Buch und Autor

Was ist die Fragerey? Ist es nur ein Buch voller Fragen und sonst weiter nichts? Ist es ein Nachschlagewerk? Kann man darin nachschlagen, um zu sehen, ob ein bestimmtes Wort oder ein Fachbegriff darin vorkommt? Was könnte man mit dem Ergebnis machen? Welche Themen werden behandelt? Handelt es sich um Sachinformation? Gehört das Dargestellte zum vorausgesetzten Allgemeinwissen, nur eben in Frageform? Kommt man durch das Buch, ohne dass sich die Gedanken verschieben? Was passiert, wenn man der Kette von Überlegungen, Fragen und Schlussfolgerungen folgt? Erweitert die Fragerey den Wissenshorizont des Lesers? Oder ist das Buch für ihn nur eine weitere Form der Unterhaltung? Wird der eine schon nach wenigen Fragen aussteigen wollen, weil ihm die Fragen zu unerbittlich, zu aufdringlich, vielleicht auch zu wahrheitsnah erscheinen? Wird ein anderer vielleicht sagen, dass ihm nichts von dem, was in diesen Fragerunden verhandelt wird, bisher unbekannt war? Oder wird ein nächster vielleicht sagen, es sei purer Unsinn, ein solches Kompendium zu schreiben? Will der Autor dem widersprechen?

Was also ist der Sinn aller Fragen? Sollen die Fragen den Leser verwirren? Will das Buch vielmehr klare Hinweise auf die Absurdität unserer Welt geben, wie sie Albert Camus beschrieben hat? Wäre der Schluss, die Welt sei im Grunde hoffnungslos, voreilig und zudem wenig hilfreich, vor allem dann, wenn man ernsthaft Antworten auf die gestellten Fragen finden will? Ist es das lange Verweilen, das Grübeln, das den Leser leitet? Kommt derjenige, der sich im Gewirr der Fragen zurechtfinden will, irgendwann nicht umhin, einfach weiterzulesen, sich einer anderen Frage zu widmen? Was will das Buch sein: ein Wegweiser zu anderen, verschlossenen oder vergessenen Orten, zu den Quellen des eigenen Denkens und Verstehens?

Wer ist der Autor? Erhebt der auf dem Titelblatt genannte Autor den Anspruch, der Verfasser aller Fragen zu sein? Oder versteht er sich eher als Kompilator und Kommentator im Sinne Bonaventuras? Stellt er lediglich das Material neu zusammen, wobei die Gedanken und ihre Neuordnung im Mittelpunkt stehen? Welches sind seine Werkzeuge? Die Montage, die Collage, das ready made, des objet trouvé? Wenn Friedrich Nietzsche als professioneller Kompilator im Wesentlichen ein Plagiator gewesen sein soll,1 fühlt sich der Autor damit in guter Gesellschaft? Liegt der Reiz der Kompilation im Unverwechselbaren? Ist die selbst geschaffene Anordnung fremder Texte in ihrer jeweiligen Zusammenstellung einzigartig? Wie bei Walter Benjamin, der ein Buch aus Zitaten zusammenstellte, um bei Bedarf provokative Zuspitzungen parat zu haben? Bestätigt sich hier nicht, was für literarische Texte im Allgemeinen gilt, dass nämlich »sie alle, formal wie thematisch, auf die eine oder andere Weise von der Lust am Kopieren geprägt sind«?2


1 Jochen Schmidt: Der Mythos »Wille zur Macht«. Nietzsches Gesamtwerk und der Nietzsche-Kult. Eine historische Kritik. Berlin, Boston 2016.
2 Felix Philipp Ingold: Auch das Kopieren ist eine Kunst. In: NZZ. E: 2018-08-04. A: 2018-08-04.

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