Antworten Sie immer in Fragen?
Interview mit Bodo Wortsinn

»Bodo Wortsinn, was ist Ihre Meinung: Lernt die Menschheit?«

»Frage zurück: Kennt die Geschichte Fortschritt? Was meinte Michel Foucault als er einmal sagte: Ich schreibe nicht über die Geschichte, um die Vergangenheit lebendig zu machen, sondern um die Gegenwart zu töten?«

»Warum gefällt Ihnen Foucaults Satz?«

»Weil er mir meine letzten Illusionen nimmt?«

»Was bedeuten für Sie Illusionen?«

»Kann man, wie Martin Walser sagt, Illusionen züchten wie Orchideen – ewig blühende Gehirngewächse, und wenn sie nicht blühen, züchtet man eben weiter? Oder, um mit Charles Sanders Peirce zu sprechen: Sind Illusionen vielleicht eine ›einfache Apologie des philosophischen Sentimentalismus‹? Oder eine Rechtfertigung des Gefühls als Entscheidungsgrund in Extremsituationen? Wer spürt überhaupt, dass er in einem Netz von Illusionen lebt und wie weit diese Illusionen in sein privates Leben reichen? Ist der Schachtürke noch Illusion oder schon Täuschung? Sind, wie Friedrich Nietzsche vermutet, Illusionen kostspielige Vergnügungen, aber noch kostspieliger ihre Zerstörung? Hält der Mensch an seinem gewohnten Ort nur deswegen fest, um die Illusion eines stabilen Kerns zu bewahren? Ist Pierre Bourdieus Staat eine ›wohlbegründete Illusion‹, ein Ort, der ›wesentlich deshalb existiert, weil man glaubt, er existiere‹?«

»Mit oder ohne Illusionen: An welchem Ort sollte der Mensch sein?«

»Wo ist die Macht oder das Geld oder der Mainstream? Ist dort Platz für autogene Illusionen? Ist es dort, wo, wie Peter Sloterdijk schreibt, die ›tintenbasierten Grundlagen‹ herrschen, das, was wir Staat und System nennen?«

»Eine andere Frage: Antworten Sie immer in Fragen?«

»Wie viele ernsthafte Fragen werden gestellt und wie viele wirkliche Antworten werden gegeben? Worin besteht der Unterschied zwischen Fragen und Antworten? Sind es die Fragen oder die Antworten, die Probleme aufwerfen? Sind es die Antworten oder die Fragen, die zum Nachdenken anregen? Gibt es nicht mehr Antworten auf Fragen, die noch gar keine Fragen sind? Wäre die Frage ›Sind Fragen besser als Antworten‹ eine bedenkenswerte Grundsatzfrage? Fragen ohne Antworten: Ist das nicht reizvoll?«

»Dann weiter mit Fragen: Worum geht es immer wieder in der Geschichte?«

»Geht es um Landraub, Plünderung, Vertreibung, Biopiraterie, kurz: um Ungerechtigkeiten aller Art, und um die Entfremdung der Politik vom Menschen? Oder geht es um ›die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit‹, die Freiheit, wie Epikur sagt?«

»Bedeutet das, sich aus allem herauszuhalten?«

»Sehen Sie ein Problem darin, sich nicht einzumischen? Ist es nicht schön, die Dinge von außen zu betrachten, als stiller, unauffälliger Beobachter? Wohin gehen die meisten Menschen? Laufen sie nicht in die entgegengesetzte Richtung, dorthin, wo alle sein wollen? Und ist nicht dort, wo nur wenige sind, die Luft besser, das Leben ruhiger, der Stress geringer, das Essen schmackhafter? Nur weil der Kopf rund ist, spricht das für eine Position innerhalb des Zentrums der Peripherie?«

»Wie sehen Sie sich selbst: als Idealisten oder als Kyniker?«

»Was hat Nietzsche gesagt? Schaut der Idealist so in die Ferne, dass er nicht mehr scharf sehen kann, und nun deutet er das, was er noch sieht, ins Schöne um? Ist der Idealist derjenige, der um alles in der Welt den Staat, die Pflicht und die Moral hochhält? Und der Kyniker? Sollte ich einem Diogenes nacheifern wollen? Warum sollte ich mich gegen Recht und Ordnung auflehnen? Ist die Sprache nicht das Fenster der Seele und der Spiegel der Gesellschaft? Bin ich als ein schreibender Kritiker nicht vielleicht authentischer, näher an den Fragen? Und warum nicht Hedonist sein? Kritischer Hedonist – warum sollte das nicht zu meiner Lebenseinstellung passen?«

»Halten Sie die Deutschen für kollektiv verrückt?«

»Wie könnte es auch anders sein? Gibt es in diesem Land eine Politik, die auf die Menschen zugeht, die ihre Sorgen und Nöte ernst nimmt? Warum lassen sich die Deutschen seit Jahren von unprofessionellen, egozentrischen, klientelabhängigen, dilettantisch agierenden Politikern an der Nase herumführen? Warum finden sie das Farbenspiel der Parteien so spannend, dass sie immer wieder die gleichen Akteure wählen und auf deren illusorische Versprechungen hereinfallen? Warum sehen sie nicht, dass die Politik kaum etwas zu ihren Gunsten und das meiste zu ihren Ungunsten entscheidet? Warum glauben sie hoch bezahlten Therapeuten, Beratern, Coaches, Mentoren, Guides und Faktencheckern mehr als ihrem eigenen Verstand? Weil sie keinen Verstand mehr haben? Weil es bequemer ist, unmündig zu sein? Warum lassen sie sich von Trends und Konsum so beeinflussen, dass sie vergessen, wie das Leben wirklich sein könnte? Verbirgt sich hinter all dem nicht ein kollektiver Wahn?«

»Was gefällt Ihnen an Deutschland?«

»Dass ich im Winter ohne Genehmigung Vögel füttern darf?« ♦