Worte auf sie verweisen? Kann man die Existenz nicht wahrnehmbarer Dinge beweisen? Oder ist das genauso unmöglich wie der Beweis, dass das, was wir uns vorstellen, außerhalb unserer Existenz existiert? Was hält das Universum im Innersten zusammen?

Ist der Begriff »konkret« das Gegenteil von »abstrakt« und damit zu allgemein, wenn er das einzelne Gebilde, das Individuum in unserer Erfahrung mit all seinen Bestimmungen meint, das nicht einfach, sondern immer metaphysisch (aus Potenz und Akt, Materie und Form) und meist auch physisch und körperlich beschaffen ist?

303 Haben Gedanken, Wünsche und Hoffnungen eine eigene Realität? Kann man sagen, dass jede Wirklichkeit bewusst durch eine gesellschaftliche Auswahl von objektiven Setzungen bestimmt wird, also nur Ausdruck einer gesteuerten Interessenlage ist? Liegen die Grenzen des Sagbaren in den Grenzen von Struktursystemen, vor allem in denen ihrer Grammatik und der verwendeten Symbole, ihrer Sprache? Geben Strukturen dem menschlichen Denken Sicherheit? Verstärken sie psychisch das Gefühl der Sicherheit, wenn sie nicht hinterfragt werden? Bestimmen ihre verinnerlichten Vorgaben ihre Wahrheit? Bedeutet das, sich in vorgegebenen Denksystemen zu bewegen und dann die richtigen, die gewünschten Assoziationen herzustellen? Beginnt dort, wo der Mensch seine Strukturen, seine Ordnungen nicht mehr erkennen kann, für ihn das Chaos? Entsteht also seine psychische Sicherheit aus seiner eigenen Begrenztheit? Ist die Struktur das perspektivische Korsett, mit dessen Hilfe der Mensch seine Welt betrachtet? Schafft sie in ihm das Ordnungssystem, aus dem heraus Informationen bewusst wahrgenommen, geordnet und stabilisiert werden? Bedeutet das auch, dass logisches Denken auf gesellschaftlich vorgegebenen abstrakten Setzungen beruht? Haben Gedanken in ihrem Kern eine Ideologie? Sind die Motive hinter einem Gedanken oft vielschichtig? Entziehen sie sich weitgehend rationaler Begründung? Steht der Enge der Welt die Weite der Phantasie gegenüber, der Begrenztheit des Menschen die Vielfalt seiner Träume? Ist der Mensch ständig auf der Suche nach einem Bild der Welt, an dem er sich orientieren kann? Ein Bild, von dem er glaubt, dass es seinem persönlichen Standort, seiner Identität entspricht? Kann sich der Mensch bewusst machen, dass im Bereich seines Bewusstseins seine Identität das Ergebnis seiner sozial geformten Selbstbilder ist? Dass sie sein Denken, seine Arbeit, seine Gesundheit, jeden Tag seines Lebens beherrschen? Warum weiß er nicht, dass er sich innerhalb seines schicksalhaften Ortes nur in einem Strom bewegt?

Ist das der neue Mensch: aufgeklärt bis zur Unmündigkeit? (Nikolaus Cybinski)

304 Warum neigt der Mensch zur Unmündigkeit? Weil der Mensch sich trotz seiner Unmündigkeit Würde zuspricht und mehr sein will als eine Maschine, wohl wissend, dass Aufklärung ein ewiges Projekt und ein zerbrechliches Gut ist? Ist die Aufklärung, die eine Philosophie der Vernunft sein will, für unser heutiges Denken relevant? Oder erschöpft sich ihre Bedeutung in der historischen Frontstellung gegen zeittypische Ausprägungen von Aberglauben und Schwärmerei? Sollen wir nur dann von Aufklärung sprechen, wenn ihre Protagonisten (Francis Bacon, John Locke, Thomas Hobbes, Gottfried Wilhelm Leibnitz u.a.) dieses Wort auch für ihr Anliegen und Selbstverständnis verwenden? Was ist von den gebremsten, gemäßigten Aufklärern, den Bedenkenträgern wie Mendelssohn, Montesquieu, Voltaire oder Hume zu halten, die sich in letzter Konsequenz nicht mit der Obrigkeit und ihren ideologischen Propagandisten anlegen wollten? Wie kann man mit der eigenen Unmündigkeit produktiv umgehen? Wäre das nicht ein mündiger Umgang mit der Unmündigkeit? Ist der Mensch, der sich als Vernunftwesen versteht, das, wozu er nach Immanuel Kants Vernunftidee bestimmt ist: frei und selbsttätig, selbstbestimmt und mündig, aufgeklärt und verständig? Wie soll sich ein jeder seiner Vernunft selbständig bedienen, ohne sich von Autoritäten, Traditionen, Gewohnheiten, Vorurteilen leiten zu lassen? Setzt der Ausgang aus der selbst- und fremdverschuldeten Unmündigkeit nicht voraus, dass der Mensch sich seiner Feigheit und Faulheit, seiner Bequemlichkeit und Beflissenheit entledigt, sein Rückgrat aufrichtet, seine Augen und Sinne öffnet und anfängt, selbst zu denken, ohne aus den Augenwinkeln zu schielen, was andere von dem halten, was er denkt und tut? Hat Kants Idee einer Vernunft, die sich im Gebrauch, den der Mensch von seinem Erkenntnisvermögen macht, selbst erhalten will, heute noch eine Chance, philosophisch ernst genommen zu werden? Warum neigt der Mensch dennoch zur Unmündigkeit? Weil Denken unbequem ist? Ja, warum selbst denken, wenn es eine Maschine kann, die aus Millionen von Zeichen und Querverbindungen in Millisekunden die Antwort auf unsere Frage generiert? Ist eine Maschine, die denken kann, erst dann ein Problem, wenn das Nicht-Denken, unser Wunsch, unmündig zu sein, zum Normalfall wird?

Ist die Kritik gewissermaßen das Lehrbuch der in der Aufklärung mündig gewordenen Vernunft, und ist umgekehrt die Aufklärung das Zeitalter der Kritik? (Michel Foucault)

305 Was wäre, wenn Heidegger verstanden würde? Müssen wir uns diese Frage stellen? Müssen wir auch die Frage »Warum Philosophie?« beantworten? Ist die Frage ernst zu nehmen: »Wer oder was steht hinter wem?« Gibt es eine Rivalität zwischen dem Anspruch, sich selbst zu verstehen und über das eigene Selbstverständnis Rechenschaft abzulegen, und dem ungebrochenen Wunsch, die Welt und nichts als die Welt zu verstehen? Versteht sich derjenige besser, der seine geheimen Wünsche kennt, als derjenige, der sein Wunschprogramm ausarbeitet und in Absichten umsetzt? Gelingt es ohne Antwortverweigerung, die Peinlichkeiten Ausnahmen bleiben zu lassen? Warum sollte sich die Moral ändern, wenn man sich an einen anderen Ort begibt, an dem vielleicht eine andere Mehrheitsmeinung darüber herrscht, was moralisch geboten und was verboten ist? Sind Menschen grausamer als Tiere oder Tiere grausamer als Menschen? Können Tiere Gutes tun? Wenn ein Bernhardiner einen verschütteten Menschen ausgräbt, ist das nur Dressur?

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