Universelle Fragen
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221 Darf man in der Kirche lachen? Darf man nur schmunzeln? Und was ist mit Spott? Darf man sich in der Kirche ärgern? Wie ist es in der Schule, in der Universität, im Supermarkt, im Kino, im Stadion oder auf der Straße? Gibt es dort Gefühle, die erlaubt oder verboten sind? Darf man sich im Kino wütend streiten, im Supermarkt leidenschaftlich lieben und auf der Beerdigung ausgelassen tanzen? Wann spricht man von Gefühlen und wann nicht, und welche Zwecke und Vorstellungen lassen sich daraus ableiten? Ist unmündig, wer den Mund nicht aufmacht, um gegen eine Sache zu protestieren? Wer verfügt über Vernunft? Die Politiker? Wer glaubt, alles zu wissen, lässt sich belehren? Und das Volk? Hat denn das Volk Zeit, seine Vernunft zu pflegen, ja, sie überhaupt zu entwickeln? Und die Weltmänner und Geschäftsleute? Selbst wenn man sie dazu bringen könnte, die Frivolität ihrer Vergnügungen für eine aufmerksame Lektüre beiseite zu legen, würden sie verstehen wollen, wenn doch das Interesse an unmittelbarem Gewinn einer sorgfältigen Prüfung im Wege steht? Wenn ein Trauerzug vorbeikommt, was tun Sie dann? Nehmen Sie den Hut ab? Oder wenden Sie sich ab? Als Zuschauer im Theater vor einem Trauerspiel, was empfinden Sie? Was meinen Sie: Können Menschen auch nach ihrem Tod Interessen, einen Willen haben? Warum respektieren wir den früheren Willen einer Person, wenn weder die Person noch ihr Wille mehr existieren? Was ist mit dem Willen eines lebenden Menschen, der sich auf Sachverhalte bezieht, die erst nach seinem Tod eintreten?

Werden wir im Anthropozän die letzten Menschen sein? Bewegen wir uns gerade in den Anfängen einer platonischen totalitären Utopie? Oder wird es zukünftig mehr um Utopien der Freiheit gehen? Was sollen wir tun? Welche Ästhetik, Dramaturgie und institutionellen Strukturen könnten geeignet sein, über die Fakten aufzuklären und zum Handeln anzuregen? Würde Letzteres überhaupt Sinn machen? Wie könnten wir Brechts Einsicht, dass es im Theater »nicht nur darauf ankommt, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern«, umsetzen? Inwieweit befeuert die Medialisierung die Polarität innerhalb der Öffentlichkeit, erzeugt sie diese gar erst? Oder, anders gefragt, inwiefern nimmt sie Tendenzen innerhalb der Gesellschaft auf?

Wie soll das gehen, wenn erstens alles anders kommt als zweitens und drittens anders als man viertens gedacht? Braucht es Momentaufnahmen des Alltäglichen? Haben Sie ein Faible für ice cream? Ist schon einmal ein Mond zu einem heulenden Hund heruntergestiegen, hat ihm eine Leine angelegt und ihn nach Hause geführt?

222 Wer ist Lampe? Ist Lampe nicht Kants Diener, der ihm jahrzehntelang den Haushalt führte? Haben ihn die Jahre in so enger Gemeinschaft mit dem Philosophen verändert? Stimmt es, dass er nach außen hin den Untergebenen spielte, während er in Wirklichkeit alles tat, um Kant zu schikanieren? Hat er sich beim Servieren wirklich ungefragt in die Tischgespräche eingemischt? Widersprach er gar, um sich dann, als sei es ein Ausrutscher gewesen, mit den Worten zu entschuldigen, er habe sich nur öffentlich seines Verstandes bedient, wie es der Herr Philosoph immer wieder gefordert hatte? Wäre es denkbar, dass mancher Gedanke, den wir Kant zuschreiben, von jemand anderem, vielleicht von Lampe, erdacht und niedergeschrieben wurde? Sind Namen nicht nur Bezeichnungen? Könnte sich ein musikalisch Ungebildeter auf Beethoven berufen, ohne auf Nachfrage mehr über ihn sagen zu können, als dass er Komponist war? Könnte sich ein anderer erfolgreich auf Beethoven beziehen und auf die Frage, wer Beethoven sei, antworten: »der berühmte holländische Maler«? Aber Lampe, der nach den Worten von Frédéric Pagès »ungewöhnlich dumm« war, sollte dieser Lampe zu einem philosophischen Schreiben in der Lage sein?

Haben Sie schon einmal darauf geachtet, wie Talkshows zusammengesetzt sind? Sind die Positionen nicht viel zu oft schon im Vorfeld geklärt und geht es nur noch darum, wer seine Argumente im rhetorischen Wettstreit am besten vertritt? Führt eine solche Diskussionskultur nicht unweigerlich in eine kognitive Sackgasse? Können Menschen vernünftige Entscheidungen treffen, wenn sie nie aufgefordert werden, zum Kern der Sache vorzudringen?

Nehmen wir einmal an, jemand hat erkannt, dass er ein Problem hat, und löst es dann nicht – ist er dann in der Regel nicht selbst das Problem? Wendet sich gegen Aufklärung und Zivilisation, wer behauptet, mit deutschen Gesetzen die Temperatur der Erde beeinflussen zu können? Stimmt es, dass die im Erkenntnisprozess aufgedeckten Widersprüche ihren historischen Ort in den realen Antagonismen der gesellschaftlichen Wirklichkeit haben?

223 Können Sie drei Denkfabriken benennen? Sie kennen keine einzige? Wie ist das möglich? Wissen Sie, dass eine Denkfabrik umso einflussreicher agieren kann, je weniger sie als solche erkennbar ist? Halten Sie es für möglich, dass in Denkfabriken eine »schauerromantische Voreinstellung unserer Debatten« (Patrick Bahner) stattfindet? Was, wenn das Ziel von Denkfabriken nicht darin besteht, uns mit dem Schein von Exzellenz zu locken, sondern uns zu demütigen und uns so die Idee zu verinnerlichen, dass jeder Versuch, Widerstand zu leisten, sinnlos ist? Wollen uns die Eliten in Staat und Wirtschaft zeigen, dass sie in der Lage sind, die Idee zu verinnerlichen, dass wir tatsächlich machtlos sind gegen all das, was sie uns in den kommenden Monaten und Jahren medizinisch, kulturell und wirtschaftlich aufzwingen wollen?

Warum gibt es für viele politische, gesellschaftliche, ja sogar menschliche Fragen keine Lösung? Liegt es daran, dass die Fragen so kompliziert geworden sind, dass es keine Lösung geben kann? Was hat zur Entfesselung der Materie geführt, zur grenzenlosen Lust mit all ihren zerstörerischen Folgen? Waren es Wissenschaft und Technik? Oder ganz einfach die Gier des Menschen? Oder jener faustische Geist, jener unermüdlich umherschweifende, unersättliche, bohrend fragende, alles ausprobierende Geist, der amoralisch ist, weder moralisch noch unmoralisch, wie das Wissen selbst? Ist das der Geist der Renaissance und der Reformation? Ist es der Geist, den Dürrenmatt in den »Physikern« genial durchschaut hat?

224 Hilft Schnaps gegen Cholera? Können wir die Fakten von der menschlichen Gleichgültigkeit befreien? Können wir aufhören, universell zu denken und zu urteilen? Was nützt der Sonnenaufgang, wenn man nicht aufsteht? Wie klingt das Gender-Sternchen? Können Studierende überhaupt schlafen? Zurück zur neuen Normalität – was könnte das bedeuten? Was ist normal? Was ist der Unterschied zwischen einem Sudelbuch und einem Tagebuch? Gibt es einen psychischen Defekt bei kleinen Männern, der sie erst an die Spitze eines Staates spült und sie dann in Hemmungslosigkeit und Größenwahn versinken lässt? Wie entsteht Wissen? Wann ist eine sklavische Handlung nicht immer die Handlung eines Sklaven? Was ist der Unterschied zwischen Zeit und Ewigkeit? Warum verschwinden Wörter aus dem Sprachgebrauch? Wie kommt es, dass man in Deutschland das Naserümpfen vor dem Naseputzen lernt? Wie setzen sich Literaten mit ihren, je nachdem, ungeheizten oder behaglich warmen Wohnungen auseinander? Ist der Wald schon wieder oder noch immer ein Thema für Schriftsteller? Kann man polarisiertes Licht sehen? Wie verbindet man historische Themen und alte Archivbilder mit einer schnelllebigen Social-Media-Plattform? Wie beschreibt man ein Luftbild von einem Teil der Stadt München, der kein vollständiger und abgegrenzter Stadtteil ist? Wenn in einem Wartezimmer alle Steh- und Sitzplätze besetzt sind, was macht man mit denen, die neu hinzukommen? Schickt man sie weg? Wäre es nicht sinnvoller, die Wetterprognosen erst dann herauszugeben, wenn die Modellrechnungen sie bestätigt haben, was die Genauigkeit natürlich um ein Vielfaches erhöhen würde?

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