Mare Errare
Abschrift aus einer am Strand von Cap M. gefundenen Flasche
»Mein Herr, Sie fragen, wann wir ankommen? Halten Sie das für eine einfache Frage?«
»Wissen Sie die Antwort etwa nicht?«
»Kommt es nicht darauf an, wohin wir fahren?«
»Und: Wohin fahren wir? Oder ist das eine zu schwierige Frage für Sie?«
»Ich meine, kommt es nicht eher darauf an, was unser Ziel ist?«
»Sagen Sie mir bitte, ich muss es vergessen haben: Was ist unser Ziel?«
»Aha, Sie fragen nach dem Ziel, wo doch genau hier die Schwierigkeiten beginnen?«
»Ein Ziel, das es nicht gibt, ist doch gar kein Ziel, oder?«
»Haben Sie eine Alternative? Kennen Sie ein Ziel – oder besser … eine Wahrheit, die nicht früher oder später zerbrochen wäre?«
»Wollen Sie jetzt das Zeit- und Zielproblem philosophisch lösen?«
»Würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage, dass es nur diese Möglichkeit gibt: entweder das Problem des Ankommens philosophisch zu betrachten, dann aber auch das Problem des Nichtankommens, oder: das Problem des Nichtankommens philosophisch zu vergessen, dann aber auch das Problem des Ankommens?«
»Wollen Sie damit andeuten, dass wir uns in einer Situation befinden, in der wir weder die Richtung noch das Ziel kennen und damit eine Ankunft ungewiss ist?«
»Warum sollte ich etwas andeuten, von dem ich nichts weiß, geschweige denn ahne?«
»Sie ignorieren also die Tatsache, dass wir jetzt zwölf Stunden hinter der angekündigten Ankunftszeit liegen? Sollte Ihnen das tatsächlich entgangen sein?«
»Mein Herr, welchen Grund sollte ich haben, das Leben zu ignorieren? Spüren Sie nicht auch, dass das Leben hier an Bord in wohl geordneten Bahnen verläuft? Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen? Sehen Sie drohende dunkle Wolken und eine gefährlich rauhe See? Oder sehen Sie ein strahlendes Blau am Himmel und ein tiefgrünes ruhiges Meer?«
»Würden Sie an Ihrer Schöne-Welt-Phantasie festhalten, wenn Sie erfahren würden, dass das Schiff einen falschen Kurs eingeschlagen hat und sich auf einer Irrfahrt befindet? Wäre es Ihnen wirklich gleichgültig?«
»Warum machen Sie sich so viele Sorgen? Bewegt sich das Schiff nicht vorwärts? Arbeitet der riesige Mechanismus, Rädchen für Rädchen, nicht reibungslos? Warum gehen Sie sich nicht in den Speisesaal und lassen Sie sich von unseren Köchen mit einem köstlichen Menü à la carte verwöhnen?«
»Können Sie mir bitte erklären, warum alle Uhren an Bord stehen geblieben sind, und zwar um Punkt Mitternacht?«
»Um Punkt Mitternacht oder um Punkt zwölf? Wie können Sie das so genau wissen?«
»Weil ich die Uhren beobachtet habe?«
»Sie wollen also acht Uhren gleichzeitig beobachtet haben, die – wie Sie aus Ihren eigenen Beobachtungen sicher wissen – in verschiedenen Räumen und auf verschiedenen Decks hängen?«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Könnte es ein Wahrnehmungsfehler Ihrerseits sein?«
»Sie meinen, ich könnte beim Beobachten eingeschlafen sein, geträumt oder halluziniert haben?«
»Was wäre, wenn Sie auf eine der acht Uhren geschaut hätten, die 12 Uhr anzeigt, und nun davon ausgingen, dass es auch wirklich 12 Uhr ist, obwohl diese Uhr am Vortag um genau 12 Uhr stehen geblieben ist? Würde das nicht bedeuten, dass Ihre Annahme, es sei 12 Uhr, nur zufällig richtig ist?«
»Und die anderen sieben Uhren: Sollen die auch um 12 Uhr stehen geblieben sein, natürlich nur zufällig?«
»Vielleicht eine Synchronizität von Raum und Zeit?«
»Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt? Warum wurden die Uhren abends nicht aufgezogen und gestellt, wie es allgemein üblich war?«
»Weil vielleicht die zuständigen Stewards aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage waren, das allabendliche Aufzugsritual durchzuführen und es demnächst nachholen werden? Soll ich mich bei einem Offizier erkundigen?«
»Sie wissen also, dass die Uhren seit mindestens zwölf Stunden stehen?«
»Wollen Sie wirklich wissen, was ich weiß? Warum wollen Sie unbedingt Ihr altes Leben weiterführen, jetzt, wo die Zeit offensichtlich jede Bedeutung verloren hat?«
»Ist das Ihr Ernst? Soll das, was wahrgenommen wird, keine Bedeutung mehr haben, und das, was passiert, auch wenn nichts passiert, aus der Zeit fallen? Reden Sie jetzt einer Verwandlung der Gegenwart in ein Kontinuum des Ungewissen das Wort?«
»Darf ich philosophisch antworten? Hat Platon nicht gesagt, dass die Idee der Welt und mit ihr die Idee, der Geist, der Plan, der Logos, das Feld aller Wesen und Dinge, ein Nichts ist, wenn die Zeit stehen bleibt? Wie wäre es, sich dem Plätschern des Schiffsalltags hinzugeben, den Sinnen freien Lauf zu lassen, sich nur auf die Gegenwart zu konzentrieren und endlich einmal auf die flüchtige Schönheit in unserem Leben achtzugeben? Was bedeuten schon Ausdrücke wie Mittagspause oder Mitternacht, gestern oder morgen, wenn sich die Bezüge aufgelöst haben?«
»Warum wollen Sie es nicht verstehen: Das Anhalten der Zeit bedeutet nicht das Anhalten der Katastrophe?«
»Von welcher Katastrophe reden Sie? Erwarten Sie von mir ein Urteil über eine Sache, die ich nicht kenne und die nach meiner Einschätzung gar nicht existiert?«
»Was würden Sie als eine Katastrophe bezeichnen: die pünktliche Ankunft am vereinbarten Tag, zur vereinbarten Zeit, am vereinbarten Ort? Oder die völlige Ungewissheit, ob eine Ankunft, egal zu welcher Zeit, egal an welchem Ort, überhaupt eine realistische Aussicht auf Erfolg hat?«
»Wo liegt das Problem? Hat irgend jemand behauptet, wir würden nicht ankommen? Wer sollte ein Interesse daran haben, dass das Schiff nicht ankommt? Können Sie mir diese Fragen beantworten? Im Übrigen: Ist nicht, solange sich das Schiff bewegt, ein Ankommen möglich?«
»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Stehen die Uhren auf zwölf – seit vorgestern, gestern oder seit heute: ja oder nein? Und Sie wissen nicht, wann und wo wir ankommen werden: ja oder nein?«
»Mein Herr, glauben Sie, dass Ihre forschen Fragen der Situation wirklich angemessen sind? Beschwören Sie nicht selbst in den Fragen, die Sie stellen, das Unheimliche herauf, wodurch die gegebene Situation verfremdet und selbst immer unheimlicher wird?«
»Ach, kommt jetzt die Angstkarte ins Spiel, die Angst vor der schrecklichen Entdeckung, dass diese Reise keine Schönwetterreise ist, sondern eine Reise der Geheimnisse und der Lügen? Was erscheint Ihnen unheimlicher und gefährlicher: die Angst vor dem Wissen oder die Angst vor der Wahrheit?«
»—«
»Sie schweigen? Hat Sie die Panik gepackt? Oder halten Sie sich für stark, weil Sie bis heute noch nie jemandem Rede und Antwort stehen mussten? Spielen Sie den Gleichgültigen, den die Aufdeckung der Lüge nicht berührt? Oder versuchen Sie, das letzte Kapitel einer, Ihrer Episode so glamourös falsch wie möglich zu erzählen?«
»—«
»Trifft auf Sie zu, was Cicero sagte: Cum tacent, clamant – indem sie schweigen, rufen sie laut? Was haben Sie zu sagen? Wer würde Ihnen glauben? Wer hört Ihre Worte – hier auf hoher See?«
»—«
»Nur noch eine Frage, und damit sollen Sie Ihrem Schicksal überlassen sein: Wer sind Sie und was wollen Sie?«
»Was wissen Sie über mein Schicksal? Und was kümmert es Sie, wer ich bin, was ich will, was ich habe, was ich liebe, wofür ich kämpfe? Wollen Sie nur meinen Namen wissen oder auch, welche Rolle ich spiele? Und was, wenn ich antworte: Niemand soll wissen, wer ich bin, wer ich war? Sollte Ihnen in diesem Augenblick nicht Ihr eigenes Schicksal wichtiger sein?«
(spöttisch) »Mein Schicksal? Soll ich wie Heinrich VII ausrufen: To thee I do commend my watchful soul? In wessen Hand liegt es, wohin die Reise führt? Sind Sie Prospero, der Magier und Illusionist, der Manipulator, der Bedürfnisse weckt, die niemand kennt, der fremde Schiffe auf seiner Insel stranden lässt? Oder sind Sie Caliban, eine Figur der Tapferkeit, der Liebe zur Schönheit der Natur, doch auch des Hasses und der abergläubischen Furcht, der List und Wildheit? Oder haben Sie die Gestalt eines Philosophen angenommen, der die Welt durch die Kräfte, die er ins Spiel gebracht hat, nicht mehr kontrollieren kann? Zerfallen jetzt die Dogmen Ihrer Welt zu Wasserstaub und verwandeln sich die liebgewordenen Wahrheiten, die Sie an die Brust der Reisenden geschmiegt haben, in nichts anderes als in phantastische Spottfontänen?«
♦
(ernst) »Werter Herr, darf ich Sie um Aufmerksamkeit bitten? Wollen Sie mich bekennen hören? Habe ich nicht die irdischen Zwecke vernachlässigt, um mich ganz der Vervollkommnung meines Geistes zu widmen? Und habe ich nicht durch diese Zurückgezogenheit alles Irdische verlassen, ja überschritten? Und habe ich nicht erst dadurch eine böse Natur in meinem Geiste erweckt? Ist nicht mein früheres Vertrauen auf das Irdische, wie auf einen guten Elternteil, in Irrtum, in Verlogenheit umgeschlagen, die in der Tat keine Grenzen kennt? Kann man die Wahrheit riechen, schmecken, ertasten oder sehen? Wie könnte sie da ein Objekt für mich sein? Ist die Wahrheit nicht die Erfindung eines Lügners, gleichwohl die Lüge die Wahrheit voraussetzt? Wer nicht lügt, weiß der, was Wahrheit ist? Und wenn die Lüge von heute zur Wahrheit von morgen erhoben wird? Glauben Sie noch an den Widerwillen des Menschen gegen die Lüge? Sollte nicht der Satz: ›Lüge immer dann, wenn die Lüge die Wirklichkeit erträglicher macht als die Wahrheit‹, als Leitsatz menschlichen Handelns gelten? Hören Sie mich?«
(zu sich) »Ist das, was mir jetzt offenbart wird, das, was ich hören wollte? Wollte ich nicht lieber zehnmal getäuscht werden, als einmal auf diese Weise die Wahrheit erfahren? Warum verlor ich nicht das Gewissen der Kunst des Hörens, warum warf ich nicht unterwegs die feinste Redlichkeit weg? Und jetzt, da Erde und Himmel, Nähe und Ferne, Licht und Dunkel, Wolken und Meer eine andere als bloß metaphorische Bedeutung gewinnen, wenn das Wissen von dieser Welt nicht mehr an der Herrschaft über die Welt orientiert ist, wo ist der Anker, die letzte Zuflucht? (zum Gegenüber) Wie kann ich Ihren Worten Glauben schenken, wenn ich nicht einmal weiß, wer Sie sind und was Ihr Wollen ist?«
(rhetorisch) »Was ist der Kern dieses Lebens? Sind es nicht Wolke, Wind, Welle und Flut? Ist es nicht so, dass die Wolken ein Stück Erde sind und ihr irdisches Leben in der Höhe führen, in Räumen, in denen Sie und ich nichts Materielles erblicken können? Und die Wellen, sind sie nicht ein Gleichnis der Vergänglichkeit, vielleicht ein heiteres, befreiendes, wohltuendes? Und zugleich: So schön die Schattenspiele auch sind, sind sie nicht flüchtig, wandelbar, vergänglich wie das Leben? Längst vergangenes Leben, der Untergang dessen, was einst über den Wassern thronte, das Sterben einer Kultur, die nicht mehr ist, und die Wiedergeburt, deren Zeuge der Denker ist? Lauert der Tod nicht hinter der Alltäglichkeit? Wird er nicht eines Tages aus dem Himmel fallen, wie eine Hand, die sich nicht mehr heben lässt? Tag für Tag, Sekunde für Sekunde: Warum klammert sich das Ich an das Zeitinstrument, das es spielen muss, und müht sich doch vergeblich? Und ist der Mensch nicht Bewohner zweier Welten: einer Welt, die er selbst geschaffen hat und immer wieder neu schafft, und einer Welt, deren Ordnung sich seiner Herrschaft entzieht? Wenn die Wissenschaft uns Ordnung im Denken gibt, die Moral im Handeln, die Kunst in der Wahrnehmung der sichtbaren, fühlbaren und hörbaren Erscheinungen, wer gibt uns dann Ordnung in der politischen Welt? (zum Gegenüber) Brauchen wir nicht eine neue Ordnung der Welt, der äußeren wie der inneren, einen Riss, damit ein Ausschnitt entsteht, der einen neuen Raum strukturiert, eine neue Ordnung der Dinge, in der das Imaginäre entweicht, weil das neue Reale durchbricht? Und ist nicht ein Schiff der beste Ort, um die Welt von Grund auf neu zu ordnen?«
»Vor wem, wovor fliehen Sie? Sind Sie ein Jonas, der vor einem Auftrag flieht? Wo ist das Ninive, das Sie warnen müssen? Gegen wen kämpfen Sie? Gegen Ihren Gott, wer immer er auch sein mag, gegen Feinde, seien sie wirklich oder eingebildet, gegen alle Lügen dieser Welt? Wollen Sie sich, indem Sie das Meer wählen, bewusst seiner Ungewissheit aussetzen, die alle Bedeutungen auslöscht und alle Unterschiede auf die Verfremdung von Wolke, Wind, Welle und Flut reduziert? Sehen Sie darin Ihr Paradies – kalt, unentwegt bewegt und freudlos? Wollen Sie ein zweiter Pizarro oder Cortés sein? Oder streben Sie Anarchie als herrschaftsfreie Ordnung an? Wo sehen Sie Ihre Bestimmung?«
♦
»Wie kommt es, dass Sie mit nur wenigen Worten meinen Sinn verwirren? Warum bringen Sie Unordnung in die glückliche Stimmung, in der ich die Tage auf See verbracht habe – bis zu dem Tag, da ich Ihnen auf diesem Schiff begegnete? Hat Sie nun Zufall oder Absicht auf dieses Schiff geführt? (zu sich) Wenn es Zufall ist, wie gehe ich mit seiner Unberechenbarkeit um? Wie kann ich wissen, ob der Zufall nicht Teil seiner Ordnung ist, deren Muster ich nicht erkennen kann? Wenn es Absicht ist, was ist das Vorhaben, was sind die Ziele, und wer lenkt das Geschehen? Habe ich nicht meinen Willen in die Dinge gelegt, um Herr der Dinge zu sein? Wollte ich nicht Irrtum und Enttäuschung entgehen? Muss ich mir eingestehen, dass die zwingende Gewalt des Schicksals letztlich stärker ist als die Gewalt, die ich auszuüben vermag?«
»Welchen Unterschied macht es für Sie, ob wir uns auf dem Schiff zufällig oder absichtlich getroffen haben? Hängen Sie vielleicht zu sehr an der Gegenwart, vergessen Sie dabei die Erfahrungen der Vergangenheit und sehen Sie die Zukunft in falschen Farben? Wäre es nicht besser, an das Nächstliegende zu denken: an eine Strategie?«
»Eine Strategie wofür?«
»Vielleicht für ein Schweigen oder Verschweigen, ein reines Nichtstun oder ein Reflektieren? Hilft das Schweigen nicht, die Gefühle zu kontrollieren, das Nichtstun, die Gleichgültigkeit zu üben, das Verschweigen, die Lügen zu kanalisieren, das Reflektieren, die Widersprüche zu ertragen? Ist Strategie nichts anderes als das unerbittliche Spiel zwischen Parteien, die versuchen, ihre Interessen zu erlangen und durchzusetzen? Früher als Ritual gespielt auf englischem Rasen, drei Tage lang, jeweils acht Stunden konzentriert – und heute? Spielt man heute nicht ohne Zeitbegrenzung, im freien Raum der Ideale und Ideologien?«
»Sagten Sie ein Spiel? Empfinden Sie das Leben lapidar als Spiel?«
»Sagte ich Spiel? Meinte ich nicht Lebensprüfung? Wie soll ich Ihnen beschreiben, was den Wettstreit ausmacht, ohne Ihre Gefühle zu verletzen, ohne Ihnen die Sicherheit zu nehmen, die Sie sich bis heute bewahrt haben?«
»Sind Sie der Gegenspieler? Sind Sie auf dieses Schiff gekommen, um für eine Sache zu kämpfen, die ich nicht kenne? Gekommen, um zu siegen und mich zu vernichten?«
»Wer spricht vom Siegen, wenn Überleben alles ist? Und warum so martialisch, Herr –? Warum kenne ich Ihren Namen nicht?«
»Wollen wir bei Prospero bleiben, da Ihnen der Name, wie mir scheint, vertraut ist und er als Symbol uns manchen Weg weisen wird?«
»Nomen est omen – die widersprüchliche Figur, die weder mit sich noch mit der Welt im Reinen ist? Ist das, was worüber wir hier reden, Theater oder Wirklichkeit? Erinnern uns die Bilder nicht zugleich an unsere Sterblichkeit, an unsere naive, wenn auch unbewusste Annahme, ewig zu leben? Was braucht es, um dieses Leben zu bestehen? Kühnheit? Oder Demut? Und was erwartet uns am Ende? Das Ankommen am ersehnten Ort oder nur der bezahlte Applaus des reisenden Publikums? Wollen Sie wirklich einen Sturm erleben, mit all seinen möglichen Folgen? Andererseits: Warum sollte ich Sie von diesem Spiel abhalten? Ist es schließlich nicht Ihr Abenteuer?«
»Und Ihr Name, werter Herr?«
»Würde es Ihnen gefallen, wenn ich Ferdinand spiele, da Sie einen Gegenspieler erwarten? Aber wo ist dann Miranda, meine schöne Geliebte? – Darf ich frei entscheiden und den Sammler und Katalogisierer von Ideen und Wissen als meinen Protagonisten wählen: Diderot?«
»Diderot? Was fasziniert Sie an ihm?«
(rhetorisch) »Ja, was fasziniert mich an ihm? Ist es seine Encyclopédie? Seine radikale Aufklärung? Sind es seine subversiven Ideen? Oder begeistert mich seine nur am Rande wahrgenommene Philosophie, nach der sich die Natur in starken und blinden Leidenschaften ausdrückt, die die eigentlichen Triebfedern des Daseins sind, die zwar durch die Vernunft gelenkt werden können, wie die Segel ein Schiff durch die unabwendbaren Winde und Strömungen des Ozeans steuern, aber die Vernunft immer auf den zweiten Platz verwiesen wird, weil sie schwächer ist als die Leidenschaft? (zum Gegenüber) Haben Sie Diderots Erzählung Salon de 1767 gelesen, in der dem Leser Schritt für Schritt, in der Figur eines ungezwungenen Spaziergangs, begleitet von eingerückten Gesprächen zwischen Diderot und einem kundigen Abbé, eine imaginäre Wirklichkeit von Landschaftsfigurationen suggeriert wird, die nur als Fiktion der reinen Bildbeschreibung eines Gemäldes von Vernet existiert?«
»Warum sollte ich mich mit Diderot beschäftigen, dessen Ordnung sich nur auf Wörter bezieht, den die Welt als politisches System nicht interessiert? Übrigens: Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie meine Fragen noch nicht beantwortet haben?«
»Warum die Eile, Prospero? Sagte Pater Laurence nicht zu Romeo: Wisely and slow; they stumble that run fast? Warum bleiben Sie nicht ruhig und geduldig und warten auf den Magier, der Sie, vom Witz getrieben, in Trugbildern gefangen nimmt und Ihnen vorgaukelt, er erfinde eine neue Welt, obwohl er nur eine tausendjährige Geschichte erzählt?«
»Und: Halten Sie sich für diesen Magier?«
(erzählerisch) »Darf ich Sie durch einen Gedanken nach Troja führen? Erscheint dort nicht Athene, die Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes, dem schlafenden Odysseus im Traum? Hat sie ihm nicht schon einmal mit List und Tücke aus einer scheinbar ausweglosen Situation geholfen? Sieht er nun Athene auf einem ungewöhnlich großen Pferd in der Ebene auf sich zu galoppieren und den Hals des Pferdes umschlingen? Und wer sitzt hinter Athene, entlang des mächtigen Pferderückens in der flirrenden Luft und verwischt durch das fliegende dunkle Haar der Göttin? Sind es Krieger oder Dichter? Erkennen Sie jetzt die Urzüge des Spiels des Lebens? Wer ist wer? Und da Sie der Philosoph von uns beiden sind: Welcher Schlüssel könnte uns die Tore der Stadt öffnen? Was antworten Sie?«
♦
»Der Wille, als Mensch an die Vernunft und an die Freiheit zu glauben: Ist das nicht eine Illusion? Sehen Sie nicht die Tyrannei einer vermeintlichen Vernunft, die uns immer mehr bedroht? Erkennen Sie nicht, dass die Freiheit selbst in Gefahr ist, wenn diejenigen, die sich der staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen bemächtigt haben, auch der Ratio ein Ende setzen können? Kann es sein, dass Sie, wie so viele vor Ihnen und sicher auch nach Ihnen, dem Glauben an das Gute im Menschen erlegen sind?«
(rhetorisch) »Warum erkennen Menschen nicht, dass es ein Lieblingsthema mühseliger Langeweile ist, unangenehme Wahrheiten zu Trugschlüssen zu verdrehen, den Geistesblitz höherer Ordnung auf das übliche Niveau menschlichen Rätselratens zu reduzieren? Gibt es nicht immer Stimmen, die flüstern oder schreien, der geniale Erfinder habe den obskuren Dilettanten bestohlen, der weltberühmte Maler habe seine Kunst einem seiner vielen unbekannten Schüler entwendet? Beruht ein Irrtum auf der Täuschung von Sein und Wissen, genauer: auf der Verwechslung von Wissen und Erkenntnis, von dem, was ist, und dem, was wir von dem, was ist, wissen? Und beruht ein weiterer Irrtum darauf, dass in jeder Form des Wissens eine Macht verborgen ist, die als negativ erfahren wird, weil das Wissen, statt in erster Linie mit Freiheit in Verbindung gebracht zu werden, als Instrument der Knechtschaft erscheint? Liegt dem Schlüssel nicht auch der freie Wettstreit der Gedanken zugrunde, ohne den es das freie Spiel des Denkens nicht geben kann? (zum Gegenüber) Fürchten Sie dieses Spiel? Erkennen Sie vielleicht, dass Sie in diesem Spiel nicht unbedingt der Held, sondern – tragischerweise – der schuldhaft verstrickte Täter und das vom Schicksal überwältigte Opfer zugleich sein können? Was, wenn Sie, Prospero, auf der ganzen Linie scheitern und Ihr Projekt einer neuen Weltordnung mit diesem (Ihrem –?) Schiff an einer unbewohnten Insel stranden – kein Tropenparadies mit weißem Strand und wiegenden Palmen, sondern ein schroffer, schwarzer Fels? Was hätten Sie dann erreicht?«
»Mein Spiel endet tragisch? Ist es nicht tragisch, als Einzelfall nicht dem typischen Übel, sondern der Geistlosigkeit der Masse geopfert zu werden? Kann nur das tragisch enden, was sich gegen einen Sinn und eine Ordnung richtet? Gibt es einen Nullpunkt aller Ordnungen? Soll ich dem Himmel und den Elementen mit der Faust drohen? Wäre das nicht zu viel des Wahnsinns, auch wenn der Wahnsinn ein Phänomen der allgemeinen Ordnung ist, dem jeder Mensch verfallen kann?«
»Wo, wenn nicht dort, wo wir herkommen, gibt es das Wirken und Handeln einer objektiven Wirklichkeit, das Grundprinzip des Lebens, das aus sich selbst heraus über dem Abgrund des Chaos immer wieder Sinn und Schönheit schafft?«
»Reden wir von Kosmetik? Entsteht Schönheit nicht überall dort, wo das Chaos in die Ordnung, wo Ordnung in Chaos mündet, eine heikle Gratwanderung zwischen Chaos und offener Ordnung, zwischen Zerfall und Erstarrung? Wenn unter dem irrationalen Zwang zur Flucht nach vorn die Zukunft rücksichtslos gegen die Gegenwart eingetauscht wird, wenn Pläne zur Makulatur einer Zukunft werden, die nie kommen wird, und damit auf eine neue Art und Weise der Zerstörung das Wort geredet wird: Wer überlebt – der Clown oder der Joker?«
»Höre ich Einsicht? Streifen Sie Ihre Kostümierung ab? Zerstören Sie Ihre Sandburgen? Bleiben Sie der Erde treu? Und sich selbst?«
»Sagte nicht Nietzsche: ›Wie Vieles ist noch möglich! So lernt doch über euch hinweg lachen! Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher!‹?« ♦