Fragen zur Person
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116 Haben Sie Philosophie studiert? Hätten Sie gerne verstanden, was Sie nicht verstanden haben, obwohl Sie Philosophie studiert haben, und zwar in allen Fällen, in denen Sie nicht verstanden haben, und zu allen Zeiten Ihres Lebens? Wenn Sie nicht Philososphie studiert haben, würden Sie sich dann besser fühlen, wenn Sie ein Ingenieurstudium abgeschlossen hätten? Welche Art von Ingenieurwesen wäre das? Ist es für Sie eine Sache, mit dem Verstand ein Gefühl, eine Meinung oder ein Vorurteil zu verstärken, und eine ganz andere, wirklich zu denken? Glauben Sie, dass es einen konstanten Prozentsatz von Menschen gibt, die klinisch unzurechnungsfähig sind, oder handelt es sich um eine Zahl, die im Laufe der Zeit schwankt, je nach lokalen Bedingungen und medizinischem Fachwissen? Sind Sie überrascht, dass nicht mehr Menschen verrückt werden, oder sind Sie überrascht, wie viele Menschen bereits verrückt geworden sind? Halten Sie sich für einen normalen Menschen? Oder halten Sie sich für einen Aussteiger? Falls Sie sich für einen Aussteiger halten, gab es eine Zeit, in der Sie sich nicht für einen Aussteiger hielten? Wenn es eine Zeit gab, in der Sie sich nicht für einen Aussteiger hielten, und Sie jetzt erkennen, dass Sie ein Aussteiger sind, gab es ein Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen, die Sie davon überzeugt haben, dass Sie jetzt tatsächlich ein Aussteiger sind? Hatten diese Ereignisse etwas mit Ihrem Chef, Ihrer Großmutter oder Ihrem Haustier zu tun? Wenn Sie kein Aussteiger sind, warum sind Sie dann noch hier? Wollen Sie gleich jetzt aussteigen? Brauchen Sie eine Leiter? Oder ein Fluchtfahrzeug? Halten Sie Ihr Weltbild für objektiv? Können Sie mit dem Begriff »sensationsdoof« etwas anfangen? Fällt es Ihnen leicht, eine rüpelhafte Figur darzustellen? Wie empfinden Sie das leise, weder angenehme noch unangenehme Summen Ihres Körpers, das eine gut erledigte Arbeit begleitet – eine Arbeit, die absolut nichts mit Ihrer Daseinsberechtigung oder Ihrer Verdauung zu tun hat? Vermeiden Sie Multitasking? Was machen Sie, wenn gleichzeitig das Telefon klingelt und es an der Haustür läutet? Halten Sie sich manchmal für ein Genie? Wenn Sie ein Buch über Ihr Leben schreiben würden, wie würde der Titel lauten und warum?

117 Gehört Ihnen dieser Rucksack? Was ist da drin? Sie wissen es nicht? Warum wissen Sie nicht, was im Rucksack steckt, wenn es doch Ihr Rucksack sein soll? Ist es am Ende gar nicht Ihr Rucksack? Sollte ich besser die Polizei verständigen? Aus welchem Grund erlauben Sie sich, einen Rucksack unbeaufsichtigt in der Öffentlichkeit abzustellen? Wissen Sie nicht, welche Probleme, Sorgen und Nöte Sie durch einen einzigen herrenlosen Rucksack auslösen könnten? Halten Sie sich für verantwortungsvoll? Wo beginnt, wo endet Ihre Verantwortung? Verantworten Sie überhaupt etwas? Stellen Sie vielleicht den Restwert des bürgerlichen Dekorums dar? Ist Ihr Lied noch in Ihnen? Sind Ihre Träume noch unerfüllt? Wohin wollen Sie gehen? Was wollen Sie erreichen? Wie wollen Sie Ihre Tage verbringen? Was hindert Sie daran, Ihr bestes Leben zu leben? Wünschen Sie sich mehr als das, was am Horizont des Endlichen erscheint, mehr als das, was uns die Erfahrung lehren kann? Haben Sie sich schon einmal gefragt: Warum sollte ich mehr besitzen, als ich brauche, um den Sinn meines Lebens zu finden und zu erfüllen? Könnte Klaus Schwab, der Transformist und Verfechter einer vierten industriellen Revolution, Recht haben, wenn er sagt, dass wir in wenigen Jahren nichts mehr besitzen und trotzdem glücklich sein werden? Kann man sagen, dass Ihr Leben gut oder sogar gelungen ist? Wie sieht Ihr guter Tag aus? Fehlt Ihnen das Geld zum Heizen? Warum tragen Sie keinen Bärenmantel? Mögen Sie Kaschmir? Wie heißt das Land, die Stadt, das Dorf, die Straße, das Haus, in dem Sie stehen bleiben und sagen: Hier wohne ich? Wie leben Sie? Frühstücken Sie im Morgenmantel? Welche Farbe hat er? Ist er dunkelgrün und samtig? Oder blau und linnen? Benutzen Sie einen Pickelvergrößerer im Badezimmer? Wenn Sie unter einem Himmelbett schlafen, wachen Sie nachts auf, weil Sie den abnehmenden oder den zunehmenden Mond am Himmel über Ihrem Bett sehen wollen? Würden Sie ein Geburtstagsessen mit ein paar Freunden einer großen Party mit Musik und Tanz vorziehen? Würden Sie es vorziehen, sich am Wochenende mit einem guten Buch in Ihren besten Sessel zu kuscheln, anstatt am Samstag einen Familienbrunch zu organisieren und Gäste zum Abendessen einzuladen, um dann den Sonntag mit der Organisation eines ehrenamtlichen Kuchenverkaufs und einer Grillparty zu verbringen? Sie meinen, dieses Szenario ist typisch für England? Möchten Sie ein Torfmoor in Devon besuchen oder lieber Gurkensandwiches auf einer gemütlichen Veranda mit einer kultivierten Gastgeberin in Torquay essen? Haben Sie schon einmal die Redewendung »das Entweder-Oder-Sandwich essen« gehört? Wenn Sie (z. B. mit einem Ginger Ale und einem leicht getoasteten Eiersalat-Sandwich) auf einer Steinbank am Sodabrunnen einer alten, fast verschwundenen Burg in den schottischen Highlands säßen und ein bewaffneter Räuber käme, um Sie auszurauben, und Sie hätten die Möglichkeit, ihm mit einem bequemen, guten und schweren stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf zu schlagen, würden Sie dennoch lieber die Flucht ergreifen? Würden Sie, abgesehen von der Transportfrage, grundsätzlich lieber fünfzig Ein-Kilo-Säcke oder einen Fünfzig-Kilo-Sack haben?

118 Wie erkennen Sie, dass Sie sich in einem Meinungstunnel befinden? Wenn es am Ende kein Licht gibt? Halten Sie es für richtig, wenn eine Zeitung sagt, sie konfrontiere die Leser nicht mit kontroversen Positionen, weil das die Leserschaft verunsichern könnte? Wie ist Ihre Einschätzung: Berichtet die Presse in Schwarz-Weiß oder druckt sie nur so? Betreibt sie Meinungsmache? Würden Sie sagen, dass die Mehrheitsmeinung zwar konstruiert wird, aber doch (noch) nicht bei allen verfängt? Was bedeutet es, digitale Welten zu erschaffen, während die wirkliche Welt vor unseren Augen zerfällt? Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, dass die guten Dinge im Leben alle schon getan wurden und dass alles, was bleibt, beschissene neue Dinge oder theatralische Nachstellungen der guten alten Dinge sind? Bewahren Sie ein paar Goldmünzen in Ihren Socken auf? Zur Sicherheit? Welche? Vielleicht »Maple Leaf«? Mit welchem Nennwert? Wird Ihnen schwindelig, wenn Sie das Wort »Kategoriendeduktion« hören? Bemerken Sie neuerdings Ungleichheiten im psychiatrischen Benehmen Ihrer Nachbarn? Was wird auf Ihrem Grabstein stehen, wenn es Platz für fünfzehn Zeichen pro Zeile und insgesamt vier Zeilen gibt? Was möchten Sie an Ihrem Lebensende noch sagen und warum? Was sind Ihre fünf wichtigsten Sprüche, die als gesammelte Weisheit Ihrer Lebenserfahrung auf den Punkt bringen?

Sind Sie an Eindeutigkeit interessiert? Gibt es nicht unendlich viele Fakten? Kennen Sie sie alle? Wissen Sie, welche verschwiegen werden? Oder welche Interessen sich hinter den vermeintlichen Faktenvermittlern verbergen? Wie steht es um die Werte der Aufklärung: Achtung der Menschenwürde, Toleranz, kritisches und eigenständiges Denken, Lust an der geistigen Auseinandersetzung? Leben Sie in einer geistigen gated community oder einer bubble? Wie wäre es mit Objektivität? Trennen Sie Fakten von Meinungen und legen Sie gleiche Maßstäbe für alle an, so dass Sie sich nach der Lektüre eine eigene Meinung bilden kann?

Was machen Sie, wenn Sie nicht mehr zehn Nachrichten pro Stunde verschicken können, weil der Strom ausgefallen ist? Müssten Sie sich dann dem wirklichen Leben zuwenden? Könnte es dort Überraschungen für Sie geben?

119 Fahren Sie in den Urlaub? Verspätet sich Ihr Zug wegen »Störungen im Betriebsablauf«? Kann Ihr Flugzeug nicht starten, weil der Himmel überfüllt ist? Stehen Sie im Stau vor einem Alpentunnel? Soll das Urlaub sein? Lohnt sich der Aufwand und der Stress, um ein paar Tage auszuspannen? Warum nicht zu Hause bleiben, wo einen höchstens die eigene Verspätung beim Aufstehen stört? Warum wie Sisyphos immer wieder auf den Berg steigen oder wie alle anderen ans Meer fahren? Reisen Sie nur, um an einen anderen Ort zu kommen? Oder reisen Sie, weil es Ihre Art zu leben ist? Ist Reisen für Sie keine tote Zeit mehr, sondern Lebenszeit, gefüllt mit allerlei guten und weniger guten Überraschungen? Sind Sie ein moderner Individualist, der alle Rechte für sein Wohlbefinden in Anspruch nimmt und gleichzeitig jede Behinderung seiner Selbstverwirklichung als Einschränkung empfindet? Fahren Sie einen Elektroroller? Wo stellen Sie ihn ab? Auf einem Parkstreifen? Auf dem Bürgersteig? Oder einfach dort, wo Sie die Lust am Fahren verlassen hat? Ist Ihnen bewusst, dass Leben nicht ohne Planeten entstehen kann, dass Planeten nicht ohne Sterne entstehen können, dass Sterne in Galaxien eingebettet sein müssen und dass Galaxien ohne ein reich strukturiertes Universum, das sie trägt, nicht existieren könnten? Würden Sie den »Guru des schwarzen Montags« zu sich nach Hause einladen? Und würden Sie ihn bitten, Ihnen das »Tao des Müslis« zu erklären? Kennen Sie den Guru Paravadin Kanvar Kharjappali, dessen Motto lautet: Lügen ist nur eine andere Art, die Wahrheit zu sagen?

120 Was wollen Sie wirklich? Wollen Sie, dass das Land, in dem Sie leben, nichts weiter ist als eine geographische Zone in einem globalen Marktraum? Wollen Sie, dass die ganze Welt nichts anderes ist als ein Markt, von dem nur einige wenige profitieren, auch wenn sie der Mehrheit immer wieder das Gegenteil einreden? Wollen Sie, dass Menschen nur noch als Konsumenten, Arbeitskräfte und Stimmvieh betrachtet werden? Wollen Sie, dass jeder in dieses Land einwandern und bleiben kann, der es über den Zaun schafft? Wollen Sie, dass Fragen zur Politik, die Ihr Leben tagtäglich beeinflussen, über Ihren Kopf hinweg entschieden werden? Wollen Sie sich vorschreiben lassen, was Sie denken, fühlen und sagen dürfen? Wollen Sie, dass die Demokratie ein potemkinsches Dorf ist, hinter dem Eliten nach Gutdünken auch über Ihre Zukunft und Ihr Leben entscheiden? Wollen Sie weiterhin Ihren Sonntagsbraten genießen, ohne zu wissen, unter welchen Bedingungen er hergestellt wurde? Wollen Sie, dass Sie und Ihre Landsleute zu einer Minderheit im eigenen Land werden? Wollen Sie sich einreden lassen, dass es außer der Gemeinschaft der Staatsbürger keine andere zulässige, mit dem Grundgesetz vereinbare Definition von Volk gibt? Wollen Sie glauben, dass man Rechtspopulist oder Rechtsextremist sein muss, um von einem Volk als einer historisch gewachsenen Abstammungs-, Kultur- und Schicksalsgemeinschaft zu sprechen? Wollen Sie, dass es auch in Zukunft als Beweis für Fremdenfeindlichkeit ausreicht, gegen eine unkontrollierte Masseneinwanderung von Flüchtlingen zu sein, von denen die allermeisten nie wieder in ihre Heimat zurückkehren werden? Wollen Sie, dass Eliten ihre Machtspiele weiterhin als humanitäre Gesten tarnen können? Wollen Sie, dass das »öffentlich-rechtliche Volksschulfernsehen« Ihnen weiterhin sagt, wie Sie die Welt zu sehen haben, statt sich um eine möglichst wahrheitsgetreue Berichterstattung zu bemühen? Wollen Sie glauben, dass Volk und Vaterlandsliebe (oder gerne auch Mutterlandsliebe) unzeitgemäße Hirngespinste oder gar Ausdruck dämonischer Kräfte sind, die ausgemerzt werden müssen? Wollen Sie sich damit abfinden, dass Geschichte auf Kriege und Siege reduziert wird? Wollen Sie an der Illusion festhalten, dass es am Ende doch nicht so schlimm kommt, dass sich alles auf der Welt von selbst zum Guten wendet? Wollen Sie nur Ihre Ruhe haben?

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