Fragen zur Person
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126 Schon viel gesehen? Weit gereist? Abenteuer erlebt? Kennen Sie das Leben? Und warum das alles? Ist nicht alles schon da gewesen, alles bekannt, alles sinnlos? L’ennui ohne Ende? Gähnen Sie? Warum nicht mit schlaffer Hand zum nächsten Espresso greifen? Sagt Ihnen der Name Cioran etwas? Der Mann, der sagte: »Das Leben – dieser Kitsch der Materie«? Nein? Aber Leibniz, den kennen Sie doch, zumindest vom Hörensagen? Wollen wir über seine göttliche Ordnung sprechen, die er prästabiliert nannte? Oder über seine Ideen einer sinnvollen, gottgewollten Universalordnung, in der jede Monade ihren wohldurchdachten, rechtmäßigen Platz beanspruchen darf? Oder wollen wir lieber von Reaktionen sprechen: Reaktionen auf die Haltlosigkeit, die uns umtreibt, Reaktionen auf die soziale Zersplitterung der Menschen, Reaktionen auf die ökologische Zerstörung, die unübersehbar geworden ist? Ist das jetzt Ihr Fahrwassser?

Leben Sie in einem vollendeten Gefühlsnebel, einem hoffnungsvollen Potpourri aus natura naturans: Naturheilkunde, Tierliebe, Zen, vage kosmische Kreisläufe, Gaia-Gesänge, Wiedergeburt, Naturkost, Wollsocken, Ledersandalen, Akupunktur, weiße Magie – kurz: im Vorspiel zum großen, abendfüllenden Finale dieser Welt? Versuchen Sie, die finsteren Taten der Menschen mit dem Begriff einer vernünftigen Freiheit in Einklang zu bringen? Halten Sie sich für frei? Frei von Arbeit? Frei von Sorgen? Sind Sie vogelfrei? Wollen Sie immer noch Ziele erreichen, gesellschaftlichen Status erlangen, ein Haus besitzen, viel reisen, viel Geld verdienen? Wie lautet Ihr Motto? Wenn ich schon nicht alles erreiche, dann wenigstens etwas? Ist das moralisch einwandfrei? Wer interessiert sich noch für Moral? Warum schreien Sie? Ist es der Schrei der Verbitterung, der Schrei der Enttäuschung? Was folgt der Enttäuschung, der Bitterkeit, dem Nihilismus, der Hoffnungslosigkeit, der Absurdität? Kein Absturz ins Bodenlose? Nur ein Nichts? Und keine Orientierung, kein Halt, keine Antwort, keine Hilfe, nirgendwo?

Kennen Sie Tage, an denen Sie aufwachen und nicht wissen, was Sie als nächstes tun sollen? Fällt es Ihnen dann schwer zu entscheiden, was (noch) wichtig ist? Wo bleibt die Routine? Aufstehen, anziehen, in die Küche gehen, den Papierfilter mit Kaffeepulver füllen, die Menge für drei Tassen in den Wasserkocher geben, den Startknopf drücken und warten, bis der Summer dreimal piept? Und während Sie warten, ziehen Ihre Gedanken langsam vorbei, wie Wellen auf einem ruhigen Meer? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum Sie Kaffee und nicht Tee trinken?

127 Sind Sie ein Narzisst? Sind Sie von sich selbst besessen? Fotografieren Sie sich Tag für Tag? Leben Sie eine visuell optimierte Individualität, bei der es nur darum geht, das eigene Leben perfekt in Szene zu setzen? Sind auch Sie von der Selbstinszenierung besessen? Zeigen Sie immer wieder Beweisstücke, Dokumente, Belege einer Wirklichkeit, die sonst – unfotografiert – eigentlich gar nicht stattgefunden hat? Geht es Ihnen darum, das Flüchtigste, Zerbrechlichste und zugleich das Üppigste, Luxuriöseste – den Lebensgenuss selbst – festzuhalten? Würden Sie gerne einmal im siebzehnten Jahrhundert leben und das Zelebrieren des Überflusses, des Genusses und der Schönheit erfahren, wenn auch immer im Moment ihres Vergehens? Was tun Sie heute, um den Geschmack Ihrer Tage zu bewahren?

Was macht Ihnen im Frühling Freude? Wie ermutigen Sie die Themen »Neuanfang« und »Neubeginn« in dieser Jahreszeit? Welche Gedanken oder Gefühle haben Sie, wenn Sie sich der Osterzeit nähern? Wie erleben Sie als Erwachsener die Freude der Dankbarkeit? Was ist eine Ihrer schönsten Erinnerungen an den Sommer oder eines Ihrer Lieblingserlebnisse in dieser Jahreszeit? Warum ist das so, und wie können Sie diese Erfahrung in diesem Sommer auf sinnvolle Weise wiederholen? Unabhängig davon, ob Sie den Sommer lieber drinnen oder draußen verbringen, wie können Sie eine lebensfördernde Routine entwickeln, um das Beste aus dieser Jahreszeit zu machen? Wo ist Ihr Lieblingsplatz in der Natur oder im Freien, den Sie jeden Sommer genießen? Was bedeutet der Beginn des Herbstes für Sie? Haben Sie eine liebgewonnene Tradition im Herbst? Was verändert sich im Herbst bei Ihnen? Wo machen Sie in Ihrem Leben gerade eine Zeit der Veränderung durch? Wie sieht Erntedank bei Ihnen zu Hause aus? Wie möchten Sie das Ereignis begehen? Wie können Sie andere ermutigen, in dieser Zeit des Jahres dankbar zu sein? Wer sind die Menschen in Ihrem Leben, die es wert sind, nachgeahmt zu werden? In welchen Bereichen Ihres Lebens sehen Sie andere, denen Sie nacheifern? Was inspiriert Sie?

Möchten Sie innen-innen, außen-innen oder außen-außen sitzen?

128 Brauchen Sie einen Reset in Ihrem Leben? Wann haben Sie in Ihrem Leben eine positive Form von Reset erlebt? In welchem Bereich Ihres Lebens brauchen Sie im Moment am meisten einen Reset? Wie gehen Sie mit Ihrem Haus oder Ihrem Besitz um? Auf was können Sie spontan verzichten? Wie können Sie besser mit dem umgehen, was Ihre Eltern oder andere Menschen Ihnen gegeben haben? Welchen einfachen Schritt können Sie tun, um spirituell zu wachsen? Wo in Ihrem Haus könnten Sie einen »heiligen Raum« einrichten, in dem Sie mit sich (oder mit Gott) allein sind? Bei welchen Tätigkeiten, Aufgaben oder Hausarbeiten fühlen Sie sich ungeduldig? Welche Gewohnheiten oder Lebensstile möchten Sie in Ihrem Leben fördern? Welche konkreten Schritte unternehmen Sie, um einen neuen Rhythmus in Ihren Alltag zu bringen? Wer oder was in Ihrem Leben ermutigt Sie? Und wen ermutigen Sie? Wie oft ist Ihr Zuhause ein Ort der Begegnung? Welche Treffen könnten Sie regelmäßig bei sich zu Hause organisieren, um Menschen zusammenzubringen? Inwieweit hat die Sorge um das Aussehen Ihres Hauses oder Ihrer Wohnräume Ihren Blick eingeengt? Nehmen Sie sich Zeit, um die Räume, in denen Sie leben, wertzuschätzen?

In welchem Raum Ihres Hauses fühlen Sie sich am wohlsten? Wie können Sie dieses Gefühl auf andere Räume Ihres Hauses ausdehnen? Welche Farben machen Sie glücklich und ruhig? In welchen konkreten »Stürmen« Ihres Lebens brauchen Sie Ihr Haus, um Frieden und Ruhe zu finden? Wie kann Ihr Zuhause für andere ein Ort des Friedens sein? Sind Sie bereit, »Nein« zu sagen, um für sich selbst mehr Raum für Frieden zu schaffen? Was gibt Ihnen das Gefühl, willkommen oder umsorgt zu sein, wenn Sie das Haus eines anderen Menschen besuchen? Welche Prioritäten wollen Sie für Ihr Zuhause setzen? Für welche spiritiuellen Dinge möchten Sie in Ihrem Tagesablauf Platz schaffen? Welche Art von Licht bevorzugen Sie? Wo und wie können Sie Licht in Ihr Zuhause bringen?

Was wollen Sie aus der Zeit retten, die hinter Ihnen liegt? Sind Ihre »letzten Gedichte« schon veröffentlicht? Wollen Sie eines Tages Ihr gelebtes Leben in einem Buch beschreiben? Würde Ihnen eine Autobiographie ohne Ich gefallen? Oder eine Sicht auf Ihr Leben, wie sie ein außenstehender Beobachter beschreiben würde? Gibt es Reste in Ihrem Leben, die wie Inseln aus dem Vergessen ragen? Kann sich aus Krisen und Glückszuständen ein schlüssiger Weg ergeben, den Sie als Ihren Lebensweg erkennen können? Glauben Sie, wie Virginia Woolf, dass verlebte Zeitatome niemals eine sinnvolle Geschichte bilden können?

129 Besitzen Sie die BahnCard 100? Interessieren Sie sich für die Psychologie des Urlaubsglücks? Womit sind Sie einverstanden? Mit allem? Ist Ihnen schon einmal etwas zugestoßen? Sind Sie schon einmal in einen Keller gefallen oder von einem tollwütigen Fuchs gebissen worden? Wovor haben Sie am meisten Angst: vor Füchsen oder vor Kellertreppen? Leiden Sie auch unter Angst vor Eiern und Knöpfen? Wenn Sie Angst vor Eiern haben, müssen Sie dann auf Ihr Frühstücksei verzichten? Und wenn Sie Angst vor Knöpfen haben, tragen Sie dann grundsätzlich nur Hemden mit Reißverschluss? Würden Ihnen vielleicht Hemden gefallen, die im Rücken geknöpft werden und im Spiegel nicht zu sehen sind? Wie oft wurden Sie schon gefragt: Wer sind Sie? Und was haben Sie geantwortet? Sancho Panza oder Don Quijote? Kennen Sie den Unterschied zwischen Phobie und Manie und vor allem zwischen Erythrophobie und Arithomanie? Wann haben Sie bemerkt, dass Sie mit einfältigen Menschen über nichts reden wollen? Sind Ihre »Letzten Gedichte« schon veröffentlicht? Fühlen Sie sich als Europäer, weil diese Völkerschaft die kraftstrotzenden, raubeinigen Gründer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und Frankreichs waren?

Glauben Sie, in einer Gelehrtenrepublik zu leben? Stolpern Sie auch immer wieder über die Frage »Was soll ich kaufen?«, wo die Frage doch eigentlich »Was fehlt mir?« lauten müsste? Könnte es sein, dass Ihr Problem nicht darin liegt, dass Sie ungebildet sind, sondern dass Sie gerade gebildet genug sind, um zu glauben, was man Ihnen beigebracht hat, und nicht gebildet genug, um zu hinterfragen, was man Ihnen beigebracht hat? Ist Ihnen klar, dass kapitalistische Gesellschaften keine solidarischen Gesellschaften sein können? Sind Sie ein Absolvent der Atheistenschule? Woran glauben Sie? An das Stattdessen? Kennen Sie den Geometer Philostratos? Könnte für Sie eine Katastrophe, die über die Menschheit hereinbricht, einem reinigenden Akt gleichkommen, der ein Gefühl der Erleichterung über eine längst überfällige Wiedergutmachung hervorruft? Würden Sie lieber ein utopisches, ein dystopisches oder ein postapokalyptisches Leben führen? Ist für Sie ein sinnstiftendes Leben ohne Lust am Schein überhaupt denkbar? Würden Sie darauf verzichten wollen, zu wissen, zu welchem Typ Sie im wahren Leben gehören? Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Europäische Union weder eine Rechts- noch eine Wertegemeinschaft ist, sondern lediglich ein Geldautomat, der Milliarden an Subventionen ausspuckt? Wussten Sie, dass das Kürzel MINT nichts mit Pfefferminz zu tun hat?

Gehören Sie zu den Menschen, die sich nach einer Gesellschaft sehnen, in der das Leben wertgeschätzt wird, in der die Wahrheit respektiert wird und in der jeder seine Meinung sagen kann? Ist Ihre Welt klar in Gut und Böse eingeteilt, vielleicht nicht in Kapitalismus und Sozialismus, sondern einfach in Männer und Frauen oder, was vielerorts als deckungsgleich angesehen wird, in Täter und Opfer? Wird in dieser Welt »Arbeiterklasse« durch »Betroffene« ersetzt und »kleinbürgerlich« heißt jetzt »patriarchalisch«? Sind Sie für oder gegen den »alten weißen Mann«? Halten Sie sich für liberal? Haben Sie sich gefreut, als in der Ferne Widerstandsaktionen stattfanden: vom Arabischen Frühling bis zur Regenschirm-Revolution in Hongkong? Haben Sie applaudiert? Erinnern Sie sich, dass diese Aktionen nicht gut ausgegangen sind? Befürworten Sie die Aktionen der »Klimakleber« oder sind sie für Sie nur Zeugnisse eines utopischen Moments? Sehen Sie im Blockieren von Straßen oder im Besprühen von Gegenständen mit Farbe eine zutiefst illiberale Sachbeschädigung, Körperverletzung und Nötigung?

Ideologisch müde oder politisch leer? Oder beides?

130 Halten Sie den Mond für völlig nutzlos? Würden Sie jemals so reagieren wie Karl der Große, der einmal auf der Jagd einem Hirsch begegnete, den er nicht erlegte, sondern ihm ein kostbares Halsband umlegte mit den Worten: Lieber Jäger, lass mich leben, ich will dir mein Halsband geben, und ihn wieder frei ließ? Ist das Blinde am blinden Fleck nicht der blinde Fleck? Könnte die verschlossene Garage Ihres Nachbarn ein »lost place« für Sie sein? Wie würden Sie einen Text schreiben, in dem die Wörter Gaskocher, Matratze, Wolldecken, Wasserkanister, ein paar Flaschen Aquavit, ein Band über die Kulturgeschichte des Labyrinths, einer über japanische Wandschirme, einer über Optik vorkommen?

Was empfinden Sie, wenn Sie von prekären Arbeitsverhältnissen, steigenden Mieten oder der Angst um die Alterssicherung lesen? Haben Menschen, die nicht weiß sind oder nichts leisten, für Sie einen geringeren Wert? Haben Sie Probleme mit Bildern von Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser, von hungernden Menschen, von Frauen, die auf der Flucht vergewaltigt werden, von Kindern, die scheinbar perspektivlos aus den brennenden Lagern von Moria fliehen? Und mit Bildern von zerstörter Natur, verbrannten Wäldern und schmelzenden Polkappen? Sind diese Bilder für Sie nur symbolisch, weil sie meist nur die Folgen, nicht aber die Ursachen zeigen?

Sind Begriffe wie Würde, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Sicherheit und Solidarität unter der Bedingung der Freiheit für Sie nur abstrakte Begriffe? Ist für Sie das Wertefundament dieses Landes, das immer so hoch gehalten wird, in irgendeiner Weise verhandelbar? Würden Sie sagen, dass die Würde eines jeden Menschen auch in letzter Konsequenz unantastbar ist? Für was steht, Ihrer Überzeugung nach, das westliche Gesellschaftsmodell? Steht es für Wohlstand, Demokratie und Freiheit? Oder für strukturelle Diskriminierungen und die Zerstörung der Lebensgrundlagen? Glauben Sie, dass die meisten Menschen – auch wenn es hier und da Fortschritte gibt – noch weit entfernt sind von der Vorstellung, dass die Menschheit im Wechsel von Ruhe und Bewegung, von Gut und Böse langsam, aber stetig einer größeren Vollkommenheit zustrebt?

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