Von steinernen Persönlichkeiten und Wohlfühlorten

Alte Gebäude wirken auf den ersten Blick oft marode, unattraktiv — aber sie verfügen über eine eigene Identität. Es sind inspirierende Orte, die oft ungewohnte Ausblicke und Perspektiven liefern. Orte, die entschleunigen, an denen man gerne arbeitet und in die gerne eingeladen wird. Es sind energetische Orte, die es verdient haben, weiter im Mittelpunkt unserer Wirtschaft zu stehen.

Aallein in Deutschland gibt es weit über 10.000 alte Gebäude oder Gebäude-Komplexe, für die Nachnutzer und Mieter gesucht werden. Das Unternehmen Evonik (ehemals Ruhrkohle AG) besitzt einige davon, die Treuhand auch, ebenso die Deutsche Bahn. Viele dieser Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Meist sind es Backsteinbauten mit Stahlelementen, vielfach Zweckbauten aus der Zeit der Industrialisierung. Sie stehen teils nahe den Innenstädten, teils in Industriebrachen oder in Stadtrandlagen. Parkplätze und Platz sind meist reichlich vorhanden. Und häufig sieht man auch den Horizont, so großflächig sind diese Anlagen. In diesen Gebäuden spürt man geradezu die Tradition, die Entwicklung unseres Landes und eine besondere Identität. Gebäude erzählen Geschichten.

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Jagdschloss Göhrde, Niedersachsen | Aufnahme: Oliver Selaff

»Alte Gebäude sind inspirierende Orte.«

Alte Gebäude wirken auf den ersten Blick oft marode, unattraktiv, dreckig und speckig — aber sie verfügen über eine eigene Identität. Identität bedeutet für mich, dass diese Objekte aufgrund ihrer Bauweise eine gewisse Persönlichkeit ausstrahlen, Zeugen intensiver Zeiten sind und Erinnerungen deutlich machen. Oft finden sich Zeichen von Großem: Mannsdicke Rohrleitungen, wie auf der Zeche Zollverein, riesige Belüftungstürme, wie in der alten Schultheiss-Mälzerei in Berlin oder großzügige Parkanlagen, wie am Jagdschloss Göhrde. Damit werden die Gebäude zu Wahrzeichen: gegen die Beliebigkeit und eine Identitätslosigkeit. Eine Gebäude-Identität geht — so meine Beobachtung — auf die Menschen über, die dort arbeiten. Alte Gebäude sind inspirierende Orte, die oft ungewohnte Ausblicke und Perspektiven liefern. Orte, die entschleunigen, an denen man gerne arbeitet und in die gerne eingeladen wird. In Hamburg beispielsweise verbindet sich mit diesen Orten auch das Hanseatentum, das für Werte, Fairness und Selbstbewusstsein steht. Wie sollte so etwas auf einen Betonzweckbau übertragbar sein?

Steigen Sie doch einmal eine Nacht im Hotel Gastwerk in Hamburg-Altona ab. Schon wenn Sie das Gebäude von außen sehen, vielmehr noch, wenn Sie in die Halle treten, werden Ihre Sinne und Ihre Wahrnehmung von diesem Gebäude eingenommen, ja fasziniert. Großzügige Freiflächen, alte Industrie-Erinnerungen und indirektes Licht auf altem, rotem Backstein. Eine tolle Mischung. Das East-Hotel in St. Pauli hat es sehr erfolgreich dem Gastwerk nachgetan.

Oder waren Sie schon mal auf dem Gelände des UNESCO Weltkulturerbes Zeche Zollverein in Essen? Ein ganzer Komplex im Bauhausstil, schlicht, direkt, beeindruckend — und alt. Einst eine der größeren Zechen in Europa und heute ein gut erhaltenes Denkmal mit viel Geschichte und vielen Besuchern. Und Zollverein ist offen für Neues: Voller Tatendrang, auf das neue Arbeiter die alte neue Identität nutzen und mit Leben und Energie gleichermaßen füllen.

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Energieachse Zeche Zollverein | Aufnahme: Henning Pietsch

Gleiches gilt für die Alte Zeche in Waltrop, in der Manufactum, der Versandhändler für die guten Dinge, seinen Sitz hat. Eine der ältesten Firmen in Deutschland, der Druckknöpfe-Hersteller Prym in Stolberg, dessen Wurzeln bis ins 14. Jahrhundert reichen, wurde 1642 von Aachen nach Stolberg verstoßen. Einige Gebäudeteile gehen auf diese Zeit zurück. Auch in diesen Hallen atmet der Besucher Geschichte pur, die sich an Wänden, Treppenaufgängen, wuchtigen sowie selbstbewussten Portalen und alten Mosaikfenstern zeigt.

»Diese Gebäude halten ein wenig von der Kraft, die es braucht, anders zu sein.«

All diese Orte lösen in mir ein Gefühl der Geborgenheit aus. Es hat so etwas von nach Hause kommen, beschützt zu werden. Gleichzeitig spüre ich Energie, Mut und Schweiß. Vielleicht halten diese Gebäude ein wenig von der Kraft, die es braucht, anders zu sein, sich zu seinen Wurzeln zu bekennen und kraftvoll nach vorn zu gehen — ohne Zaudern und Zagen. Und, wie eingangs beschrieben, gibt es eine große Anzahl von Angeboten, die sich auch zu neuen Zentren nachhaltig agierender Unternehmen entwickeln lassen. Neue dritte Orte könnte die Beschreibung für solche Objekte lauten, die eine neue Form des Denkens, Lebens und Arbeitens bereitstellen. Objekte, die fairen Handel, Gastronomie, Edutainment, generationsübergreifenden Dialog, günstigen Wohn- und Arbeitsraum bündeln.

Glossar
Der dritte Ort ist ein Fachausdruck der Soziologie. Als erster Ort wird der Wohnraum bezeichnet, der zweite Ort ist der Arbeitsplatz und der dritte Ort ist ein neutraler Ort, an dem man verweilt und soziale Bindungen zur Umwelt aufrecht erhält.

In meiner beruflichen Laufbahn lief ich durch viele Flure, meist auf dumpf klingenden doppelten Böden, der Vernetzung wegen. In den engen Räumen, die sich monoton und gleichförmig teils über Hunderte von Metern aneinander reihten, konnten Fenster nicht geöffnet werden, dafür war das Rauschen einer Klimaanlage ständig präsent. Ein jeder Raum glich dem anderen, auch in den Stockwerken 2 bis 7 darüber. Es hätten auch namenlose Ameisen sein können, die in diesen Waben hausten und nur im Notfall den Schritt auf den Flur wagten. Außen befanden sich gläserne Fassaden, in denen sich die Nachbargebäude spiegelten, so dass das eigentliche Haus fast unsichtbar war. Unsichtbar und austauschbar.

Während ich das schreibe, kommen mir die Bundesministerien in Bonn in den Sinn, die City Nord in Hamburg, Frankfurt-Niederrad, Eschborn: Betonwüsten, langweilige Zweckarchitektur. Selbst bei dem Vorzeigeprojekt der Hamburger Hafencity fällt es mir schwer, eine Identität auszumachen. Das Unternehmen China Shipping ließ sein Gebäude einer Container-Brücke nachempfinden und vertritt die Meinung, dass diese Identität sehr bedeutend ist. Leider hat der Bau für mich kein Gesicht. Glas und Stahl empfinde ich wenig emotional und verspüre eher Kälte. Hinzu kommt, dass da fünf, sechs weitere Klötze in einem ähnlichen Stil nebeneinander stehen. Weit und breit kein Grün, kein sichtbarer Horizont, nichts, was das Auge zum Verweilen und Betrachten einladen würde. Und das, obwohl die Speicherstadt unmittelbar vis-à-vis liegt. Auf der einen Seite Glas, ein wenig Holz und viel Stahl — das könnte auch in Dubai, Hongkong oder Sydney stehen. Auf der anderen Seite Backsteine, Fleete, Verzierungen, uralte Holzbohlen und filigrane Stahlstützen.

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Speicherstadt Hamburg | Aufnahme: Holger Elgaard

Am Rande sei erwähnt, dass ein altes Gebäude auch finanziell Vorteile gegenüber einem Neubau bieten kann. Es gibt eine Reihe von staatlichen Fördertöpfen, welche für die Erhaltung von Denkmälern und Industriekultur vorgesehen sind. Würden die alten Gebäude erneut genutzt werden, würde auch der Flächenverbauch in Randlagen gestoppt werden können. Hand aufs Herz: Wer möchte schon gerne neben einem Einheitsensemble aus Edeka, Rossmann und Aldi in einem völlig seelenlosen Industriegebiet wohnen?

Alte Gebäude sind große, steinerne Persönlichkeiten und verfügen über eine innere Kraft, sicher in die Zukunft zu leiten. Es sind energetische Orte, die es verdient haben, weiter im Mittelpunkt unserer Wirtschaft zu stehen. Sie setzen ein Zeichen für eine Renaissance von Werten wie Beständigkeit, Vertrauen, Offenheit und Mut. So können sie auch identitätsstiftende Heimat für noch junge, namenlose Unternehmen werden — Leitbild inklusive. fini

Links und Literatur:
Markenglossar Dritter Ort
Umsetzungsbeispiel: Hotel Gastwerk, Hamburg
Umsetzungsbeispiel: Zunftviertel Zollverein
Hellmann, Kai-Uwe und Zurstiege, Guido: Räume des Konsums. Über den Funktionswandel von Räumlichkeit im Zeitalter des Konsumismus; 2008.

 

DIALOGUS Magazin | Eine andere Sicht.
Eine Publikation von Joachim Zischke
© 2007 – 2014 Joachim Zischke
ISSN 1864-8878